Oberbürgermeisterwahl in Schwerin:
Trotz Schulden: Ehlers setzt auf Investitionen und Wachstum
Sebastian Ehlers will Oberbürgermeister werden: Er setzt auf Investitionen, Wirtschaftskraft und Zusammenhalt – fordert aber mehr Unterstützung von Bund und Land für die klamme Stadt.

SNO im Gespräch mit Sebastian Ehlers: Der Schweriner Stadtpräsident und Landtagsabgeordnete kandidiert für das Amt des Oberbürgermeisters. Im Interview spricht er über die angespannte Haushaltslage, wirtschaftliche Perspektiven, Stadtentwicklung und seine Ziele für Schwerin.
SNO: Herr Ehlers, Sie sind seit vielen Jahren Politiker in der Stadt, Stadtpräsident und auch Landtagsabgeordneter. Warum jetzt Oberbürgermeister? Was hat Sie dazu bewegt?
Sebastian Ehlers: Nach dem sehr überraschenden Rücktritt von Rico Badenschier haben mich viele Menschen angesprochen und mich auch darin bestärkt, zu kandidieren. In dieser Situation habe ich mich entschieden, meine Heimatstadt Schwerin nicht hängen zu lassen und meine Erfahrung aus vielen Jahren im Landtag und auch aus vielen Jahren in der Stadtvertretung einzubringen.
SNO: Sind Sie auf die schwierige Lage der Stadt vorbereitet?
Sebastian Ehlers: Ja, ich glaube schon. Ich bin jetzt seit 22 Jahren ehrenamtliches Mitglied der Stadtvertretung, seit sieben Jahren Stadtpräsident. Das heißt, ich kenne die Themen, ich kenne auch die handelnden Personen in der Stadt, ich kenne die Verwaltung. Von daher fühle ich mich auf jeden Fall gut vorbereitet, auch wenn ich weiß, dass ich sicherlich als Oberbürgermeister noch vieles dazulernen muss.
SNO: Die Haushaltsdebatten sind derzeit sehr schwierig. Es gibt einen potenziellen Rückstau. Ihr Motto lautet „Investieren jetzt“. Wie soll das trotz knapper Kassen funktionieren?
Sebastian Ehlers: Das soll dadurch funktionieren, dass wir ganz klar einen Schwerpunkt auf Investitionen setzen. Und ehrlicherweise waren Investitionen in den letzten Jahren nicht das riesige Problem. Wir haben eher das Problem in anderen Bereichen: steigende Jugend- und Sozialkosten, steigende Personalkosten. Trotzdem haben wir investiert, auch mit Unterstützung des Landes und des Bundes. Wir haben jetzt das große Unterstützungsprogramm aus dem Sondervermögen des Bundes. Es ist also geplant, viel zu investieren, und das brauchen wir auch. Wir müssen dringend in unsere Infrastruktur investieren: in Straßen, in Gehwege, in Radwege, aber natürlich auch weiter in Schulen und Horte beispielsweise. Und wir müssen neue Bauprojekte voranbringen, wie das Warnitzer Feld oder auch die ehemaligen Möbelwerke.
Investitionen trotz Defizit: Kommunen zwischen Eigenverantwortung und fehlender Unterstützung durch Bund und Land
SNO: Ihr Vorgänger Dr. Rico Badenschier hatte die Kassenkredite zwar deutlich gesenkt – von rund 170 Millionen auf aktuell etwa 75 Millionen Euro. Gleichzeitig warnte er davor, dass diese bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode auf bis zu 300 Millionen Euro ansteigen könnten. Wenn Sie investieren wollen: Woher soll das Geld kommen?
Sebastian Ehlers: Wir müssen einen ganz klaren Fokus auf Investitionen setzen. Und klar ist auch: Wir waren auf einem guten Weg. Wir haben die Kassenkredite von 170 auf 75 Millionen Euro runtergefahren. Wir hätten das bis Ende des Jahrzehnts weiter reduzieren können. Jetzt haben wir aber viele Faktoren, die wir nicht beeinflussen können. Wir bekommen Aufgaben vom Bund, teilweise auch vom Land, die nicht ausreichend finanziert sind. Die beitragsfreie Kita ist so ein Thema. Jeder Euro, den das Land dort als Entlastung hineingibt, wird von uns als Stadt mit 45 Cent mitbezahlt. Da erwarte ich schon, dass das Land uns als Kommunen mehr Geld gibt. Auch der Bund ist hier in der Verantwortung.
Eins ist ganz klar: Bei diesem riesigen Defizit wird es aus eigener Kraft nicht möglich sein. Selbst wenn wir alle sogenannten freiwilligen Aufgaben streichen würden, hätten wir keinen Haushaltsausgleich. Trotzdem müssen auch wir unsere eigenen Hausaufgaben machen. Das heißt vor allem: Wirtschaftskraft stärken, mehr Einnahmen erzielen und natürlich auch schauen, ob die Verwaltung in dem Umfang weiterarbeiten muss oder ob wir durch Digitalisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz auch Kosten sparen können. Aber es braucht auch einen ganz klaren Appell an Land und Bund, die Kommunen besser zu unterstützen. Da muss sich ein Oberbürgermeister dann auch gegenüber den eigenen Parteifreunden gerade machen.
SNO: Sie sind ja selbst aktuell auch im Landtag. Das Land sagt, es gäbe nicht so viel Geld. Wie reagieren Sie darauf?
Sebastian Ehlers: Das funktioniert nur, indem wir eine klare politische Schwerpunktsetzung vornehmen. Die Kommunen sind am Ende das Fundament unserer Demokratie. Wenn wir die Kommunen finanziell ausbluten lassen, dann wird das insgesamt auch für das Land eine schwierige Situation. Dessen muss man sich bewusst sein. Wir sitzen alle in einem Boot, und da ist der Bund genauso in der Verantwortung wie das Land. Es ist immer eine Frage politischer Prioritäten. Geld ist ja auch für andere Dinge da. Von daher erwarte ich schon, dass das Land seinen Verpflichtungen nachkommt.
Wenn man sich zum Beispiel eine beitragsfreie Kita leisten möchte als Land, was ich weiterhin für richtig halte und im Landtag auch mit beschlossen habe –, dann muss man die Kommunen entsprechend unterstützen. Denn das ist eines der Themen, das hier riesige Löcher in die Haushalte reißt. Auch die Oberbürgermeisterin aus Rostock, Eva-Maria Kröger, hat das ja vor einigen Monaten kritisiert.
Wirtschaft stärken: Standortvorteile nutzen und Unternehmen gezielt fördern
SNO: Sie haben vorhin angesprochen, dass die wirtschaftliche Stärke entscheidend ist. Wie wollen Sie die Wirtschaft in Schwerin stärken?
Sebastian Ehlers: Wir sehen ja bei vielen Ansiedlungen, auch jetzt im Industriepark, dass der Gewerbesteuersatz nicht für alle Unternehmen der entscheidende Faktor ist. Er ist natürlich hoch, das steht außer Frage. Aber entscheidender sind oft die anderen Standortbedingungen. Und da haben wir, glaube ich, einiges zu bieten: eine tolle intakte Natur, eine gute Umgebung, aber eben auch Standortfaktoren wie die beitragsfreie Kita, ein starkes Kulturangebot und noch bezahlbaren Wohnraum. Und wir haben vor allem auch noch ein großes Reservoir an Arbeitskräften. Zehn Prozent der Menschen hier sind aktuell ohne Arbeit. Das ist aus meiner Sicht ein viel zu hoher Wert.
Deswegen glaube ich, dass wir gute Bedingungen haben. Aber der Oberbürgermeister muss bei diesem Thema vorangehen. Und wir müssen vor allem auch unser Standortmarketing an vielen Stellen verbessern, damit wir bekannter werden. Wir waren ja einige Male in der engeren Auswahl. Wir haben auch viele Erfolge, wenn ich an Ypsomed denke oder an den jungen Fahrzeugbau und viele Erweiterungen. Das ist ganz wichtig. Und mir ist persönlich wichtig, dass wir auch die Bestandsunternehmen nicht vergessen und nicht nur über Neuansiedlungen reden, sondern vor allem auch über die Unternehmen, die seit Jahren hier die Wirtschaft am Laufen halten.
SNO: Der Mittelstand steht vor großen Herausforderungen. Wie wollen Sie den Mittelstand konkret unterstützen?
Sebastian Ehlers: Ja, ich glaube, wir haben in Deutschland insgesamt aktuell eine schwierige wirtschaftliche Situation, und davon ist natürlich auch Schwerin betroffen. Mir geht es darum, dass wir in der gesamten Verwaltung eine Lösungsorientierung haben, einen Geist des Umsetzungswillens. Dass wir Mittelständler bei ihren Projekten und Investitionen bestmöglich unterstützen. Ich glaube, wir haben eine sehr agile Wirtschaftsförderung. Aber das muss im ganzen Stadthaus gelebt werden: dass wir uns nicht Gedanken machen, wie wir Projekte verhindern, sondern wie wir sie am Ende umgesetzt bekommen.
Und das sind manchmal ganz kleine Themen, die die Handwerker beispielsweise bewegen. Da geht es manchmal um den Parkausweis in der Innenstadt, auch ein viel diskutiertes Thema, wo ich sage: Wir müssen attraktiv sein. Da geht es um Sondernutzungsgebühren für Einzelhändler in der Innenstadt und viele andere kleinere Themen, bei denen die Stadt konkret helfen kann.
SNO: Sie sprachen gerade von bezahlbarem Wohnraum. Viele Ihrer Mitbewerber sehen das anders. Ist Wohnen in Schwerin noch bezahlbar?
Sebastian Ehlers: Ich glaube, wir brauchen einen guten Mix an verschiedenen Angeboten. Wir haben eine riesige Nachfrage, auch nach Eigenheimen für junge Familien. Es gibt Menschen, die eine Eigentumswohnung suchen, andere suchen eine Mietwohnung und natürlich gibt es auch Menschen, die sozialen Wohnraum benötigen. Deshalb bin ich dagegen, sich auf nur einen Bereich festzulegen.
Wir brauchen einen guten Mix. Ich sage immer: Wir brauchen ein Angebot für die Krankenschwester bei Helios, aber auch für den Chefarzt. Deswegen haben wir in den letzten Jahren auch viele Bauprojekte auf den Weg gebracht. Da ist in den vergangenen Jahren leider auch einiges liegen geblieben. Das Warnitzer Feld ist ein Beispiel, wo wir genau so einen guten Mix entwickeln wollen.
Es passiert ja auch aktuell schon etwas. Es wird bereits preisgebundener Wohnraum geschaffen, beispielsweise hinter dem Bahnhof. Auch am Ziegelsee gab es solche Projekte. Das sind Investitionen, die ich gerne unterstützen möchte, weil wir diesen Mix brauchen. Es gibt unterschiedliche Bedarfe, und ich halte nichts davon, einzelne Gruppen gegeneinander auszuspielen.
SNO: Ihr Vorgänger sprach sich gegen eine zunehmende Segregation in der Stadt aus. Auch viele Ihrer Mitbewerber greifen dieses Thema auf. Sehen Sie das genauso? Driftet Schwerin auseinander?
Sebastian Ehlers: Diese Diskussion führen wir seit vielen Jahren. Und ich möchte, dass wir die gesamte Stadt im Blick behalten. Wir müssen aufpassen, dass die Stadt nicht weiter auseinanderdriftet. Deshalb bin ich sehr dafür, mit ganz konkreten Investitionen in die Stadtteile zu gehen: Großer Dreesch, Neu Zippendorf, Mueßer Holz.
Es waren damals sehr bewusste Entscheidungen zu sagen: Wir bauen die Schwimmhalle dort neu und nicht an einem anderen Standort. Auch Projekte wie die Kita Future Kids oder der Campus am Turm sind Beispiele dafür. Ich glaube, das ist der richtige Weg, um deutlich zu machen: Ihr werdet nicht abgehängt, wir bauen auf euch. Das sind Stadtteile mit Potenzialen.
Deshalb ist für mich auch als Oberbürgermeister klar: Wir werden die Neue Mitte am Berliner Platz weiterentwickeln. Die ersten Pläne sind ja vorgestellt worden, und ich glaube, das wird richtig gut und die Lebensqualität dort deutlich verbessern.
SNO: Sie sprechen die Lebensqualität an. Viele junge Menschen verlassen Schwerin, sobald sie 18, 19 oder 20 Jahre alt sind. Wie wollen Sie junge Menschen in der Stadt halten?
Sebastian Ehlers: Wir stehen natürlich vor der großen Aufgabe, junge Leute hier zu halten – obwohl wir keine staatliche Hochschule haben. Deswegen ist es ganz normal, dass viele, die Abitur gemacht haben und studieren wollen, Schwerin zunächst verlassen. Deshalb bleibe ich dabei: Wir brauchen eine staatliche Hochschule oder zumindest als ersten Schritt eine Fakultät der Hochschule Wismar. Dazu gibt es bereits erste Gespräche, und das ist aus meiner Sicht ein realistisches Ziel.
Gleichzeitig wollen wir die berufliche Ausbildung stärken, auch durch Neubauten. Wir haben die Berufliche Schule Technik in Lankow neu gebaut, jetzt ist die Berufliche Schule Gesundheit und Soziales dran, die direkt am Berliner Platz gebaut werden soll.
Am Ende brauchen junge Leute aber vor allem gut bezahlte Arbeitsplätze, um hierzubleiben oder nach dem Studium zurückzukommen. Deshalb ist es so wichtig, einen klaren Schwerpunkt auf Wirtschaftsförderung zu legen. Wir können uns viele Gedanken darüber machen, was wir ausgeben wollen – erst einmal muss das Geld eingenommen werden. Wenn ich mit jungen Leuten spreche, die zum Beispiel bei Ypsomed arbeiten, dann sehe ich: Da kommen wirklich viele aus den alten Bundesländern wieder zurück, um hier zu arbeiten. Das Thema Arbeit und gut bezahlte Arbeitsplätze ist also ein ganz entscheidender Faktor, um junge Leute hier zu halten und auch neue anzuziehen.
Mehr Flexibilität und kreative Nutzung für eine lebendige Innenstadt
SNO: Natürlich ist Arbeit ein sehr wichtiger Grund, doch wie wollen Sie die Innenstadt attraktiver machen?
Sebastian Ehlers: Ich glaube, wir müssen da vor allem mehr Flexibilität zeigen. Man sollte nicht sofort überall um 22 Uhr den Stecker ziehen, sondern Initiativen unterstützen, die Leben in die Innenstadt bringen. Es gibt da ja gute Ansätze. Solche Formate zeigen doch, wie man wieder mehr Leben in die Innenstadt bekommen kann.
Wir sehen ja deutschlandweit, dass Innenstädte unter Druck stehen. Der Onlinehandel trägt seinen Teil dazu bei, dass es viel Leerstand gibt. Deshalb müssen wir neue Wege gehen. Wir müssen uns fragen: Wie bekommen wir die Innenstadt belebt? Wie können wir Ladenlokale weiterentwickeln – als Begegnungsorte, vielleicht auch für junge Leute, als Veranstaltungsräume oder Versammlungsräume?
Wir haben ein großes Problem bei Veranstaltungsmöglichkeiten und Kongressstandorten. Warum nutzen wir nicht leerstehende Ladenlokale auch einmal für Veranstaltungen, um die Innenstadt zu beleben? Und wir als Stadt können natürlich auch mit unseren kulturellen Einrichtungen dazu beitragen – sei es mit dem Speicher, dem Schleswig-Holstein-Haus oder anderen Einrichtungen. Klar ist aber auch: Die Stadt wird keine Diskothek und keinen Club betreiben.
SNO: Welche Rolle spielt Klimaschutz für Sie?
Sebastian Ehlers: Ja, das Thema ist wichtig. Wir haben jetzt auf Initiative der CDU-Fraktion die Klimaziele auf 2045 verschoben, so wie es auch im Land von SPD und Linken beschlossen wurde. Ich halte es für wichtig, dass wir realistische Ziele formulieren. Am Ende müssen wir die Menschen beim Klimaschutz mitnehmen. Das ist ganz entscheidend. Und Klimaschutz darf nicht zulasten der wirtschaftlichen Entwicklung gehen.
Klimaschutz mit der Brechstange gegen die Bürgerinnen und Bürger wird es mit mir nicht geben. Gleichzeitig müssen wir natürlich gerade bei Bebauungsplänen schauen, dass Klimaschutz stärker mitgedacht wird. Auch bei der kommunalen Wärmeplanung sind wir, glaube ich, auf einem guten Weg. Und wir haben mit den Stadtwerken einen Energieversorger, der einen klaren Schwerpunkt auf grünen Strom legt. Das sind aus meiner Sicht gute und pragmatische Wege, um den Klimaschutz in Schwerin voranzubringen.
SNO: Zum Klimaschutz gehört auch der ÖPNV. Der Nahverkehr möchte Elektrobusse anschaffen. Ist der Ausbau des ÖPNV mit Elektro-Bussen der richtige Weg?
Sebastian Ehlers: Nahverkehr war immer schon ein Zuschussgeschäft. Das gehört zur Wahrheit dazu. Und wir erleben jetzt natürlich, dass durch steigende Energiekosten und steigende Personalkosten die finanziellen Herausforderungen noch größer geworden sind. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder Geld nachschießen müssen, weil man natürlich auch nicht endlos an der Preisschraube drehen kann. Irgendwann fährt sonst niemand mehr mit.
Ich glaube, wir haben einen gut ausgestatteten Nahverkehr, der schon seit einigen Jahren auf Elektrobusse setzt. Und da verlasse ich mich schon auch auf die Fachleute. Wenn die sagen, dass Elektrobusse bei den aktuellen Anschaffungen das sinnvollste und wirtschaftlichste Angebot sind, dann sollten wir das auch so machen. Denn wir brauchen den Nahverkehr. Der ÖPNV ist wichtig für alle Generationen, für Erreichbarkeit, Teilhabe und für die Weiterentwicklung unserer Stadt.
SNO: Laut Kommunalverfassung steht die Stadtvertretung über dem Oberbürgermeister und hat in vielen Fragen das letzte Wort. Glauben Sie, dass Sie mit der Stadtvertretung gut zusammenarbeiten können?
Sebastian Ehlers: Ja, ich bin seit vielen Jahren in der Stadtvertretung und kenne die handelnden Personen. Es ist mir in der Vergangenheit ja auch schon gelungen, Kompromisse hinzubekommen. Im vergangenen Jahr haben wir den Haushaltskompromiss beispielsweise an meinem Tisch mit den Fraktionen verhandelt und am Ende ein Ergebnis erreicht. Das traue ich mir auch weiterhin zu.
In der Kommunalverfassung gibt es keine klare Regierung und Opposition wie im Land oder im Bund. Oberbürgermeister und Stadtvertretung haben jeweils klar abgegrenzte Verantwortlichkeiten, sollen aber gemeinsam zum Wohl der Stadt wirken. Deshalb setze ich auf ein besseres Miteinander und traue mir zu, das auch hinzubekommen.
Parteipolitik spielt auf kommunaler Ebene eine andere Rolle
SNO: Ihr Kollege Daniel Peters hat sich auf Landesebene klar für eine Abgrenzung zur Linken und AfD ausgesprochen. Würden Sie auf kommunaler Ebene mit diesen Parteien zusammenarbeiten? Und würden Sie gute Anträge auch unterstützen, wenn sie von dort kommen?
Sebastian Ehlers: Da würde ich zunächst differenzieren. Mit den Linken arbeiten wir auf kommunaler Ebene seit über 20 Jahren sehr vernünftig zusammen. Das war unter verschiedenen Oberbürgermeistern so. Ich habe auch mit Angelika Gramkow, obwohl ich in vielen inhaltlichen Fragen ganz anderer Meinung war, immer gut und verlässlich zusammengearbeitet. Die Linken haben in der Vergangenheit in dieser Stadt auch Verantwortung übernommen – als Oberbürgermeisterin oder als Beigeordnete. Das muss man auf kommunaler Ebene differenziert betrachten.
Zur AfD ist die Lage natürlich eine andere. Aber grundsätzlich spielt Parteipolitik auf kommunaler Ebene nicht dieselbe Rolle wie auf Landes- oder Bundesebene. Ich bin da sehr klar: Ich werde niemandem verbieten, Vorlagen des Oberbürgermeisters zuzustimmen. Wir können ja nicht die Arbeit einstellen, nur weil wir befürchten, dass uns auch Parteien zustimmen, die uns politisch fernstehen.
Die AfD war bisher in der Stadt allerdings nicht bereit, schwierige Entscheidungen mitzutragen. Wenn es darum ging, Verantwortung zu übernehmen, wurde bislang vieles abgelehnt. Ich bin gespannt, wie das nach der Oberbürgermeisterwahl aussehen würde und ob dort dann Bereitschaft besteht, tatsächlich Verantwortung zu übernehmen.
SNO: Das Thema Sicherheit ist in der Stadt in den vergangenen Monaten immer wieder diskutiert worden, etwa mit Blick auf den Marienplatz. Wie sehen Sie die Lage? Und braucht es dort eine Polizeiwache?
Sebastian Ehlers: Wenn eine Polizeiwache auf den Marienplatz kommt, dann ist das eine Entscheidung des Landes, denn Polizei ist Sache des Landes. Wir haben viele Jahre dafür gekämpft. Wir als CDU-Fraktion waren es damals auch, die die Videoüberwachung auf dem Marienplatz durchgesetzt haben – übrigens gegen die AfD, die damals sagte, wir bräuchten das nicht.
Wir sehen doch, dass sich der Marienplatz in den vergangenen Jahren zu einem Hotspot entwickelt hat. Deshalb muss man das ernst nehmen und darf die Probleme nicht unter den Tisch kehren. Wenn mir eine Schülerin aus dem Stadtschülerrat sagt, sie traue sich abends nicht mehr durch die Innenstadt, oder wenn Eltern sagen, sie holen ihre Kinder lieber vom Kino ab, damit sie nicht über den Marienplatz laufen müssen, dann sind das Zustände, mit denen wir uns nicht abfinden dürfen.
Deshalb müssen wir gemeinschaftlich handeln: bessere Polizeipräsenz, Videoüberwachung, auch eine stärkere Präsenz des kommunalen Ordnungsdienstes. Der verfolgt zwar keine Straftaten, schafft aber allein durch Präsenz schon mehr Sicherheit. Viel hängt auch am subjektiven Sicherheitsgefühl. Dazu gehört auch das Thema Beleuchtung, damit man sich auf dem Heimweg sicher fühlt und nicht im Halbdunkel unterwegs ist.
Und wir haben diese Situation nicht nur am Marienplatz. Auch in anderen Teilen der Stadt, etwa auf dem Großen Dreesch oder im Mueßer Holz, Stichwort Keplerpassage – gibt es den Wunsch nach mehr Präsenz. Deshalb setze ich auf einen engen Austausch mit der Polizei. Das wird nur gemeinsam zu lösen sein.
SNO: Sie haben viel vor und eine große Agenda. Die klassische Frage an Kandidaten lautet: Was hat in den ersten 100 Tagen Priorität?
Sebastian Ehlers: Ich halte nichts von markigen 100-Tage-Programmen, die man dann einfach nur abarbeitet. Es liegen viele Themen auf dem Tisch. Mein erster Schritt wäre natürlich, mich intensiv mit den Fachleuten im Stadthaus zusammenzusetzen. Ich habe es ja selbst gesagt: Ich kenne die Themen gut, aber es wird auch vieles geben, wo ich dazulernen muss.
Dann haben wir viele große Themen direkt vor der Haustür – den Haushalt, die Landesgartenschau, die ich gerne aktiv voranbringen möchte, und andere Projekte. Gleichzeitig setze ich auf einen engen Dialog mit den Ortsteilvertretungen. Mein Ziel wäre, in den ersten Monaten alle Ortsteilvertretungen zu besuchen, dort vor Ort Stadtteilrundgänge zu machen und von den engagierten Bürgerinnen und Bürgern zu hören, wo konkret der Schuh drückt und wo ich als Oberbürgermeister helfen kann.
SNO: Schaffen Sie es in die Stichwahl?
Sebastian Ehlers: Mein klares Ziel ist es, Oberbürgermeister zu werden, ob im ersten Wahlgang oder im zweiten. Und wenn es eine Stichwahl gibt, dann ist es natürlich mein klares Ziel, dabei zu sein.



