KURS-Brief:
Teurer Sprit in Schwerin und warum sich die EU schon auf eine Ölkrise vorbereitet
Tanken in Schwerin wird wieder deutlich teurer: Diesel kratzt an der Marke von 2,40 Euro pro Liter. Gleichzeitig wächst in Brüssel die Sorge vor einer Ölkrise. Gegenmaßnahmen werden schon abgestimmt.

Autofahrer in Schwerin merken es derzeit direkt an der Zapfsäule: Tanken wird wieder deutlich teurer. Anfang April erreichte der Dieselpreis in Deutschland ein neues Allzeithoch. Im bundesweiten Tagesdurchschnitt kostete ein Liter 2,327 Euro und lag damit sogar über dem bisherigen Rekordwert aus dem Frühjahr 2022. In Schwerin lag der Dieselpreis am Freitagmorgen zwischen 2,33 und 2,40 Euro pro Liter.
Auch Super E10 verteuerte sich weiter und erreichte mit 2,129 Euro je Liter den höchsten Stand des Jahres. Am Freitagmorgen kostete E10 in Schwerin zwischen 2.13 bis 2.17 Euro pro Liter. Für Super E5 lagen die Preise zwischen 2.18 bis 2,23 Euro der Liter.

Für viele Menschen in der Landeshauptstadt sind diese Preise mehr als bloßes Zahlenspiel. Wer täglich aus dem Umland nach Schwerin pendelt – etwa aus Ludwigslust, Parchim, Wismar oder den Gemeinden rund um den Schweriner See – merkt schnell, wie stark sich steigende Spritpreise im Haushaltsbudget bemerkbar machen. In einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern sind viele Menschen weiterhin auf das Auto angewiesen, besonders außerhalb der größeren Städte.
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Die aktuellen Preisentwicklungen haben jedoch Ursachen, die weit über regionale oder nationale Energiepolitik hinausgehen. Sie hängen eng mit geopolitischen Entwicklungen zusammen, insbesondere mit der angespannten Lage im Nahen Osten und den Auswirkungen auf den globalen Ölhandel.
Konflikt im Nahen Osten treibt Ölpreise
Auslöser der jüngsten Preissprünge ist der Konflikt im Nahen Osten und die faktische Blockade der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Transportwege für Rohöl weltweit. Durch diese Meerenge zwischen Iran und Oman wird normalerweise ein erheblicher Teil des weltweit gehandelten Öls transportiert. Jede Störung dieser Route wirkt sich daher sofort auf die internationalen Energiemärkte aus.
Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent stieg infolge der Spannungen zeitweise auf über 120 US-Dollar und pendelt derzeit meist um die Marke von 100 Dollar. Zum Vergleich: Kurz vor Beginn der aktuellen Krise lag der Preis noch bei rund 72 Dollar.

Steigende Rohölpreise schlagen sich in der Regel mit zeitlicher Verzögerung auf die Preise an Tankstellen nieder. Gleichzeitig reagieren Märkte oft sensibel auf mögliche Risiken. Schon die Sorge vor Engpässen kann dazu führen, dass Händler und Unternehmen höhere Preise einkalkulieren.
EU berät über gemeinsame Maßnahmen
Die Europäische Union verfolgt die Entwicklung mit wachsender Aufmerksamkeit. Am letzten Dienstag kamen die Energieminister der Mitgliedstaaten zu einer informellen Videokonferenz zusammen, um über mögliche Auswirkungen auf die europäische Energieversorgung zu beraten.
Nach Angaben des Europäischen Rats ging es bei dem Treffen um einen „Meinungsaustausch über ein koordiniertes Vorgehen der EU in Bezug auf die Energielage im Zusammenhang mit den Entwicklungen im Nahen Osten“. Zuvor hatte die Europäische Kommission die Mitgliedstaaten dazu aufgefordert, ihre Maßnahmen zur Sicherung der Ölversorgung stärker abzustimmen und gleichzeitig Möglichkeiten zur Senkung der Nachfrage zu prüfen.
Der EU-Energiekommissar Dan Jørgensen betonte, Europa sei grundsätzlich gut vorbereitet. Alle Mitgliedstaaten sind verpflichtet, strategische Ölreserven vorzuhalten, die im Notfall genutzt werden können. Außerdem existieren nationale Notfallpläne für den Fall größerer Versorgungsstörungen.
Darüber hinaus beteiligen sich europäische Staaten an der Freigabe strategischer Ölreserven, die von der Internationalen Energieagentur (IEA) koordiniert werden. Insgesamt geht es dabei um mehr als 400 Millionen Barrel Öl aus Notfallbeständen verschiedener Staaten. Rund ein Fünftel dieser Reserven stammt aus europäischen Ländern.
„Die Versorgungssicherheit der Europäischen Union ist weiterhin gewährleistet“, erklärte Jørgensen. Gleichzeitig warnte er jedoch, dass Europa auf eine möglicherweise länger andauernde Störung des internationalen Energiehandels vorbereitet sein müsse.
Neue Regeln für Spritpreise
Parallel zur internationalen Entwicklung steht in Deutschland auch die Preisbildung an den Tankstellen im Fokus. Seit dem 1. April gilt das sogenannte „Österreich-Modell“. Danach dürfen Tankstellen ihre Preise nur noch einmal täglich erhöhen, jeweils um 12 Uhr mittags, sie aber beliebig oft senken.
Die Idee hinter dieser Regelung ist es, extreme Preisschwankungen innerhalb eines Tages zu begrenzen. Gleichzeitig sollen Verbraucher besser einschätzen können, wann Tanken besonders günstig ist. Nach Einschätzung von Experten liegt der günstigste Zeitpunkt künftig meist kurz vor Mittag.
Der ADAC kritisierte jedoch, dass das neue Modell möglicherweise nicht zu sinkenden Preisen führt. Weil Mineralölkonzerne ihre Preise nur einmal am Tag erhöhen dürfen, könnten sie mögliche Risiken bereits im Voraus einpreisen. Der Automobilclub fordert deshalb eine stärkere Kontrolle durch das Bundeskartellamt.
Schaut man auf die Preisentwicklungen der letzten zwei Tage, dann scheinen die Bedenken des ADAC eingetreten zu sein.
Welche Maßnahmen diskutiert werden
Neben kurzfristigen Marktreaktionen diskutieren Politik und Fachwelt auch darüber, wie sich der Ölverbrauch reduzieren lässt. Die Internationale Energieagentur hat dazu bereits vor einigen Jahren einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt, der in Krisensituationen wieder verstärkt in den Blick genommen wird.
Zu den wichtigsten Vorschlägen gehören:
- mehr Homeoffice und flexible Arbeitsmodelle
- niedrigere Höchstgeschwindigkeiten auf Autobahnen
- stärkere Nutzung von Bahn und öffentlichem Nahverkehr
- Fahrgemeinschaften und effizientere Fahrweise
- Einschränkungen von Flugreisen auf Strecken mit Bahn-Alternativen
Solche Maßnahmen könnten kurzfristig dazu beitragen, den Verbrauch zu senken und damit den Druck auf die Energiemärkte zu reduzieren.
In Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern wären manche dieser Maßnahmen jedoch nur begrenzt wirksam. Während in großen Metropolen viele Menschen problemlos auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen können, sind in ländlichen Regionen längere Wege und geringere Taktungen im Nahverkehr üblich.
Blick zurück: Die Ölkrise der 1970er-Jahre
Die aktuelle Diskussion erinnert teilweise an die Ölkrise der 1970er-Jahre. Damals hatten mehrere arabische Staaten im Zuge des Jom-Kippur-Krieges ihre Öllieferungen an westliche Länder eingeschränkt. Innerhalb kurzer Zeit vervierfachte sich der Ölpreis.
Viele europäische Regierungen reagierten mit drastischen Maßnahmen. In Deutschland wurden mehrere autofreie Sonntage eingeführt, Geschwindigkeitsbegrenzungen verschärft und Beleuchtungsregeln für Geschäfte erlassen. Auch andere Länder setzten auf Einschränkungen im Verkehr oder rationierten teilweise den Benzinverkauf.
Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung analysierten damals die möglichen Folgen der Krise. Sie rechneten damit, dass die Wirtschaft der damaligen Europäischen Gemeinschaft infolge der Ölverknappung um ein bis zwei Prozent schrumpfen könnte.
Rückblickend erwiesen sich viele dieser Prognosen als erstaunlich realistisch: Nach einem starken Wachstum im Jahr 1973 stagnierte die Wirtschaft im folgenden Jahr, bevor sie 1975 in eine Rezession rutschte. Die Ölpreiskrise löste weltweit Inflation, wirtschaftliche Abschwächung und steigende Arbeitslosigkeit aus.
Experten: Einsparpotenzial begrenzt, aber vorhanden
Heute sehen Experten die Lage differenzierter. Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung schätzt auf Anfrage unserer Redaktion, dass sich in Deutschland und der EU kurzfristig etwa fünf bis zehn Prozent des Ölverbrauchs einsparen lassen könnten, etwa durch effizientere Fahrzeuge, mehr Homeoffice oder eine stärkere Nutzung von Bahn und öffentlichem Verkehr.
Ein Tempolimit sei dabei „die schnellste und effektivste Einzelmaßnahme zur Verbrauchssenkung im Verkehr“.
Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm verweist dagegen stärker auf die Rolle von Marktmechanismen. Wenn Kraftstoffe künstlich verbilligt würden, könne das die Nachfrage sogar erhöhen und damit die Knappheit verschärfen.
Aus ihrer Sicht spielen daher vor allem Preissignale eine wichtige Rolle: Hohe Preise führen automatisch dazu, dass Verbraucher sparsamer mit Energie umgehen oder nach Alternativen suchen.
Versorgung derzeit gesichert
Trotz der angespannten Lage sehen Experten derzeit keine unmittelbaren Versorgungsengpässe. Deutschland und die anderen Mitgliedsländer der Internationalen Energieagentur verfügen über strategische Ölreserven, die eine Versorgung für rund 90 Tage selbst ohne Importe sichern könnten.
Solange die internationalen Lieferketten funktionieren, gilt daher: Engpässe sind derzeit unwahrscheinlich, auch wenn die Preise hoch bleiben.
Für Autofahrer in Schwerin und im Umland bedeutet das vor allem eines: Entwicklungen auf den internationalen Energiemärkten haben unmittelbare Auswirkungen auf den Alltag. Entscheidungen in Brüssel, Konflikte im Nahen Osten und Schwankungen auf den globalen Rohstoffmärkten spiegeln sich letztlich direkt in den Preisen an den Tankstellen wider.
Und solange die geopolitische Lage angespannt bleibt, dürfte auch die energiepolitische Debatte in Europa an Intensität gewinnen, mit möglichen Folgen für Mobilität, Energieverbrauch und Wirtschaft weit über Schwerin hinaus.




