Trennung von Geburt an:
Wie DDR-Wochenkinder ihre Kindheit verarbeiten
In der DDR galten Wochenkrippen als sozialistische Errungenschaft – für viele Kinder wie Andrea Hlubek und Dörte Kiprowski blieben sie ein prägendes Trauma.
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Abgegeben. In den 1950-er Jahren errichtete die DDR landesweit Wochenkrippen und Wochenheime, in denen die Säuglinge und Kleinkinder ab der 6. Lebenswoche von Montag bis Freitag/Samstag mit Übernachtung betreut wurden. Am Wochenende waren die Kinder dann wieder bei den Eltern untergebracht. Die Einrichtungen, in denen die wochenweise Betreuung stattfand, hießen für das Alter von 0–3 Jahren Wochenkrippen und für das Alter 3–7 Jahre Wochenheime.
Abgeben wurden auch Andrea Hlubek (1970) und Dörte Kiprowski (1969). Ab ihrer 6. bzw. 7. Lebenswoche verbrachten sie als kleine Kinder die Wochentage einige Jahre in der Krippe und später im Wochenheim. „Wenn es mit der Schicht mal schlecht lief, wurde ich auch schon mal erst samstags abgeholt, hat mir meine Mutter erzählt“, so Andrea Hlubek, deren Mutter im Schichtdienst arbeitete und deren Vater als Gleisbauer auf Montage in der gesamten DDR unterwegs war.
Beide Frauen sind heute Mitglieder der Selbsthilfegruppe „MeckPomm-Wochenkinder” in Schwerin. „Mit Freunden und der Familie über das Thema zu sprechen ist oft schwierig. In der Selbsthilfegruppe muss ich mich niemandem erklären, selbst wenn ich keine klaren Erinnerungen an die Zeit habe. Jede von uns kennt die Folgen, für die es auf den ersten Blick oft keine Erklärungen gibt. Selbst Therapeuten haben das oft nicht auf dem Schirm“ so Hlubek.
Meine Mutter war 20 und hatte schon 2 Kinder. Sie hat im Schichtbetrieb gearbeitet und mein Vater war bei der Armee, also nicht abrufbar,“ erinnert sie sich. „In meiner Familie war das zwar kein Geheimnis, aber wo genau ich untergebracht war, habe ich erst kürzlich über einen Stempel in meinem alten Impfpass herausgefunden“. Vorwürfe macht Dörte Kiprowski ihren Eltern nicht. Für die Eltern war es eine Lösung zur Kinderbetreuung. Diese galt obendrein als große sozialistische Errungenschaft. „Macht es einer, machen es viele, machen es alle“, sagt sie.
Erinnerungen an ein System
Die Betreuung der „Wochenkinder“ wurde von Kinderpsychologen relativ schnell als schädlich erkannt. Die Kinder waren öfter krank, hatten Entwicklungsverzögerungen und als Folge der vorschnellen und wiederkehrenden Trennung von der Mutter, große emotionale Defizite. Trotzdem wurden diese Betreuungsformen bis in die achtziger Jahre in der DDR aufrechterhalten.
Seit einigen Jahren beschäftigen sich nun auch die Wissenschaften mit den Spätfolgen für die Betroffenen. Dazu zählen starke Beeinträchtigungen im Leben, psychische und psychiatrische Folgen, wie eine gestörte soziale Interaktion, eine oft verringerte Bindungsfähigkeit, mangelndes Gefühl für den eigenen Körper, mangelndes Selbstvertrauen, bis hin zu Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und Psychosen.
„2015 hatte ich einen ominösen Zusammenbruch. Auf der Autobahn. Wie aus heiterem Himmel“, erinnert sich Andrea Hlubek. Sie kommt ins Krankenhaus, wird durchgecheckt und nach wenigen Tagen entlassen. Es dauert eine ganze Weile, bis sie während einer Therapie bei der Bearbeitung ihrer Biographie in ihrer frühen Kindheit landet. Konkrete Erinnerungen an die Zeit in der Krippe hat sie nicht. „Wenn ich später als Kind mal ins Krankenhaus musste, habe ich mich dort immer wohl gefühlt. Irgendwie war das alles vertraut“, sagt sie nachdenklich.
Die Ausstellung mit dem Titel „abgegeben” in der Kunsthalle Rostock thematisierte 2023 die DDR-Wochenkrippen. Sie zeigte multimedial Zeitzeugenberichte, Fotos, Collagen und Objekte, um den gesellschaftlichen Diskurs über Kinderbetreuung und Erziehung in der DDR zu beleuchten. „Ich war zweimal in der Ausstellung. Die Bettchen, die Geschichten … das war emotional anstrengend und musste erstmal sacken. Das Buch, das damals erschien habe ich zwar gekauft, aber zu Ende lesen konnte ich es nicht“, so Dörte Kiprowski.
Wer erfahren möchte, in welcher Weise die Selbsthilfegruppe „Wochenkinder” den Betroffenen eine Unterstützung im Alltag der Erwachsenen „Wochenkinder“ bietet, erfährt diese in dieser Folge vom Podcast „Man müsste mal …“ mit Andreas Lußky und Claus Oellerking.



