Schwerin: WGS wehrt sich gegen anonyme Vorwürfe

Ein anonymes Schreiben wirft der WGS die gezielte Entmietung zugunsten finanzstarker Mieter vor. WGS-Geschäftsführer Thomas Köchig weist die Vorwürfe zurück

Die alten Backsteingebäude in der Möwenburgstraße 35-59 in Schwerin müssen komplex modernisiert werden. (Symbolbild)

Seit Kurzem kursiert in einigen Büros der Schweriner Stadtverwaltung sowie bei ausgewählten Medienvertretern ein absenderloses Schreiben in leicht variierender, aber grundsätzlich deckungsgleicher Form. Die zugehörige Mail ist mit „D. Puschke“ unterzeichnet. Eine Mietpartei mit einem solchen Namen aber ist der kommunalen Wohnungsgesellschaft Schwerin mbH (WGS) in den Objekten nicht bekannt. In dem Schreiben, das sich auf „Sanierungsplanungen der WGS in der Möwenburgstraße“ bezieht, werden massive Vorwürfe gegenüber der kommunalen Wohnungsgesellschaft erhoben.

Konkret gemeint sind derzeit 68 Wohnungen in den alten Backsteingebäuden in der Möwenburgstraße 35-59. Die WGS hatte bekanntgegeben, dass umfangreiche Baumaßnahmen zum langfristigen Erhalt der Objekte zwingend erforderlich sind. Dabei müssen dann einerseits natürlich alle gesetzlich vorgeschriebenen Maßnahmen realisiert werden. Zudem ist auch eine Umgestaltung der inneren Strukturen geplant. So werden nach momentaner Überlegung, 2-Zimmer- und 3-Zimmer-Wohnungen sowie in den vorhandenen Gebäude Reihenhäuser zur Miete entstehen. Die Gesamtanzahl wird sich etwas verringern, aber das Angebot wird dafür bedarfsgerecht ausgerichtet.

Vorwurf: Entmietung zur Schaffung einer Nobeladresse

Die bislang anonymen Verfasser des Schreibens sprechen nun in ihren Vorhaltungen davon, dass die WGS dabei ist „alteingesessene Mieter aus diesem Viertel zu verdrängen, um neues Klientel anzusiedeln“. Von einer zukünftigen „Wohn-Oase für Ärzte und Angestellte des Finanzhaies Helios-Kliniken“ ist die Rede. „In den letzten Wochen sind große Autos vorgefahren, um sich anzusehen, wie sie hier dann leben werden.“ Es würden Anreize geschaffen, mit einer „Nobeladresse Ziegelsee vielleicht benötigtes Personal für einen „Finanzhai wie die Helios-Kliniken“ nach Schwerin „zu locken“. Die „alten“ sollten dafür „in den Plattenbauten verschwinden.“

Die Kommunikation der kommunalen Wohnungsgesellschaft sei von Anfang an „auf Konfrontation ausgelegt“ gewesen. Bewusst habe die Gesellschaft die jahrelangen Ansprechpartner der Mieter durch neue ersetzt. Diese würden auf Wünsche der Mieter auf Rückkehr nach Sanierung nicht reagieren. „Nur eisernes Schweigen.“

WGS-Geschäftsführer: „Unterstellungen absurd“ 

In einer am gestrigen Montag veröffentlichten Stellungnahme sowie einem Telefonat mit unserer Redaktion wies WGS-Geschäftsführer Thomas Köchig am gestrigen Montag die gegen seine Gesellschaft erhobenen Vorwürfe deutlich zurück: „Die Unterstellung, die WGS betreibe Verdrängung von Altmietern, ist absurd und entbehrt jeglicher Grundlage.“ Zudem ist „jeglicher Zusammenhang mit den Helios-Kliniken frei erfunden.“ Die vorgeworfenen Auswahlkriterien seien weder Auftrag noch Intension des Unternehmens. Man habe einen allgemeinen Wohnraumversorgungsauftrag und diesem komme man selbstverständlich nach. Die WGS „für eine sozialverträgliche Wohnraumversorgung, eine offene, transparente Kommunikation sowie den fairen Interessensausgleich“, so der Geschäftsführer. Außerdem, so Köchig mit Bezug auf die angeblichen Interessenten in den „großen Autos“, sei es doch absolut unlogisch, dass jemand schon weit über zwei Jahre vorher vorbeikommt, nur um sich das Gebäude von außen anzusehen, in dem er vielleicht eine Wohnung mieten könnte.

Darüber hinaus ging Thomas Köchig auch detaillierter auf die Überlegungen hinsichtlich der angesprochenen Backsteingebäude in der Möwenburgstraße 35-59 ein. Zu diesen gab es bei seinem Amtsantritt konkrete Verkaufsaktivitäten, die durch die neue Geschäftsführung umgehend gestoppt wurden. Die Objekte sollten im Bestand des kommunalen Unternehmens bleiben. Schnell wurde aber auch klar, dass ein „Weiter so“ ohne grundlegende bauliche Ertüchtigungen nicht möglich sein wird. Der bauliche Zustand zwingt zum Handeln. „Werden sie nicht modernisiert, bleibt in einigen Jahren nur der Abriss. Dies ist für alle Beteiligten die schlechteste Lösung.“

Ohne Modernisierung bleibt für jede Immobilie irgendwann nur der Abriss. Den will die WGS auf jeden Fall verhindern. (Symbolbild)

Modernisierung alternativlos – Mietergespräche bereits geführt

Im konkreten Fall müssen beispielsweise alle Steig-, Elektro-, Abwasserleitungen sowie die Bäder vollständig erneuert werden. Auch sind die Dächer faktisch ohne jede Dämmung und der gesamte Ausstattungszustand der Wohnungen entspricht keinesfalls mehr den heutigen Bedürfnissen und Anforderungen. Die mit enormem Lärm und Dreck sowie langfristigen Einschränkungen der Versorgung verbundenen Arbeiten kann und will Köchig keinem Mieter zumuten. Ein Umzug in Ersatzwohnungen für die mindestens zweijährige Bauzeit wird daher erforderlich sein. „Die WGS strebt einvernehmliche Lösungen für Ersatzwohnungen oder den späteren Rückzug an“, so Köchig weiter.

Auch zu den Vorwürfen der anonymen Verfasser hinsichtlich einer bewusst „undurchsichtigen, ablehnenden und auf Konfrontation ausgerichteten“ Kommunikation nimmt der Geschäftsführer deutlich Stellung: „Die WGS setzt sehr früh auf eine gemeinsame Einigung mit den Mietern.“ Er verdeutlicht dies daran, dass es noch eine sehr frühe Planungsphase der aufgrund der baulichen Situation unumgänglichen Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen ist. Denn derzeit ist noch nicht einmal ein Bauantrag gestellt. Dafür aber fanden bereits mit 43 der derzeit 46 Mietparteien persönliche Gespräche statt. „Drei Mietparteien verweigern bisher kategorisch jedes Gespräch“, so Köchig.

Neun Mietparteien haben inzwischen ihr Interesse signalisiert, nach Ende der Maßnahmen zurückzuziehen. „Dem wird die WGS nachkommen“, stellt Köchig eindeutig klar. Acht von ihnen wünschen sich allerdings veränderte Grundrisse. Aufgrund veränderter Lebenssituation meist mit geringerer Wohnfläche. Dies will die WGS „mit hoher Priorität“ versuchen umzusetzen.

34 von 46 Mietparteien an Alternativen interessiert

34 der 43 gesprächsbereiten Mietparteien haben darüber hinaus Interesse an anderen Wohnungen der WGS signalisiert. Bei der Auswahl der Angebote wurde durch die WGS der jeweils besprochene Mietpreiswunsch berücksichtigt. Dabei waren „bisher alle Mieter bereit, für eine moderne Wohnung mit besserer Ausstattung eine höhere Miete zu zahlen.“ Dort, wo die Planmiete der WGS nicht mit den Möglichkeiten der Mieter übereinstimmt, erfolgt „im Sinne des finanziellen Spielraums des Mieters“ eine Anpassung. Das bedeutet: Die WGS akzeptiert dann auch geringere Mieten als eigentlich realisierbar. Zudem unterstützt sie alle entsprechend entschiedenen Mieter beim tatsächlichen Umzug, der Umsetzung spezieller Ausstattungswünsche und bietet auch darüber hinaus Hilfe an.

Sowohl in der schriftlichen Erklärung als auch im Telefonat unserer Redaktion mit dem Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft Schwerin mbH hat dieser damit klar Position gegenüber den bislang anonymen Vorwürfen bezogen. Es bleibt also abzuwarten, ob die Auseinandersetzungen in eine weitere Runde gehen, in der vielleicht auch die Kläger ihre Anonymität aufgeben. Köchig stellte  klar, dass er sich auch in diesem Fall offen und mit bestem Gewissen vor seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen und die bisherigen Schritte jederzeit konsequent vertreten wird.

Stephan Haring

Stephan Haring ist freier Mitarbeiter unserer digitalen Tageszeitung. Er hat ein Bachelor-Studium der Kommunikationswissenschaften an der Universität Erfurt mit den Nebenfächern Sozialwissenschaften & Politik absolviert. Im Nachhinein arbeitete er in leitenden Funktionen der Presse- & Öffentlichkeitsarbeit, im Leitungsbereich eines Unternehmens sowie als Rektor einer privat geführten Hochschule. Über mehrere Jahre organisierte und realisierte er mit der durch ihn entwickelten LOOK das größte Schweriner Fashionevent. Er arbeitet er freiberuflich als Texter, Pressesprecher, Textkorrektor und Ghostwriter sowie als Berater in verschiedenen Projekten. Im größten Schweriner Ortsbeirat ist er als Vorsitzender kommunalpolitisch aktiv.

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