Di, 14. Juli 2026
Close

Stillstand am Püsserkrug:
Warum das Wohnquartier noch Jahre auf sich warten lässt

138 Wohnungen waren geplant, doch das Wohnquartier Püsserkrug bleibt vorerst Zukunftsmusik. Die Stadt erklärt, warum das Projekt gestoppt wurde und weshalb sich vorerst nichts ändern wird.

Avatar-Foto
  • Veröffentlicht Juli 2, 2026
Graf­fi­ti statt Baukräne: Das ehe­ma­lige Püsserkrug-Gebäude ist stark sanierungs­bedürftig und derzeit nicht nutzbar.
Foto: Ste­fan Rochow

 

Ver­nagelte Fen­ster, ver­wilderte Grün­flächen und Gebäude, die seit Jahren leer ste­hen: Wer heute am Püsserkrug vor­beifährt, sieht vor allem Still­stand. Dabei sollte auf dem geschicht­strächti­gen Gelände in der Garten­stadt längst neuer Wohn­raum entste­hen. Die kom­mu­nale Woh­nungs­ge­sellschaft Schw­erin (WGS) hat­te das Are­al bere­its vor Jahren über­nom­men, Konzepte erar­beit­en lassen und ver­schiedene Bebau­ungsvari­anten geprüft. Doch gebaut wird bis heute nicht.

Die Hoff­nung auf einen baldigen Baus­tart müssen Anwohn­er allerd­ings begraben. Nach ein­er aktuellen Auskun­ft der Stadtver­wal­tung wird sich auf dem Gelände auch in den kom­menden Jahren nichts verän­dern. „Das kom­plette Quarti­er wird als Vor­rats­fläche im Bestand für spätere Entwick­lun­gen gehal­ten. Konkrete Entwick­lungsziele wer­den in der aktuellen Wirtschaft­s­pla­nung nicht ver­fol­gt“, heißt es in der Antwort auf eine Anfrage der Frak­tion Unab­hängige Bürger/FDP, die der SNO-Redak­tion vor­liegt. Die Frak­tion hat­te sich nach dem Sach­stand zur Entwick­lung des Wohn­quartiers „Püsserkrug“ im Ort­steil Garten­stadt erkundigt.

Die Ver­wal­tung bestätigt in ihren Antworten nun erst­mals sehr deut­lich, dass das Pro­jekt auf unbes­timmte Zeit zurück­gestellt wurde. Zwar bleibt das Gelände im Besitz der WGS, Pri­or­ität genießt jedoch ein anderes Vorhaben: die Entwick­lung der „Neuen Mitte Neu Zip­pen­dorf“ am Berlin­er Platz.

Dabei war der Püsserkrug lange Zeit als eines der bedeu­ten­deren Woh­nungs­baupro­jek­te der WGS vorge­se­hen. Nach der Über­nahme des Are­als im Jahr 2019 wur­den zunächst der bauliche Zus­tand unter­sucht und erste Entwick­lungsmöglichkeit­en aus­gelotet. Es ent­standen ein Nutzungskonzept mit städte­baulich­er Entwurf­sstudie, Bebau­ungsvorschläge sowie Abstim­mungen mit der benach­barten Bun­deswehr. Noch 2022 ließ die WGS ver­schiedene Vari­anten erneut bew­erten.

Neubau statt Sanierung

Die Unter­suchun­gen führten zu einem klaren Ergeb­nis. Zwar wäre eine Sanierung der his­torischen Gebäude grund­sät­zlich möglich, wirtschaftlich sin­nvoll erscheint sie nach Auf­fas­sung der WGS jedoch nicht.

„Die Empfehlung der WGS war der Abriss und anschließende Neubau. Auf­grund der besseren Flächenaus­nutzung, nachge­fragten Woh­nungs­größen, ein­er län­geren Nutzungs­dauer und der Schaf­fung ein­er besseren tech­nis­chen Qual­ität stellte dies die wirtschaftlich­ste Vari­ante dar“, schreibt die Stadt in ihrer Antwort zum Sach­stand der Entwick­lung des Wohn­quartiers.

 

138 Woh­nun­gen sollen hier entste­hen. So schnell aber noch nicht. Foto: Ste­fan Rochow

 

Die Unter­schiede sind erhe­blich. Bei ein­er Sanierung kön­nten lediglich 34 Woh­nun­gen entste­hen. Das über­ar­beit­ete städte­bauliche Konzept aus dem Jahr 2022 sieht dage­gen bei ein­er voll­ständi­gen Entwick­lung des Grund­stücks bis zu 138 Woh­nun­gen vor. Damit kön­nte das Quarti­er einen wichti­gen Beitrag zur Schaf­fung drin­gend benötigten Wohn­raums leis­ten.

Dass neuer Wohn­raum benötigt wird, ist unbe­strit­ten. Im aktuellen Inte­gri­erten Stad­ten­twick­lungskonzept geht die Lan­deshaupt­stadt davon aus, dass bis 2030 jährlich rund 300 neue Woh­nun­gen entste­hen müssen, um den Bedarf zu deck­en. Gle­ichzeit­ig macht das Konzept deut­lich, dass angesichts knap­per finanzieller Mit­tel nicht alle Pro­jek­te gle­ichzeit­ig umge­set­zt wer­den kön­nen.

Corona, Krieg und knappe Kassen

Warum das Pro­jekt schließlich ins Stock­en geri­et, erk­lärt die Ver­wal­tung mit mehreren Fak­toren. „Im Geschäft­s­jahr 2022 wurde die Umset­zung des Pro­jek­tes auf­grund der Coro­na-Krise und dem Ukraine-Krieg nicht weit­er­ver­fol­gt“, heißt es in der Antwort. Unter den dama­li­gen Rah­menbe­din­gun­gen sei keine real­is­tis­che Pla­nung mehr möglich gewe­sen.

Hinzu kam eine strate­gis­che Entschei­dung der WGS. Das kom­mu­nale Unternehmen investierte sein begren­ztes Eigenkap­i­tal lieber in die Mod­ernisierung beste­hen­der und ver­mi­eteter Woh­nun­gen. Der Püsserkrug wurde dage­gen als langfristige Reserve­fläche eingestuft.

Zwis­chen­zeitlich wurde sog­ar geprüft, ob ein Verkauf des Are­als sin­nvoll wäre. Zwei Inter­essen­ten besichtigten das Gelände im Jahr 2023. Zu konkreten Ver­hand­lun­gen kam es jedoch nicht. „Derzeit gibt es keine Verkaufs­be­mühun­gen seit­ens der WGS“, stellt die Ver­wal­tung klar. Stattdessen solle das Quarti­er „zu einem späteren Zeit­punkt für Wohn­be­bau­ung entwick­elt wer­den“.

Wann das sein wird, lässt sich bere­its recht genau ein­gren­zen. „Auf­grund der Kat­e­gorisierung als Vor­rats­fläche wird eine Entwick­lung erst erfol­gen, wenn das Neubau­vorhaben am Berlin­er Platz real­isiert wurde. Eine Entwick­lung wird daher prog­nos­tisch nicht vor 2029 erfol­gen“, heißt es weit­er. Anschließend müsse – je nach gewählter Vari­ante – mit ein­er Bauzeit von drei bis fünf Jahren gerech­net wer­den.

Die Zeit arbeitet gegen das Gebäude

Je länger sich die Entwick­lung verzögert, desto schlechter wird allerd­ings der Zus­tand der beste­hen­den Gebäude. Die Ein­schätzung der Stadt fällt deut­lich aus: „Das Gebäude ist stark sanierungs­bedürftig und aus diesem Grund nicht ver­mi­et­bar. Im Falle ein­er Sanierung müsste das Objekt voll­ständig entk­ernt wer­den.“ Derzeit schützen lediglich soge­nan­nte Sitex-Plat­ten das Gebäude vor Ein­bruch, Van­dal­is­mus und unbefugtem Betreten.

Auch die Kosten sind in den ver­gan­genen Jahren deut­lich gestiegen. Für eine Sanierung kalkuliert die WGS inzwis­chen mit rund 6,9 Mil­lio­nen Euro. Ein Abriss mit anschließen­dem Neubau würde etwa 9,1 Mil­lio­nen Euro kosten. Soll das gesamte Are­al voll­ständig neu entwick­elt wer­den, belaufen sich die geschätzten Investi­tio­nen mit­tler­weile sog­ar auf rund 37 Mil­lio­nen Euro. För­der­mit­tel wur­den bis­lang nicht beantragt.

Ein Ort mit fast 375 Jahren Geschichte

Kaum ein Ort in der Garten­stadt blickt auf eine so lange Geschichte zurück wie der Püsserkrug. Bere­its 1651 ent­stand an dieser Stelle ein Kat­en, aus dem sich später eine Gast­wirtschaft entwick­elte. Über Gen­er­a­tio­nen hin­weg macht­en hier Reisende Sta­tion, Sol­dat­en löscht­en ihren Durst und später zog es an son­ni­gen Woch­enen­den zahlre­iche Schw­er­iner in den Bier­garten des Kruges. Nach einem ver­heeren­den Brand im Jahr 1907 wurde das Gasthaus schon ein Jahr später wieder aufge­baut und entwick­elte sich mit der entste­hen­den Garten­stadt zum gesellschaftlichen Mit­telpunkt des Vier­tels.

 

So kan­nten Gen­er­a­tio­nen von Schw­er­inern den Püsserkrug: Das tra­di­tion­sre­iche Restau­rant war über Jahrzehnte ein beliebtes Aus­flugsziel am Stad­trand.

 

Mit dem Bau der Garten­stadt und der benach­barten Kaser­nen entwick­elte sich der Püsserkrug schließlich zum gesellschaftlichen Mit­telpunkt des Quartiers. Gen­er­a­tio­nen feierten hier Fam­i­lien­feste, Konz­erte und Vere­insver­anstal­tun­gen.

Heute erin­nert an diese Zeit nur noch die Straße „Am Püsserkrug“ und eine Gedenk­tafel. Das Gebäude selb­st wartet weit­er auf eine Zukun­ft. Aus dem einst ambi­tion­ierten Woh­nungs­baupro­jekt ist vor­erst eine Brache mit Per­spek­tive gewor­den – allerd­ings erst für die Zeit nach 2029. Bis dahin bleibt der Püsserkrug vor allem eines: ein Sym­bol dafür, wie schwierig Stad­ten­twick­lung zwis­chen steigen­den Baukosten, knap­pen Haushal­ten und konkur­ri­eren­den Großpro­jek­ten gewor­den ist.