Landtagswahl 2026:
Sebastian Hüller will die junge Generation im Landtag vertreten
Mit 25 Jahren will Sebastian Hüller für die Grünen in den Landtag. Im Interview spricht er über Jugend, Digitalisierung, Wohnen, Migration, Wirtschaft und seine Ziele für Schwerin bis 2031.

Im Vorfeld der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern spricht Schwerin-Lokal mit den Direktkandidatinnen und Direktkandidaten der Landeshauptstadt. Im Mittelpunkt steht die Frage, was sie konkret für Schwerin und das Land erreichen wollen.
Heute im Gespräch: Sebastian Hüller (Bündnis 90/Die Grünen). Der 25-jährige Fachinformatiker kandidiert für den Landtag und will vor allem die Perspektive junger Menschen stärker in die Politik bringen. Neben Jugend- und Bildungspolitik setzt er Schwerpunkte bei Digitalisierung, kommunalen Finanzen, bezahlbarem Wohnen, Wirtschaft und Klimaschutz.
Hüller betont dabei seine eigene berufliche Erfahrung und möchte nach eigener Aussage für ein anderes Bild grüner Politik stehen. In Schwerin engagiert er sich zudem mit dem Gemeinschaftszentrum „Puschi15“.
Im Interview spricht er über die Zukunft junger Menschen in Mecklenburg-Vorpommern, Fehler der Grünen, mögliche Koalitionen, Digitalisierung, Migration, Wirtschaft und seine Ziele für Schwerin bis 2031.
Herr Hüller, Sie sind 25 Jahre alt, Fachinformatiker und wollen in den Landtag einziehen. Warum Politik und warum trauen Sie sich bereits in diesem Alter ein Landtagsmandat zu?
Junge Menschen brauchen eine Vertretung im Parlament, ich wäre nach dem aktuellen Stand der Umfragen eine von zwei Personen, die nach dem Jahr 2000 geboren sind, im Landtag.
Gerade in der Corona- und der Wehrpflicht-Debatte haben wir gemerkt, wie wichtig eine Stimme für die jungen Menschen in der Politik ist. Aber auch bei vielen anderen Themen werden wir eher als Problem gesehen, das es zu lösen gibt, anstatt die besonderen Herausforderungen, Sorgen und Wünsche wahrzunehmen, die die letzten Jahre mit sich gebracht haben.
Wir leben für junge Menschen in unsicheren Zeiten. Angst vor Krieg, steigende Kosten, unsichere Berufsperspektiven auch wegen des Einsatzes von KI in der Berufswelt. Dazu ist der Landtag eine Volksvertretung, diese hat eine große Bevölkerungsgruppe aktuell beinahe komplett ausgeschlossen: junge Menschen und Auszubildende beziehungsweise Gesellen. Ich habe zehn Jahre Berufserfahrung, ich will im Landtag anpacken.
Sie sprechen selbst darüber, dass Ihnen als Jugendlicher viel Negatives über Mecklenburg-Vorpommern vermittelt wurde und Treffpunkte fehlten. Was müsste sich konkret ändern, damit junge Menschen in Schwerin sagen: Ich will hierbleiben und meine Zukunft hier aufbauen?
Perspektive ist das entscheidende Wort. Ich will, dass Menschen selbstbestimmt das Leben hier führen können, das sie möchten. Das beinhaltet Berufschancen, Bildung beziehungsweise Ausbildung und Freizeitgestaltung.
Jugendkultur fällt da oft unter, junge Menschen werden viel von Ort zu Ort getrieben und treffen sich dort, wo sie am wenigsten stören. Dass das nicht immer die sichersten Orte für junge Menschen sind, wird dann vergessen. Wir fordern zum Beispiel den Azubi-Start-Bonus, günstige Mobilität für junge Menschen und garantierte Gemeinschaftsorte in Städten beziehungsweise Gemeinden.
Die Grünen kämpfen derzeit um den Wiedereinzug in den Landtag. Was haben Ihre Partei und die bisherige grüne Politik falsch gemacht, dass Sie heute überhaupt um die Fünf-Prozent-Hürde kämpfen müssen?
In der Selbstkritik muss man sagen, dass wir oft als moralisierende Akademiker-Partei gezeichnet werden. Als ehemaliger Auszubildender und Arbeiter mit zehn Jahren Berufserfahrung möchte ich hingegen für ein anderes Bild stehen, daher kommt auch mein Motto „Gemeinsam anpacken“.
Ich möchte mit den Menschen hier in der Gemeinschaft zusammen auf Augenhöhe Probleme anpacken und Angebote schaffen. Dafür habe ich hier in Schwerin eigens ein Gemeinschaftszentrum, das Puschi15, aufgemacht. Grüne Politik wird oft kompliziert vermittelt, dabei könnte man es so einfach haben, die Sprache der Menschen auch im ländlichen Raum sprechen. Hier will ich ran.
Sollten die Grünen nach der Wahl wieder im Landtag vertreten sein: Mit welchen Parteien wäre eine Regierungsbeteiligung für Sie denkbar und wo ziehen Sie persönlich eine Grenze?
Ich rede mit allen demokratischen Parteien, die eine Ernsthaftigkeit in ihrem politischen Handeln erkennen lassen und Rechtsextremen keine Türen öffnen. Damit fallen BSW und AfD raus. Wir Bündnisgrünen werden die Wahlergebnisse abwarten und dann als Partei entscheiden, welchen Weg wir in einer möglichen Koalition einschlagen. Meine ganz persönliche Präferenz ist Rot-Rot-Grün.
Würden Sie im Landtag einem Antrag einer anderen Partei zustimmen, wenn Sie ihn inhaltlich für richtig halten, ausdrücklich auch dann, wenn er von BSW oder AfD eingebracht wird?
Anträgen von BSW und AfD werde ich mit meiner Stimme zu keiner Mehrheit verhelfen. Anträge anderer Fraktionen möchte ich ergebnisoffen prüfen.
Einer Ihrer Schwerpunkte ist Kommunalpolitik. Schwerin befindet sich seit Jahren in einer schwierigen Haushaltslage. Ist das aus Ihrer Sicht vor allem ein Schweriner Problem oder finanziert das Land seine Kommunen grundsätzlich nicht ausreichend? Und was würden Sie konkret ändern?
Wenn man sich ganz Deutschland anschaut, sind hoch verschuldete Gemeinden eher Regel als Ausnahme. Ich bin der Meinung, dass die kommunale Finanzierung keine Frage des Landes, sondern eher des Bundes ist, da auch die Länder immer knappere Haushalte verwalten müssen. Konkret würde ich mich über den Bundesrat für Finanzierungszusagen des Bundes einsetzen, wenn durch Bundesgesetz kommunale Aufgaben hinzugefügt werden.
Wir als MV müssen Wirtschaftswachstum, Entbürokratisierung und Zentralisierung von bestimmten Verwaltungsdienstleistungen als Wege beschreiten, um unsere Kommunen zu fördern. Ein ganz konkreter Weg ist der Ausbau und explizit die Beteiligung an den Gewinnen von erneuerbaren Energien.
Schwerin investiert erheblich in Schulen und Kitas, gleichzeitig fehlen Personal und finanzielle Spielräume. Was würden Sie als Landtagsabgeordneter konkret für bessere Bildung und Betreuung in Schwerin erreichen wollen und wie soll das finanziert werden?
Natürlich möchte ich mich einsetzen für bessere Betreuungsschlüssel, altersgerechte und frühkindliche Bildung und Modernisierung von Gebäuden und Unterrichtsstoff.
Multiprofessionelle Teams sind hier ein wichtiger Schritt in eine inklusive und bedarfsgerechte Bildungspolitik. Dafür muss es eine Priorisierung im Haushalt geben. Wie die nächsten Haushalte aufgestellt sind, wäre allerdings ein Blick in die Glaskugel. Belastbare Aussagen zur Finanzierung würde ich treffen, sobald wir wissen, wie die genaue Haushaltslage mit Blick auf 2028 aussieht.
Sie setzen einen Schwerpunkt auf Digitalisierung. Was funktioniert aus Ihrer Sicht bei der Schweriner und der Landesverwaltung heute noch unnötig analog oder kompliziert? Welche drei Dinge sollten Bürgerinnen und Bürger spätestens 2031 vollständig digital erledigen können?
Ich persönlich habe, in einer anderen Kommune, 2019 noch ein Fax eingebaut. Das war für mich ein entsprechendes Erweckungserlebnis. Wir brauchen einheitliche Standards, Programme über die Kommunen hinweg und Kooperation mit anderen Bundesländern. Bürgerinnen und Bürger sollen jegliche Verwaltungsdienstleistung bis 2031 digital erledigen können.
Das soll auf alle staatlichen Institutionen erweitert werden, also zum Beispiel Bibliotheken und Bildungseinrichtungen. Auch dürfen wir den massiven Papier- und postalischen Aufwand nicht vergessen, der gerade bei der Verwaltung von Sozialhilfen aufgebracht wird. Ich habe aber ins Wahlprogramm der Grünen auch die Medienhelfer*innen mit eingebracht.
Menschen erhalten hier entweder auf dem Amt oder zum Beispiel in der Bibliothek Hilfe beim Ausfüllen digitaler Dokumente oder beim Bedienen einer Software, die zur Teilhabe am Staat notwendig ist.
Digitalisierung kostet zunächst Geld und qualifiziertes Personal. Gerade finanzschwache Kommunen können dabei schnell zurückfallen. Sollte das Land zentrale digitale Infrastruktur stärker bereitstellen, statt jede Kommune eigene Lösungen entwickeln zu lassen?
Wir sollten noch größer denken. Ich möchte, dass MV Geld einsetzt, um in den kommenden Jahren und Jahrzehnten massiv Geld zu sparen. Wir können gut mit NDS, SH, HH, BM in Digitalisierungsfragen zusammenarbeiten und konsequent auf Open Source setzen. Für MV möchte ich gemeinsam mit den Kommunen Kaufkraft bündeln, Kosten sparen und zentrale Lösungen finden und durchsetzen.
Bezahlbares Wohnen ist auch in Schwerin ein Thema. Gleichzeitig müssen Gebäude energetisch saniert und klimafreundlicher werden. Wie verhindern die Grünen, dass Klimaschutz und Sanierung am Ende ausgerechnet für Mieter mit niedrigen und mittleren Einkommen teuer werden?
Die Modernisierung von Gebäuden und damit die Reduktion von Energiekosten senkt die Nebenkosten für Mieter*innen.
Eine weitere Kosteneinsparung für Mieter ist der Strom, welcher durch erneuerbare Energien und eine noch anzustrebende Veränderung der Gesetzgebung auf Bundesebene auch langfristig die Kosten für Strom senken wird. Dazu setzen wir uns für Mieterschutz ein, wenn aufgrund von energetischen Gründen saniert wird, siehe die maximale Mieterhöhung pro Quadratmeter.
Leider sind Lösungen wie das Klimageld, welches vor allem Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen vor Kosten, die im Zusammenhang mit Klimaschutzmaßnahmen entstehen, entlastet hätte, gescheitert. Für mich ist das Klimageld nicht als politische Idee gescheitert und es lohnt sich, hier weiter dafür zu kämpfen.
Die Grünen stehen besonders für Klima- und Verkehrspolitik. Was würde sich für einen Schweriner Autofahrer konkret verändern, wenn Ihre Partei ihre verkehrspolitischen Vorstellungen umsetzen könnte und wo braucht Schwerin tatsächlich weniger Auto und mehr ÖPNV oder Radverkehr?
Schweriner Autofahrer hätten eine bessere Zeit. Durch den Ausbau von ÖPNV, die bauliche Trennung von Fahrradwegen und Autoverkehr und die Förderung von E‑Mobilität wäre Schwerin leiser, sicherer und bequemer, auch für Autofahrer. Weniger Verkehr auf den Straßen heißt weniger Stau und weniger Ärger, damit natürlich auch weniger CO₂.
Schwerin braucht Unternehmen, Fachkräfte und höhere Steuereinnahmen. Gleichzeitig können Umwelt- und Klimaschutz mit wirtschaftlichen Projekten in Konflikt geraten. Wo wären Sie bei einem für Schwerin wichtigen Ansiedlungsprojekt zu Kompromissen bereit und wo ziehen Sie eine klare Grenze?
Ich bin der Auffassung, dass auch Industrie in Schwerin mit entsprechenden Ausgleichsmaßnahmen einen Platz finden kann. Es gibt aktuell Industriegebiete, die noch nicht an ihrer Maximalgrenze sind, hier würde ich erstmal auffüllen. Danach sollte man als Stadt steuern, dass sich Unternehmen ansiedeln, die energetisch voneinander profitieren können und Synergieeffekte erzeugen können.
Ich stehe für die Einhaltung von geltenden Umwelt- und Verträglichkeitsregeln, möchte aber pragmatisch Lösungen finden, um Ansiedlung zu ermöglichen und Schwerins Umwelt, welche auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, zu schützen.
Migration und Sicherheit gehören zu den Themen, bei denen die Grünen besonders kontrovers diskutiert werden. Was läuft bei der Integration in Schwerin aus Ihrer Sicht gut, was läuft schlecht und was müsste sich bei Migration, Integration und innerer Sicherheit konkret ändern?
Es ist wichtig, Integration konsequent durchzudenken und den Menschen hier eine echte Perspektive zu geben. Die Streichung von Deutschkursen ist ein bedenklicher Einschnitt in die Integrationsarbeit, genauso wie die Verzögerung von Arbeitserlaubnissen.
Es darf nicht sein, dass wir Menschen fünf Jahre verbieten zu arbeiten, obwohl sie willig und fähig sind. Ich finde es bedenklich, Migration, Integration und innere Sicherheit dauerhaft in einen Topf zu werfen. Armut ist Hauptrisikofaktor für Kriminalität. Eine effektive Arbeits- und Sozialpolitik ist effektiver für unsere Sicherheit, als es jedes KI-Kameraprogramm je sein könnte.
Für Schwerin, aber auch ganz MV sollten dezentrale Unterbringung und schnelle Anerkennung von Qualifizierungen und Ausbildungen Hauptfokus sein. Wir lassen aktuell sehr viel Potenzial im Land liegen.
Sie kandidieren gegen erfahrene Politikerinnen und Politiker, darunter Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Warum sollte ein Schweriner Ihnen die Erststimme geben und nicht einem Kandidaten, der bereits über jahrelange politische Erfahrung und entsprechende Netzwerke verfügt?
Ich denke, die letzten Jahre haben uns gezeigt, dass es einen Unmut in der Bevölkerung gibt gegenüber genau denen, die Sie in der Frage ansprechen. Ich mache seit Jahren Parteiarbeit und bringe Erfahrung aus der echten Arbeitswelt mit. Außerdem möchte ich explizit auch junge Menschen vertreten im Landtag. Wer Erfahrung und Netzwerke als Maßstab nimmt für Politiker, schließt eine ganze Gruppe an mündigen Bürgerinnen von echter Repräsentation aus.
Speziell in meinem Fall und Wahlkreis ist, dass ich auf Listenplatz 4 der Landesliste stehe. Heißt, bei Einzug meiner Partei werde ich für Schwerin arbeiten und in Schwerin wirken, auch ohne Direktmandat. Dementsprechend ist mir die Zweitstimme die wichtigste.
Stellen wir uns vor, Sie sitzen fünf Jahre im Landtag: Welche drei konkreten Veränderungen müssten die Menschen in Schwerin bis 2031 sehen oder spüren können, damit Sie sagen können: Mein Mandat hat dieser Stadt tatsächlich etwas gebracht?
Erstens: Förderung von Gemeinschaftszentren und Projekten.
Sowohl mit meiner Abgeordnetendiät als auch mit politischem Druck möchte ich die Gemeinschaft in Schwerin stärken, damit, um den bekannten Song aus der Liverpooler Fankurve zu zitieren, niemand alleine laufen muss („You’ll Never Walk Alone“). Es wäre für mich ein großer Erfolg, die Einsamkeitsquote nachhaltig zu senken.
Zweitens: Jugendkultur stark machen. Schwerin hat oft den Ruf „Hier geht nix“. In fünf Jahren soll Schwerin, was Jugendkultur angeht, mit anderen großen Städten mithalten können.
Drittens: Die Menschen sollen in fünf Jahren mehr im Geldbeutel haben als jetzt. Dafür setze ich mich unter anderem für einen Azubi-Start-Bonus ein, um jungen Menschen auch Anreize zu geben, hier zu bleiben und die lokale Wirtschaft zu stärken.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Dario Rochow





