Schwerin: Protestierende aus Handel, Gastronomie und Hotellerie setzen deutliches Zeichen

Deutlich über 100 Protestierende aus Gastronomie, Hotellerie, Handel und auch anderen Branchen kamen gestern vor dem Schloss Schwerin zusammen. Viele zeigten grundsätzlich Verständnis dafür, dass man Maßnahmen gegen das Corona-Virus braucht. Aber dass nur einige Branchen über einen derart langen Zeitraum den Preis allein zahlen müssen, verstehen viele nicht. Sie wollen und müssen schnellstmöglich wieder öffnen.

Seit dem 1. November 2020 sind Gastronomien und Beherbergungsbetriebe (Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen) in MV und damit auch in Schwerin ohne Gäste. Seit dem 16. Dezember sind auch die Türen des Einzelhandels überwiegend geschlossen. Lediglich Bereiche, die als lebenswichtig gelten (Supermärkte, Discounter, Drogeriemärkte etc.), blieben und bleiben geöffnet. Die Notwendigkeit eines Lockdowns bestritten seinerzeit die wenigsten der Betroffenen. Vor dem Hintergrund der erkennbaren zweiten Welle und der mit ihr verbundenen Konsequenzen war die Akzeptanz vergleichsweise hoch.

 

Schon im November wies DEHOGA-Präsident auf Ungleichbehandlung hin

Aber schon damals richtete sich der Blick auf die Frage der Gleichbehandlung, der Fairness und in gewisser Weise sicherlich auch des Zeitpunktes. Letzterer war für alle Beteiligten natürlich denkbar ungünstig. Das Weihnachtsgeschäft ist gerade in diesen Branchen von existenzieller Bedeutung. Aber, das ist natürlich auch Teil der Wahrheit, das Corona-Virus hat nicht danach gefragt. Es kam und hat in der zweiten Welle auch Mecklenburg-Vorpommern überrannt. In Schwerin gab es Tage mit Inzidenzwerten deutlich oberhalb der 150er Marke. Dass die Politik handelte, war daher durchaus nachvollziehbar. Schwerer verständlich war es dabei, dass Gaststätten- und Hotelgewerbe aber auch Fitnessstudios und die körpernahen Dienstleistungen, gleich die ersten sein zu müssen.

Keine Kunde, sondern der Tod steht bei einigen Einzelhändlern in MV direkt vor der Tür. | Foto: schwerin-lokal

Denn gerade diese Branchen hatte nach dem ersten Lockdown massiv in Hygiene- und Schutzmaßnahmen investiert. In der Gastronomie waren gerade zusätzliche betriebsspezifische Konzepte für Herbst und Winter erstellt und in Anwendung gegangen. Daher war es durchaus nachvollziehbar, dass sich ein kritisch-fragender Blick auf die weiterhin geöffneten Bereiche der Wirtschaft richtete. So stellte Lars Schwarz, Präsident der Unternehmerverbände in MV und Präsident der DEHOGA MV, bereits im November im Gespräch mit unserer Redaktion fest: „Wir müssen schließen, um einen kompletten Lockdown zu verhindern„. Er bezeichnete den „Lockdown light“ als eine „Ohnmachtsentscheidung der handelnden Personen“. 

 

Wir müssen den Preis für die zahlen, bei denen es einfach weitergeht

Diese Sichtweise hat Lars Schwarz auch bis heute nicht verändert, wie er gestern auf einer Protestaktion vor dem Schloss Schwerin, dem Sitz des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern, gegenüber Medienvertretern erklärte. Nun allerdings steht das „Wir“ nicht mehr allein die Bereiche, die bereits am 2. November schließen mussten, sondern auch diejenigen, deren Türen seit Mitte Dezember dicht sind – beispielsweise der Einzelhandel. Damit bezieht das „Wir“, dass geschlossen ist, „damit andere weitermachen können“, zwar zahlreiche Unternehmen zusätzlich ein. Es ändert aber letztlich nichts daran, dass ein Teil der Wirtschaft – oftmals übrigens eher kleine oder mittelständische Unternehmen – derzeit die gesamte Last der Pandemie-Bekämpfung schultern müssen, während zahlreiche andere arbeiten wie zuvor.

Denn noch immer ist die Home-Office-Quote deutlich geringer als im ersten Lockdown. Weiterhin also holen Unternehmen ihre Angestellten in die Büros. Auch der öffentliche Dienst spielt hier keine Ruhemsrolle. Und noch immer strömen die Belegschaften der deutschen Industrieunternehmen Tag für Tag in die Werkshallen. Von Corona-Pandemie ist wenig zu spüren. 

 

Protestierende fordern absehbare Öffnungen 

Protest kam in Schwerin natürlich auch aus Schwerin. | Foto: schwerin-lokal

Vor dem Hintergrund der nun schon 123 Tage (Stand gestern) geschlossenen Gastronomien allein im aktuellen Lockdown und der Gewissheit, dass noch einige Wochen hinzukommen, lässt sich der Frust der Gastronomen nachvollziehen. Vor allem auch, da sie bereits im ersten Lockdown 2020 zu den Unternehmen gehörten, die am längsten geschlossen blieben. Ebenso sieht es im Hotelgewerbe aus. Und auch der Einzelhandel ächzt unter der Last der Maßnahmen. Daher fanden sich gestern um 200 Protestierende dieser Branchen vor dem Schloss Schwerin ein, um auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen.

Sie forderten klarere und schnellere Öffnungsschritte für ihre Unternehmen. Viele Protestierende unterstrichen, dass ihnen durchaus bewusst sei, dass Deutschland im Ländervergleich wohl die größten Hilfen – viele sprachen von „Entschädigungen“ – zahle. Oftmals aber käme am Ende doch nicht das an, was versprochen war. Es dauere alles zu lange. Und letztlich reiche es am Ende auch nicht aus, um noch lange bei geschlossenen Türen zu überleben. Heiko, Steinmüller, politisch engagierter Pub-Betreiber aus Schwerin, sagte es frei heraus: „Wenn ich 60 Prozent vom Staat bekomme, was schon viel wäre, dann fehlen trotzdem 40 Prozent jeden Monat. Ich kann mir jetzt ganz genau ausrechnen, wann ich pleite bin.“

 

Zwischen Existenzangst und Skepsis gegenüber einigen Öffnungsbedingungen

Es kamen viele zum Protest nach Schwerin. | Foto: schwerin-lokal

Wie ihm, geht es vielen, denn der Stufenplan von Bund und Ländern sieht zwar Öffnungsschritte im Einzelhandel und bei den körpernahen Dienstleistungen – nicht wirklich aber für die Gastronomie und schon gar nicht für die Hotellerie. Und selbst der Einzelhandel bleibt skeptisch, wie eine Teilnehmerin der Protestveranstaltung sagte: „Ich komme aus einem der Landkreise, die schon wieder knapp unter einer Inzidenz von 100 liegen. Da ist die Perspektive doch klar. Wir werden nicht öffnen können. Und wenn, dann mit Terminvergabe. Wie stellen sich de Politiker in ihrer künstlichen Blase, in der sie da leben, das denn vor? Das ist für unsere Kunden und auch für uns ein totaler Irrsinn. So verdient man im Handel am Ende kein Geld. Und wir wissen noch nicht einmal, ob es noch Unterstützung gibt, wenn wir diesen Weg wählen“.

 

Termin-Einkauf und bloße Außengastro-Öffnungen im Spiegel einer Branchenrealität

Ähnlich sieht es in der Gastronomie aus. Für diese sind Öffnungen im Außenbereich ab 22. März angedacht. Im Idealfall ohne über die ohnehin bestehenden Auflagen hinaus. Bei Inzidenzen zwischen 50 und 100 aber nur mit terminlicher Anmeldung und Vorlage eines aktuellen Schnell- oder Selbsttests. Ein gestern mit protestierender Gastronom dazu: „Das mag ja irgendwie noch realisierbar sein. Aber haben die mal in den Kalender geschaut? Es ist März und nicht unbedingt Terrassenwetter. Dann richten wir unsere Öffnungszeiten nach dem Wetterbericht aus und öffnen vielleicht zwei Tage in der Woche. Und was mache ich mit meinem Personal die andere Zeit? Wie soll ich frische Ware anbieten, wenn ich heute nicht weiß, ob morgen offen ist? Entweder, wir werfen in Massen weg, was die sowieso geringen Umsätze dann auffrisst. Oder frische Waren sind kaum möglich. Die sitzen im Schloss und haben von der realen Welt offenbar keine Ahnung mehr.“

 

Echter Lockdown hätte nicht nur jetzt betroffenen Branchen vieles erspart

Letztlich sind dies zwar nur einige Stimmen, aber sie stehen durchaus exemplarisch für die Gedanken vieler der deutlich über 100 Protestierenden aus Gastronomie, Hotellerie, Handel und auch dem Sport- und Fitnessbereich, die gestern in zwei Veranstaltungen vor dem Schloss Schwerin zusammenkamen. Menschen, deren gesamte Existenz derzeit auf dem Spiel steht. Weil ein Virus die Gesundheit und das Leben der Menschen auch in Deutschland bedroht. Aber eben auch, weil die Politik, und hier darf man getrost die Ländercheffinnen und -chefs voranstellen, nicht bereit oder in der Lage waren, frühzeitig einen echten harten Schnitt zu machen. Einen Lockdown nämlich, wie ihn die Kanzlerin bereits im Oktober vorschlug: Ein echter Stillstand für einen überschaubaren Zeitraum, der das Leben in Deutschland wirklich zum Stillstand gebracht hätte.

 

Virologin: Bis zu 30.000 Menschen hätten nicht an/mit Corona sterben müssen

Die (gefühlt) große Polizeipräsenz fiel den vielen Protestierenden in Schwerin durchaus auf. | Foto: schwerin-lokal

Mit ziemlicher Sicherheit hätte er, wie beispielsweise die Virologin Melanie Brinkmann gegenüber FOCUS darstellte, mehreren zehntausend Menschen in Deutschland das Leben gerettet. Und er hätte einen monatelangen Stillstand in einigen Branchen zugunsten des ungestörten Weitermachens anderer verhindert. Selbst aus den Reihen der 16 Länderchefs und -cheffinnen, die sich damals der Kanzlerin entgegenstellten, kam im Januar diese Einsicht. „Alles, was nicht lebensnotwendig ist oder systemisch nicht abgestellt werden kann, hätte vier Wochen lang angehalten werden müssen.“ Eine permanente Verlängerung von Einzelmaßnahmen, die aber insgesamt nicht zum Austrocknen des Virus führten, sei ein teurer und falscher Weg. „Wir müssen endlich in einen richtigen Lockdown gehen“ sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow zu Jahresbeginn der FAZ. Und er ergänzte: „Die Kanzlerin hatte Recht, und ich hatte Unrecht.“ Eine Einsicht, die so mancher von den 15 anderen auch erwartet hätte. 

 

Auch zwei wirklich harte Lockdowns hätten vermutlich weniger geschadet 

Vielleicht hätte es jetzt, vor der dritten Welle, nochmals einen so harten Lockdown gebraucht. Aber wieder für alle, wieder überschaubar im Zeitrahmen und wieder wirklich die Situation rettend. Dann hätten alle gemeinsame diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe schultern müssen. Und die Existenznöte der vielen kleinen und mittelständischen aber auch manch größerer Unternehmen aus den vom monatelangen Lockdown nun hart getroffenen Branchen wären um ein Deutliches geringer. Und vermutlich wäre dann gestern auch keine Protestaktion von Existenzangst getriebenen Unternehmerinnen und Unternehmern nicht erforderlich gewesen.

 

Polizei bestätigt einen durchweg friedlichen und problemlosen Ablauf

Aus Sicht der Polizei Schwerin verliefen letztlich beide Veranstaltungen – also die von Handel, Hotellerie und Gastronomie sowie die der Sport- und Fitnessbranche – absolut ruhig und friedlich. Da für beide zeitgleich stattfindenden Veranstaltungen zusammen bis zu 300 Teilnehmende angemeldet waren, hatte die Polizei Schwerin etwa 20 Beamtinnen und Beamte im Einsatz, die aber zu keiner Zeit irgendwelche Probleme sahen. Auch als Ministerpräsidentin Manuela Schwesig den Weg zu den Protestierenden suchte und mit einigen ins Gespräch kam, kam es, wie Polizeisprecher Stefan Salow bestätigte, zu keinerlei Problemen, so dass gegen 12 Uhr beide Veranstaltungen aus Polizeisicht so entspannt endeten wie sie begannen. 

 

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