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Sozialleistungen als Kredite:
Was Stadt und Politiker zu dem Vorschlag sagen

In Schwerin stößt der Vorschlag, Sozialleistungen als Darlehen zu gewähren, auf gemischte Reaktionen – von verfassungsrechtlicher Kritik bis zu Forderungen nach mehr Eigenverantwortung.

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  • Veröffentlicht September 16, 2025
Flüchtlingsunterkunft in Schwerin
Unter­schiedliche Reak­tio­nen auf den Vorschlag aus Thürin­gen. Foto: Ste­fan Rochow

 

Mit dem Vorstoß, Sozialleis­tun­gen für Flüchtlinge kün­ftig als zinslos­es Dar­lehen gewähren zu wollen, trat­en zwei Thüringer SPD-Lan­dräte eine bun­desweite Diskus­sion los. Während einige in dem Vorschlag einen Motor für Inte­gra­tion sehen, ver­weisen andere auf das Sozial­staat­sprinzip und den gesellschaftlichen Frieden. Aber was sagt die Schw­er­iner SPD zu der angestrebten sozialpoli­tis­chen Reform ihrer Parteigenossen?

Das schlagen die Landräte vor

Ähn­lich wie BAföG soll sie ausse­hen, die Reform, welche die SPD-Poli­tik­er Matthias Jen­dricke und Marko Wol­fram vor Kurzem in den Raum gestellt hat­ten. Dem­nach sollen Sozialleis­tun­gen für volljährige Asyl­be­wer­ber, anerkan­nte Flüchtlinge und Aus­län­der aus Nicht-EU-Län­dern nur noch als zinslos­es Dar­lehen gewährt wer­den. Ein Teil des „Sozial-Kred­its” kann dann ‑nach den Vorstel­lun­gen der Lan­dräte–  erlassen wer­den, wenn die besagten Per­so­n­en inner­halb eines Jahres ein­er Beschäf­ti­gung nachge­hen und eine Sprach­prü­fung absolvieren. „Auch der erfol­gre­iche Schu­la­b­schluss von Kindern kön­nte mit einem Rück­zahlungs­bonus für die Eltern belohnt wer­den”, äußerte sich Jen­dricke gegenüber   dem „Stern”.

Wenn es nach den SPDlern geht, wollen sie die Sozialleis­tun­gen nicht generell kürzen oder ver­weigern. „Es gehe darum, Migranten zur raschen Arbeit­sauf­nahme zu motivieren”, sagte Wol­fram dem „Stern”. Es ist der pos­i­tive Anreiz, sich schnell zu inte­gri­eren und ein­er Beschäf­ti­gung nachzuge­hen, den die Lan­dräte in ihrer Begrün­dung immer wieder in den Vorder­grund stellen.

Sozialleistungen in Zahlen

Welche Leis­tun­gen – sowohl materielle als auch finanzielle- Asyl­be­wer­ber in Deutsch­land erhal­ten, wird durch das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz (Asyl­bLG) bes­timmt. Die Sätze hier­für wur­den erst kür­zlich gesenkt:

Seit Jahres­be­ginn 2025 erhal­ten alle­in­ste­hende Asyl­be­wer­ber außer­halb von Gemein­schaft­sun­terkün­ften monatlich 441 Euro. Das sind 19 Euro weniger als noch im Vor­jahr und mehr als 120 Euro weniger als Bürg­ergeld-Empfänger, deren Regel­satz aktuell bei 563 Euro liegt. Sobald dann ein Asy­lantrag pos­i­tiv entsch­ieden wurde und Migranten als Flüchtlinge anerkan­nt sind, haben sie Anspruch auf die reg­ulären Bürg­ergeld­sätze. Das gilt auch für Migranten, die sich seit min­destens 36 Monat­en unun­ter­brochen in Deutsch­land aufhal­ten.

“Das Thema wird nicht in Thüringen entschieden”

Wie die Schw­er­iner SPD zu dem Refor­mvorschlag ihrer Parteikol­le­gen ste­ht, der auch aus rechtlich­er Sicht sehr kri­tisch zu betra­cht­en sein dürfte,  wird schnell deut­lich. Auf SNO- Anfrage, wie denn die Schw­er­iner Stadt­frak­tio­nen grund­sät­zlich dem Vorschlag gegenüber­ste­hen, ließ die SPD-Frak­tion eine direk­te Antwort ver­mis­sen. Vielmehr ord­nete die Frak­tionsvor­sitzende Mandy Pfeifer die Debat­te ein.

Dabei betonte sie, dass Bun­desmin­is­terin Bär­bel Bas (SPD) bere­its an ein­er Sozial­re­form arbeite. Hier­für soll eine Sozial­staatskom­mis­sion, wie im Koali­tionsver­trag vere­in­bart, Pläne für die Zukun­ft des Sozial­staates erar­beit­en. Der Blick dürfte dann auch auf die Finanzierung von Sozialleis­tun­gen für Flüchtlinge fall­en. Nun eine solche Debat­te auf kom­mu­naler Ebene auszu­tra­gen, führe so Pfeifer, „nur zu ein­er weit­eren Polar­isierung der poli­tis­chen The­men und ein­er Spal­tung der Gesellschaft.”

Her­ausstellen möchte die Poli­tik­erin, die auch Mit­glied des Land­tags ist, dass die Kom­munen in Sachen Sozialleis­tun­gen keine „Regelungskom­pe­tenz” besitzen. Deshalb wird „das The­ma im Bund entsch­ieden, nicht in Thürin­gen und auch nicht in den benan­nten Land­kreisen”, so Pfeifer.

Mandy Pfeifer (SPD), Vor­sitzende der Schw­er­iner SPD-Frak­tion. Foto: Susie Knoll

 

Wir brauchen nicht noch mehr Probleme

Der Schw­er­iner Ober­bürg­er­meis­ter Rico Baden­schi­er (SPD) zeigt sich eben­falls alarmiert. Aus eigen­er Erfahrung – er zahlte seinen BAföG-Kred­it bis zum 35. Leben­s­jahr zurück – weiß er, wie lange Schulden die wirtschaftliche Teil­habe behin­dern und den Auf­bau von Ver­mö­gen beein­trächti­gen. Vor diesem Hin­ter­grund warnt Baden­schi­er, „Sozialleis­tun­gen einzel­nen Bevölkerungs­grup­pen nur noch auf Dar­lehens­ba­sis zu gewähren.” Das würde, so der SPD-Poli­tik­er weit­er, “die ungle­iche Ver­mö­gensverteilung zemen­tieren und die soziale Spal­tung in Deutsch­land ver­stärken.” 

Neben einem Bürokratiemon­ster birgt der Thüringer Vorstoß auch die Gefahr, das Gegen­teil von dem zu bewirken, was sich  Jen­dricke und Wol­fram eigentlich vorgestellt hat­ten. Wenn der Staat den Einkom­menss­chwäch­sten ihre selb­st erwirtschaftete Einkün­fte sofort wieder abn­immt, um davon frühere Dar­lehen zu tilgen, beste­he das Risiko, dass Men­schen “wenig motiviert wären, selb­st für den eige­nen Leben­sun­ter­halt zu sor­gen”, so der amtierende Ober­bürg­er­meis­ter.

In poli­tis­chen Debat­ten wird häu­fig auf den Unter­schied zwis­chen dem Einkom­men von Bürg­ergeldempfängern und arbei­t­en­den Men­schen ver­wiesen. Dieser Abstand – vor allem im Niedriglohnsek­tor- soll als Anreiz dienen, eine Arbeit aufzunehmen. Doch genau dieser Anreiz kön­nte durch die Ein­führung eines Sozialkred­its ins Wanken ger­at­en, wenn Erwerb­stätige ‑beson­ders Ger­ingver­di­ener–  noch einen Sozialkred­it zu begle­ichen haben.

Die Kri­tik ist deut­lich: Wer befürcht­en muss, jeden ver­di­en­ten Euro zur Schulden­til­gung ver­wen­den zu müssen, wird sich gut über­legen, ob sich ein Ein­stieg in den Arbeits­markt über­haupt lohnt. Das weiß auch Baden­schi­er: “Wo kein Einkom­men ist, kann auch nichts zurück­gezahlt wer­den. Diese Erfahrun­gen machen Kom­munen schon jet­zt oft, wenn sie ver­suchen, den staatlichen Unter­haltsvorschuss für Kinder von Allein­erziehen­den (eigentlich ein Dar­lehen) von säu­mi­gen Unter­haltss­chuld­nern zurück­zu­fordern.”

Ober­bürg­er­meis­ter Rico Baden­schi­er. Foto:maxpress

 

„Motor für Eigenverantwortung”

Ähn­lich wie auf der großen Bühne der Bun­de­spoli­tik, wird auch in der Lan­deshaupt­stadt der Thüringer Vorschlag unter­schiedlich bew­ertet. Im Gegen­satz zur SPD-Poli­tik­erin sieht CDU-Frak­tion­schef Gert Rudolf den Vorschlag pos­i­tiv: Aus sozialpoli­tis­ch­er Sicht sei es erfreulich, dass „endlich wieder mutige Vorschläge auf den Tisch kom­men.” Klar ist dabei aber für den Stadtvertreter auch, dass  geprüft wer­den müsse, ob „ein solch­es Mod­ell mit der Ver­fas­sung in Ein­klang zu brin­gen sei.”

Entschei­dend sei aber, so Rudolf, dass „endlich eine ehrliche Debat­te über die Möglichkeit­en und die Gren­zen des Sozial­staates geführt werde.” Und das vor allem angesichts der Tat­sache, dass „unser Sozial­staat als Migra­tions­mag­net wirkt”. Denn „Ein­wan­derung in den Sozial­staat ist der falsche Weg”, so der Frak­tionsvor­sitzende zum Ende seines Antwortschreibens.

CDU-Frak­tionsvor­sitzen­der Gert Rudolf.  Foto: Dario Rochow

 

LINKE: “Widerspricht dem Grundsatz der Menschenwürde”

Kri­tik – auch aus ver­fas­sungsrechtlich­er Sicht- hagelt von den LINKEN. Die Schw­er­iner Frak­tion spricht von einem klaren Ver­stoß gegen die Men­schen­würde, wenn es dazu kom­men sollte, exis­ten­zsich­ernde Leis­tun­gen nur noch als Dar­lehen zu gewähren. Eine solche Poli­tik “ver­schärft die Unsicher­heit und ver­schuldet Men­schen von Anfang an.”

„Wer Geflüchtete von Beginn an ver­schuldet und in prekäre Lebensla­gen drängt, ver­hin­dert die erfol­gre­iche Auf­nahme von Arbeit, Bil­dung und gesellschaftlich­er Teil­habe“, wirft eine Sprecherin den Lan­dräten vor. Die Forderung der Partei ist deut­lich: “Statt Men­schen Steine in den Weg zu leg­en, brauchen wir gezielte Investi­tio­nen in Sprachkurse, Bil­dung, Aus­bil­dung und Arbeits­mark­t­in­te­gra­tion.” Nur so gelinge – nach den Linken- eine nach­haltige und men­schen­würdi­ge Inte­gra­tionspoli­tik.

Sym­bol­bild. Foto: pri­vat

 

Ein mutiger Vorschlag dürfte es wohl sein, Sozialleis­tun­gen wie Kred­ite zu behan­deln. Die Mei­n­un­gen über den grund­sät­zlichen Vorschlag gehen nicht nur bun­desweit, son­dern auch in Schw­erin weit auseinan­der. Neben rechtlichen Fra­gen bleiben aber auch rein prak­tis­che Fra­gen unbeant­wortet. Es dürfte es sich wohl schwierig gestal­ten, das Geld einzutreiben, wenn sich der Asyl­be­wer­ber nach ein­er Abschiebung im Aus­land befind­et.