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Landtagswahl 2026:
Stefan Burger über Schwerins soziale Unterschiede, Digitalisierung und die Zukunft der Stadt

Stefan Burger will für die Grünen in den Landtag. Im Interview spricht er über soziale Unterschiede in Schwerin, Digitalisierung, Migration, Wohnen und die Zukunft der Stadt.

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  • Veröffentlicht September 4, 2026
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Stefan Burger, 39 Jahre alt, Wirtschaftsinformatiker und IT-Sicherheitsberater für die öffentliche Verwaltung. Foto: Die Grünen Schwerin
Ste­fan Burg­er, 39 Jahre alt, Wirtschaftsin­for­matik­er und IT-Sicher­heits­ber­ater für die öffentliche Ver­wal­tung.
Foto: Bündnis90/ Die Grü­nen Schw­erin

 

Am 20. Sep­tem­ber wählt Meck­len­burg-Vor­pom­mern einen neuen Land­tag. Schw­erin Lokal spricht im Vor­feld der Wahl mit den Direk­tkan­di­datin­nen und Direk­tkan­di­dat­en der Lan­deshaupt­stadt darüber, welche poli­tis­chen Ziele sie ver­fol­gen und was sie im Land­tag konkret für Schw­erin erre­ichen wollen.

Ste­fan Burg­er ist Direk­tkan­di­dat von Bünd­nis 90/Die Grü­nen im Wahlkreis Schw­erin 9. Der Wirtschaftsin­for­matik­er arbeit­et im Bere­ich IT-Sicher­heit und engagiert sich kom­mu­nal in Kreb­s­för­den. Zu seinen poli­tis­chen Schw­er­punk­ten gehören Dig­i­tal­isierung und IT-Sicher­heit, soziale Teil­habe, Mobil­ität, bezahlbares Wohnen und die wirtschaftliche Entwick­lung Schw­erins.

 

Herr Burg­er, Sie sind Wirtschaftsin­for­matik­er, arbeit­en im Bere­ich IT-Sicher­heit und engagieren sich kom­mu­nal in Kreb­s­för­den. Warum wollen Sie jet­zt in den Land­tag und was kön­nen Sie dort erre­ichen, was Ihnen auf kom­mu­naler Ebene nicht möglich ist?

Ich engagiere mich bere­its kom­mu­nal, weil man dort sehr unmit­tel­bar sieht, wo den Men­schen der Schuh drückt. Gle­ichzeit­ig stößt Kom­mu­nalpoli­tik immer wieder an Gren­zen, weil viele Rah­menbe­din­gun­gen gar nicht in Schw­erin entsch­ieden wer­den.

Das bet­rifft zum Beispiel die Finanzierung unser­er Kom­munen, Bil­dung, teils den öffentlichen Nahverkehr, die Dig­i­tal­isierung der Ver­wal­tung oder die Frage, wie das Land seine Kom­munen bei IT-Sicher­heit unter­stützt. Genau dort möchte ich anset­zen.

Als Wirtschaftsin­for­matik­er und IT-Sicher­heits­ber­ater bringe ich außer­dem eine Per­spek­tive mit, von der es aus mein­er Sicht in Par­la­menten noch zu wenig gibt. Dig­i­tal­isierung wird häu­fig entwed­er als tech­nis­ches Detail oder als All­heilmit­tel betra­chtet. Für mich geht es darum, Ver­wal­tung wirk­lich ein­fach­er zu machen, unsere dig­i­tale Sou­veränität zu stärken und gle­ichzeit­ig Daten­schutz und IT-Sicher­heit von Anfang an mitzu­denken.

Ich möchte also das, was ich aus meinem kom­mu­nalen Engage­ment und meinem Beruf kenne, auf die Ebene brin­gen, auf der viele der entschei­den­den Rah­menbe­din­gun­gen geset­zt wer­den.

 

Ihr Wahlkreis umfasst sehr unter­schiedliche Stadt­teile, von Kreb­s­för­den und Garten­stadt bis zum Großen Dreesch, Neu Zip­pen­dorf und Mueßer Holz. Wo sehen Sie derzeit die größten Unter­schiede bei Leben­squal­ität und Chan­cen inner­halb Ihres eige­nen Wahlkreis­es?

Mein Wahlkreis zeigt auf weni­gen Kilo­me­tern sehr deut­lich, wie unter­schiedlich Leben­schan­cen inner­halb ein­er Stadt verteilt sein kön­nen.

In Gör­ries, Ostorf, der Garten­stadt und Teilen Kreb­s­för­dens erleben wir ver­gle­ich­sweise sta­bile soziale Ver­hält­nisse. In Neu Zip­pen­dorf und beson­ders im Mueßer Holz sind Arbeit­slosigkeit, Trans­fer­leis­tungs­bezug und Kinder­ar­mut dage­gen erhe­blich höher.

Mich stört allerd­ings, wenn daraus eine Erzäh­lung von „guten“ und „schlecht­en“ Stadt­teilen gemacht wird. Auf dem Dreesch, in Neu Zip­pen­dorf und im Mueßer Holz gibt es viel Engage­ment, viele Fam­i­lien, Vere­ine und Men­schen, die etwas bewe­gen wollen.

Die entschei­dende Frage ist für mich: Hat ein Kind unab­hängig von sein­er Adresse diesel­ben Chan­cen auf gute Bil­dung, gesellschaftliche Teil­habe und später einen guten Beruf? Davon sind wir noch ein gutes Stück ent­fer­nt. Genau dort muss Poli­tik anset­zen.

 

Die Grü­nen kämpfen bei dieser Land­tagswahl um den Wiedere­inzug in den Land­tag. Was haben Ihre Partei und die bish­erige grüne Poli­tik falsch gemacht, dass ein Auss­chei­den aus dem Land­tag über­haupt real­is­tisch gewor­den ist?

Wenn wir um fünf Prozent kämpfen, wäre es zu ein­fach zu sagen, dass nur die anderen uns falsch ver­standen haben.

Wir haben in den ver­gan­genen Jahren manch­mal vielle­icht zu kom­pliziert erk­lärt und zu wenig zuge­hört. Teil­weise ent­stand der Ein­druck, Grüne woll­ten den Men­schen vorschreiben, wie sie zu leben haben. Auch dort, wo die eigentlichen Ziele richtig waren, waren Instru­mente manch­mal möglicher­weise unnötig kom­pliziert oder sie wur­den schlicht schlecht kom­mu­niziert. Ger­ade die bun­de­spoli­tis­chen Auseinan­der­set­zun­gen haben unser Bild stark geprägt.

Ich glaube außer­dem, dass wir zu oft über Maß­nah­men gesprochen haben und zu wenig darüber, was am Ende für die Men­schen bess­er wird, beispiel­sweise gerin­gere Energiekosten, sichere Arbeit­splätze, eine lebenswerte Stadt und weniger Abhängigkeit von fos­silen Energien. Nicht zuerst Verord­nung A oder Förder­pro­gramm B.

Daraus muss man ler­nen. Für mich bedeutet grüne Poli­tik nicht, mit erhoben­em Zeigefin­ger Poli­tik zu machen, son­dern Prob­leme prak­tisch zu lösen. Wir müssen wieder stärk­er zeigen, dass ökol­o­gis­che, soziale und wirtschaftliche Ver­nun­ft zusam­menge­hören.

 

Soll­ten die Grü­nen wieder in den Land­tag einziehen: Welche Regierungs­beteili­gung kön­nten Sie mit­tra­gen? Und wür­den Sie einem sach­lich richti­gen Antrag ein­er anderen Partei zus­tim­men, aus­drück­lich auch dann, wenn dieser von BSW oder AfD einge­bracht wird?

Eine Regierungs­beteili­gung ist für mich kein Selb­stzweck. Entschei­dend ist, ob wir gemein­sam eine Poli­tik machen kön­nen, die Meck­len­burg-Vor­pom­mern wirtschaftlich, sozial und ökol­o­gisch voran­bringt und dabei klar zu Europa, unser­er Demokratie und unseren inter­na­tionalen Part­nern ste­ht.

Beim BSW sehe ich erhe­bliche inhaltliche Gegen­sätze. Das bet­rifft nicht nur die Forderung, Nord Stream wieder in Betrieb zu nehmen und damit erneut eine Abhängigkeit von rus­sis­chem Gas einzuge­hen. Auch beim rus­sis­chen Angriff­skrieg gegen die Ukraine vertreten wir grundle­gend unter­schiedliche Posi­tio­nen. Für mich ist klar: Die Ukraine hat das Recht, sich gegen den rus­sis­chen Angriff zu vertei­di­gen, und sie muss selb­st darüber entschei­den kön­nen, unter welchen Bedin­gun­gen sie über Frieden ver­han­delt. Einen Stopp der Unter­stützung von außen halte ich deshalb für falsch.

Ähn­lich kri­tisch sehe ich die ständi­ge Erzäh­lung, in Deutsch­land könne man seine Mei­n­ung nicht mehr frei äußern. Natür­lich müssen wir über den Zus­tand unser­er Debat­tenkul­tur stre­it­en kön­nen. Aber den Men­schen einzure­den, ihre grundge­set­zlich geschützte Mei­n­ungs­frei­heit existiere fak­tisch nicht mehr, spielt mit Äng­sten und unter­gräbt Ver­trauen in unsere demokratis­chen Insti­tu­tio­nen.

Bei Energiepoli­tik, Außen- und Sicher­heit­spoli­tik sowie in zen­tralen gesellschaft­spoli­tis­chen Fra­gen liegen unsere Posi­tio­nen damit sehr weit auseinan­der. Deshalb sehe ich derzeit kaum eine tragfähige Grund­lage für eine gemein­same Regierungspoli­tik mit dem BSW.

Bei der AfD geht es für mich noch um etwas grund­sät­zlich anderes. Hier halte ich an der Brand­mauer fest. Demokratie bedeutet selb­stver­ständlich, dass auch die AfD die par­la­men­tarischen Rechte erhält, die ihr auf­grund ihres Wahlergeb­niss­es zuste­hen. Daraus fol­gt aber keine Verpflich­tung, mit ihr zusam­men­zuar­beit­en oder ihr Mehrheit­en zu ver­schaf­fen.

Ich halte es deshalb für zu ein­fach zu sagen: Wenn ein Antrag sach­lich richtig ist, muss man ihm unab­hängig vom Absender zus­tim­men. Ein par­la­men­tarisch­er Antrag ste­ht nicht im luftleeren Raum. Mit ein­er Zus­tim­mung ver­schafft man seinem Urhe­ber auch poli­tis­che Legit­i­ma­tion und einen par­la­men­tarischen Erfolg. Bei ein­er Partei, bei der es erhe­bliche und gerichtlich bestätigte Anhalt­spunk­te für Bestre­bun­gen gegen unsere frei­heitliche demokratis­che Grun­dord­nung gibt, möchte ich nicht dazu beitra­gen, sie als nor­malen poli­tis­chen Koop­er­a­tionspart­ner zu etablieren.

Wenn die AfD einen Punkt auf­greift, den ich inhaltlich für richtig halte, kön­nen und soll­ten demokratis­che Parteien dieses Anliegen selb­st auf­greifen und einen eige­nen Antrag daraus machen. Wir müssen der AfD wed­er gute Ideen über­lassen noch mit ihr zusam­me­nar­beit­en.

Die Brand­mauer bedeutet für mich deshalb nicht, Mil­lio­nen Wäh­lerin­nen und Wäh­ler zu ignori­eren. Im Gegen­teil: Wir müssen uns mit den Grün­den auseinan­der­set­zen, warum Men­schen AfD wählen, ihre Sor­gen ernst nehmen und bessere Antworten geben. Aber die Antwort darauf kann nicht sein, extreme Posi­tio­nen Stück für Stück zu nor­mal­isieren und die AfD zu behan­deln, als sei sie eine Partei wie jede andere.

 

Schw­erin steckt seit Jahren in finanziellen Schwierigkeit­en. Gle­ichzeit­ig erwarten die Bürg­er funk­tion­ierende Schulen, Straßen, soziale Ange­bote und eine leis­tungs­fähige Ver­wal­tung. Ist die Stadt aus Ihrer Sicht struk­turell unter­fi­nanziert oder gibt Schw­erin an den falschen Stellen Geld aus? Was müsste das Land verän­dern?

 Schw­erin muss selb­stver­ständlich jede Aus­gabe kri­tisch prüfen. Aber das Grund­prob­lem lässt sich nicht durch ein biss­chen sparsameres Wirtschaften lösen.

Kom­munen erfüllen einen großen Teil der Auf­gaben, die Bund und Land poli­tisch beschließen. Gle­ichzeit­ig steigen Kosten etwa bei Jugend­hil­fe, sozialen Leis­tun­gen, Per­son­al, Schulen, Infra­struk­tur und öffentlichem Nahverkehr. Wenn Kom­munen dafür nicht aus­re­ichend aus­ges­tat­tet wer­den, bleibt am Ende immer weniger Raum für eigene Gestal­tung.

Für mich muss deshalb stärk­er das Prinzip gel­ten: Wer Auf­gaben und Stan­dards bestellt, muss sie auch auskömm­lich finanzieren.

Das Land sollte den kom­mu­nalen Finan­zaus­gle­ich regelmäßig an den tat­säch­lichen Belas­tun­gen der Kom­munen aus­richt­en und Sozial- und Jugend­hil­fekosten angemessen berück­sichti­gen. Gle­ichzeit­ig brauchen wir ver­lässlichere Investi­tio­nen in Schulen, Infra­struk­tur und ÖPNV.

Kom­mu­nale Selb­stver­wal­tung funk­tion­iert nur, wenn Städte und Gemein­den tat­säch­lich noch etwas selb­st gestal­ten kön­nen und nicht lediglich Pflich­tauf­gaben und Defizite ver­wal­ten.

 

Sie beschäfti­gen sich beru­flich mit IT-Sicher­heit. Wie gut oder schlecht sind Meck­len­burg-Vor­pom­mern und seine Kom­munen bei der Dig­i­tal­isierung der Ver­wal­tung tat­säch­lich aufgestellt, und was wür­den Sie als Land­tagsab­ge­ord­neter konkret verän­dern?

Ste­fan Burg­er: Wir haben Fortschritte gemacht. Mir fehlt aber weit­er­hin ein konkreter strate­gis­ch­er Fahrplan: Wo wollen wir in fünf oder zehn Jahren ste­hen, wie binden wir Lan­des- und Kom­mu­nal­dien­stleis­ter ein und welche Kom­pe­ten­zen und Wertschöp­fung wollen wir dauer­haft im Land hal­ten?

Die Zahl der Online­for­mu­la­re darf dabei nicht unser Erfol­gs­maßstab sein. Ein dig­i­taler Antrag, der anschließend aus­ge­druckt, über­tra­gen oder in mehreren Fachver­fahren erneut erfasst wer­den muss, ist keine durchge­hend dig­i­tale Ver­wal­tung.

Ich möchte klare lan­desweite Stan­dards, offene Schnittstellen und grund­sät­zlich auch das Once-Only-Prinzip. Dabei müssen aber die Daten­schutz­grund­sätze gel­ten. Der Staat sollte Dat­en nicht vor­sor­glich sam­meln oder länger vorhal­ten, nur weil sie irgend­wann noch ein­mal nüt­zlich sein kön­nten. Es geht darum, bere­its recht­mäßig vorhan­dene Dat­en sin­nvoll zu nutzen, wo das zuläs­sig und erforder­lich ist.

Eine leis­tungs­fähige dig­i­tale Ver­wal­tung hat für mich zwei Seit­en. Sie muss den All­t­ag der Bürg­erin­nen und Bürg­er ein­fach­er machen. Gle­ichzeit­ig ist sie ein wichtiger Stan­dort­fak­tor für unsere Wirtschaft. Unternehmen brauchen schnelle, ver­lässliche und möglichst medi­en­bruch­freie Schnittstellen zur Ver­wal­tung, ob bei Genehmi­gun­gen, Förderver­fahren, Mel­dun­gen oder Unternehmensgrün­dun­gen. Wenn die Ver­wal­tung dig­i­tal gut funk­tion­iert, prof­i­tieren deshalb nicht nur Behör­den, son­dern auch Wirtschaft und Beschäf­ti­gung.

Dafür möchte ich die DVZ als lan­de­seige­nen IT-Dien­stleis­ter stärken. Das Land sollte zen­trale dig­i­tale Infra­struk­tur und Kom­pe­ten­zen selb­st beherrschen und sich nicht von weni­gen Anbi­etern abhängig machen. Zu ein­er echt­en Dig­i­tal­strate­gie gehört für mich deshalb auch die Frage, welche Leis­tun­gen wir bewusst im Land erbrin­gen, wie wir dig­i­tale Sou­veränität sich­ern und wie wir daraus hochw­er­tige Arbeit­splätze und Know-how in Meck­len­burg-Vor­pom­mern schaf­fen und sich­ern.

 

In Ihrem Wahlkreis spielt bezahlbares Wohnen eine große Rolle. Gle­ichzeit­ig ste­hen Woh­nung­sun­ternehmen vor erhe­blichen Sanierungs- und Mod­ernisierungskosten. Wie wollen Sie Kli­maschutz, ener­getis­che Sanierung und bezahlbare Mieten miteinan­der vere­in­baren?

Für mich ist die entschei­dende Größe nicht allein die Kalt­mi­ete, son­dern was eine Woh­nung am Ende inklu­sive Energie kostet.

Wenn ein Gebäude ener­getisch saniert wird, anschließend aber die Miete so stark steigt, dass sich die bish­eri­gen Bewohner­in­nen und Bewohn­er die Woh­nung nicht mehr leis­ten kön­nen, ist die Wärmewende sozial gescheit­ert. Gle­ichzeit­ig wäre es genau­so falsch, notwendi­ge Sanierun­gen aufzuschieben und die Men­schen dauer­haft hohen Heizkosten auszuset­zen.

Deshalb brauchen wir öffentliche Förderung ins­beson­dere für kom­mu­nale und genossen­schaftliche Woh­nung­sun­ternehmen und langfristige Miet­preis­bindun­gen dort, wo öffentliche Mit­tel einge­set­zt wer­den.

Schw­erin hat mit seinem Fer­n­wärmenetz und der kom­mu­nalen Wärme­pla­nung grund­sät­zlich gute Voraus­set­zun­gen. Jet­zt müssen Land, Stadtwerke und Woh­nungswirtschaft die notwendi­gen Investi­tio­nen so organ­isieren, dass daraus langfristig bezahlbare Wärme entste­ht.

Kli­maschutz darf kein Luxu­s­pro­jekt sein. Ger­ade Haushalte mit wenig Einkom­men müssen von niedrigeren Energiekosten prof­i­tieren.

 

Schw­erin braucht wirtschaftlich­es Wach­s­tum, Unternehmen­san­sied­lun­gen und gut bezahlte Arbeit­splätze. Gle­ichzeit­ig kön­nen Klima‑, Bau- und Umweltvor­gaben Investi­tio­nen ver­teuern oder verzögern. Wo wären für Sie Kom­pro­misse möglich und wo ziehen Sie eine Gren­ze?

Wirtschaft und Kli­maschutz gegeneinan­der auszus­pie­len halte ich für einen Fehler. Ger­ade Meck­len­burg-Vor­pom­mern hat mit erneuer­bar­er Energie einen Stan­dortvorteil, den wir viel stärk­er für Indus­triean­sied­lun­gen nutzen soll­ten. Dazu gehört für mich auch, dass Unternehmen tat­säch­lich von niedrigeren Net­zent­gel­ten prof­i­tieren. Wenn wir hier große Men­gen erneuer­bar­er Energie erzeu­gen, muss sich das auch als konkreter Stan­dortvorteil für Wirtschaft und Beschäf­ti­gung bemerk­bar machen.

Unternehmen brauchen aber vor allem Pla­nungssicher­heit und Geschwindigkeit. Wenn eine Genehmi­gung zwei Jahre dauert, wird sie nicht dadurch ökol­o­gis­ch­er. Ich will deshalb klare Stan­dards, dig­i­tal­isierte Ver­fahren, aus­re­ichend Per­son­al in Genehmi­gungs­be­hör­den und verbindlichere Bear­beitungsziele.

Kom­pro­misse sind für mich bei Ver­fahren möglich, bei Mehrfach­prü­fun­gen, unnöti­gen Nach­weispflicht­en oder bei der Frage, wie ein poli­tisch geset­ztes Ziel tech­nisch erre­icht wird.

Die Gren­ze liegt dort, wo wir dauer­haft Natur zer­stören, Gesund­heit gefährden oder Kli­maziele schlicht ignori­eren sollen.

Bürokratieab­bau bedeutet für mich, Ver­fahren schlanker und schneller zu machen. Es bedeutet nicht, Stan­dards abzuschaf­fen, die Men­schen und Umwelt schützen.

 

In Teilen Ihres Wahlkreis­es beschäfti­gen die Men­schen Migra­tion, soziale Kon­flik­te und Sicher­heit beson­ders stark. Wo sehen Sie tat­säch­liche Prob­leme bei Inte­gra­tion und Sicher­heit und wo wird die Debat­te aus Ihrer Sicht poli­tisch überze­ich­net? Welche konkreten Maß­nah­men wür­den Sie unter­stützen?

Wir dür­fen Prob­leme nicht kleinre­den. Wenn Men­schen sich auf einem Platz unsich­er fühlen, wenn es Gewalt, Beläs­ti­gun­gen oder andere Straftat­en gibt, muss der Staat reagieren. Regeln gel­ten für jeden, unab­hängig von Herkun­ft. Polizei und Ord­nungs­be­hör­den müssen ansprech­bar und dort präsent sein, wo tat­säch­lich Prob­leme auftreten.

Dabei sehe ich den Ruf nach immer mehr Videoüberwachung kri­tisch. Kam­eras kön­nen in bes­timmten Sit­u­a­tio­nen ein Baustein sein, sie erset­zen aber wed­er Polizeipräsenz noch Präven­tion und lösen soziale Prob­leme nicht. Wir soll­ten nicht den Ein­druck ver­mit­teln, dass mehr Überwachung automa­tisch mehr Sicher­heit schafft. Solche Maß­nah­men müssen einen konkreten Zweck erfüllen, ver­hält­nis­mäßig sein und regelmäßig darauf über­prüft wer­den, ob sie tat­säch­lich einen Sicher­heits­gewinn brin­gen.

Genau­so wichtig ist mir, nicht jedes soziale Prob­lem auf Migra­tion zu reduzieren. Ger­ade in Neu Zip­pen­dorf und im Mueßer Holz tre­f­fen viele Fak­toren aufeinan­der: Arbeit­slosigkeit, Kinder­ar­mut, schwierige Bil­dungschan­cen, soziale Seg­re­ga­tion und ein ver­gle­ich­sweise hoher Anteil von Men­schen mit Migra­tions­geschichte. Wer daraus nur eine Migra­tions­de­bat­te macht, greift zu kurz.

Inte­gra­tion funk­tion­iert aus mein­er Sicht vor allem über Sprache, Bil­dung, Arbeit und Begeg­nung. Wir brauchen aus­re­ichend Sprach­förderung in Kitas und Schulen, schnellere Anerken­nung beru­flich­er Qual­i­fika­tio­nen, einen leichteren Weg in Aus­bil­dung und Beschäf­ti­gung und dauer­haft finanzierte Stadt­teil- und Jugen­dar­beit.

Gle­ichzeit­ig muss ein hand­lungs­fähiger Staat Regeln durch­set­zen. Inte­gra­tion und Sicher­heit sind für mich keine Gegen­sätze.

Poli­tisch prob­lema­tisch wird es dort, wo einzelne Vor­fälle genutzt wer­den, um ganze Bevölkerungs­grup­pen unter Gen­er­alver­dacht zu stellen oder Äng­ste bewusst zu ver­stärken. Das löst kein einziges konkretes Prob­lem.

 

Wenn wir Sie 2031 erneut inter­viewen: Welche drei konkreten Verän­derun­gen müssten im Großen Dreesch, in Neu Zip­pen­dorf, Mueßer Holz, Kreb­s­för­den und den übri­gen Teilen Ihres Wahlkreis­es sicht­bar oder spür­bar sein, damit Sie Ihre Arbeit im Land­tag als erfol­gre­ich beze­ich­nen wür­den?

Erstens: Die Adresse eines Kindes muss weniger über seine Chan­cen entschei­den. Ich möchte 2031 sehen kön­nen, dass Kinder­ar­mut und Arbeit­slosigkeit ins­beson­dere im Mueßer Holz, in Neu Zip­pen­dorf und auf dem Großen Dreesch mess­bar zurück­ge­gan­gen sind und Schulen sowie Jugend- und Sozialar­beit dort dauer­haft gut aus­ges­tat­tet sind.

Zweit­ens: Der All­t­ag im gesamten Wahlkreis muss ein­fach­er gewor­den sein. Dazu gehören ein ver­lässlich­er Nahverkehr auch in den äußeren Stadt­teilen, sichere Rad- und Fußwege, gute öffentliche Räume und eine Ver­wal­tung, bei der Men­schen ihre Anliegen unkom­pliziert dig­i­tal oder per­sön­lich erledi­gen kön­nen.

Drit­tens: Ich möchte sehen, dass Zukun­ftsin­vesti­tio­nen tat­säch­lich umge­set­zt wur­den. Bezahlbar saniert­er Wohn­raum, eine kli­mafre­undliche und bezahlbare Wärmev­er­sorgung und neue gute Arbeit­splätze, ger­ade auf unseren Gewerbe- und Indus­trieflächen im Schw­er­iner Süden.

Wenn Men­schen 2031 sagen kön­nen: „Hier hat sich wirk­lich etwas verbessert und Poli­tik hat nicht nur darüber gere­det“, dann wäre das für mich ein Erfolg.

Vie­len Dank für das Gespräch.

Das Inter­view führte Dario Rochow