Übung bleibt entscheidend:
Seepferdchen geschafft – aber sicher im Wasser? Was ein Schweriner Schwimmlehrer Eltern rät
Schwimmkurse boomen, die Zahl sicherer Schwimmer steigt. Doch Schwimmlehrer Ulf Joraschkewitz warnt: Ein Abzeichen allein bedeutet noch lange nicht, dass sich Kinder im Wasser sicher bewegen können.

Schwimmen lernen gehört für Ulf Joraschkewitz, von seinen Schwimmschülerinnen und ‑schülern einfach Ulf genannt, seit Jahrzehnten zum Alltag. Seit rund 30 Jahren arbeitet der Schweriner mit Kindern im Wasser und bietet privaten Schwimmunterricht an. Dabei begegnet ihm regelmäßig ein Problem: Kinder kommen zu ihm, obwohl sie bereits einen oder sogar mehrere Schwimmkurse absolviert haben. Sicher schwimmen können sie nach seiner Einschätzung trotzdem noch nicht.
Die Zahlen für Mecklenburg-Vorpommern zeigen allerdings eine deutliche Verbesserung. Im Jahr 2025 galten am Ende der vierten Klasse 46,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler als sichere Schwimmer. 14,3 Prozent waren Nichtschwimmer. 2022 hatte deren Anteil noch bei 26,2 Prozent gelegen, während damals lediglich 29,4 Prozent als sichere Schwimmer eingestuft wurden.
Für Ulf erzählen solche Zahlen jedoch nur einen Teil der Geschichte. Entscheidend sei, was Kinder tatsächlich können und ob Erwachsene ihre Fähigkeiten realistisch einschätzen. „Badeunfälle haben ja selten Nichtschwimmer, sondern Kinder, von denen die Eltern glauben, dass die Kinder schwimmen können“, so der erfahrene Schwimmlehrer.
Gerade in Mecklenburg-Vorpommern ist das Thema von besonderer Bedeutung. Das Land zählt mehr als 2.000 Seen und rund 1.700 Kilometer Küste. Seit 2023 verfolgt Mecklenburg-Vorpommern mit einem eigenen Schwimmkonzept das Ziel, dass möglichst alle Kinder die Grundschule als sichere Schwimmer verlassen.
Seit Jahrzehnten am Beckenrand
Dass Ulf einmal beruflich Kindern das Schwimmen beibringen würde, war zunächst nicht geplant. Bereits als Jugendlicher arbeitete er als Übungsleiter, später als Trainer und Jugendleiter. Aus der praktischen Arbeit entwickelte sich schließlich sein eigener Schwimmunterricht.
Heute kommen teilweise bereits Vierjährige zu ihm. Eine starre Altersgrenze gibt es nicht. „Ich gucke mir das immer an. Manch ein Kind kann das früher, manch ein Kind kann das später“, sagt Ulf. Entscheidend sei für ihn unter anderem, ob ein Kind sich bereits für eine gewisse Zeit auf Übungen konzentrieren und Anweisungen umsetzen könne.

Vor dem eigentlichen Unterricht steht deshalb eine Probestunde. Erst danach entscheidet der Schwimmlehrer, ob ein Kind bereits bereit ist. Besonders im Sommer steigt nach seiner Erfahrung die Nachfrage. Dann meldeten sich häufig auch Eltern älterer Kinder, bei denen mit Blick auf Urlaub oder den bevorstehenden Schulunterricht auffalle, dass sie noch nicht schwimmen können.
Wenn ein Schwimmkurs nicht reicht
Besonders nachdenklich macht Ulf eine Gruppe von Kindern, die eigentlich schon einen Schritt weiter sein müsste. „Ich habe zeitweise wirklich jedes dritte, vierte Kind, das zu mir kommt, das schon ein oder zwei Schwimmkurse hatte und immer noch nicht richtig schwimmen kann“, sagt er.
Das bedeutet nicht, dass jeder Schwimmkurs schlecht funktioniert. der Schwimmlehrer weist selbst auf einen entscheidenden Punkt hin: Er sieht vor allem jene Kinder, bei denen es Schwierigkeiten gibt. Wer andernorts problemlos schwimmen gelernt hat, landet in der Regel nicht bei ihm. Seine Erfahrungen sind deshalb nicht repräsentativ.
Trotzdem erkennt er wiederkehrende Muster. Ein Problem sieht er in zeitlich begrenzten Kursen, an deren Ende möglichst ein sichtbares Ergebnis stehen soll. Kinder versuchten dann teilweise, ohne Schwimmhilfe eine bestimmte Strecke zurückzulegen, obwohl einzelne Bewegungsabläufe noch nicht ausreichend gefestigt seien.
„Warum muss das Kind in der letzten Stunde versuchen, ohne Schwimmhilfe zu schwimmen, wenn es die Bewegung noch gar nicht richtig kann?“, fragt Ulf. Sein Ansatz sei ein anderer: Erst sollten einzelne Bewegungen zuverlässig funktionieren, bevor der nächste Schritt folge.
Seepferdchen ist erst der Anfang
Ein besonderer Punkt ist für den Schwimm-Profi das Seepferdchen. Das Frühschwimmerabzeichen ist für viele Kinder und Eltern ein wichtiges Ziel. Ein Nachweis für sicheres Schwimmen ist es allerdings nicht.
Ulf warnt davor, das Abzeichen mit vollständiger Schwimmfähigkeit gleichzusetzen. „Man kann nicht ein bisschen schwimmen. Wenn man schwimmen kann, kann man schwimmen“, sagt er. Werde die Bewegung nach wenigen Metern unsauber und gehe es für das Kind nur noch darum, irgendwie über Wasser zu bleiben, sei das für ihn noch kein sicheres Schwimmen.

Für ihn ist weniger entscheidend, ob ein Kind gerade eben eine vorgeschriebene Strecke schafft. Vielmehr müsse es sich entspannt und kontrolliert im Wasser bewegen können. „Wenn ich entspannt schwimmen kann, dann ist es meines Erachtens egal: Wenn ich fünf Meter schwimmen kann, kann ich auch 20 Meter schwimmen“, sagt Ulf.
Das Land zieht die Grenze ebenfalls deutlich oberhalb des Seepferdchens. Das Schwimmkonzept unterscheidet zwischen Wassergewöhnung, Grundfertigkeiten, einer Basisstufe des Schwimmen-Könnens und sicherem Schwimmen. Für die Basisstufe müssen Kinder unter anderem nach einem Sprung ins tiefe Wasser mindestens 100 Meter ohne Zeitbegrenzung schwimmen.
Nach dem Kurs muss es weitergehen
Ein weiterer Schwachpunkt beginnt nach Erfahrung des Schwimmlehrers dort, wo der eigentliche Schwimmkurs endet. Wenn ein Kind erstmals einige Meter ohne Hilfe schafft, werde das mitunter bereits als Abschluss des Lernprozesses verstanden.
Dabei müsse gerade jetzt weiter trainiert werden. „Das muss man üben, das muss man wirklich üben“, sagt Ulf. Schwimmen bestehe aus Bewegungsabläufen, die ein Kind wiederholen müsse, bis sie zuverlässig funktionierten. Er vergleicht das mit anderen Sportarten. „Selbst Profifußballer gehen jeden Tag zum Training. Warum machen die das? Die können das schon und trotzdem üben die das“, sagt er. Beim Schwimmen sei das nicht anders.
Besonders schwierig werde es, wenn sich ungünstige Bewegungen bereits eingeprägt hätten. Dann müsse er im Unterricht mitunter mehrere Schritte zurückgehen. Für ein Kind sei das frustrierend: Es habe möglicherweise bereits ein Abzeichen bekommen und müsse anschließend hören, dass grundlegende Bewegungen noch einmal neu gelernt werden sollen.
Eltern spielen eine wichtige Rolle
Auch Eltern nimmt der Schwimmlehrer in die Verantwortung. Nicht, weil sie ihren Kindern selbst das Schwimmen beibringen müssten. Aber regelmäßige Erfahrungen im Wasser seien wichtig. Er berichtet von Familien, die trotz kleiner Kinder kaum gemeinsam schwimmen gehen. „Die waren noch nie mit den Kindern baden“, sagt er über einzelne Fälle aus seinem Unterricht. Das sei keineswegs bei allen Familien so, zeige aber, dass Wassergewöhnung nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt werden könne.
Eltern sollten nach seiner Ansicht zudem genauer darauf achten, was ein Kurs verspricht und was ihr Kind anschließend tatsächlich beherrscht. Ein Abzeichen könne Orientierung geben, dürfe aber nicht dazu führen, dass danach nicht mehr weitergeübt werde.„Wenn Eltern da ein bisschen sensibilisiert werden und sagen: Kümmert euch darum, was passiert da, dann glaube ich, sind wir schon ganz stark“, so Ulf.
Reicht das Wasser in Schwerin?
In der öffentlichen Diskussion wird häufig auf fehlende Wasserflächen und einen Mangel an Schwimmlehrern verwiesen. Ulf sieht die Situation differenzierter. In Schwerin gebe es neben der großen Schwimmhalle mehrere kleinere Becken, die zumindest grundsätzlich für Schwimmunterricht geeignet sein könnten. Er selbst habe in den vergangenen Jahrzehnten nach eigener Aussage keine dauerhaft langen Wartelisten aufgebaut. „Ich habe in 30 Jahren noch niemals jemanden länger als zwei Wochen warten lassen“, sagt er. Möglich werde das auch durch sein Unterrichtsmodell.

Statt geschlossener Kurse, bei denen zehn Kinder gleichzeitig beginnen, arbeiten bei ihm Kinder mit unterschiedlichen Lernständen parallel. Während ein Anfänger intensive Unterstützung benötigt, können andere bereits bekannte Bewegungen selbstständig üben. „Jedes Kind hat in jeder Stunde natürlich einzelne Bedürfnisse“, sagt Ulf. Bei Gruppen, die komplett auf demselben Stand beginnen, sieht er dagegen ein Problem: „Da bleibt immer einer auf der Strecke.“
MV macht Fortschritte
Die Entwicklung im Land spricht dennoch dafür, dass sich beim schulischen Schwimmunterricht etwas bewegt. Der Anteil der Nichtschwimmer am Ende der Grundschule sank nach Angaben des Bildungsministeriums von 26,2 Prozent im Jahr 2022 auf 17,9 Prozent im Jahr 2024 und schließlich 14,3 Prozent im Jahr 2025. Gleichzeitig stieg der Anteil der sicheren Schwimmer auf 46,3 Prozent. Das Ziel bleibt dennoch anspruchsvoll: Alle Kinder sollen die Grundschule als sichere Schwimmer verlassen. Das Land versucht deshalb inzwischen, bereits vor der Schulzeit anzusetzen. Kindertagesstätten können zu „Schwimmstarter-Kitas“ werden und Kinder frühzeitig mit Wasser vertraut machen. Für 2026 und 2027 wurde die jährliche Förderung des Projekts von 15.000 auf 30.000 Euro erhöht.
Der Ansatz deckt sich zumindest in einem Punkt mit Ulfs Erfahrungen. Schwimmen beginnt für ihn nicht mit einer bestimmten Arm- oder Beinbewegung, sondern mit Vertrauen ins Wasser. „Das Kind muss den Auftrieb erleben. Das muss sich nicht festhalten, das muss sich ins Wasser legen“, sagt er.
Eine einfache Lösung für die bestehenden Probleme will er dennoch nicht präsentieren. Zu unterschiedlich seien Kinder, Unterrichtsformen und Voraussetzungen. Mehr Wasserflächen, mehr Personal oder ein bestimmtes Lehrkonzept allein würden deshalb aus seiner Sicht zu kurz greifen.
Was der Schwimmlehrer sich vor allem wünscht, ist ein genauerer Blick darauf, was Kinder tatsächlich lernen. Ein Schwimmabzeichen kann dabei ein wichtiger Meilenstein sein. Entscheidend ist am Ende aber nicht das Abzeichen auf der Badehose, sondern ob sich ein Kind im Wasser wirklich sicher bewegen kann.
Schwimmschule Schwerin
Privater Schwimmunterricht
| Schwimmlehrer: | Ulf Joraschkewitz |
| Website: | schwimmschule-schwerin.de |
| Ort: | Schwimmhalle Lankow (Lübecker Straße 266, 19057 Schwerin) |
| Telefon: | 0176 / 995 355 35 |
| Ablauf: | Individueller Einstieg nach Probestunde (keine starren Altersgrenzen) |
| Besonderheit: | Flexible Gruppen mit unterschiedlichen Lernständen – ohne monatelange Wartelisten |
„Badeunfälle haben ja selten Nichtschwimmer, sondern Kinder, von denen die Eltern glauben, dass die Kinder schwimmen können.“
— Ulf Joraschkewitz





