Schwerin: Behinderte im Sommermuseum ausgegrenzt

Die amtierende Vorsitzende des Behindertenbeirates Schwerin kritisiert die fehlende Barrierefreiheit beim Sommermuseum und spricht von Ausgrenzung.

Besucherandrang zur Eröffnung des Sommermuseums Schwerin – Behinderte fühl(t)en sich ausgegrenzt (Foto: LHS | Mareike Diestel)

Am vergangenen Sonntag eröffnete im Säulengebäude auf dem Schweriner Marktplatz eine Sommerausstellung. Nachdem eine dort bis Mai ansässige Gastronomie schließen musste, wurden in kürzester Zeit eine Ausstellung zur Stadtgeschichte realisiert. (schwerin-lokal berichtete über die Ausstellung)

Vize-Oberbürgermeister begeistert

Die Stadtverwaltung hatte zur Eröffnung eingeladen – und bereits am ersten Tag kamen ca. 450 Besucherinnen und Besucher in die für sechs Wochen geplante Sommerausstellung.  Vize-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum zeigte sich rundum begeistert: „Ich bin  überwältigt von der großen Resonanz der Schwerinerinnen und Schweriner. Das Interesse an Stadtgeschichte ist in unserer Stadt ungebrochen. Das zeigt die  sehr erfolgreichen Stadtgeschichtsausstellung in den Schweriner Höfen. Und das zeigt  jetzt auch das Sommermuseum im Säulengebäude. Neben der Idee für diese Ausstellung war eine Menge Enthusiasmus nötig, um das Projekt in Rekordzeit umzusetzen. Ich danke den 60 Ehrenamtlichen, die daran beteiligt sind“, so Nottebaum.

Barrierefreier Zugang nicht möglich

Allerdings konnte sich die Begeisterung nicht auf alle extra gekommenen Personen übertragen. Denn in die Freude über das enorme ehrenamtliche Engagement und die gelungene Ausstellung mit über 150 Exponaten mischte sich auch Unmut. Unmut vor allem darüber, dass ein barrierefreier Zugang ebenso wenig möglich war und ist, wie ein barrierefreier Ausstellungsbesuch innerhalb des Gebäudes. In einem Facebook-Post äußerte sich die noch amtierende Vorsitzende des Behindertenausschusses, Angelika Stoof entsprechend verärgert. „Wieder ließ man heute zur Eröffnung des Sommermuseums im Säulengebäude am Markt Menschen mit Behinderung im wahrsten Sinne des Wortes im Regen stehen. Der seitliche Lift, der schon sehr lange defekt ist, wurde nicht repariert.“

Angelika Stoof, amtierende Vorsitzende des Behindertenbeirates Schwerin

Behinderte fühlen sich ausgegrenzt

Unsere Redaktion fragte bei der Pressestelle der Stadt nach. Dort hieß es, der Hinweis sei in der Sache berechtigt, „die Kritik in der Schärfe allerdings nicht.“ Es handele sich um ein zeitlich begrenztes Projekt, das allein durch ehrenamtliches Engagement zustande kam. Ein bauliches Budget gab es nicht. In einem Gespräch mit Frau Stoof sei dies auch erläutert worden. Auf die Verwaltungsargumentation ging Angelika Stoof inzwischen auch erneut deutlich ein: „Ich finde es beschämend, dass die Verwaltung nach all den Jahren noch nicht verstanden hat, dass Menschen mit Behinderungen ein Recht darauf haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.“ „So wollen auch Menschen mit Handicap – so wie ich selbst auch – mal ins Museum gehen, was ohne barrierefreien Zugang jedoch nicht möglich ist. Die Aussage der Verwaltung, dass man für eine 6-wöchige-Ausstellung keine Möglichkeit hat die Barrierefreiheit sicherzustellen, gleicht einer Ohrfeige. Es kann doch nicht so schwer sein, einen vorhandenen Lift zu reparieren oder kurzfristig und unkompliziert eine Rampe am Säulengebäude zu errichten.“ Und Angelika Stoof fragt: „Wie mögen sich wohl die Verantwortlichen fühlen, wenn sie immer und immer wieder ausgegrenzt würden?“

Verwaltung weist Schärfe der Kritik zurück

Die Verwaltung lässt über die Pressesprecherin Michaela Christen weiter erklären, die Ausstellungsmacher hätten keine Möglichkeit gehabt, in der Kürze der Zeit eine Barrierefreiheit herzustellen. Auch der Stadt, der WGS und der LGE, die in verschiedenen Rollen mit dem Objekt betraut sind, hätten diese Möglichkeit nicht gehabt. Ferner wird darauf verwiesen, dass bereits  2012 festgestellt wurde, dass eine Reparatur ohnehin nicht mehr möglich sei. Eine neue Anlage würde laut damaligen Angeboten ca. 18.000 EURO kosten. Seit 2018 seien Stadt, Behindertenbeirat und Denkmalpflege dabei, barrierefreie Zugangsmöglichkeiten zu diskutieren. „Zudem wäre mit einem Treppenlift oder einer Rampe nur das Erdgeschoss und nicht das ganze Gebäude barrierefrei erreichbar“, heißt es weiter in der städtischen Argumentation.

Kurz gesagt, wäre die gefeierte Ausstellung also sowieso nur kurzzeitig im Objekt, der Lift für das Erdgeschoss des in städtischem Eigentum befindlichen Gebäudes ohnehin seit sieben Jahren irreparabel defekt, und selbst wenn man barrierefrei in das Objekt käme, wäre ein Zugang zum Ausstellungsteil im Obergeschoss sowieso nicht barrierefrei möglich. Zudem rede man doch seit 2018 miteinander über das Zugangsproblem. Ob das in der Sache sinnvolle Argumente sind, darf jeder für sich entscheiden. Und auch, ob die Kritik nicht doch berechtigt war – im Inhalt und eben auch in der Schärfe.

 

Stephan Haring

Stephan Haring ist freier Mitarbeiter unserer digitalen Tageszeitung. Er hat ein Bachelor-Studium der Kommunikationswissenschaften an der Universität Erfurt mit den Nebenfächern Sozialwissenschaften & Politik absolviert. Im Nachhinein arbeitete er in leitenden Funktionen der Presse- & Öffentlichkeitsarbeit, im Leitungsbereich eines Unternehmens sowie als Rektor einer privat geführten Hochschule. Über mehrere Jahre organisierte und realisierte er mit der durch ihn entwickelten LOOK das größte Schweriner Fashionevent. Er arbeitet er freiberuflich als Texter, Pressesprecher, Textkorrektor und Ghostwriter sowie als Berater in verschiedenen Projekten. Im größten Schweriner Ortsbeirat ist er als Vorsitzender kommunalpolitisch aktiv.

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