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Trennung von Geburt an:
Wie DDR-Wochenkinder ihre Kindheit verarbeiten

In der DDR galten Wochenkrippen als sozialistische Errungenschaft – für viele Kinder wie Andrea Hlubek und Dörte Kiprowski blieben sie ein prägendes Trauma.

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  • Veröffentlicht November 24, 2025

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Weit­ere Infor­ma­tio­nen

 

Abgegeben. In den 1950-er Jahren errichtete die DDR lan­desweit Wochenkrip­pen und Wochen­heime, in denen die Säuglinge und Kleinkinder ab der 6. Lebenswoche von Mon­tag bis Freitag/Samstag mit Über­nach­tung betreut wur­den. Am Woch­enende waren die Kinder dann wieder bei den Eltern unterge­bracht. Die Ein­rich­tun­gen, in denen die wochen­weise Betreu­ung stat­tfand, hießen für das Alter von 0–3 Jahren Wochenkrip­pen und für das Alter 3–7 Jahre Wochen­heime.

Abgeben wur­den auch Andrea Hlubek (1970) und Dörte Kiprows­ki (1969). Ab ihrer 6. bzw. 7. Lebenswoche ver­bracht­en sie als kleine Kinder die Wochen­t­age einige Jahre in der Krippe und später im Wochen­heim. „Wenn es mit der Schicht mal schlecht lief, wurde ich auch schon mal erst sam­stags abge­holt, hat mir meine Mut­ter erzählt“, so Andrea Hlubek, deren Mut­ter im Schicht­di­enst arbeit­ete und deren Vater als Gleis­bauer auf Mon­tage in der gesamten DDR unter­wegs war.

Bei­de Frauen sind heute Mit­glieder der Selb­sthil­fe­gruppe „Meck­Pomm-Wochenkinder” in Schw­erin. „Mit Fre­un­den und der Fam­i­lie über das The­ma zu sprechen ist oft schwierig. In der Selb­sthil­fe­gruppe muss ich mich nie­man­dem erk­lären, selb­st wenn ich keine klaren Erin­nerun­gen an die Zeit habe. Jede von uns ken­nt die Fol­gen, für die es auf den ersten Blick oft keine Erk­lärun­gen gibt. Selb­st Ther­a­peuten haben das oft nicht auf dem Schirm“ so Hlubek.

Meine Mut­ter war 20 und hat­te schon 2 Kinder. Sie hat im Schicht­be­trieb gear­beit­et und mein Vater war bei der Armee, also nicht abruf­bar,“ erin­nert sie sich. „In mein­er Fam­i­lie war das zwar kein Geheim­nis, aber wo genau ich unterge­bracht war, habe ich erst kür­zlich über einen Stem­pel in meinem alten Impf­pass her­aus­ge­fun­den“. Vor­würfe macht Dörte Kiprows­ki ihren Eltern nicht. Für die Eltern war es eine Lösung zur Kinder­be­treu­ung. Diese galt oben­drein als große sozial­is­tis­che Errun­gen­schaft. „Macht es ein­er, machen es viele, machen es alle“, sagt sie.

Erinnerungen an ein System

Die Betreu­ung der „Wochenkinder“ wurde von Kinderpsy­cholo­gen rel­a­tiv schnell als schädlich erkan­nt. Die Kinder waren öfter krank, hat­ten Entwick­lungsverzögerun­gen und als Folge der vorschnellen und wiederkehren­den Tren­nung von der Mut­ter, große emo­tionale Defizite. Trotz­dem wur­den diese Betreu­ungs­for­men bis in die achtziger Jahre in der DDR aufrechter­hal­ten.
Seit eini­gen Jahren beschäfti­gen sich nun auch die Wis­senschaften mit den Spät­fol­gen für die Betrof­fe­nen. Dazu zählen starke Beein­träch­ti­gun­gen im Leben, psy­chis­che und psy­chi­a­trische Fol­gen, wie eine gestörte soziale Inter­ak­tion, eine oft ver­ringerte Bindungs­fähigkeit, man­gel­ndes Gefühl für den eige­nen Kör­p­er, man­gel­ndes Selb­stver­trauen, bis hin zu Post­trau­ma­tis­che Belas­tungsstörun­gen, Depres­sio­nen und Psy­cho­sen.

„2015 hat­te ich einen ominösen Zusam­men­bruch. Auf der Auto­bahn. Wie aus heit­erem Him­mel“, erin­nert sich Andrea Hlubek. Sie kommt ins Kranken­haus, wird durchgecheckt und nach weni­gen Tagen ent­lassen. Es dauert eine ganze Weile, bis sie während ein­er Ther­a­pie bei der Bear­beitung ihrer Biogra­phie in ihrer frühen Kind­heit lan­det. Konkrete Erin­nerun­gen an die Zeit in der Krippe hat sie nicht. „Wenn ich später als Kind mal ins Kranken­haus musste, habe ich mich dort immer wohl gefühlt. Irgend­wie war das alles ver­traut“, sagt sie nach­den­klich.

Die Ausstel­lung mit dem Titel „abgegeben” in der Kun­sthalle Ros­tock the­ma­tisierte 2023 die DDR-Wochenkrip­pen. Sie zeigte mul­ti­me­di­al Zeitzeu­gen­berichte, Fotos, Col­la­gen und Objek­te, um den gesellschaftlichen Diskurs über Kinder­be­treu­ung und Erziehung in der DDR zu beleucht­en. „Ich war zweimal in der Ausstel­lung. Die Bettchen, die Geschicht­en … das war emo­tion­al anstren­gend und musste erst­mal sack­en. Das Buch, das damals erschien habe ich zwar gekauft, aber zu Ende lesen kon­nte ich es nicht“, so Dörte Kiprows­ki.

Wer erfahren möchte, in welch­er Weise die Selb­sthil­fe­gruppe „Wochenkinder” den Betrof­fe­nen eine Unter­stützung im All­t­ag der Erwach­se­nen „Wochenkinder“ bietet, erfährt diese in dieser Folge vom Pod­cast „Man müsste mal …“ mit Andreas Lußky und Claus Oellerk­ing.