Neue politische Kraft -
Thomas L. Kemmerich: „Wir kennen keine Brandmauer“
Thomas L. Kemmerich lehnt eine Brandmauer zur AfD ab. Im SNO-Interview erklärt der Team-Freiheit-Chef, warum für ihn Inhalte statt Parteigrenzen entscheiden sollen. Auch bei der Ministerpräsidentenwahl.

Team Freiheit tritt bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern erstmals zu einer Wahl an. Parteichef Thomas L. Kemmerich will vor allem enttäuschte Wähler von CDU und FDP erreichen, macht aber auch AfD-Wählern ein Angebot. Im Interview mit SNO spricht der frühere Thüringer Ministerpräsident über das Wahlziel seiner Partei, weniger Staat, den umstrittenen Finanzamt-Slogan und sein Verhältnis zur AfD.
SNO: Deutschland hat bereits zahlreiche Parteien. Warum braucht es mit Team Freiheit noch eine weitere und was unterscheidet Sie insbesondere von FDP, CDU und AfD?
Thomas L. Kemmerich: In meinen Augen sind die Parteiangebote, die derzeit in den Parlamenten vertreten sind, kollektivistische Angebote. Sie stellen nicht das Individuum in den Vordergrund. Die Freiheit des Einzelnen wird weiter eingeschränkt, die soziale Marktwirtschaft wird ausgehöhlt und der Glaube an den Staat immer größer.
Wir wollen ein liberal-libertäres Angebot machen: für mehr Freiheit, für die soziale Marktwirtschaft und für die Kraft des Kapitalismus, der Wohlstand und Wachstum geschaffen hat – natürlich mit sozialem Ausgleich. Gleichzeitig muss sich der Staat wieder auf seine Kernaufgaben beschränken: innere und äußere Sicherheit, Infrastruktur und ein umfassendes Bildungssystem.
SNO: Das klingt nach Positionen, die früher auch die FDP vertreten hat.
Thomas L. Kemmerich: Das waren mal klassische FDP-Themen, von denen sich diese Partei zuletzt aber immer weiter verabschiedet hat und nach links weggedriftet ist. Gerade während der Ampelzeit haben wir aus meiner Sicht zu viele staatliche Eingriffe erlebt. Das betrifft etwa das Selbstbestimmungsgesetz und andere Gesetzgebungen, an denen die FDP mitgewirkt hat. Wir sagen deshalb im Wahlkampf: Wir sind die FDP, die es nie gab.
SNO: Mecklenburg-Vorpommern ist die erste Landtagswahl, bei der Team Freiheit antritt. Warum gerade hier?
Thomas L. Kemmerich: Die Partei ist ziemlich genau ein Jahr alt. Irgendwann muss man erstmals zu einer Wahl antreten. Mecklenburg-Vorpommern ist ein Land mit viel Mittelstand und vielen leistungsbereiten Menschen – gerade in Gastronomie und Tourismus, aber auch bei kleinen Handwerksbetrieben.
Diese Menschen werden mit Dokumentationspflichten, Berichtspflichten, Bürokratie und hohen Abgaben belastet. Wir haben hier zudem schnell Unterstützer gefunden und eine gute Mannschaft aufgebaut. Deshalb haben wir uns entschieden, bei dieser Wahl erstmals vor die Wähler zu treten.
SNO: Mit welchem Ergebnis wären Sie am 20. September zufrieden? Ist der Einzug in den Landtag das klare Ziel?
Thomas L. Kemmerich: Natürlich treten wir an, um in den Landtag einzuziehen und die Geschicke des Landes mitzubeeinflussen. Wir wollen nach mehr als 30 Jahren die SPD-Führung des Landes beenden und Mecklenburg-Vorpommern die Chance geben, sich aus eigener Kraft zu entwickeln.
Natürlich ist es für einen Newcomer schwer, von null auf hundert durchzustarten. Ein Ergebnis zwischen fünf und acht Prozent wäre für uns ein schöner Abend. Zunächst denken wir aber an fünf Prozent plus.
SNO: Woher sollen diese Wähler kommen? Von FDP und CDU – oder auch von der AfD?
Thomas L. Kemmerich: Es gibt eine große Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien. Wir richten unser Angebot insbesondere an die Leistungsträger der Gesellschaft, die aus unserer Sicht keine Lobby mehr haben.
Dazu gehören enttäuschte CDU-Wähler, frühere FDP-Wähler, Handwerker und Mittelständler. Natürlich sind in den vergangenen Monaten und Jahren auch viele ehemalige CDU‑, FDP- und SPD-Wähler zur AfD gegangen. Auch diesen Menschen machen wir ein Angebot. Diese Unzufriedenheit wollen wir im positiven Sinne aufnehmen.
SNO: Sie haben Team Freiheit als „Lobbyisten für Leistungsträger“ bezeichnet. Wer gehört für Sie dazu? Auch Arbeitnehmer mit kleinen und mittleren Einkommen?
Thomas L. Kemmerich: Damit meine ich jeden, der täglich aufsteht, seine Kinder zur Schule oder in den Kindergarten bringt, acht Stunden oder mehr arbeitet und merkt, dass der Staat immer weiter in seine Tasche greift.
Es geht mir nicht nur um Porschefahrer und Rolexträger, sondern gerade um kleine und mittlere Einkommen. Sie brauchen eine deutliche Entlastung bei Steuern und Sozialabgaben. Leistung muss sich wieder lohnen. Deshalb halte ich auch Überlegungen zur Abschaffung von Minijobs für falsch. Millionen Menschen gehen solchen Beschäftigungen nach. Gerade für Mecklenburg-Vorpommern mit Gastronomie und Tourismus ist das wichtig. Viele wollen oder müssen sich etwas hinzuverdienen.
SNO: Für Aufsehen hat Ihr Wahlplakat mit dem Satz „Ganz MV hasst das Finanzamt“ gesorgt. Sie sagen, Wahlkampf müsse zuspitzen. Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Zuspitzung und Populismus?
Thomas L. Kemmerich: Das liegt zunächst im Auge des Betrachters. Eine klare Grenze ist für mich aber das Beschimpfen oder Verächtlichmachen anderer Personen. Ansonsten ist in der politischen Werbung eine Menge erlaubt.
Man muss Aufmerksamkeit für ein Thema erzeugen. Wenn wir beispielsweise sagen „Steuern sind Raub“, wissen wir natürlich, dass ein Staat eine Grundfinanzierung braucht. Aber der Staat hat aus meiner Sicht kein Einnahme‑, sondern ein Ausgabenproblem.
Es geht uns nicht darum, den Staat „nackig“ zu machen. Er soll sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren. Manchmal muss man mit der Faust auf den Tisch hauen, damit Menschen überhaupt wieder aufmerksam werden und sich fragen: Was wollen die eigentlich?
SNO: Wie waren die Reaktionen auf die Finanzamt-Kampagne im Land?
Thomas L. Kemmerich: Nach meinen Erfahrungen überwiegend positiv. Beim Plakatieren oder an Ständen haben viele Menschen den Daumen gehoben und gesagt, dass sie den Spruch gut finden.
Natürlich gab es auch negative Reaktionen. Mir geht es ausdrücklich nicht um die Mitarbeiter der Finanzämter, sondern um die Institution Finanzamt als Symbol für ein System, das den Menschen aus unserer Sicht zu viel Geld abnimmt.
SNO: Weniger Staat, weniger Bürokratie und mehr Eigenverantwortung sind zentrale Forderungen von Team Freiheit. Was würde das praktisch bedeuten?
Thomas L. Kemmerich: Der gesamte staatliche Apparat ist zu groß. Wir glauben beispielsweise, dass man Ministerien zusammenlegen könnte. Wirtschaft, Landwirtschaft, Arbeit und Soziales könnte man stärker bündeln. Natürlich brauchen wir ein Innen- und ein Justizministerium.
Unser Grundsatz lautet zudem: privat vor Staat. Der Staat könnte sich aus vielen Bereichen zurückziehen. Auch den Sozialstaat müssen wir uns genau ansehen. Leistungen sollen diejenigen bekommen, die tatsächlich bedürftig sind.
Ein weiterer Punkt sind Kontrollen von Unternehmen. Wir wollen keine anlasslosen Überprüfungen mehr, sondern anlassbezogene Kontrollen. Das hat mit der Frage zu tun, wie viel Vertrauen der Staat Unternehmern und Bürgern entgegenbringt.
Außerdem sollten Gesetze grundsätzlich ein Ablaufdatum bekommen. Danach müsste der Gesetzgeber begründen, warum eine Regelung weiterhin notwendig ist. Und wenn Unternehmen staatliche Vorgaben erfüllen müssen, muss das vollständig digital möglich sein.
SNO: Kommen wir zum Verhältnis zur AfD. Wie würde Team Freiheit mit AfD-Anträgen umgehen, wenn Sie diese inhaltlich für richtig halten? Wo ziehen Sie die Grenze einer Zusammenarbeit?
Thomas L. Kemmerich: Selbstverständlich gibt es Grenzen. Wir kennen aber keine Brandmauer. Rote Linien sind für uns alles, was die Freiheit einschränkt, den Staat weiter aufbläht oder stärker in die soziale Marktwirtschaft eingreift.
Für uns soll entscheidend sein, worüber abgestimmt wird – und nicht, wer einen Antrag stellt. Natürlich können alle Parteien, einschließlich der AfD, gute Vorschläge machen, über die man diskutieren muss.
Wir haben keine Scheu, mit AfD-Politikern zu reden und über Sachfragen zu diskutieren. Reden bedeutet aber noch lange keine Zustimmung. Und die Zustimmung zu einem einzelnen Vorhaben bedeutet keine Zustimmung zum gesamten Programm einer Partei.
SNO: Sie sprechen von wechselnden Mehrheiten. Könnten Sie sich nach der Wahl auch eine Koalition mit der AfD vorstellen?
Thomas L. Kemmerich: Ich denke nicht in erster Linie an eine Koalition. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass die stärkste Partei nach einer Wahl den Ministerpräsidenten stellt.
Wenn an der Spitze beispielsweise jemand steht, der kein Radikaler ist, kann man darüber nachdenken. Das müsste man verhandeln. Warum sollte man nicht jemanden zum Ministerpräsidenten wählen, dessen Partei die meisten Stimmen bekommen hat?
Das heißt aber nicht, dass man anschließend jeder Entscheidung dieser Partei zustimmt. Ich halte das bisherige Modell von Koalitionsverträgen, die Parteien für fünf Jahre zusammenschweißen, für überholt. Eine Regierung sollte sich für ihre Vorhaben Mehrheiten im Parlament suchen. Dann entstehen wechselnde Mehrheiten und die Sache steht stärker im Vordergrund als das Parteibuch.
SNO: Ihre Wahl zum Thüringer Ministerpräsidenten 2020 prägt bis heute Ihre öffentliche Wahrnehmung. Was ist damals aus Ihrer Sicht falsch gelaufen? Würden Sie heute etwas anders machen?
Kemmerich: Falsch gelaufen ist aus meiner Sicht vor allem, dass die etablierten Parteispitzen eine Zusammenarbeit ausgeschlossen haben. Die CDU-Spitze im Bund und anschließend auch die FDP-Spitze haben gesagt, dass es keine Zusammenarbeit geben dürfe. Damit war politisches Handeln praktisch nicht mehr möglich. Alleine kann man einen Freistaat nicht regieren. Deshalb musste ich das Amt wieder zur Verfügung stellen.
Ich glaube, dass die Situation 2026 eine andere ist. Die Gesellschaft ist bei der Frage wechselnder Mehrheiten weiter als damals. Wir kommen mit Brandmauer-Diskussionen bei der Lösung der Probleme nicht weiter. Ich würde deshalb heute nicht viel anders machen. Aber die politischen Rahmenbedingungen sind andere als 2020.
Über Thomas L. Kemmerich
Thomas L. Kemmerich, Jahrgang 1965, ist Jurist, Unternehmer und Politiker. Er gehörte mehr als 20 Jahre der FDP an, war Mitglied des Thüringer Landtags sowie von 2017 bis 2019 Bundestagsabgeordneter. 2020 wurde er mit Stimmen von FDP, CDU und AfD zum Thüringer Ministerpräsidenten gewählt und trat nach heftiger bundesweiter Kritik wenige Tage später zurück.
Im September 2025 verließ Kemmerich die FDP und übernahm den Vorsitz von Team Freiheit.




