Stillstand am Püsserkrug:
Warum das Wohnquartier noch Jahre auf sich warten lässt
138 Wohnungen waren geplant, doch das Wohnquartier Püsserkrug bleibt vorerst Zukunftsmusik. Die Stadt erklärt, warum das Projekt gestoppt wurde und weshalb sich vorerst nichts ändern wird.

Foto: Stefan Rochow
Vernagelte Fenster, verwilderte Grünflächen und Gebäude, die seit Jahren leer stehen: Wer heute am Püsserkrug vorbeifährt, sieht vor allem Stillstand. Dabei sollte auf dem geschichtsträchtigen Gelände in der Gartenstadt längst neuer Wohnraum entstehen. Die kommunale Wohnungsgesellschaft Schwerin (WGS) hatte das Areal bereits vor Jahren übernommen, Konzepte erarbeiten lassen und verschiedene Bebauungsvarianten geprüft. Doch gebaut wird bis heute nicht.
Die Hoffnung auf einen baldigen Baustart müssen Anwohner allerdings begraben. Nach einer aktuellen Auskunft der Stadtverwaltung wird sich auf dem Gelände auch in den kommenden Jahren nichts verändern. „Das komplette Quartier wird als Vorratsfläche im Bestand für spätere Entwicklungen gehalten. Konkrete Entwicklungsziele werden in der aktuellen Wirtschaftsplanung nicht verfolgt“, heißt es in der Antwort auf eine Anfrage der Fraktion Unabhängige Bürger/FDP, die der SNO-Redaktion vorliegt. Die Fraktion hatte sich nach dem Sachstand zur Entwicklung des Wohnquartiers „Püsserkrug“ im Ortsteil Gartenstadt erkundigt.
Die Verwaltung bestätigt in ihren Antworten nun erstmals sehr deutlich, dass das Projekt auf unbestimmte Zeit zurückgestellt wurde. Zwar bleibt das Gelände im Besitz der WGS, Priorität genießt jedoch ein anderes Vorhaben: die Entwicklung der „Neuen Mitte Neu Zippendorf“ am Berliner Platz.
Dabei war der Püsserkrug lange Zeit als eines der bedeutenderen Wohnungsbauprojekte der WGS vorgesehen. Nach der Übernahme des Areals im Jahr 2019 wurden zunächst der bauliche Zustand untersucht und erste Entwicklungsmöglichkeiten ausgelotet. Es entstanden ein Nutzungskonzept mit städtebaulicher Entwurfsstudie, Bebauungsvorschläge sowie Abstimmungen mit der benachbarten Bundeswehr. Noch 2022 ließ die WGS verschiedene Varianten erneut bewerten.
Neubau statt Sanierung
Die Untersuchungen führten zu einem klaren Ergebnis. Zwar wäre eine Sanierung der historischen Gebäude grundsätzlich möglich, wirtschaftlich sinnvoll erscheint sie nach Auffassung der WGS jedoch nicht.
„Die Empfehlung der WGS war der Abriss und anschließende Neubau. Aufgrund der besseren Flächenausnutzung, nachgefragten Wohnungsgrößen, einer längeren Nutzungsdauer und der Schaffung einer besseren technischen Qualität stellte dies die wirtschaftlichste Variante dar“, schreibt die Stadt in ihrer Antwort zum Sachstand der Entwicklung des Wohnquartiers.

Die Unterschiede sind erheblich. Bei einer Sanierung könnten lediglich 34 Wohnungen entstehen. Das überarbeitete städtebauliche Konzept aus dem Jahr 2022 sieht dagegen bei einer vollständigen Entwicklung des Grundstücks bis zu 138 Wohnungen vor. Damit könnte das Quartier einen wichtigen Beitrag zur Schaffung dringend benötigten Wohnraums leisten.
Dass neuer Wohnraum benötigt wird, ist unbestritten. Im aktuellen Integrierten Stadtentwicklungskonzept geht die Landeshauptstadt davon aus, dass bis 2030 jährlich rund 300 neue Wohnungen entstehen müssen, um den Bedarf zu decken. Gleichzeitig macht das Konzept deutlich, dass angesichts knapper finanzieller Mittel nicht alle Projekte gleichzeitig umgesetzt werden können.
Corona, Krieg und knappe Kassen
Warum das Projekt schließlich ins Stocken geriet, erklärt die Verwaltung mit mehreren Faktoren. „Im Geschäftsjahr 2022 wurde die Umsetzung des Projektes aufgrund der Corona-Krise und dem Ukraine-Krieg nicht weiterverfolgt“, heißt es in der Antwort. Unter den damaligen Rahmenbedingungen sei keine realistische Planung mehr möglich gewesen.
Hinzu kam eine strategische Entscheidung der WGS. Das kommunale Unternehmen investierte sein begrenztes Eigenkapital lieber in die Modernisierung bestehender und vermieteter Wohnungen. Der Püsserkrug wurde dagegen als langfristige Reservefläche eingestuft.
Zwischenzeitlich wurde sogar geprüft, ob ein Verkauf des Areals sinnvoll wäre. Zwei Interessenten besichtigten das Gelände im Jahr 2023. Zu konkreten Verhandlungen kam es jedoch nicht. „Derzeit gibt es keine Verkaufsbemühungen seitens der WGS“, stellt die Verwaltung klar. Stattdessen solle das Quartier „zu einem späteren Zeitpunkt für Wohnbebauung entwickelt werden“.
Wann das sein wird, lässt sich bereits recht genau eingrenzen. „Aufgrund der Kategorisierung als Vorratsfläche wird eine Entwicklung erst erfolgen, wenn das Neubauvorhaben am Berliner Platz realisiert wurde. Eine Entwicklung wird daher prognostisch nicht vor 2029 erfolgen“, heißt es weiter. Anschließend müsse – je nach gewählter Variante – mit einer Bauzeit von drei bis fünf Jahren gerechnet werden.
Die Zeit arbeitet gegen das Gebäude
Je länger sich die Entwicklung verzögert, desto schlechter wird allerdings der Zustand der bestehenden Gebäude. Die Einschätzung der Stadt fällt deutlich aus: „Das Gebäude ist stark sanierungsbedürftig und aus diesem Grund nicht vermietbar. Im Falle einer Sanierung müsste das Objekt vollständig entkernt werden.“ Derzeit schützen lediglich sogenannte Sitex-Platten das Gebäude vor Einbruch, Vandalismus und unbefugtem Betreten.
Auch die Kosten sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Für eine Sanierung kalkuliert die WGS inzwischen mit rund 6,9 Millionen Euro. Ein Abriss mit anschließendem Neubau würde etwa 9,1 Millionen Euro kosten. Soll das gesamte Areal vollständig neu entwickelt werden, belaufen sich die geschätzten Investitionen mittlerweile sogar auf rund 37 Millionen Euro. Fördermittel wurden bislang nicht beantragt.
Ein Ort mit fast 375 Jahren Geschichte
Kaum ein Ort in der Gartenstadt blickt auf eine so lange Geschichte zurück wie der Püsserkrug. Bereits 1651 entstand an dieser Stelle ein Katen, aus dem sich später eine Gastwirtschaft entwickelte. Über Generationen hinweg machten hier Reisende Station, Soldaten löschten ihren Durst und später zog es an sonnigen Wochenenden zahlreiche Schweriner in den Biergarten des Kruges. Nach einem verheerenden Brand im Jahr 1907 wurde das Gasthaus schon ein Jahr später wieder aufgebaut und entwickelte sich mit der entstehenden Gartenstadt zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des Viertels.

Mit dem Bau der Gartenstadt und der benachbarten Kasernen entwickelte sich der Püsserkrug schließlich zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des Quartiers. Generationen feierten hier Familienfeste, Konzerte und Vereinsveranstaltungen.
Heute erinnert an diese Zeit nur noch die Straße „Am Püsserkrug“ und eine Gedenktafel. Das Gebäude selbst wartet weiter auf eine Zukunft. Aus dem einst ambitionierten Wohnungsbauprojekt ist vorerst eine Brache mit Perspektive geworden – allerdings erst für die Zeit nach 2029. Bis dahin bleibt der Püsserkrug vor allem eines: ein Symbol dafür, wie schwierig Stadtentwicklung zwischen steigenden Baukosten, knappen Haushalten und konkurrierenden Großprojekten geworden ist.





