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KURS-Brief:
Teurer Sprit in Schwerin und warum sich die EU schon auf eine Ölkrise vorbereitet

Tanken in Schwerin wird wieder deutlich teurer: Diesel kratzt an der Marke von 2,40 Euro pro Liter. Gleichzeitig wächst in Brüssel die Sorge vor einer Ölkrise. Gegenmaßnahmen werden schon abgestimmt.

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  • Veröffentlicht April 3, 2026
Foto: Alexan­der Fox | PlaN­et Fox auf Pix­abay

Aut­o­fahrer in Schw­erin merken es derzeit direkt an der Zapf­säule: Tanken wird wieder deut­lich teur­er. Anfang April erre­ichte der Diesel­preis in Deutsch­land ein neues Allzei­thoch. Im bun­desweit­en Tages­durch­schnitt kostete ein Liter 2,327 Euro und lag damit sog­ar über dem bish­eri­gen Reko­rd­w­ert aus dem Früh­jahr 2022. In Schw­erin lag der Diesel­preis am Fre­itag­mor­gen zwis­chen 2,33 und 2,40 Euro pro Liter.

Auch Super E10 ver­teuerte sich weit­er und erre­ichte mit 2,129 Euro je Liter den höch­sten Stand des Jahres. Am Fre­itag­mor­gen kostete E10 in Schw­erin zwis­chen 2.13 bis 2.17 Euro pro Liter. Für Super E5 lagen die Preise zwis­chen 2.18 bis 2,23 Euro der Liter.

Für viele Men­schen in der Lan­deshaupt­stadt sind diese Preise mehr als bloßes Zahlen­spiel. Wer täglich aus dem Umland nach Schw­erin pen­delt – etwa aus Lud­wigslust, Parchim, Wis­mar oder den Gemein­den rund um den Schw­er­iner See – merkt schnell, wie stark sich steigende Sprit­preise im Haushalts­bud­get bemerk­bar machen. In einem Flächen­land wie Meck­len­burg-Vor­pom­mern sind viele Men­schen weit­er­hin auf das Auto angewiesen, beson­ders außer­halb der größeren Städte.

 

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Die aktuellen Preisen­twick­lun­gen haben jedoch Ursachen, die weit über regionale oder nationale Energiepoli­tik hin­aus­ge­hen. Sie hän­gen eng mit geopoli­tis­chen Entwick­lun­gen zusam­men, ins­beson­dere mit der anges­pan­nten Lage im Nahen Osten und den Auswirkun­gen auf den glob­alen Ölhan­del.

Konflikt im Nahen Osten treibt Ölpreise

Aus­lös­er der jüng­sten Preis­sprünge ist der Kon­flikt im Nahen Osten und die fak­tis­che Block­ade der Straße von Hor­mus, ein­er der wichtig­sten Trans­portwege für Rohöl weltweit. Durch diese Meerenge zwis­chen Iran und Oman wird nor­maler­weise ein erhe­blich­er Teil des weltweit gehan­del­ten Öls trans­portiert. Jede Störung dieser Route wirkt sich daher sofort auf die inter­na­tionalen Energiemärk­te aus.

Der Preis für ein Bar­rel der Nord­seesorte Brent stieg infolge der Span­nun­gen zeitweise auf über 120 US-Dol­lar und pen­delt derzeit meist um die Marke von 100 Dol­lar. Zum Ver­gle­ich: Kurz vor Beginn der aktuellen Krise lag der Preis noch bei rund 72 Dol­lar.

Steigende Rohöl­preise schla­gen sich in der Regel mit zeitlich­er Verzögerung auf die Preise an Tankstellen nieder. Gle­ichzeit­ig reagieren Märk­te oft sen­si­bel auf mögliche Risiken. Schon die Sorge vor Eng­pässen kann dazu führen, dass Händler und Unternehmen höhere Preise einkalkulieren.

EU berät über gemeinsame Maßnahmen

Die Europäis­che Union ver­fol­gt die Entwick­lung mit wach­sender Aufmerk­samkeit. Am let­zten Dien­stag kamen die Energiem­i­nis­ter der Mit­glied­staat­en zu ein­er informellen Videokon­ferenz zusam­men, um über mögliche Auswirkun­gen auf die europäis­che Energiev­er­sorgung zu berat­en.

Nach Angaben des Europäis­chen Rats ging es bei dem Tre­f­fen um einen „Mei­n­ungsaus­tausch über ein koor­diniertes Vorge­hen der EU in Bezug auf die Energielage im Zusam­men­hang mit den Entwick­lun­gen im Nahen Osten“. Zuvor hat­te die Europäis­che Kom­mis­sion die Mit­glied­staat­en dazu aufge­fordert, ihre Maß­nah­men zur Sicherung der Ölver­sorgung stärk­er abzus­tim­men und gle­ichzeit­ig Möglichkeit­en zur Senkung der Nach­frage zu prüfen.

Der EU-Energiekom­mis­sar Dan Jør­gensen betonte, Europa sei grund­sät­zlich gut vor­bere­it­et. Alle Mit­glied­staat­en sind verpflichtet, strate­gis­che Ölre­ser­ven vorzuhal­ten, die im Not­fall genutzt wer­den kön­nen. Außer­dem existieren nationale Not­fallpläne für den Fall größer­er Ver­sorgungsstörun­gen.

Darüber hin­aus beteili­gen sich europäis­che Staat­en an der Freiga­be strate­gis­ch­er Ölre­ser­ven, die von der Inter­na­tionalen Energieagen­tur (IEA) koor­diniert wer­den. Ins­ge­samt geht es dabei um mehr als 400 Mil­lio­nen Bar­rel Öl aus Not­fallbestän­den ver­schieden­er Staat­en. Rund ein Fün­f­tel dieser Reser­ven stammt aus europäis­chen Län­dern.

„Die Ver­sorgungssicher­heit der Europäis­chen Union ist weit­er­hin gewährleis­tet“, erk­lärte Jør­gensen. Gle­ichzeit­ig warnte er jedoch, dass Europa auf eine möglicher­weise länger andauernde Störung des inter­na­tionalen Energiehan­dels vor­bere­it­et sein müsse.

Neue Regeln für Spritpreise

Par­al­lel zur inter­na­tionalen Entwick­lung ste­ht in Deutsch­land auch die Preis­bil­dung an den Tankstellen im Fokus. Seit dem 1. April gilt das soge­nan­nte „Öster­re­ich-Mod­ell“. Danach dür­fen Tankstellen ihre Preise nur noch ein­mal täglich erhöhen, jew­eils um 12 Uhr mit­tags, sie aber beliebig oft senken.

Die Idee hin­ter dieser Regelung ist es, extreme Preiss­chwankun­gen inner­halb eines Tages zu begren­zen. Gle­ichzeit­ig sollen Ver­brauch­er bess­er ein­schätzen kön­nen, wann Tanken beson­ders gün­stig ist. Nach Ein­schätzung von Experten liegt der gün­stig­ste Zeit­punkt kün­ftig meist kurz vor Mit­tag.

Der ADAC kri­tisierte jedoch, dass das neue Mod­ell möglicher­weise nicht zu sink­enden Preisen führt. Weil Min­er­alölkonz­erne ihre Preise nur ein­mal am Tag erhöhen dür­fen, kön­nten sie mögliche Risiken bere­its im Voraus ein­preisen. Der Auto­mo­bil­club fordert deshalb eine stärkere Kon­trolle durch das Bun­deskartel­lamt.

Schaut man auf die Preisen­twick­lun­gen der let­zten zwei Tage, dann scheinen die Bedenken des ADAC einge­treten zu sein.

Welche Maßnahmen diskutiert werden

Neben kurzfristi­gen Mark­treak­tio­nen disku­tieren Poli­tik und Fach­welt auch darüber, wie sich der Ölver­brauch reduzieren lässt. Die Inter­na­tionale Energieagen­tur hat dazu bere­its vor eini­gen Jahren einen Zehn-Punk­te-Plan vorgelegt, der in Krisen­si­t­u­a­tio­nen wieder ver­stärkt in den Blick genom­men wird.

Zu den wichtig­sten Vorschlä­gen gehören:

  • mehr Home­of­fice und flex­i­ble Arbeitsmod­elle
  • niedrigere Höch­st­geschwindigkeit­en auf Auto­bah­nen
  • stärkere Nutzung von Bahn und öffentlichem Nahverkehr
  • Fahrge­mein­schaften und effizien­tere Fahrweise
  • Ein­schränkun­gen von Flu­greisen auf Streck­en mit Bahn-Alter­na­tiv­en

Solche Maß­nah­men kön­nten kurzfristig dazu beitra­gen, den Ver­brauch zu senken und damit den Druck auf die Energiemärk­te zu reduzieren.

In Regio­nen wie Meck­len­burg-Vor­pom­mern wären manche dieser Maß­nah­men jedoch nur begren­zt wirk­sam. Während in großen Metropolen viele Men­schen prob­lem­los auf öffentliche Verkehrsmit­tel umsteigen kön­nen, sind in ländlichen Regio­nen län­gere Wege und gerin­gere Tak­tun­gen im Nahverkehr üblich.

Blick zurück: Die Ölkrise der 1970er-Jahre

Die aktuelle Diskus­sion erin­nert teil­weise an die Ölkrise der 1970er-Jahre. Damals hat­ten mehrere ara­bis­che Staat­en im Zuge des Jom-Kip­pur-Krieges ihre Ölliefer­un­gen an west­liche Län­der eingeschränkt. Inner­halb kurz­er Zeit vervier­fachte sich der Ölpreis.

Viele europäis­che Regierun­gen reagierten mit drastis­chen Maß­nah­men. In Deutsch­land wur­den mehrere aut­ofreie Son­ntage einge­führt, Geschwindigkeits­be­gren­zun­gen ver­schärft und Beleuch­tungsregeln für Geschäfte erlassen. Auch andere Län­der set­zten auf Ein­schränkun­gen im Verkehr oder rationierten teil­weise den Ben­z­in­verkauf.

Ökonomen des Deutschen Insti­tuts für Wirtschafts­forschung analysierten damals die möglichen Fol­gen der Krise. Sie rech­neten damit, dass die Wirtschaft der dama­li­gen Europäis­chen Gemein­schaft infolge der Ölverk­nap­pung um ein bis zwei Prozent schrumpfen kön­nte.

Rück­blick­end erwiesen sich viele dieser Prog­nosen als erstaunlich real­is­tisch: Nach einem starken Wach­s­tum im Jahr 1973 stag­nierte die Wirtschaft im fol­gen­den Jahr, bevor sie 1975 in eine Rezes­sion rutschte. Die Ölpreiskrise löste weltweit Infla­tion, wirtschaftliche Abschwächung und steigende Arbeit­slosigkeit aus.

Experten: Einsparpotenzial begrenzt, aber vorhanden

Heute sehen Experten die Lage dif­feren­ziert­er. Energieökonomin Clau­dia Kem­fert vom Deutschen Insti­tut für Wirtschafts­forschung schätzt auf Anfrage unser­er Redak­tion, dass sich in Deutsch­land und der EU kurzfristig etwa fünf bis zehn Prozent des Ölver­brauchs eins­paren lassen kön­nten, etwa durch effizien­tere Fahrzeuge, mehr Home­of­fice oder eine stärkere Nutzung von Bahn und öffentlichem Verkehr.

Ein Tem­polim­it sei dabei „die schnell­ste und effek­tivste Einzel­maß­nahme zur Ver­brauchssenkung im Verkehr“.

Die Wirtschaftsweise Veroni­ka Grimm ver­weist dage­gen stärk­er auf die Rolle von Mark­t­mech­a­nis­men. Wenn Kraft­stoffe kün­stlich ver­bil­ligt wür­den, könne das die Nach­frage sog­ar erhöhen und damit die Knap­pheit ver­schär­fen.

Aus ihrer Sicht spie­len daher vor allem Preissig­nale eine wichtige Rolle: Hohe Preise führen automa­tisch dazu, dass Ver­brauch­er sparsamer mit Energie umge­hen oder nach Alter­na­tiv­en suchen.

Versorgung derzeit gesichert

Trotz der anges­pan­nten Lage sehen Experten derzeit keine unmit­tel­baren Ver­sorgungsen­g­pässe. Deutsch­land und die anderen Mit­glied­slän­der der Inter­na­tionalen Energieagen­tur ver­fü­gen über strate­gis­che Ölre­ser­ven, die eine Ver­sorgung für rund 90 Tage selb­st ohne Importe sich­ern kön­nten.

Solange die inter­na­tionalen Liefer­ket­ten funk­tion­ieren, gilt daher: Eng­pässe sind derzeit unwahrschein­lich, auch wenn die Preise hoch bleiben.

Für Aut­o­fahrer in Schw­erin und im Umland bedeutet das vor allem eines: Entwick­lun­gen auf den inter­na­tionalen Energiemärk­ten haben unmit­tel­bare Auswirkun­gen auf den All­t­ag. Entschei­dun­gen in Brüs­sel, Kon­flik­te im Nahen Osten und Schwankun­gen auf den glob­alen Rohstoffmärk­ten spiegeln sich let­ztlich direkt in den Preisen an den Tankstellen wider.

Und solange die geopoli­tis­che Lage anges­pan­nt bleibt, dürfte auch die energiepoli­tis­che Debat­te in Europa an Inten­sität gewin­nen, mit möglichen Fol­gen für Mobil­ität, Energie­ver­brauch und Wirtschaft weit über Schw­erin hin­aus.