Sa, 13. Juni 2026
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Ein Denkmal der Schande:
Warum Lenin in Schwerin längst verschwunden sein sollte

40 Jahre Lenin in Schwerin sind 40 Jahre zu viel – wer am Denkmal festhält, duldet das Erbe des Staatsterrors und verrät die Opfer kommunistischer Gewalt. Von Andre Rohloff.

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  • Veröffentlicht Juni 16, 2025
Für die Opfer kom­mu­nis­tis­ch­er Gewaltherrschaft wird das Lenin-Denkmal auf dem Dreesch als Pro­voka­tion emp­fun­den. Foto: Andre Rohloff

Am 14. Juni 2025 ver­sam­melten sich zahlre­iche Demon­stran­ten in Schw­erin zu ein­er Mahnkundge­bung am Lenin-Denkmal, organ­isiert von der UNION DER OPFERVERBÄNDE KOMMUNISTISCHER GEWALTHERRSCHAFT e.V. und der LAGERGEMEINSCHAFT WORKUTA/GULAG SOWJETUNION. Unter dem Mot­to „40 Jahre Lenin in Schw­erin sind genug!“ wurde ein deut­lich­es Zeichen geset­zt, um auf die prob­lema­tis­che Verk­lärung Lenins und sein­er Tat­en aufmerk­sam zu machen. Das Lenin-Denkmal wurde mit einem roten Tuch ver­hüllt, sym­bol­isch für das viele Blut, dass im Namen der Kom­mu­nis­ten ver­gossen wurde und für das er mitver­ant­wortlich ist. Diese Aktion erin­nert an die schw­eren his­torischen Fol­gen sein­er poli­tis­chen Entschei­dun­gen und deren Auswirkun­gen auf unzäh­lige Men­schen­leben, die von vie­len heute noch geleugnet wer­den.

Nicht nur salbungsvolle Worte an Gedenktagen

Ste­fan Krikows­ki, dem Vor­sitzen­den der Lagerge­mein­schaft Worku­ta / GULag Sow­je­tu­nion e.V. hat­te zu diesem Anlass hochrangige Gäste ein­ge­laden, darunter Manuela Schwe­sig (SPD), Min­is­ter­präsi­dentin von Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Dr. Rico Baden­schi­er (SPD), der amtierende Ober­bürg­er­meis­ter von Schw­erin. Auch Vertreter aller poli­tis­chen Frak­tio­nen waren ein­ge­laden, um gemein­sam einen Teil der schw­eren Geschichte zu reflek­tieren und den Opfern des Stal­in­is­mus zu gedenken. Doch sie blieben lieber geschlossen fern, außer Arndt Müller (B90/Grüne).
Poli­tik­er zeigen sich oft fern von den Erin­nerun­gen an die Opfer der SED-Dik­tatur. An Gedenk­ta­gen erscheinen sie dann mit sal­bungsvollen Worten, um ihr Mit­ge­fühl und Ver­ständ­nis zu demon­stri­eren. Doch diese Worte bleiben häu­fig inhalt­sleer, da ihnen konkrete Tat­en und Maß­nah­men fehlen, die echt­en Wan­del bewirken kön­nten. Die Geschichte darf nicht zum bloßen Anlass für poli­tis­che Rhetorik wer­den; sie erfordert ern­sthaftes Engage­ment und ein nach­haltiges Beken­nt­nis zur Aufar­beitung der Ver­gan­gen­heit. Die Opfer ver­di­enen mehr als nur Lip­pen­beken­nt­nisse.

»Lesen Sie auch: „Keine Ehre für Täter“ – Kundge­bung am Lenin-Denkmal

Beson­ders ein­dringlich äußerte Krikows­ki seine Kri­tik an der Entschei­dung, das Lenin-Denkmal in Schw­erin weit­er­hin aufrechtzuer­hal­ten. Er beze­ich­nete die Präsenz dieses Denkmals als „eine Ohrfeige für alle Opfer der DDR-Dik­tatur”. Mit der Forderung, dass „Lenin weg muss”, rief er zu einem Umdenken auf und forderte, das Erbe des Kom­mu­nis­mus kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Diese Forderung unter­stützen die Anwe­senden. Viele von Ihnen waren selb­st poli­tisch Ver­fol­gte der SED-Dik­tatur.

Lenin Urheber von Staatsterror

Die Diskus­sion um die Fig­ur Wladimir Iljitsch Lenins und dessen Wirken ist in der heuti­gen Zeit von großer Rel­e­vanz. Während Marx und Engels nach wie vor als bedeu­tende his­torische philosophis­che Fig­uren und Denker gese­hen wer­den und auch hier eine kri­tis­che Auseinan­der­set­zung aus­bleibt, bleibt die kri­tis­che Auseinan­der­set­zung mit Lenin oft kom­plett aus. Kaum jemand hat sich einge­hend mit den Schriften und Tat­en Lenins, Marx und Engels u.a. befasst. Nicht sel­ten wird Lenin als rev­o­lu­tionär­er Held gefeiert, ohne die Schat­ten­seit­en sein­er Herrschaft zu beleucht­en. Dabei ver­hin­derte Lenin nach dem Zusam­men­bruch des rus­sis­chen Zaren­re­ichs im Jahr 1917 die Entwick­lung Rus­s­lands zu ein­er Demokratie und legte den Grund­stein für einen total­itären Staat, der durch Gewalt und Ter­ror geprägt wurde / wird.

Lenin war noch vor Joseph Stal­in der Urhe­ber des Staat­ster­rors. Unter seinem Regime wur­den poli­tis­che Geg­n­er willkür­lich ver­fol­gt und massen­haft hin­gerichtet. Die Schaf­fung der ersten Konzen­tra­tionslager in Europa geht auf seine Ini­tia­tive zurück. Zudem begrün­dete er die Ein-Parteien-Dik­tatur, die viele Län­der, darunter auch die DDR, erlebten. Den Höhep­unkt dieser repres­siv­en Strate­gie stellte die Grün­dung der Geheim­polizei „Tsche­ka“ dar, die weitre­ichende Voll­macht­en zur Bekämp­fung frei­heitlich­er und demokratis­ch­er Bestre­bun­gen erhielt.

Symbol der Unterwürfigkeit gegen Moskau

In Schw­erin, in ein­er Stadt mit ein­er auch dun­klen Geschichte, wur­den zwis­chen 1950 und 1953 rund 100 Frauen und Män­ner von sow­jetis­chen Mil­itär­tri­bunalen zum Tode verurteilt und anschließend in Moskau erschossen. Viele dieser Urteile wur­den nach 1990 vom Ober­sten Gericht­shof der Sow­je­tu­nion aufge­hoben, was die Unrecht­mäßigkeit dieser Maß­nah­men / Tat­en unter­stre­icht. Die Namen dieser 105 unschuldigen Men­schen wur­den am 14.Juni 2025 ver­lesen. Sie sind nicht vergessen! Diese Tat­sachen macht die Präsenz des Lenin-Denkmals in Schw­erin beson­ders schmer­zlich und ver­höh­nt die Ofer der kom­mu­nis­tis­chen Dik­tatur. Ste­fan Krikows­ki betonte in sein­er Ansprache die Bedeu­tung dieser Gedenk­feier: „Es ist uner­lässlich, die Erin­nerung an diese unschuldigen Opfer zu bewahren, damit sich solche Gräueltat­en nicht wieder­holen.”

Die Völk­er Osteu­ropa haben sich von der kom­mu­nis­tis­chen Pro­pa­gan­da befre­it. In vie­len ehe­ma­li­gen sozial­is­tis­chen Län­dern wur­den Denkmäler, die an diese herrschende Ide­olo­gie erin­nern, abge­baut oder umgewid­met. Doch in Schw­erin ste­ht Lenin in aller Pracht und wird weit­er­hin als Teil der städtis­chen Iden­tität akzep­tiert. Dies geschieht vielle­icht aus ein­er Mis­chung aus Tra­di­tion, Igno­ranz und man­gel­n­dem poli­tis­chem Willen, die Geschichte kri­tisch zu reflek­tieren.

Auf Geheiß der deutschen Bolschewiken, wurde das Lenin-Denkmal 1985 in Schw­erin, als Aus­druck ihrer Unter­wür­figkeit gegenüber Moskau errichtet. Es ste­ht nicht nur als aktives Sym­bol ein­er unter­drück­enden Ide­olo­gie, es wird auch immer wieder als Pil­ger­stätte von Unter­stützern der impe­ri­alen rus­sis­chen Poli­tik fre­quen­tiert, was die Prob­lematik weit­er ver­stärkt.

Deutsche Demokrat­en kön­nten über eine Besei­t­i­gung entschei­den und damit auch ein Zeichen set­zen. Doch sie bleiben lieber fern.

Gewöhnung, Gleichgültigkeit oder gar eine bewusste Absicht?

All dies wirft Fra­gen auf: Ist es Gewöh­nung, Gle­ichgültigkeit oder gar eine bewusste Absicht? Warum zeigen ger­ade Kom­munen, die eine zen­trale Rolle in der Aufar­beitung der nation­al­sozial­is­tis­chen und kom­mu­nis­tis­chen Geschichte spie­len soll­ten, oft­mals wenig Inter­esse daran, sich diesen The­men zu stellen?

Die Beibehal­tung des Sta­tus Quo kann als Aus­druck ein­er tief ver­wurzel­ten Scheu vor der Auseinan­der­set­zung mit der eige­nen Geschichte inter­pretiert wer­den. Oft­mals wird das The­ma als unan­genehm emp­fun­den, da es die Notwendigkeit zur kri­tis­chen Selb­stre­flex­ion und möglicher­weise auch zur Kon­fronta­tion mit der eige­nen Ver­gan­gen­heit impliziert. Die Angst davor, gesellschaftliche Ges­pal­tenheit zu fördern oder poli­tis­che Kon­flik­te zu ent­fachen, führt häu­fig zu einem Schweigen über diese gewichti­gen The­men.

Es bedarf eines starken poli­tis­chen Wil­lens und ein­er gesellschaftlichen Sen­si­bil­isierung, um die Geschichte angemessen zu würdi­gen und den Opfern kom­mu­nis­tis­ch­er Repres­sio­nen einen Ort der Erin­nerung zu schaf­fen. Die Erin­nerung daran, darf nicht als lästig emp­fun­den wer­den!

Die Mahnkundge­bung in Schw­erin war ein weit­er­er Schritt in die richtige Rich­tung, der auch als Vor­bild für andere Kom­munen dienen kön­nte. Demokratis­che Gesellschaften müssen sich ihrer Ver­gan­gen­heit stellen, Missstände benen­nen und aufar­beit­en, um aus den Fehlern der Geschichte zu ler­nen und eine gerechtere Zukun­ft zu gestal­ten. Dazu reichen nicht inhalt­sleere Wort­phrasen an Gedenk­ta­gen. Diesen Worten soll­ten auch Tat­en fol­gen.

Ins­ge­samt zeigt sich, dass es einen unbe­d­ingten Hand­lungs­be­darf gibt, um die The­men der kom­mu­nis­tis­chen Unter­drück­ung und poli­tis­chen Ver­fol­gung aktiv zu the­ma­tisieren. Nur so kann ein nach­haltiger Prozess der Aufar­beitung und Ver­söh­nung stat­tfind­en, der sowohl den leben­den Opfern als auch den zukün­fti­gen Gen­er­a­tio­nen gerecht wird.

Die anwe­sende Ger­man­is­tik Stu­dentin Anna Shulzhenko von der Uni­ver­sität Stet­tin (pol­nisch: Uni­w­er­sytet Szczecińs­ki) äußerte: „Die Ver­anstal­tung stellte nicht nur einen wichti­gen Schritt in Rich­tung der Aufar­beitung der Geschichte dar, son­dern auch einen Appell an die gegen­wär­tige Gesellschaft, sich aktiv für eine Erin­nerungskul­tur einzuset­zen, die ver­gan­ge­nes Unrecht anerken­nt und die Stim­men der Ver­fol­gten hör­bar macht. Es bleibt zu hof­fen, dass solche Ini­tia­tiv­en dazu beitra­gen, das Bewusst­sein für his­torische Ver­ant­wor­tung zu schär­fen und let­ztlich für eine gerechtere Zukun­ft zu kämpfen.“


Andre Rohloff ist stel­lvertre­tender Lan­desvor­sitzen­der der Vere­ini­gung der Opfer des Stal­in­is­mus, Lan­desver­band Meck­len­burg-Vor­pom­mern.

Dieser Beitrag stellt auss­chließlich die Mei­n­ung des Ver­fassers oder des Inter­view­part­ners dar. Er muss nicht zwangsläu­fig die Sichtweise von SNO wiedergeben.