Warnitzer Feld:
Schwerins umstrittenstes Wohnungsbauprojekt geht in die entscheidende Phase
Bebauungsplan liegt vor – Befürworter sehen dringend benötigten Wohnraum, Gegner warnen vor Flächenverbrauch und einem Bruch mit den Klimazielen der Stadt.

Seit mehr als fünf Jahren wird über das Warnitzer Feld gestritten. Nun steht eines der größten Wohnungsbauprojekte der Landeshauptstadt vor dem nächsten wichtigen Schritt. Der Hauptausschuss hat Anfang Juni den Entwurf des Bebauungsplans „Warnitzer Feld“ zur Veröffentlichung freigegeben. Damit beginnt die nächste Phase der Öffentlichkeitsbeteiligung. Bürgerinnen und Bürger können die Planungen einsehen und Stellungnahmen abgeben.
Auf dem rund 24 Hektar großen Areal zwischen Bahnhofstraße, Kirschenhöfer Weg, Grevesmühlener Chaussee und der Bundesstraße 104 soll in den kommenden Jahren ein völlig neues Stadtquartier entstehen. Geplant sind rund 1000 Wohnungen für mehrere tausend Menschen. Das Gebiet liegt etwa 5,6 Kilometer vom Schweriner Stadtzentrum entfernt und gilt als eine der letzten größeren Wohnbaureserven am Stadtrand. Doch kaum ein anderes Bauprojekt hat die Stadtpolitik in den vergangenen Jahren so intensiv beschäftigt wie das Warnitzer Feld.
Von der Zukunftsfläche zum politischen Streitfall
Als die Stadtvertretung 2020 die Aufstellung des Bebauungsplans beschloss, schien die Richtung zunächst klar. Angesichts steigender Einwohnerzahlen und einer hohen Nachfrage nach Wohnraum wollte die Stadt neue Bauflächen erschließen. Die Verwaltung argumentierte damals, dass die Möglichkeiten der Innenentwicklung – also Nachverdichtungen, Aufstockungen und Umnutzungen bestehender Flächen – zunehmend an ihre Grenzen stoßen würden.
Mit den Jahren entwickelte sich daraus jedoch eine grundsätzliche Debatte über die künftige Stadtentwicklung Schwerins: Soll die Stadt weiter in die Fläche wachsen oder vorhandene Potenziale innerhalb des bestehenden Stadtgebietes nutzen?
Rico Badenschier setzte auf Innenentwicklung
Eine zentrale Rolle in dieser Diskussion spielte der damalige Oberbürgermeister Rico Badenschier (SPD). Nach seiner Wiederwahl sprach er sich dafür aus, die Entwicklung des Warnitzer Feldes nicht weiterzuverfolgen und stattdessen den Schwerpunkt auf die Innenentwicklung zu legen. Neue Wohnungen sollten nach seiner Auffassung vorrangig auf bereits erschlossenen oder brachliegenden Flächen innerhalb des Stadtgebietes entstehen. Dabei verwies er unter anderem auf das Bodenschutzkonzept der Stadt, Klimaschutzziele sowie den sparsamen Umgang mit Freiflächen.
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Unterstützung erhielt dieser Kurs auch vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Badenschier argumentierte, dass Schwerin zunächst vorhandene Potenzialflächen nutzen müsse, bevor weitere landwirtschaftlich genutzte Flächen am Stadtrand bebaut werden. Das Warnitzer Feld wurde damit zu einem Symbol für die grundsätzliche Frage, wie die Stadt künftig wachsen soll.
Nachdem die Stadtvertretung jedoch mehrfach mehrheitlich an den Planungen festhielt und bereits erhebliche Mittel in die Vorbereitung des Projekts geflossen waren, zog Badenschier seinen Widerspruch gegen die Fortführung des Verfahrens zurück. Damit konnte die Planung für das Wohngebiet fortgesetzt werden.
Die wichtigsten Gegenargumente
Die Kritiker des Warnitzer Feldes führen bis heute mehrere zentrale Argumente an. An erster Stelle steht der Verlust von landwirtschaftlichen Nutzflächen. Das Gebiet wird bislang überwiegend als Ackerfläche genutzt und gehört zu den wenigen größeren Freiräumen im Nordwesten Schwerins. Kritiker sehen darin einen nicht umkehrbaren Eingriff in Landschaft und Natur.
Hinzu kommen Fragen des Klima- und Bodenschutzes. Die Planunterlagen weisen darauf hin, dass insbesondere Teile des Gebietes über schutzwürdige Böden verfügen. Kritiker argumentieren, dass gerade in Zeiten zunehmender Trockenheit und Wetterextreme offene Flächen und fruchtbare Böden wichtiger würden als jemals zuvor.
Ein weiterer Streitpunkt ist die Verkehrsentwicklung. Viele Anwohner befürchten, dass die Bahnhofstraße, die Grevesmühlener Chaussee und der Kirschenhöfer Weg durch zusätzliche Verkehre erheblich stärker belastet werden könnten. Aus ihrer Sicht drohen mehr Lärm, längere Fahrzeiten und zusätzlicher Druck auf die bestehende Infrastruktur.
Außerdem wird die Frage gestellt, ob Schwerin tatsächlich ein Neubaugebiet dieser Größenordnung benötigt. Kritiker verweisen auf andere Entwicklungsflächen in der Stadt und fordern, zunächst diese Potenziale auszuschöpfen.
Warum die Befürworter am Projekt festhalten
Die Unterstützer des Warnitzer Feldes halten die Gegenargumente zwar für nachvollziehbar, sehen aber keine realistische Alternative. Ihr Hauptargument lautet: Schwerin braucht neue Wohnungen. Die Stadt wächst seit Jahren wieder und viele Familien suchen Wohnraum oder Baugrundstücke. Ohne zusätzliche Angebote drohe eine weitere Abwanderung ins Umland.
Die Befürworter verweisen darauf, dass die Möglichkeiten der Innenentwicklung allein nicht ausreichen würden, um den Wohnungsbedarf langfristig zu decken. Das Warnitzer Feld sei eine der wenigen Flächen, auf denen in größerem Umfang Wohnraum geschaffen werden könne.
Zu den Unterstützern gehörten insbesondere CDU, FDP und Teile der SPD. Sie argumentierten, dass Schwerin attraktive Angebote für Familien schaffen müsse, um Einwohner in der Stadt zu halten. Stadtpräsident und bald Oberbürgermeister Sebastian Ehlers (CDU) sprach von einer wichtigen Zukunftsentscheidung für Schwerin und verwies auf die anhaltende Nachfrage nach Wohnraum und Eigenheimstandorten.
Zudem handele es sich nicht um ein klassisches Einfamilienhausgebiet. Vielmehr sei ein gemischtes Quartier vorgesehen, das unterschiedliche Wohnformen miteinander verbindet. Geplant sind Reihenhäuser, Doppelhäuser, Kettenhäuser sowie mehrgeschossige Wohngebäude. Ziel ist die Schaffung sozial gemischter Nachbarschaften.
Befürworter argumentieren außerdem, dass die Fläche bereits seit Jahren im Flächennutzungsplan als Wohnbaufläche vorgesehen sei. Die Entwicklung komme daher nicht überraschend, sondern sei langfristig vorbereitet worden.
Ein neuer Stadtteil statt einer Neubausiedlung
Der nun vorliegende Entwurf versucht, viele der geäußerten Kritikpunkte planerisch aufzugreifen. Das Quartier soll aus sieben Wohnquartieren bestehen, die sich um eine zentrale „urbane Mitte“ gruppieren. Dort sind Dienstleistungen, soziale Infrastruktur, Nahversorgung, Wohnen und ein zentraler Quartiersplatz vorgesehen.
Die Planer des Büros MOSAIK setzen dabei bewusst auf das Leitbild eines „Stadtteils der Nachbarschaften“. Statt einer abgeschlossenen Siedlung sollen unterschiedliche Quartiere entstehen, die durch Grünzüge, Freiräume und ein dichtes Netz aus Geh- und Radwegen miteinander verbunden werden.
Besonderen Wert legen die Planer auf Freiraumqualität. Vorgesehen sind Gemeinschaftsgärten, Spiel- und Aufenthaltsflächen, Grünzüge sowie Flächen zur Regenwasserrückhaltung nach dem Prinzip der sogenannten Schwammstadt. Die neue Bebauung soll sich dabei eng mit dem bestehenden Ortsteil Warnitz verzahnen.
Auch beim Verkehr sollen neue Wege beschritten werden. Eine ringförmige Erschließung sowie zentrale Gemeinschaftsgaragen sollen den Stellplatzbedarf innerhalb der Wohnquartiere reduzieren. Dadurch soll mehr Raum für Grünflächen und Begegnungsorte entstehen.
Die Stadt strebt zudem eine Zertifizierung durch die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) an. Nach Einschätzung der Verwaltung besitzt das Projekt sogar das Potenzial für eine Gold-Zertifizierung.
Die Debatte geht weiter
Mit dem Veröffentlichungsbeschluss ist die Diskussion um das Warnitzer Feld längst nicht beendet. Vielmehr beginnt nun die nächste Runde. Während der öffentlichen Auslegung können Bürger, Verbände und Behörden ihre Einwände und Anregungen einbringen. Diese müssen anschließend geprüft und abgewogen werden.
Eines ist bereits heute klar: Das Warnitzer Feld steht beispielhaft für einen Konflikt, der viele Städte beschäftigt. Auf der einen Seite stehen der Wunsch nach mehr Wohnraum und die Sicherung von Wachstumsperspektiven. Auf der anderen Seite der Schutz von Freiflächen, Böden und Klima.
Die Entscheidung über das Warnitzer Feld wird deshalb weit über Warnitz hinaus als Signal dafür verstanden werden, welchen Weg Schwerin künftig in der Stadtentwicklung einschlagen will.





