Unfallzahlen und Realität:
Wie sicher ältere Menschen wirklich fahren
Autofahren bedeutet für viele Senioren Freiheit. Doch mit zunehmendem Alter rücken Fragen der Fahrsicherheit in den Fokus – auch in Mecklenburg-Vorpommern.

Für viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern ist das Auto ein unverzichtbares Verkehrsmittel – gerade in ländlich geprägten Regionen. Arzttermine, Einkäufe oder Familienbesuche lassen sich oft nur mit dem eigenen Wagen erledigen. Auch für ältere Menschen bedeutet Autofahren ein hohes Maß an Selbstständigkeit und persönliche Freiheit. Entsprechend sensibel wird die Frage diskutiert, wie sicher Senioren noch am Steuer unterwegs sind.
„Das Thema ist emotional stark belastet“, sagt Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Gerade innerhalb von Familien sei es schwierig, Zweifel an der Fahrtüchtigkeit offen anzusprechen. Niemand sage gern den eigenen Eltern, dass sie das Auto vielleicht besser stehen lassen sollten.
Kommunen in Mecklenburg-Vorpommern warnen allerdings vor pauschalen Urteilen. Ältere Menschen dürften nicht grundsätzlich als Problemgruppe dargestellt werden, betont etwa der Landkreis Ludwigslust-Parchim. Auch aus Schwerin heißt es, das Alter allein lasse keine Rückschlüsse auf die Fahrtüchtigkeit zu. Viele Seniorinnen und Senioren seien besonders umsichtig und verantwortungsvoll unterwegs.
Was Unfallstatistiken über ältere Fahrer wirklich aussagen
Statistische Daten stützen diese differenzierte Sicht. Zwar zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes, dass ältere Menschen bei Unfällen häufiger als Hauptverursacher gelten. Gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil sind sie jedoch insgesamt seltener in Verkehrsunfälle verwickelt.
Ein genauer Blick auf die Unfallzahlen zeigt dennoch Unterschiede innerhalb der Altersgruppen. In Mecklenburg-Vorpommern waren Menschen zwischen 65 und 75 Jahren im Jahr 2024 seltener Unfallverursacher als noch im Vorjahr. Die Zahl sank laut Verkehrsunfallstatistik von 583 Fällen im Jahr 2023 auf 557. Anders stellt sich die Entwicklung bei Menschen über 75 Jahren dar: Hier stieg die Zahl der Unfälle, bei denen Senioren als Verursacher galten, von 453 auf 482.
Nach Einschätzung von Zeidler erklären absolute Zahlen jedoch nur einen Teil des Bildes. Ältere Menschen fahren im Durchschnitt deutlich weniger Kilometer als jüngere. Rechnet man das Unfallgeschehen auf die tatsächlich gefahrene Strecke um, steigt das Risiko für Unfälle mit Personenschäden ab etwa 75 Jahren deutlich an. In der Fachsprache ist von einer sogenannten „Badewannen-Kurve“ die Rede: Ein hohes Risiko bei jungen Fahranfängern, ein Rückgang im mittleren Alter und ein erneuter Anstieg im höheren Lebensalter.
Ursächlich sind dabei weniger konkrete Krankheiten als vielmehr altersbedingte Veränderungen wie nachlassende Konzentration, geringere Reaktionsgeschwindigkeit oder eingeschränkte Aufmerksamkeit. Diese machen sich vor allem in komplexen Verkehrssituationen bemerkbar, etwa an Kreuzungen oder beim Abbiegen.
Rückmeldefahrten und Schulungen als Alternative zu Verboten
Die freiwillige Abgabe des Führerscheins ist in Mecklenburg-Vorpommern eher selten. Häufiger erfolgt der Verzicht erst, nachdem Behörden eine Fahreignungsüberprüfung eingeleitet haben, etwa nach Hinweisen der Polizei. In anderen Fällen entscheiden sich Betroffene auf Anregung von Angehörigen, das Auto schlicht nicht mehr zu nutzen, ohne formell auf die Fahrerlaubnis zu verzichten.
Um die Fahrsicherheit zu erhöhen, setzen Versicherer verstärkt auf sogenannte Rückmeldefahrten für Menschen ab 75 Jahren. Dabei fahren die Teilnehmenden im eigenen Fahrzeug unter Beobachtung eines Experten durch den Straßenverkehr. Im Anschluss erhalten sie eine vertrauliche Einschätzung – von der Bestätigung der Fahrkompetenz über Verhaltensempfehlungen bis hin zum Rat, das Autofahren einzustellen. Das Urteil bleibt bewusst ohne behördliche Folgen, um die Akzeptanz zu erhöhen.
Auch freiwillige Schulungs- und Testangebote existieren. Das Innenministerium verweist etwa auf Programme der Landesverkehrswacht, die über altersbedingte Einschränkungen informieren und Kompensationsmöglichkeiten aufzeigen. Praktische Fahrtests werden zudem von Organisationen wie TÜV, ADAC oder Dekra angeboten – nicht nur für Senioren, sondern auch für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder Fahrunsicherheiten.



