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Landtagswahl 2026:
„Wir wollen diese Parteitaktiererei nicht mehr“ – Patrick Biegemann über Schwerin, Migration und das BSW

Patrick Biegemann (BSW) spricht über Schwerins Finanzen, Migration, Corona, Nord Stream und erklärt, warum für ihn bei Anträgen der Inhalt und nicht die Partei entscheidend sein sollte.

  • Veröffentlicht September 16, 2026
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Patrick Biege­mann tritt an für den BSW. Foto: BSW Schw­erin

 

Im Vor­feld der Land­tagswahl in Meck­len­burg-Vor­pom­mern spricht Schw­erin-Lokal mit den Direk­tkan­di­datin­nen und Direk­tkan­di­dat­en in Schw­erin. Im Mit­telpunkt ste­ht dabei vor allem eine Frage: Was wollen sie konkret für die Lan­deshaupt­stadt erre­ichen?

Heute im Gespräch: Patrick Biege­mann (BSW). Der Schw­er­iner Ver­wal­tungs­fachangestellte kan­di­diert im Wahlkreis Schw­erin I und trifft dort unter anderem auf Min­is­ter­präsi­dentin Manuela Schwe­sig (SPD) und AfD-Spitzenkan­di­dat Leif-Erik Holm.

Biege­mann spricht im Inter­view über die Coro­na-Poli­tik, die anges­pan­nte Finan­zlage von Land und Kom­munen, Wirtschaft und Energiepreise, Migra­tion sowie das Ver­hält­nis sein­er Partei zur AfD. Außer­dem erk­lärt er, warum er sich vom BSW einen anderen poli­tis­chen Umgang miteinan­der ver­spricht.

 

Herr Biege­mann, Sie sind noch jung und wollen schon in den Land­tag. Wie sind Sie über­haupt auf die Idee gekom­men, sich poli­tisch zu engagieren und für das BSW anzutreten?

Ich war tat­säch­lich schon immer poli­tisch inter­essiert, war aber lange poli­tisch heimat­los. Ich habe immer nach ein­er Partei gesucht, die wirtschaftliche Ver­nun­ft, soziale Gerechtigkeit und, das ist für mich ganz wichtig, Frieden­spoli­tik miteinan­der zu verbinden. Im bish­eri­gen Parteien­spek­trum habe ich keine Partei gefun­den, bei der ich mich wirk­lich vertreten gefühlt habe.

Als Sahra Wagenknecht dann das BSW gegrün­det hat, war ich Feuer und Flamme und wollte sofort mit­machen. Ich war ein­er der ersten Unter­stützer hier in Schw­erin und bin seit­dem dabei.

 

Sie treten im Wahlkreis von Min­is­ter­präsi­dentin Manuela Schwe­sig an und haben damit eine sehr starke Konkur­rentin. Wenn Sie auf die ver­gan­genen fünf Jahre der Leg­is­laturpe­ri­ode zurück­blick­en: Was ist aus Ihrer Sicht gut gelaufen und was war beson­ders prob­lema­tisch?

Die Coro­na-Poli­tik ist ein großer Punkt, bei dem ich immer noch Bauch­schmerzen habe. Auch vie­len Men­schen mein­er Gen­er­a­tion wur­den prä­gende Jahre genom­men. Ob 18. Geburt­stag, Aus­bil­dung, Studi­um, Beruf­se­in­stieg oder soziale Kon­tak­te: Wir haben in unser­er Gen­er­a­tion viel ver­loren.

Ich glaube, dass eine Aufar­beitung unbe­d­ingt notwendig ist, damit wir daraus ler­nen. Die näch­ste Pan­demie kann kom­men und darauf müssen wir vor­bere­it­et sein. Aus Fehlern lernt man aber nicht, wenn man nicht darüber spricht.

 

Gibt es denn auch The­men, bei denen Sie sagen wür­den: Das ist in den ver­gan­genen fünf Jahren gut gelaufen?

Meck­len­burg-Vor­pom­mern hat sich in eini­gen Bere­ichen dur­chaus weit­er­en­twick­elt. Auch bei den Einkom­men hat es Verbesserun­gen gegeben, selb­st wenn wir im bun­desweit­en Ver­gle­ich weit­er­hin deut­lich auf­holen müssen. Das sollte man auch anerken­nen.

Gle­ichzeit­ig sind aus mein­er Sicht viele grundle­gende Prob­leme zu lange liegen geblieben. Dazu gehören der Fachkräfte­man­gel, die finanzielle Lage viel­er Kom­munen und auch der gesellschaftliche Zusam­men­halt.

Ger­ade dort müssen wir in den kom­menden Jahren deut­lich bess­er wer­den. Für mich über­wiegt deshalb ins­ge­samt der Ein­druck, dass vorhan­dene Prob­leme zu häu­fig ver­wal­tet statt wirk­lich gelöst wur­den.

 

Aktuelle Umfra­gen zeigen zwei beson­ders starke Parteien, während mehrere andere Parteien nur ein­stel­lige Ergeb­nisse erre­ichen. Wie bew­erten Sie die poli­tis­che Lage in Meck­len­burg-Vor­pom­mern?

Die Sit­u­a­tion ist rel­a­tiv schwierig. Wir haben darüber schon gesprochen: Es läuft ein Stück weit auf einen Zweikampf zwis­chen Schwe­sig und Holm hin­aus. Für kleinere Parteien ist das immer schwierig. Das haben wir beispiel­sweise auch in Baden-Würt­tem­berg gese­hen, als der Kampf zwis­chen Grü­nen und CDU kleinere Parteien teil­weise aufgerieben hat. Das kön­nte hier ähn­lich wer­den.

Wir als BSW müssen deshalb die Sachthe­men nach vorne brin­gen. Ich glaube, dass darüber im Wahlkampf viel zu wenig gesprochen wird. Wir sprechen sehr viel über Per­so­n­en und darüber, wer der näch­ste Min­is­ter­präsi­dent wird. Aber wir sprechen zu wenig darüber, was der näch­ste Min­is­ter­präsi­dent eigentlich für dieses Land umset­zen will.

Deshalb müssen wir als BSW und eigentlich auch die anderen kleineren Parteien, die momen­tan in den Umfra­gen zurück­liegen, die Sachthe­men wieder stärk­er in den Vorder­grund stellen.

 

 

Das BSW ver­spricht vor allem soziale Ent­las­tun­gen. Gle­ichzeit­ig sind die Lan­deskassen anges­pan­nt. Wie wollen Sie diese Vorhaben finanzieren? Und gibt es Bere­iche, in denen Sie auch sparen wür­den?

Es geht vor allem darum, zu pri­or­isieren. Wir müssen uns zunächst anschauen: Welche Aus­gaben haben wir momen­tan? Welche davon sind notwendig und welche vielle­icht nicht?

Spon­tan fall­en mir beispiel­sweise Förder­pro­gramme ein, deren Gelder über­haupt nicht abgerufen wer­den kön­nen, weil das Per­son­al fehlt, weil die Pro­gramme nicht bekan­nt genug sind oder weil Kom­munen gar nicht die Möglichkeit­en haben, an diese Fördergelder her­anzukom­men. Das ist ein großes Prob­lem, das wir in Schw­erin und in Meck­len­burg-Vor­pom­mern haben.

Wir müssen deshalb pri­or­isieren: Welche Auf­gaben sind wichtig und welche nicht? Danach müssen wir entschei­den, welche Maß­nah­men Pri­or­ität haben und in welch­er Rei­hen­folge sie solide finanziert und umge­set­zt wer­den kön­nen.

 

 

Die Linke fordert mehr Lehrer, die SPD mehr Unter­stützung im sozialen Bere­ich und für die Kitas. Ger­ade Schw­erin hat einen großen Bedarf beim Aus­bau von Schulen und Kitas und gle­ichzeit­ig fehlt Per­son­al. Wie kann das Land die Kom­munen hier bess­er unter­stützen?

Es geht darum, dass das Land nicht ständig Ver­sprechun­gen macht, die am Ende die Kom­munen bezahlen müssen. Wenn das Land etwas ver­spricht und die Kom­munen es umset­zen sollen, muss das Land auch dafür sor­gen, dass diese Auf­gaben finanziert wer­den.

Wir haben dafür bere­its das Kon­nex­ität­sprinzip. Entschei­dend ist, dass es kon­se­quent einge­hal­ten wird und die Kom­munen für zusät­zliche Auf­gaben tat­säch­lich auskömm­lich finanziert wer­den.

 

Gle­ichzeit­ig ist auch die finanzielle Sit­u­a­tion des Lan­des anges­pan­nt. Schw­erins Finanzen sehen eben­falls nicht beson­ders rosig aus. Die Stadt hat hohe Aus­gaben, unter anderem beim Per­son­al und bei den Sozialleis­tun­gen. Ist die Sit­u­a­tion aus Ihrer Sicht haus­gemacht oder sind es vor allem Vor­gaben und Belas­tun­gen durch das Land?

Patrick Biege­mann: Wir haben jahre­lang Dinge ver­schlafen und sind Prob­leme nicht ange­gan­gen. Bei vie­len The­men sage ich: Wenn wir das Prob­lem gelöst hät­ten, als es noch klein war, hät­ten wir heute kein großes Prob­lem.

Wir schieben Prob­leme sehr stark vor uns her und wun­dern uns am Ende, warum daraus ein großes Prob­lem gewor­den ist.

 

Kön­nen Sie dafür ein Beispiel nen­nen?

Ein Beispiel ist der Fachkräfte­man­gel oder auch die Rente. Das sind Prob­leme, die, zumin­d­est seit­dem ich auf der Welt bin, bekan­nt sind. Wir wis­sen seit Jahren, dass wir ein demografis­ches Prob­lem haben, weil weniger Kinder nachkom­men und die Men­schen gle­ichzeit­ig älter wer­den.

Trotz­dem wurde jahre­lang zu wenig gemacht. Die Prob­leme wur­den ver­schlafen und vor sich hergeschoben. Und jet­zt ste­hen wir dort, wo wir heute ste­hen.

 

Damit wieder mehr Geld in die Kassen kommt, brauchen Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Schw­erin eine starke Wirtschaft. Gle­ichzeit­ig kämpfen Unternehmen mit hohen Kosten und wirtschaftlichen Unsicher­heit­en. Was kann das Land tun?

Ein Ansatz, den wir als BSW ver­fol­gen, ist, öffentliche Auss­chrei­bun­gen mit­tel­stands­fre­undlich auszugestal­ten, faire Löhne und soziale Stan­dards einzu­fordern und im rechtlich zuläs­si­gen Rah­men die regionale Wertschöp­fung zu stärken.

Wir müssen auch über Nord Stream sprechen. Aus mein­er Sicht gehört die Frage auf den Tisch, ob und unter welchen rechtlichen und poli­tis­chen Voraus­set­zun­gen diese Infra­struk­tur kün­ftig genutzt wer­den kön­nte. Die Lan­desregierung ist der Bevölkerung gegenüber verpflichtet, auch diese Frage offen zu disku­tieren.

 

Frieden­spoli­tik ist für das BSW ein zen­trales The­ma. Sie fordern einen stärk­eren Ein­satz für Frieden und ein Ende des Krieges in der Ukraine. Ist das aber nicht in erster Lin­ie Bun­de­spoli­tik? Was kann ein Land­tag in Meck­len­burg-Vor­pom­mern über­haupt dazu beitra­gen?

Natür­lich ist das ein Bun­des­the­ma. Friedensverträge wer­den nicht im Land­tag ver­han­delt. Aber Frieden­spoli­tik ist auch Sym­bol- und Hal­tungspoli­tik.

Ger­ade in der jet­zi­gen Zeit, in der wir immer stärk­er über Aufrüs­tung sprechen, gehört dieses The­ma auch in den Land­tag. Außer­dem hat das Land über den Bun­desrat Möglichkeit­en, poli­tis­chen Druck aufzubauen.

Wir sehen beispiel­sweise Thürin­gen, wo das BSW an der Regierung beteiligt ist. Thürin­gen hat dem Son­derver­mö­gen im Bun­desrat nicht zuges­timmt und damit einen gewis­sen Druck aufge­baut. Wir als BSW wür­den solche Möglichkeit­en eben­falls nutzen.

 

Schw­erin-Lokal: Kom­men wir zum The­ma Migra­tion. Das spielt auch im Wahlkampf eine große Rolle. Das BSW ver­tritt hier einen deut­lich restrik­tiv­eren Kurs als viele andere Parteien. Was läuft Ihrer Mei­n­ung nach falsch?

Das Prob­lem ist auch hier, dass wir ein The­ma haben, das jahre­lang ver­schlafen wurde. Es gibt Men­schen, die seit Jahren aus­reisepflichtig sind, und darum wird sich aus mein­er Sicht nicht aus­re­ichend geküm­mert. Das kann nicht sein.

Gle­ichzeit­ig müssen Men­schen, die ein Bleiberecht haben, viel bess­er inte­gri­ert wer­den. Wir haben Men­schen im laufend­en Asylver­fahren oder mit ein­er Dul­dung, die arbeit­en wollen, aber teil­weise nur eingeschränk­ten Zugang zum Arbeits­markt haben. Wer eine Bleibeper­spek­tive hat, muss schneller inte­gri­ert wer­den und schneller arbeit­en kön­nen.

Men­schen, die vol­lziehbar aus­reisepflichtig sind, müssen zur Aus­reise aufge­fordert wer­den, und dann muss sich auch darum geküm­mert wer­den, dass diese Aus­reise erfol­gt. Das darf nicht ver­schleppt oder ver­schlafen wer­den.

Jed­er, der Hil­fe benötigt oder schutzbedürftig ist und ein entsprechen­des Bleiberecht hat, soll selb­stver­ständlich bleiben kön­nen. Aber wir haben gle­ichzeit­ig Men­schen, die vol­lziehbar aus­reisepflichtig sind. Auch darüber müssen wir sprechen, ger­ade wenn wir gle­ichzeit­ig über leere öffentliche Kassen reden.

 

Beim The­ma Migra­tion gibt es dur­chaus Über­schnei­dun­gen zwis­chen Posi­tio­nen des BSW und der AfD. Wäre bei einzel­nen Sach­fra­gen deshalb auch eine Zusam­me­nar­beit mit der AfD im Land­tag denkbar?

Bei einzel­nen Sachanträ­gen ist für mich der Inhalt entschei­dend und nicht der Absender. Wenn ein Antrag unseren Überzeu­gun­gen entspricht, nicht men­schen­feindlich und nicht rechtswidrig ist, kön­nen wir ihm zus­tim­men, unab­hängig davon, von welch­er Frak­tion er einge­bracht wurde.

Das bedeutet aus­drück­lich keine Koali­tion oder Regierungszusam­me­nar­beit mit der AfD.

Wir wollen diese Parteitak­tier­erei nicht mehr. Ich glaube, dass genau diese Art des Umgangs die AfD auch stark gemacht hat.

 

Stellen wir uns vor, Sie ziehen in den Land­tag ein und wir sitzen 2031 vor der näch­sten Wahl wieder hier. Welche drei Dinge müssten Sie bis dahin erre­icht haben, damit Sie sagen: Das war für mich eine erfol­gre­iche Leg­is­laturpe­ri­ode?

Ich hoffe zunächst, dass bis dahin ein Coro­na-Unter­suchungsauss­chuss einge­set­zt wurde und eine ern­sthafte Aufar­beitung stattge­fun­den hat.

Außer­dem wün­sche ich mir, dass wir bis 2031 einen anderen poli­tis­chen Umgang miteinan­der erre­icht haben. Dazu gehört für mich auch die Idee ein­er über­parteilichen Bürg­er­regierung. Entschei­dend sollte nicht das Parteibuch sein, son­dern wer fach­lich geeignet ist und für eine konkrete Auf­gabe die beste Lösung anbi­etet.

Ich glaube, dass dieses Mod­ell eine echte Alter­na­tive zu den klas­sis­chen Koali­tio­nen sein kann. Vielle­icht braucht diese Idee noch Zeit, aber ich möchte, dass wir bis 2031 gezeigt haben, dass Poli­tik auch anders funk­tion­ieren kann: sachori­en­tiert­er, über Partei­gren­zen hin­weg und stärk­er an den Inter­essen der Bürg­er aus­gerichtet.

Der dritte Punkt ist der Zusam­men­halt in der Gesellschaft. Wir treten dafür ein, dass wir wieder einen ganz anderen Mei­n­ungsaus­tausch miteinan­der führen und anders damit umge­hen, wenn jemand eine andere Mei­n­ung hat.

Wenn jemand ander­er Mei­n­ung ist, darf er nicht gle­ich mein Tod­feind sein. Dann set­ze ich mich mit ihm hin, mache mir vielle­icht ein Bier auf und unter­halte mich mit ihm. Düm­mer werde ich dadurch nicht.

Ich glaube, dass genau das unser­er Gesellschaft momen­tan ein Stück weit fehlt. Das wären drei Dinge, bei denen ich mich freuen würde, wenn wir sie bis 2031 ange­gan­gen wären.

Herr Biege­mann, vie­len Dank für das Gespräch.

Das Inter­view führte Dario Rochow