Therapeuten demonstrieren für Schulgeldfreiheit

Um für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren, fahren auch Therapeuten aus Mecklenburg-Vorpommern mit dem Fahrrad bis Berlin. Vor Ort wollen sie ihrer Forderungen nach einer bundesweiten kostenlosen Ausbildung Nachdruck verleihen. Unterstützung erhielten sie gestern in Schwerin auch aus der Landespolitik.

Schulgeldfreiheit für therapeutische Berufe war gestern eine der Hauptforderungen in Schwerin.
Foto: Dario Rochow | Schwerin-Lokal.de

Der Hilferuf war gestern in Schwerin nicht zu überhören: Therapeuten haben es in Deutschland schwer. Die Probleme mit denen Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden tagtäglich zu kämpfen haben, sind vielfältig. Alles beginnt schon mit der Ausbildung.

Es gibt keine Ausbildungsvergütung wie im Handwerk oder auch in der Pflege, häufig wird sogar Schulgeld fällig. Nach Abschluss der Ausbildung dürfen zudem viele Therapien (etwa Manuelle Therapie in der Physiotherapie) nicht angewendet werden, weil dafür Zertifikate notwendig sind, die erst in einer weiteren, teuren Weiterbildung erworben werden müssen. Der Start in den Beruf ist meist mit Schulden von 20 000 Euro und mehr belastet. Viele Auszubildenden müssten daher neben der Ausbildung arbeiten, damit die Gebühren und Lebensunterhaltskosten bezahlt werden können. Doch reißen die Sorgen auch nach bestandener Prüfung nicht ab.

 

Wartelisten wachsen 

 

Ein ausgebildeter Therapeut verdient im Schnitt monatlich 2 100 Euro brutto, dazu kommen lange Arbeitszeiten, da viele Anträge ausgefüllt oder Rezepte überprüft werden müssen. Die 29-jährige Sarah Strahl ist Logopädin und betreibt zwei Praxen in Kühlungsborn und Satow. Gestern schildert sie die Situation in ihrem Beruf. Ein Hausbesuch würde von der AOK beispielsweise mit einem Stundensatz von 6,35 Euro vergütet. „Dafür lohnt es sich nicht einmal ins Auto zu steigen.“, sagt Strahl.

Auch die Landespolitik erhielt gestern die Forderungen der Therapeuten überreicht
Foto: Dario Rochow | Schwerin-Lokal.de

Angesichts solch einer Situation kann die junge Frau gut verstehen, dass sie im Moment Mitarbeiter sucht, aber gut ein Jahr keine einzige Bewerbung erhält. Inzwischen sei bei ihr in der Praxis die Warteliste auf 80 Patienten angewachsen. Was die Logopädin schildert ist kein Einzelfall. Das Problem kann aus Sicht der Therapeuten nur behoben werden, wenn die Ausbildung attraktiver werde und dafür müssten zuerst die Gebühren abgeschafft werden.

 

Bundesregierung möchte bis 2021 liefern

 

In Hamburg und Schleswig-Holstein haben die Landesregierungen schon reagiert. Das Schulgeld wurde abgeschafft. Gerade erst hat auch das Land Niedersachsen angekündigt, dass das Schuldgeld abgeschafft werden soll. In diesem Jahr wird es dazu eine Richtlinie geben und im kommenden Jahr soll ein entsprechendes Gesetz verabschiedet werden. 

 

 

In Mecklenburg-Vorpommern ist man aber noch lange nicht so weit. Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag, Sebastian Ehlers verwies in einer Rede an die Demonstrierenden dann auch darauf, dass das Thema Schulgeldfreiheit im Moment auf der Bundesebene geregelt wird. Gerade erst habe man die Beitragsfreiheit für Kitas im Land durchgesetzt. Hier habe man sehr viel Geld in die Hand genommen. Die finanziellen Spielräume der Landesregierung, so Ehlers, seien begrenzt. Darüber hinaus gäbe es auch noch „zwei, drei andere Baustellen“, denen man sich widmen müsse. Grundsätzlich betonte der Landtagsabgeordnete aber, dass seine Fraktion die Forderung nach der Abschaffung des Schulgeldes unterstützt. Es sei aber vor allem ein Thema, dass auf der Bundesebene angesiedelt ist. Der Applaus der Zuhörer blieb gestern sehr verhalten. 

In Berlin möchten die Therapeuten Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ihre Forderungen vortragen
Foto: Dario Rochow | Schwerin-Lokal.de

Nach dem Willen der Bundesregierung soll das Schulgeld in den Gesundheitsberufen bis 2021 abgeschafft werden. Die Befreiung des Schulgeldes nach dem Stichtagsprizip schafft indes Probleme. Interessenverbände klagen, dass viele Auszubildene, die von der Regelung ausgeschlossen sind, ihre bezahlte Ausbildung abbrechen könnten, um die Ausbildung schulgeldbefreit nochmal beginnen zu können.

 

LINKE kündigt Initiative gegen das Schulgeld an

 

Der Landtagsabgeordnete der LINKEN, Torsten Koplin  öchte die Schulgeldfreiheit nicht auf die Bundesebene verschoben wissen. „Wie lange möchte MV denn noch warten?“, fragte der Oppositionspolitiker. Das Schulgeld gehöre sofort abgeschafft, da es eine „soziale Ungerechtigkeit“ sei. Gerade für ein Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern, dass sich seit Jahren das Ziel „Gesundheitsland Nummer 1“ zu werden auf die Fahnen geschrieben habe, sei das Schulgeld in den Gesundheitsberufen nicht hinnehmbar. So werde seine Fraktion im Rahmen der kommenden Landtagssitzungswoche in 14 Tage die Abschaffung des Schulgeldes beantragen.

Viele Auszubildende und Therapeuten unterschrieben gestern auf der Landesfahne von Mecklenburg-Vorpommern. So unterstützen sie in Berlin sichtbar ihre Forderungen Foto: Dario Rochow | Schwerin-Lokal.de

 

Die Therapeuten wollen angesichts ihrer Lage auch nicht auf die Bundesregierung warten. Gehandelt werden müsse jetzt, so der Tenor der gestrigen Veranstaltung. Die „Therapeuten am Limit“, die immer wieder auf die kritische Lage in den Gesundheitsberufen aufmerksam gemacht haben, sind vor einigen Tagen bundesweit an verschiedenen Orten gestartet, um gemeinsam am 6. Juni um 11 Uhr am Bundesministerium für Gesundheit in Berlin bei einer großen Kundgebung zusammen zu kommen. Auch aus Mecklenburg-Vorpommern nahmen gestern Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Logopäden, Podologen, Masseure und Diätassistenten an der „Tour de Spahn“ teil. Nach der Kundgebung vor der Siegessäule in Schwerin machten sich der Fahrradtross gestern auf den Weg. Bei der Hitze hatten die Radler sich einiges vorgenommen: Es sollte 78 Kilometer bis Perleberg gehen. Überall auf der Strecke werden sich Therapeuten anschließen und nach Berlin zu Bundesgesundheitsminister Jens Spahn fahren. 

 

Stefan Rochow

Journalist, Unternehmer und Gründer der digitalen Tageszeitung Schwerin-Lokal.de. Sie erreichen mich per E-Mail unter redaktion@schwerinlokal.de

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