Schwerin: Stress um die „Stressbremse“

Um das Lokal "Stressbremse" in der Friedrich-Engels-Straße in Schwerin ist es unruhig geworden. Die WGS plant eine grundlegende Modernisierung des gesamten Blocks, an dem die Gastronomie liegt. Danach soll aus der Einheit Wohnraum werden. Rein wirtschaftlich betrachtet, ist dieser Schritt nachvollziehbar. Aber Stadtvertreter Heiko Steinmüller will diese Verengung der Betrachtung nicht zulassen und sieht auch eine soziale Verpflichtung.

Stribt mit der „Stressbremse“ die letzte Wohngebietskneipe auf dem Dreesch in Schwerin? | Foto: privat / FB

So ganz passt  der Name der vermeintlich letzten Kneipe im Bereich des Großen Dreeschs in Schwerin in diesen Tagen und Wochen nicht. Denn es ist unruhig geworden um die „Stressbremse“, eine beliebte Ein-Raum-Gastronomie in der Friedrich-Engels Straße. Schon wer am Objekt vorbeigeht, einem eingeschossigen Anbau an einem mehrgeschossigen Wohngebäude, weiß sofort Beschied, was die Stunde geschlagen hat. „Ohne Not macht die WGS die Gastro tot. Rettet die letzte auf dem Dreesch existierende Kneipe vor dem Aus!“ steht in großen Buchstaben an der nur durch mehrere Treppenstufen zu erreichenden Gastronomie.

 

„Stressbremse“ steht vor der Schließung

Nimmt man diese kurze Information wörtlich, scheint das städtische Wohnungsunternehmen – die Wohnungsgesellschaft Schwerin – derzeit ohne zwingende Gründe („ohne Not“) die „Stressbremse“ schließen zu wollen. Einem entsprechend ausführlichen Schreiben (liegt unserer Redaktion vor) von Pächter Andreas Hömke an Oberbürgermeister Dr. Rico Badenschier ist genau dies auch zu entnehmen. Noch im Mai 2020 habe es ein Gespräch zwischen Vertretern der WGS, darunter laut Hömke auch Geschäftsführer Thomas Köchig, gegeben, in dem „durch die WGS signalisiert“ wurde, „dass großes Interesse am Erhalt der letzten noch vorhandenen Gastro auf dem Großen Dreesch besteht“. Dabei soll auch schon über eine neu anzulegende Terrasse  und weitere Details gesprochen worden sein. Im Frühjahr 2021 dann das böse Erwachen. Hömke erhielt die Information, dass das Mietverhältnis nicht verlängert würde.

 

Betreiber wendet sich an Oberbürgermeister

Er wandte sich nun, wie er Oberbürgermeister Badenschier mitteilt, mit einem Schreiben an WGS-Chef Thomas Köchig (liegt der Redaktion vor). Auch hier verweist Betreiber Andreas Hömke erneut auf das Gespräch im Mai 2020 und bekundet nochmals da Interesse an einer Weiterführung der „Stressbremse“. Es könne „doch nicht im Interesse der WGS sein“, so Hömke im Schreiben an Thomas Köchig, „eine funktionierende gastronomische Einrichtung zu schließen und damit auf dem Dreesch einen ‚Kahlschlag‘ zu produzieren“. Bis Ende Mai, so die Information seitens der WGS sollte nun, nach diesem Schreiben, eine abschließende Entscheidung fallen, so Hömke in seinem Schreiben an Rico Badenschier weiter. Diese kam auch. Per Mail erhielt der Betreiber die Information, dass die WGS das Mietverhältnis zum 31. Dezember 2021 beendet.

Gegenüber dem Oberbürgermeister führt Andreas Hömke nun all das ins Feld, was mit einem sozialen Treffpunkt, wie er seine „Stressbremse“ sieht, verbunden ist. So trainieren dort drei Dartmannschaften, treffen sich Damen nach dem Seniorensport und Triathleten nach dem Besuch der Schwimmhalle. Rentner feiern ihre Jubiläen und die Kleinsten die Einschulung. Natürlich nicht ganz uneigennützig fordert Hömke Badenschier auf, „für das Gemeinwohl aller auf dem Dreesch wohnenden Bürger weiter Einfluss auf die Entscheidung der WGS zu nehmen“.

 

Badenschier spricht sich für Erhalt aus, bezeichnet Argumente der WGS als „nachvollziehbar“

Dr. Rico Badenschier; Oberbürgermeister Schwerin. | Foto: Timm Allrich

Der angeschriebene Verwaltungschef hat dieses Schreiben nun seit der ersten Junihälfte auf seinem Schreibtisch, und sich, so Stadtsprecherin Michaela Christen gegenüber unserer Redaktion, auch bereits in einem ausführlichen Gespräch mit WGS-Geschäftsführer Thomas Köchig über die Situation informiert. Auch habe sich Badenschier dabei für den Erhalt der Einrichtung ausgesprochen. Aber er halte auch die Argumente der WGS für „nachvollziehbar“. Denn, und damit kommen wir zum Hintergrund des Stresses um die „Stressbremse“, es steht eine sehr umfassende Sanierung und Modernisierung auch des betroffenen Blocks an. Insgesamt investiert die WGS 26 Millionen Euro in eine grundlegende Neugestaltung, weshalb alle betroffenen Einheiten leer sein müssen.

 

Grundlegende Modernisierung nur mit komplett leerem Objekt möglich

„Wir können schlichtweg nicht eine einzelne Einheit, sei es eine Wohnung oder eben die betroffene Gastronomie, in Benutzung lassen, wenn wir eine derart umfangreiche Sanierung durchführen müssen, wie es hier der Fall ist. In den betreffenden Objekten ist es nicht mit einigen kleineren Arbeiten getan. Wir müssen alle Leitungen austauschen, und dafür die Objekte unter anderem komplett von Wasser und Strom trennen“, so WGS-Geschäftsführer Thomas Köchig in einem Telefonat mit unserer Redaktion. Aber das allein sei nicht das Problem, denn läge es „nur“ daran, wäre eine Fortführung der Gastronomie nach der Sanierung durchaus denkbar. „Genau das aber ist wirtschaftlich am Ende für beide Seiten nicht darstellbar“, so Köchig weiter, der ein gemeinsames Gespräch bestätigt, allerdings klar sagt, dabei keinerlei Versprechen oder auch nur falsch auslegbare Versprechungen gemacht zu haben.

„Das wäre unsinnig gewesen, uns der Realität zu verschließen“. Die Gedanken gingen zwar seinerzeit – allerdings wohl noch deutlich vor dem Gespräch – noch in Richtung einer Mieter-Begegnungsstätte. „Aber auch die hätte das aktuelle Konzept mit Glücksspielautomaten und Rauchern im Objekt nicht ermöglicht“, so Köchig. „Und auch hier gibt es inzwischen keine Förderung mehr. Ebenso wie für eine Gastronomie. Denn die aktuelle Realität sieht keinerlei Förderung für die Modernisierung einer solchen Gewerbefläche vor. Anders als bei den Wohnungen, für die wir die Fördermittel bekommen, um die Modernisierungen so durchführen zu können, dass wir sie letztlich wieder zu vertretbaren Konditionen vermieten können“.

 

Keinerlei Förderung für Gewerbeflächen möglich

Thomas Köchig, Geschäftsführer Wohnungsgesellschaft Schwerin | Foto: Christian Möller / MOEgrafie

Für die „Stressbremse“ bedeute dies, dass Investitionskosten von wohl über 250.000 Euro allein für die 1-Raum-Kneipe anfallen würden. Und das sei noch der untere Rahmen. „Denn aktuell sind die baulichen Voraussetzungen für einen nachhaltigen Gastronomiebetrieb nicht gegeben“, erläutert der WGS-Chef. Die Herstellung eines behindertengerechten Zugangs – der auch schon entsprechende Kosten verschlingt – sei dabei noch der geringste Brocken. „Damit es wirklich eine dann für alle Seiten komplett sorgenfreie Gastronomie wird, müssten wir so viel Geld in die Hand nehmen, dass der Mietzins letzten Endes viel zu hoch würde“. Köchig verweist darauf, dass diese Förder-Realität letzten Endes derzeit deutschandweit ein großes Problem darstelle. „Eckkneipen in Wohnanlagen sind nach entsprechend grundlegenden Modernisierungen kaum bis gar nicht mehr wirtschaftlich darstellbar“.

Für die WGS und ihren Geschäftsführer ist es also eine klar wirtschaftliche Frage. Hinzu komme noch, so Köchig, dass sich die Gesellschaft von möglichst allen gewerblichen Einheiten trennen solle. „Das war und ist Auflage unseres Unternehmens-Sanierungskonzeptes“. Im konkreten Fall, der allein die harte wirtschaftliche Realität widerspiegelt und eben nicht – das betonte Köchig im Telefonat wiederholt – gegen den Pächter gerichtet ist – stellt diese Bedingung allerdings „nur“ ein weiteres Argument für die Entscheidung dar. Bei weitem aber nicht das entscheidende. Das bleiben die Zahlen.

 

Stadtvertreter Steinmüller sieht Stadt und WGS in sozialer Verantwortung

Heiko Steinmüller, Stadtvertreter in Schwerin. | Foto: privat

Und genau die könnten, so Stadtvertreter Heiko Steinmüller, selbst Gastronom, nicht der allesentscheidende Faktor sein. „Ich zweifle die Aussagen von Thomas Köchig gar nicht an. Die Zahlen werden schon stimmen. Aber wir haben als Stadt auch eine soziale Verantwortung gegenüber den Menschen, die hier in Schwerin leben. Wir können nicht immer alles nur an kalten, nüchternen Zahlen festmachen. Und diese Verantwortung gilt damit auch für unsere kommunalen Betriebe – wie es die WGS ist“.

„Ein Treffpunkt wie die ‚Stressbremse‘ geht in ihrer Funktion für den Stadtteil doch weit über den normalen gastronomischen Kontext hinaus. Das haben wir zu akzeptieren, und schon daher ist es unsere Pflicht, ein derartiges Objekt zu erhalten. Mit dem „Pankow“ im Mueßer Holz stirbt schon die vorletzte Einrichtung dieser Art hier in diesem von so vielen Schwerinerinnen und Schwerinern bewohnten Bereich. Wenn wir diese Stadtteile attraktiver machen wollen, dann reicht es nicht aus, nur neue Wohnungen zu bauen. Wohnqualität ist mehr. Und da ist am Ende nur eine Kneipe ohnehin viel zu wenig. Aber besser als gar keine“, so Steinmüller.

 

Am Ende muss sich jemand finden, der zahlt

Damit zeichnet sich schon ab, worauf es nun hinauslaufen dürfte: Die „Stressbremse“ könnte zum Politikum werden. Die Frage allerdings dürfte dabei sein, wer letztlich die Zeche zahlen möchte. Denn beim Geld kommt es schnell zum Schwur. Wer also ist bereits, in die Tasche zu greifen, und das Geld auf den Tisch zu legen, das erforderlich wäre, eine rechtkonforme Modernisierung und Umgestaltung der Gastronomie vorzunehmen, die einen wirtschaftlichen Betrieb ermöglicht. Das klingt beinahe nach Subvention. Die WGS dürfte es als weiterhin in der Sanierung befindliches Unternehmen nicht können. Und ob es bei der hochverschuldeten Stadt anders aussieht, das darf man bezweifeln. Vor allem wenn man den Gerüchten glauben schenkt, dass das Innenministerium starke Probleme mit dem vorgelegten Doppelhaushalt 2021/22 haben soll.

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