Ein Denkmal der Schande:
Warum Lenin in Schwerin längst verschwunden sein sollte
40 Jahre Lenin in Schwerin sind 40 Jahre zu viel – wer am Denkmal festhält, duldet das Erbe des Staatsterrors und verrät die Opfer kommunistischer Gewalt. Von Andre Rohloff.

Am 14. Juni 2025 versammelten sich zahlreiche Demonstranten in Schwerin zu einer Mahnkundgebung am Lenin-Denkmal, organisiert von der UNION DER OPFERVERBÄNDE KOMMUNISTISCHER GEWALTHERRSCHAFT e.V. und der LAGERGEMEINSCHAFT WORKUTA/GULAG SOWJETUNION. Unter dem Motto „40 Jahre Lenin in Schwerin sind genug!“ wurde ein deutliches Zeichen gesetzt, um auf die problematische Verklärung Lenins und seiner Taten aufmerksam zu machen. Das Lenin-Denkmal wurde mit einem roten Tuch verhüllt, symbolisch für das viele Blut, dass im Namen der Kommunisten vergossen wurde und für das er mitverantwortlich ist. Diese Aktion erinnert an die schweren historischen Folgen seiner politischen Entscheidungen und deren Auswirkungen auf unzählige Menschenleben, die von vielen heute noch geleugnet werden.
Nicht nur salbungsvolle Worte an Gedenktagen
Stefan Krikowski, dem Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Workuta / GULag Sowjetunion e.V. hatte zu diesem Anlass hochrangige Gäste eingeladen, darunter Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Rico Badenschier (SPD), der amtierende Oberbürgermeister von Schwerin. Auch Vertreter aller politischen Fraktionen waren eingeladen, um gemeinsam einen Teil der schweren Geschichte zu reflektieren und den Opfern des Stalinismus zu gedenken. Doch sie blieben lieber geschlossen fern, außer Arndt Müller (B90/Grüne).
Politiker zeigen sich oft fern von den Erinnerungen an die Opfer der SED-Diktatur. An Gedenktagen erscheinen sie dann mit salbungsvollen Worten, um ihr Mitgefühl und Verständnis zu demonstrieren. Doch diese Worte bleiben häufig inhaltsleer, da ihnen konkrete Taten und Maßnahmen fehlen, die echten Wandel bewirken könnten. Die Geschichte darf nicht zum bloßen Anlass für politische Rhetorik werden; sie erfordert ernsthaftes Engagement und ein nachhaltiges Bekenntnis zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Die Opfer verdienen mehr als nur Lippenbekenntnisse.
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Besonders eindringlich äußerte Krikowski seine Kritik an der Entscheidung, das Lenin-Denkmal in Schwerin weiterhin aufrechtzuerhalten. Er bezeichnete die Präsenz dieses Denkmals als „eine Ohrfeige für alle Opfer der DDR-Diktatur”. Mit der Forderung, dass „Lenin weg muss”, rief er zu einem Umdenken auf und forderte, das Erbe des Kommunismus kritisch zu hinterfragen. Diese Forderung unterstützen die Anwesenden. Viele von Ihnen waren selbst politisch Verfolgte der SED-Diktatur.
Lenin Urheber von Staatsterror
Die Diskussion um die Figur Wladimir Iljitsch Lenins und dessen Wirken ist in der heutigen Zeit von großer Relevanz. Während Marx und Engels nach wie vor als bedeutende historische philosophische Figuren und Denker gesehen werden und auch hier eine kritische Auseinandersetzung ausbleibt, bleibt die kritische Auseinandersetzung mit Lenin oft komplett aus. Kaum jemand hat sich eingehend mit den Schriften und Taten Lenins, Marx und Engels u.a. befasst. Nicht selten wird Lenin als revolutionärer Held gefeiert, ohne die Schattenseiten seiner Herrschaft zu beleuchten. Dabei verhinderte Lenin nach dem Zusammenbruch des russischen Zarenreichs im Jahr 1917 die Entwicklung Russlands zu einer Demokratie und legte den Grundstein für einen totalitären Staat, der durch Gewalt und Terror geprägt wurde / wird.
Lenin war noch vor Joseph Stalin der Urheber des Staatsterrors. Unter seinem Regime wurden politische Gegner willkürlich verfolgt und massenhaft hingerichtet. Die Schaffung der ersten Konzentrationslager in Europa geht auf seine Initiative zurück. Zudem begründete er die Ein-Parteien-Diktatur, die viele Länder, darunter auch die DDR, erlebten. Den Höhepunkt dieser repressiven Strategie stellte die Gründung der Geheimpolizei „Tscheka“ dar, die weitreichende Vollmachten zur Bekämpfung freiheitlicher und demokratischer Bestrebungen erhielt.
Symbol der Unterwürfigkeit gegen Moskau
In Schwerin, in einer Stadt mit einer auch dunklen Geschichte, wurden zwischen 1950 und 1953 rund 100 Frauen und Männer von sowjetischen Militärtribunalen zum Tode verurteilt und anschließend in Moskau erschossen. Viele dieser Urteile wurden nach 1990 vom Obersten Gerichtshof der Sowjetunion aufgehoben, was die Unrechtmäßigkeit dieser Maßnahmen / Taten unterstreicht. Die Namen dieser 105 unschuldigen Menschen wurden am 14.Juni 2025 verlesen. Sie sind nicht vergessen! Diese Tatsachen macht die Präsenz des Lenin-Denkmals in Schwerin besonders schmerzlich und verhöhnt die Ofer der kommunistischen Diktatur. Stefan Krikowski betonte in seiner Ansprache die Bedeutung dieser Gedenkfeier: „Es ist unerlässlich, die Erinnerung an diese unschuldigen Opfer zu bewahren, damit sich solche Gräueltaten nicht wiederholen.”
Die Völker Osteuropa haben sich von der kommunistischen Propaganda befreit. In vielen ehemaligen sozialistischen Ländern wurden Denkmäler, die an diese herrschende Ideologie erinnern, abgebaut oder umgewidmet. Doch in Schwerin steht Lenin in aller Pracht und wird weiterhin als Teil der städtischen Identität akzeptiert. Dies geschieht vielleicht aus einer Mischung aus Tradition, Ignoranz und mangelndem politischem Willen, die Geschichte kritisch zu reflektieren.
Auf Geheiß der deutschen Bolschewiken, wurde das Lenin-Denkmal 1985 in Schwerin, als Ausdruck ihrer Unterwürfigkeit gegenüber Moskau errichtet. Es steht nicht nur als aktives Symbol einer unterdrückenden Ideologie, es wird auch immer wieder als Pilgerstätte von Unterstützern der imperialen russischen Politik frequentiert, was die Problematik weiter verstärkt.
Deutsche Demokraten könnten über eine Beseitigung entscheiden und damit auch ein Zeichen setzen. Doch sie bleiben lieber fern.
Gewöhnung, Gleichgültigkeit oder gar eine bewusste Absicht?
All dies wirft Fragen auf: Ist es Gewöhnung, Gleichgültigkeit oder gar eine bewusste Absicht? Warum zeigen gerade Kommunen, die eine zentrale Rolle in der Aufarbeitung der nationalsozialistischen und kommunistischen Geschichte spielen sollten, oftmals wenig Interesse daran, sich diesen Themen zu stellen?
Die Beibehaltung des Status Quo kann als Ausdruck einer tief verwurzelten Scheu vor der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte interpretiert werden. Oftmals wird das Thema als unangenehm empfunden, da es die Notwendigkeit zur kritischen Selbstreflexion und möglicherweise auch zur Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit impliziert. Die Angst davor, gesellschaftliche Gespaltenheit zu fördern oder politische Konflikte zu entfachen, führt häufig zu einem Schweigen über diese gewichtigen Themen.
Es bedarf eines starken politischen Willens und einer gesellschaftlichen Sensibilisierung, um die Geschichte angemessen zu würdigen und den Opfern kommunistischer Repressionen einen Ort der Erinnerung zu schaffen. Die Erinnerung daran, darf nicht als lästig empfunden werden!
Die Mahnkundgebung in Schwerin war ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, der auch als Vorbild für andere Kommunen dienen könnte. Demokratische Gesellschaften müssen sich ihrer Vergangenheit stellen, Missstände benennen und aufarbeiten, um aus den Fehlern der Geschichte zu lernen und eine gerechtere Zukunft zu gestalten. Dazu reichen nicht inhaltsleere Wortphrasen an Gedenktagen. Diesen Worten sollten auch Taten folgen.
Insgesamt zeigt sich, dass es einen unbedingten Handlungsbedarf gibt, um die Themen der kommunistischen Unterdrückung und politischen Verfolgung aktiv zu thematisieren. Nur so kann ein nachhaltiger Prozess der Aufarbeitung und Versöhnung stattfinden, der sowohl den lebenden Opfern als auch den zukünftigen Generationen gerecht wird.
Die anwesende Germanistik Studentin Anna Shulzhenko von der Universität Stettin (polnisch: Uniwersytet Szczeciński) äußerte: „Die Veranstaltung stellte nicht nur einen wichtigen Schritt in Richtung der Aufarbeitung der Geschichte dar, sondern auch einen Appell an die gegenwärtige Gesellschaft, sich aktiv für eine Erinnerungskultur einzusetzen, die vergangenes Unrecht anerkennt und die Stimmen der Verfolgten hörbar macht. Es bleibt zu hoffen, dass solche Initiativen dazu beitragen, das Bewusstsein für historische Verantwortung zu schärfen und letztlich für eine gerechtere Zukunft zu kämpfen.“
Andre Rohloff ist stellvertretender Landesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Landesverband Mecklenburg-Vorpommern.
Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers oder des Interviewpartners dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise von SNO wiedergeben.




