Landtagswahl 2026:
„Wir wollen diese Parteitaktiererei nicht mehr“ – Patrick Biegemann über Schwerin, Migration und das BSW
Patrick Biegemann (BSW) spricht über Schwerins Finanzen, Migration, Corona, Nord Stream und erklärt, warum für ihn bei Anträgen der Inhalt und nicht die Partei entscheidend sein sollte.

Im Vorfeld der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern spricht Schwerin-Lokal mit den Direktkandidatinnen und Direktkandidaten in Schwerin. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem eine Frage: Was wollen sie konkret für die Landeshauptstadt erreichen?
Heute im Gespräch: Patrick Biegemann (BSW). Der Schweriner Verwaltungsfachangestellte kandidiert im Wahlkreis Schwerin I und trifft dort unter anderem auf Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm.
Biegemann spricht im Interview über die Corona-Politik, die angespannte Finanzlage von Land und Kommunen, Wirtschaft und Energiepreise, Migration sowie das Verhältnis seiner Partei zur AfD. Außerdem erklärt er, warum er sich vom BSW einen anderen politischen Umgang miteinander verspricht.
Herr Biegemann, Sie sind noch jung und wollen schon in den Landtag. Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, sich politisch zu engagieren und für das BSW anzutreten?
Ich war tatsächlich schon immer politisch interessiert, war aber lange politisch heimatlos. Ich habe immer nach einer Partei gesucht, die wirtschaftliche Vernunft, soziale Gerechtigkeit und, das ist für mich ganz wichtig, Friedenspolitik miteinander zu verbinden. Im bisherigen Parteienspektrum habe ich keine Partei gefunden, bei der ich mich wirklich vertreten gefühlt habe.
Als Sahra Wagenknecht dann das BSW gegründet hat, war ich Feuer und Flamme und wollte sofort mitmachen. Ich war einer der ersten Unterstützer hier in Schwerin und bin seitdem dabei.
Sie treten im Wahlkreis von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig an und haben damit eine sehr starke Konkurrentin. Wenn Sie auf die vergangenen fünf Jahre der Legislaturperiode zurückblicken: Was ist aus Ihrer Sicht gut gelaufen und was war besonders problematisch?
Die Corona-Politik ist ein großer Punkt, bei dem ich immer noch Bauchschmerzen habe. Auch vielen Menschen meiner Generation wurden prägende Jahre genommen. Ob 18. Geburtstag, Ausbildung, Studium, Berufseinstieg oder soziale Kontakte: Wir haben in unserer Generation viel verloren.
Ich glaube, dass eine Aufarbeitung unbedingt notwendig ist, damit wir daraus lernen. Die nächste Pandemie kann kommen und darauf müssen wir vorbereitet sein. Aus Fehlern lernt man aber nicht, wenn man nicht darüber spricht.
Gibt es denn auch Themen, bei denen Sie sagen würden: Das ist in den vergangenen fünf Jahren gut gelaufen?
Mecklenburg-Vorpommern hat sich in einigen Bereichen durchaus weiterentwickelt. Auch bei den Einkommen hat es Verbesserungen gegeben, selbst wenn wir im bundesweiten Vergleich weiterhin deutlich aufholen müssen. Das sollte man auch anerkennen.
Gleichzeitig sind aus meiner Sicht viele grundlegende Probleme zu lange liegen geblieben. Dazu gehören der Fachkräftemangel, die finanzielle Lage vieler Kommunen und auch der gesellschaftliche Zusammenhalt.
Gerade dort müssen wir in den kommenden Jahren deutlich besser werden. Für mich überwiegt deshalb insgesamt der Eindruck, dass vorhandene Probleme zu häufig verwaltet statt wirklich gelöst wurden.
Aktuelle Umfragen zeigen zwei besonders starke Parteien, während mehrere andere Parteien nur einstellige Ergebnisse erreichen. Wie bewerten Sie die politische Lage in Mecklenburg-Vorpommern?
Die Situation ist relativ schwierig. Wir haben darüber schon gesprochen: Es läuft ein Stück weit auf einen Zweikampf zwischen Schwesig und Holm hinaus. Für kleinere Parteien ist das immer schwierig. Das haben wir beispielsweise auch in Baden-Württemberg gesehen, als der Kampf zwischen Grünen und CDU kleinere Parteien teilweise aufgerieben hat. Das könnte hier ähnlich werden.
Wir als BSW müssen deshalb die Sachthemen nach vorne bringen. Ich glaube, dass darüber im Wahlkampf viel zu wenig gesprochen wird. Wir sprechen sehr viel über Personen und darüber, wer der nächste Ministerpräsident wird. Aber wir sprechen zu wenig darüber, was der nächste Ministerpräsident eigentlich für dieses Land umsetzen will.
Deshalb müssen wir als BSW und eigentlich auch die anderen kleineren Parteien, die momentan in den Umfragen zurückliegen, die Sachthemen wieder stärker in den Vordergrund stellen.
Das BSW verspricht vor allem soziale Entlastungen. Gleichzeitig sind die Landeskassen angespannt. Wie wollen Sie diese Vorhaben finanzieren? Und gibt es Bereiche, in denen Sie auch sparen würden?
Es geht vor allem darum, zu priorisieren. Wir müssen uns zunächst anschauen: Welche Ausgaben haben wir momentan? Welche davon sind notwendig und welche vielleicht nicht?
Spontan fallen mir beispielsweise Förderprogramme ein, deren Gelder überhaupt nicht abgerufen werden können, weil das Personal fehlt, weil die Programme nicht bekannt genug sind oder weil Kommunen gar nicht die Möglichkeiten haben, an diese Fördergelder heranzukommen. Das ist ein großes Problem, das wir in Schwerin und in Mecklenburg-Vorpommern haben.
Wir müssen deshalb priorisieren: Welche Aufgaben sind wichtig und welche nicht? Danach müssen wir entscheiden, welche Maßnahmen Priorität haben und in welcher Reihenfolge sie solide finanziert und umgesetzt werden können.
Die Linke fordert mehr Lehrer, die SPD mehr Unterstützung im sozialen Bereich und für die Kitas. Gerade Schwerin hat einen großen Bedarf beim Ausbau von Schulen und Kitas und gleichzeitig fehlt Personal. Wie kann das Land die Kommunen hier besser unterstützen?
Es geht darum, dass das Land nicht ständig Versprechungen macht, die am Ende die Kommunen bezahlen müssen. Wenn das Land etwas verspricht und die Kommunen es umsetzen sollen, muss das Land auch dafür sorgen, dass diese Aufgaben finanziert werden.
Wir haben dafür bereits das Konnexitätsprinzip. Entscheidend ist, dass es konsequent eingehalten wird und die Kommunen für zusätzliche Aufgaben tatsächlich auskömmlich finanziert werden.
Gleichzeitig ist auch die finanzielle Situation des Landes angespannt. Schwerins Finanzen sehen ebenfalls nicht besonders rosig aus. Die Stadt hat hohe Ausgaben, unter anderem beim Personal und bei den Sozialleistungen. Ist die Situation aus Ihrer Sicht hausgemacht oder sind es vor allem Vorgaben und Belastungen durch das Land?
Patrick Biegemann: Wir haben jahrelang Dinge verschlafen und sind Probleme nicht angegangen. Bei vielen Themen sage ich: Wenn wir das Problem gelöst hätten, als es noch klein war, hätten wir heute kein großes Problem.
Wir schieben Probleme sehr stark vor uns her und wundern uns am Ende, warum daraus ein großes Problem geworden ist.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Ein Beispiel ist der Fachkräftemangel oder auch die Rente. Das sind Probleme, die, zumindest seitdem ich auf der Welt bin, bekannt sind. Wir wissen seit Jahren, dass wir ein demografisches Problem haben, weil weniger Kinder nachkommen und die Menschen gleichzeitig älter werden.
Trotzdem wurde jahrelang zu wenig gemacht. Die Probleme wurden verschlafen und vor sich hergeschoben. Und jetzt stehen wir dort, wo wir heute stehen.
Damit wieder mehr Geld in die Kassen kommt, brauchen Mecklenburg-Vorpommern und Schwerin eine starke Wirtschaft. Gleichzeitig kämpfen Unternehmen mit hohen Kosten und wirtschaftlichen Unsicherheiten. Was kann das Land tun?
Ein Ansatz, den wir als BSW verfolgen, ist, öffentliche Ausschreibungen mittelstandsfreundlich auszugestalten, faire Löhne und soziale Standards einzufordern und im rechtlich zulässigen Rahmen die regionale Wertschöpfung zu stärken.
Wir müssen auch über Nord Stream sprechen. Aus meiner Sicht gehört die Frage auf den Tisch, ob und unter welchen rechtlichen und politischen Voraussetzungen diese Infrastruktur künftig genutzt werden könnte. Die Landesregierung ist der Bevölkerung gegenüber verpflichtet, auch diese Frage offen zu diskutieren.
Friedenspolitik ist für das BSW ein zentrales Thema. Sie fordern einen stärkeren Einsatz für Frieden und ein Ende des Krieges in der Ukraine. Ist das aber nicht in erster Linie Bundespolitik? Was kann ein Landtag in Mecklenburg-Vorpommern überhaupt dazu beitragen?
Natürlich ist das ein Bundesthema. Friedensverträge werden nicht im Landtag verhandelt. Aber Friedenspolitik ist auch Symbol- und Haltungspolitik.
Gerade in der jetzigen Zeit, in der wir immer stärker über Aufrüstung sprechen, gehört dieses Thema auch in den Landtag. Außerdem hat das Land über den Bundesrat Möglichkeiten, politischen Druck aufzubauen.
Wir sehen beispielsweise Thüringen, wo das BSW an der Regierung beteiligt ist. Thüringen hat dem Sondervermögen im Bundesrat nicht zugestimmt und damit einen gewissen Druck aufgebaut. Wir als BSW würden solche Möglichkeiten ebenfalls nutzen.
Schwerin-Lokal: Kommen wir zum Thema Migration. Das spielt auch im Wahlkampf eine große Rolle. Das BSW vertritt hier einen deutlich restriktiveren Kurs als viele andere Parteien. Was läuft Ihrer Meinung nach falsch?
Das Problem ist auch hier, dass wir ein Thema haben, das jahrelang verschlafen wurde. Es gibt Menschen, die seit Jahren ausreisepflichtig sind, und darum wird sich aus meiner Sicht nicht ausreichend gekümmert. Das kann nicht sein.
Gleichzeitig müssen Menschen, die ein Bleiberecht haben, viel besser integriert werden. Wir haben Menschen im laufenden Asylverfahren oder mit einer Duldung, die arbeiten wollen, aber teilweise nur eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Wer eine Bleibeperspektive hat, muss schneller integriert werden und schneller arbeiten können.
Menschen, die vollziehbar ausreisepflichtig sind, müssen zur Ausreise aufgefordert werden, und dann muss sich auch darum gekümmert werden, dass diese Ausreise erfolgt. Das darf nicht verschleppt oder verschlafen werden.
Jeder, der Hilfe benötigt oder schutzbedürftig ist und ein entsprechendes Bleiberecht hat, soll selbstverständlich bleiben können. Aber wir haben gleichzeitig Menschen, die vollziehbar ausreisepflichtig sind. Auch darüber müssen wir sprechen, gerade wenn wir gleichzeitig über leere öffentliche Kassen reden.
Beim Thema Migration gibt es durchaus Überschneidungen zwischen Positionen des BSW und der AfD. Wäre bei einzelnen Sachfragen deshalb auch eine Zusammenarbeit mit der AfD im Landtag denkbar?
Bei einzelnen Sachanträgen ist für mich der Inhalt entscheidend und nicht der Absender. Wenn ein Antrag unseren Überzeugungen entspricht, nicht menschenfeindlich und nicht rechtswidrig ist, können wir ihm zustimmen, unabhängig davon, von welcher Fraktion er eingebracht wurde.
Das bedeutet ausdrücklich keine Koalition oder Regierungszusammenarbeit mit der AfD.
Wir wollen diese Parteitaktiererei nicht mehr. Ich glaube, dass genau diese Art des Umgangs die AfD auch stark gemacht hat.
Stellen wir uns vor, Sie ziehen in den Landtag ein und wir sitzen 2031 vor der nächsten Wahl wieder hier. Welche drei Dinge müssten Sie bis dahin erreicht haben, damit Sie sagen: Das war für mich eine erfolgreiche Legislaturperiode?
Ich hoffe zunächst, dass bis dahin ein Corona-Untersuchungsausschuss eingesetzt wurde und eine ernsthafte Aufarbeitung stattgefunden hat.
Außerdem wünsche ich mir, dass wir bis 2031 einen anderen politischen Umgang miteinander erreicht haben. Dazu gehört für mich auch die Idee einer überparteilichen Bürgerregierung. Entscheidend sollte nicht das Parteibuch sein, sondern wer fachlich geeignet ist und für eine konkrete Aufgabe die beste Lösung anbietet.
Ich glaube, dass dieses Modell eine echte Alternative zu den klassischen Koalitionen sein kann. Vielleicht braucht diese Idee noch Zeit, aber ich möchte, dass wir bis 2031 gezeigt haben, dass Politik auch anders funktionieren kann: sachorientierter, über Parteigrenzen hinweg und stärker an den Interessen der Bürger ausgerichtet.
Der dritte Punkt ist der Zusammenhalt in der Gesellschaft. Wir treten dafür ein, dass wir wieder einen ganz anderen Meinungsaustausch miteinander führen und anders damit umgehen, wenn jemand eine andere Meinung hat.
Wenn jemand anderer Meinung ist, darf er nicht gleich mein Todfeind sein. Dann setze ich mich mit ihm hin, mache mir vielleicht ein Bier auf und unterhalte mich mit ihm. Dümmer werde ich dadurch nicht.
Ich glaube, dass genau das unserer Gesellschaft momentan ein Stück weit fehlt. Das wären drei Dinge, bei denen ich mich freuen würde, wenn wir sie bis 2031 angegangen wären.
Herr Biegemann, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Dario Rochow




