Traditionshandwerk im Wandel:
Wer bekommt die Zukunft noch gebacken?
Den Mecklenburger Backstuben droht die Insolvenz – nun sind Restrukturierungsmaßnahmen geplant. Der Markt verändert sich langsam, aber sicher und das bekommen immer mehr Bäckereibetriebe zu spüren.

Seit Ende November befinden sich die Mecklenburger Backstuben GmbH aus Waren in einem Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung. Das bedeutet, dass das Unternehmen trotz Insolvenzanmeldung weiterhin von der bisherigen Geschäftsführung geführt wird und die Kontrolle behält. „Diesen Schritt gehen wir ganz bewusst, um unsere bereits begonnene Restrukturierung fortzuführen, unsere Gesamtstrategie weiterzuentwickeln und uns so zukunftsfähig aufzustellen“, teilt die Geschäftsführung mit.
Für die Kundschaft bleibt alles wie gewohnt: Der Geschäftsbetrieb läuft stabil weiter, alle 57 Filialen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind geöffnet. Das gilt auch für die acht Cafés in Schwerin – am Blumenbrink, Dreescher Markt, im Edeka Scharfenberg, am Bleicherufer, im Sieben Seen Center, im Kaufland an der Hamburger Allee, in der Schmiedestraße sowie in Lankow. Dort werden weiterhin frische Brötchen, Brote und Kuchen gebacken und Kaffee getrunken.
Sind bald die Öfen aus?
Die Löhne der Beschäftigten sind für November, Dezember und Januar durch das Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit gesichert. Das teilte die Kanzlei BBL Brockdorff mit Christian Graf Brockdorff. Er überwacht das Verfahren als Sachwalter und begleitet eng die Geschäftsführung im Verfahren und zeigt sich optimistisch: „Ich bin zuversichtlich, dass uns gemeinsam eine tragfähige und langfristige Lösung gelingt“.
Die Vergangenheit zeigt allerdings, wie schwierig solche Verfahren sein können: Bei der „Unser Heimatbäcker GmbH“ – bekannt als Lila Bäcker – scheiterte Anfang 2024 die Suche nach einer Lösung. Die Kette musste kurz nach der Insolvenz alle Filialen schließen. CEO Viola Kaluza nannte damals steigende Energie- und Rohstoffpreise, verändertes Kaufverhalten und eine erhöhte Mehrwertsteuer als Gründe – Faktoren, die auch andere Betriebe belasten.
Bäckerhandwerk stehen unter Druck
Ein Blick auf die aktuellen Zahlen bestätigt die Sorgen. 2024 waren in der Handwerksrolle der Handwerkskammer Schwerin noch 49 Bäckereien eingetragen. Zehn Jahre zuvor waren es 75. Die Handwerksrolle umfasst vor allem klassische Handwerksbetriebe, die ihre Ware selbst herstellen und häufig nur wenige Standorte betreiben. In Konkurrenz dazu stehen größere Filialbäckereien mit zentraler Produktion sowie industriell arbeitende Lieferbäckereien, die Supermärkte und Gastronomie beliefern.
Die Gründe für das Verschwinden vieler kleiner Betriebe sind vielfältig. Häufig gibt es keine Nachfolge, viele Inhaber gehen in den Ruhestand. Die wirtschaftliche Lage ist angespannt: Energie- und Personalkosten steigen, gleichzeitig fehlt Fachpersonal. Für Kundinnen und Kunden sind Backwaren deutlich teurer geworden – die Preise für Brot und Brötchen stiegen laut Statistischem Bundesamt zwischen 2019 und 2023 um 34,4 Prozent.
Auch im Landtag wurde die Insolvenz der Mecklenburger Backstuben kommentiert. Vertreter der AfD machen vor allem hohe Abgaben und Sozialkosten als Belastung für Betriebe aus. Die Linke verweist auf steigende Energie- und Rohstoffpreise sowie die Konkurrenz durch Discounter und bewertet das Verfahren in Eigenverwaltung als Chance, den Betrieb zu stabilisieren. Die FDP wiederum sieht die Insolvenz als Warnsignal für die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und fordert verlässliche, entlastende Strukturen für Unternehmen.
Die politischen Bewertungen unterscheiden sich – doch in einem Punkt herrscht Einigkeit: Die Lage des Bäckerhandwerks in Mecklenburg-Vorpommern bleibt angespannt.
Verbrauchertrends lenken den Markt
Hinzu kommt ein grundlegender Wandel im Konsumverhalten. Die Branchenanalyse der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2024 zeigt, wie sich der Markt verschiebt. Viele Verbraucher achten zunehmend auf ihre Ernährung und bevorzugen Produkte mit natürlichen Zutaten, weniger Zucker oder Weizenmehl sowie regionale und biologische Lebensmittel. Auch vegane, glutenfreie oder fair gehandelte Alternativen gewinnen immer mehr an Bedeutung. Während große Anbieter auf solche Trends flexibler reagieren können, geraten kleinere Handwerksbäckereien stärker unter Druck.



