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Übung bleibt entscheidend:
Seepferdchen geschafft – aber sicher im Wasser? Was ein Schweriner Schwimmlehrer Eltern rät

Schwimmkurse boomen, die Zahl sicherer Schwimmer steigt. Doch Schwimmlehrer Ulf Joraschkewitz warnt: Ein Abzeichen allein bedeutet noch lange nicht, dass sich Kinder im Wasser sicher bewegen können.

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  • Veröffentlicht September 4, 2026
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Seit Jahrzehn­ten am Beck­en­rand: Ulf Joraschke­witz set­zt in seinem Unter­richt auf indi­vidu­elle Betreu­ung statt star­rer Massenkurse. Foto: Ste­fan Rochow

 

 

Schwim­men ler­nen gehört für Ulf Joraschke­witz, von seinen Schwimm­schü­lerin­nen und ‑schülern ein­fach Ulf genan­nt, seit Jahrzehn­ten zum All­t­ag. Seit rund 30 Jahren arbeit­et der Schw­er­iner mit Kindern im Wass­er und bietet pri­vat­en Schwim­munter­richt an. Dabei begeg­net ihm regelmäßig ein Prob­lem: Kinder kom­men zu ihm, obwohl sie bere­its einen oder sog­ar mehrere Schwimmkurse absolviert haben. Sich­er schwim­men kön­nen sie nach sein­er Ein­schätzung trotz­dem noch nicht.

Die Zahlen für Meck­len­burg-Vor­pom­mern zeigen allerd­ings eine deut­liche Verbesserung. Im Jahr 2025 gal­ten am Ende der vierten Klasse 46,3 Prozent der Schü­lerin­nen und Schüler als sichere Schwim­mer. 14,3 Prozent waren Nichtschwim­mer. 2022 hat­te deren Anteil noch bei 26,2 Prozent gele­gen, während damals lediglich 29,4 Prozent als sichere Schwim­mer eingestuft wur­den.

Für Ulf erzählen solche Zahlen jedoch nur einen Teil der Geschichte. Entschei­dend sei, was Kinder tat­säch­lich kön­nen und ob Erwach­sene ihre Fähigkeit­en real­is­tisch ein­schätzen. „Bade­un­fälle haben ja sel­ten Nichtschwim­mer, son­dern Kinder, von denen die Eltern glauben, dass die Kinder schwim­men kön­nen“, so der erfahrene Schwimm­lehrer.

Ger­ade in Meck­len­burg-Vor­pom­mern ist das The­ma von beson­der­er Bedeu­tung. Das Land zählt mehr als 2.000 Seen und rund 1.700 Kilo­me­ter Küste. Seit 2023 ver­fol­gt Meck­len­burg-Vor­pom­mern mit einem eige­nen Schwimmkonzept das Ziel, dass möglichst alle Kinder die Grund­schule als sichere Schwim­mer ver­lassen.

Seit Jahrzehnten am Beckenrand

Dass Ulf ein­mal beru­flich Kindern das Schwim­men beib­rin­gen würde, war zunächst nicht geplant. Bere­its als Jugendlich­er arbeit­ete er als Übungsleit­er, später als Train­er und Jugendleit­er. Aus der prak­tis­chen Arbeit entwick­elte sich schließlich sein eigen­er Schwim­munter­richt.

Heute kom­men teil­weise bere­its Vier­jährige zu ihm. Eine starre Alters­gren­ze gibt es nicht. „Ich gucke mir das immer an. Manch ein Kind kann das früher, manch ein Kind kann das später“, sagt Ulf. Entschei­dend sei für ihn unter anderem, ob ein Kind sich bere­its für eine gewisse Zeit auf Übun­gen konzen­tri­eren und Anweisun­gen umset­zen könne.

 

Foto: Ste­fan Rochow

 

Vor dem eigentlichen Unter­richt ste­ht deshalb eine Probestunde. Erst danach entschei­det der Schwimm­lehrer, ob ein Kind bere­its bere­it ist. Beson­ders im Som­mer steigt nach sein­er Erfahrung die Nach­frage. Dann melde­ten sich häu­fig auch Eltern älter­er Kinder, bei denen mit Blick auf Urlaub oder den bevorste­hen­den Schu­lun­ter­richt auf­falle, dass sie noch nicht schwim­men kön­nen.

Wenn ein Schwimmkurs nicht reicht

Beson­ders nach­den­klich macht Ulf eine Gruppe von Kindern, die eigentlich schon einen Schritt weit­er sein müsste. „Ich habe zeitweise wirk­lich jedes dritte, vierte Kind, das zu mir kommt, das schon ein oder zwei Schwimmkurse hat­te und immer noch nicht richtig schwim­men kann“, sagt er.

Das bedeutet nicht, dass jed­er Schwimmkurs schlecht funk­tion­iert. der Schwimm­lehrer weist selb­st auf einen entschei­den­den Punkt hin: Er sieht vor allem jene Kinder, bei denen es Schwierigkeit­en gibt. Wer ander­norts prob­lem­los schwim­men gel­ernt hat, lan­det in der Regel nicht bei ihm. Seine Erfahrun­gen sind deshalb nicht repräsen­ta­tiv.

Trotz­dem erken­nt er wiederkehrende Muster. Ein Prob­lem sieht er in zeitlich begren­zten Kursen, an deren Ende möglichst ein sicht­bares Ergeb­nis ste­hen soll. Kinder ver­sucht­en dann teil­weise, ohne Schwimmhil­fe eine bes­timmte Strecke zurück­zule­gen, obwohl einzelne Bewe­gungsabläufe noch nicht aus­re­ichend gefes­tigt seien.

„Warum muss das Kind in der let­zten Stunde ver­suchen, ohne Schwimmhil­fe zu schwim­men, wenn es die Bewe­gung noch gar nicht richtig kann?“, fragt Ulf. Sein Ansatz sei ein ander­er: Erst soll­ten einzelne Bewe­gun­gen zuver­läs­sig funk­tion­ieren, bevor der näch­ste Schritt folge.

Seepferdchen ist erst der Anfang

Ein beson­der­er Punkt ist für den Schwimm-Profi das Seep­fer­d­chen. Das Früh­schwim­mer­abze­ichen ist für viele Kinder und Eltern ein wichtiges Ziel. Ein Nach­weis für sicheres Schwim­men ist es allerd­ings nicht.

Ulf warnt davor, das Abze­ichen mit voll­ständi­ger Schwimm­fähigkeit gle­ichzuset­zen. „Man kann nicht ein biss­chen schwim­men. Wenn man schwim­men kann, kann man schwim­men“, sagt er. Werde die Bewe­gung nach weni­gen Metern unsauber und gehe es für das Kind nur noch darum, irgend­wie über Wass­er zu bleiben, sei das für ihn noch kein sicheres Schwim­men.

 

Foto: Ste­fan Rochow

 

Für ihn ist weniger entschei­dend, ob ein Kind ger­ade eben eine vorgeschriebene Strecke schafft. Vielmehr müsse es sich entspan­nt und kon­trol­liert im Wass­er bewe­gen kön­nen. „Wenn ich entspan­nt schwim­men kann, dann ist es meines Eracht­ens egal: Wenn ich fünf Meter schwim­men kann, kann ich auch 20 Meter schwim­men“, sagt Ulf.

Das Land zieht die Gren­ze eben­falls deut­lich ober­halb des Seep­fer­d­chens. Das Schwimmkonzept unter­schei­det zwis­chen Wassergewöh­nung, Grund­fer­tigkeit­en, ein­er Basis­stufe des Schwim­men-Kön­nens und sicherem Schwim­men. Für die Basis­stufe müssen Kinder unter anderem nach einem Sprung ins tiefe Wass­er min­destens 100 Meter ohne Zeit­be­gren­zung schwim­men.

Nach dem Kurs muss es weitergehen

Ein weit­er­er Schwach­punkt begin­nt nach Erfahrung des Schwimm­lehrers dort, wo der eigentliche Schwimmkurs endet. Wenn ein Kind erst­mals einige Meter ohne Hil­fe schafft, werde das mitunter bere­its als Abschluss des Lern­prozess­es ver­standen.

Dabei müsse ger­ade jet­zt weit­er trainiert wer­den. „Das muss man üben, das muss man wirk­lich üben“, sagt Ulf. Schwim­men beste­he aus Bewe­gungsabläufen, die ein Kind wieder­holen müsse, bis sie zuver­läs­sig funk­tion­ierten. Er ver­gle­icht das mit anderen Sportarten. „Selb­st Profi­fußballer gehen jeden Tag zum Train­ing. Warum machen die das? Die kön­nen das schon und trotz­dem üben die das“, sagt er. Beim Schwim­men sei das nicht anders.

Beson­ders schwierig werde es, wenn sich ungün­stige Bewe­gun­gen bere­its eingeprägt hät­ten. Dann müsse er im Unter­richt mitunter mehrere Schritte zurück­ge­hen. Für ein Kind sei das frus­tri­erend: Es habe möglicher­weise bere­its ein Abze­ichen bekom­men und müsse anschließend hören, dass grundle­gende Bewe­gun­gen noch ein­mal neu gel­ernt wer­den sollen.

Eltern spielen eine wichtige Rolle

Auch Eltern nimmt der Schwimm­lehrer in die Ver­ant­wor­tung. Nicht, weil sie ihren Kindern selb­st das Schwim­men beib­rin­gen müssten. Aber regelmäßige Erfahrun­gen im Wass­er seien wichtig. Er berichtet von Fam­i­lien, die trotz klein­er Kinder kaum gemein­sam schwim­men gehen. „Die waren noch nie mit den Kindern baden“, sagt er über einzelne Fälle aus seinem Unter­richt. Das sei keineswegs bei allen Fam­i­lien so, zeige aber, dass Wassergewöh­nung nicht mehr selb­stver­ständlich voraus­ge­set­zt wer­den könne.

Eltern soll­ten nach sein­er Ansicht zudem genauer darauf acht­en, was ein Kurs ver­spricht und was ihr Kind anschließend tat­säch­lich beherrscht. Ein Abze­ichen könne Ori­en­tierung geben, dürfe aber nicht dazu führen, dass danach nicht mehr weit­ergeübt werde.„Wenn Eltern da ein biss­chen sen­si­bil­isiert wer­den und sagen: Küm­mert euch darum, was passiert da, dann glaube ich, sind wir schon ganz stark“, so Ulf.

Reicht das Wasser in Schwerin?

In der öffentlichen Diskus­sion wird häu­fig auf fehlende Wasser­flächen und einen Man­gel an Schwimm­lehrern ver­wiesen. Ulf sieht die Sit­u­a­tion dif­feren­ziert­er. In Schw­erin gebe es neben der großen Schwimmhalle mehrere kleinere Beck­en, die zumin­d­est grund­sät­zlich für Schwim­munter­richt geeignet sein kön­nten. Er selb­st habe in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten nach eigen­er Aus­sage keine dauer­haft lan­gen Wartelis­ten aufge­baut. „Ich habe in 30 Jahren noch niemals jeman­den länger als zwei Wochen warten lassen“, sagt er. Möglich werde das auch durch sein Unter­richtsmod­ell.

Foto: Ste­fan Rochow

 

Statt geschlossen­er Kurse, bei denen zehn Kinder gle­ichzeit­ig begin­nen, arbeit­en bei ihm Kinder mit unter­schiedlichen Lern­stän­den par­al­lel. Während ein Anfänger inten­sive Unter­stützung benötigt, kön­nen andere bere­its bekan­nte Bewe­gun­gen selb­st­ständig üben. „Jedes Kind hat in jed­er Stunde natür­lich einzelne Bedürfnisse“, sagt Ulf. Bei Grup­pen, die kom­plett auf dem­sel­ben Stand begin­nen, sieht er dage­gen ein Prob­lem: „Da bleibt immer ein­er auf der Strecke.“

MV macht Fortschritte

Die Entwick­lung im Land spricht den­noch dafür, dass sich beim schulis­chen Schwim­munter­richt etwas bewegt. Der Anteil der Nichtschwim­mer am Ende der Grund­schule sank nach Angaben des Bil­dungsmin­is­teri­ums von 26,2 Prozent im Jahr 2022 auf 17,9 Prozent im Jahr 2024 und schließlich 14,3 Prozent im Jahr 2025. Gle­ichzeit­ig stieg der Anteil der sicheren Schwim­mer auf 46,3 Prozent. Das Ziel bleibt den­noch anspruchsvoll: Alle Kinder sollen die Grund­schule als sichere Schwim­mer ver­lassen. Das Land ver­sucht deshalb inzwis­chen, bere­its vor der Schulzeit anzuset­zen. Kindertagesstät­ten kön­nen zu „Schwimm­starter-Kitas“ wer­den und Kinder frühzeit­ig mit Wass­er ver­traut machen. Für 2026 und 2027 wurde die jährliche Förderung des Pro­jek­ts von 15.000 auf 30.000 Euro erhöht.

Der Ansatz deckt sich zumin­d­est in einem Punkt mit Ulfs Erfahrun­gen. Schwim­men begin­nt für ihn nicht mit ein­er bes­timmten Arm- oder Bein­be­we­gung, son­dern mit Ver­trauen ins Wass­er. „Das Kind muss den Auftrieb erleben. Das muss sich nicht fes­thal­ten, das muss sich ins Wass­er leg­en“, sagt er.

Eine ein­fache Lösung für die beste­hen­den Prob­leme will er den­noch nicht präsen­tieren. Zu unter­schiedlich seien Kinder, Unter­richts­for­men und Voraus­set­zun­gen. Mehr Wasser­flächen, mehr Per­son­al oder ein bes­timmtes Lehrkonzept allein wür­den deshalb aus sein­er Sicht zu kurz greifen.

Was der Schwimm­lehrer sich vor allem wün­scht, ist ein genauer­er Blick darauf, was Kinder tat­säch­lich ler­nen. Ein Schwim­ma­bze­ichen kann dabei ein wichtiger Meilen­stein sein. Entschei­dend ist am Ende aber nicht das Abze­ichen auf der Bade­hose, son­dern ob sich ein Kind im Wass­er wirk­lich sich­er bewe­gen kann.

 


 

Schwimmschule Schwerin

Privater Schwimmunterricht

Schwimm­lehrer: Ulf Joraschke­witz
Web­site: schwimmschule-schwerin.de
Ort: Schwimmhalle Lankow (Lübeck­er Straße 266, 19057 Schw­erin)
Tele­fon: 0176 / 995 355 35
Ablauf: Indi­vidu­eller Ein­stieg nach Probestunde (keine star­ren Alters­gren­zen)
Beson­der­heit: Flex­i­ble Grup­pen mit unter­schiedlichen Lern­stän­den – ohne monate­lange Wartelis­ten

„Badeunfälle haben ja selten Nichtschwimmer, sondern Kinder, von denen die Eltern glauben, dass die Kinder schwimmen können.“

— Ulf Joraschkewitz