Meinung / Kommentar:
Erst bauen, dann zählen – Schwerins Wette auf neue Bewohner
Schwerin plant Tausende neue Wohnungen. Doch wie viele braucht die Stadt wirklich? Eine Kolumne über Leerstand, Bauflächen und den Bau-Turbo.

Schwerin braucht Wohnungen. Woher weiß ich das so genau? Nun, Schwerin plant Wohnungen. Und zwar nicht zu knapp. Rund 1.000 sollen im Warnitzer Feld entstehen, bis zu 600 auf dem Gelände der ehemaligen Möbelwerke in Lewenberg. Dazu kommen Projekte am Lankower See und an anderen Stellen. Auch die Paulshöhe soll Wohnstandort werden, am Püsserkrug waren weitere 138 Wohnungen vorgesehen. Und dann gibt es noch das riesige Areal zwischen ehemaligem Güterbahnhof und KIW „Vorwärts“. Man könnte meinen, an den Stadtgrenzen stünden bereits die Umzugswagen Schlange. Das tun sie nicht.
Ende 2025 gab es in Schwerin 59.086 Wohnungen. 3.404 davon wurden als leerstehend geführt. Gleichzeitig ist keineswegs sicher, wie viele Menschen in 15 Jahren überhaupt in der Stadt leben werden. Die Bevölkerungsprognosen reichen von Wachstum bis Rückgang. Immerhin sind sich die Experten darin einig, dass die Zukunft nach 2026 stattfinden wird.
Das ist kein Argument gegen neue Wohnungen. Die Rechnung „3.404 stehen leer, also brauchen wir keine neuen“ wäre ungefähr so schlüssig wie die Behauptung, ein leerer Parkplatz am Großen Dreesch löse die Parkplatzsuche in der Altstadt. Eine Wohnung kann zu klein, zu groß, unsaniert, unbezahlbar oder schlicht am falschen Ort sein. Es wäre nur ganz hilfreich zu wissen, was Schwerin tatsächlich fehlt, bevor man einen neuen Stadtteil plant.
Eine ziemlich große Wette
Im Warnitzer Feld sollen auf bislang landwirtschaftlich genutzter Fläche rund 1.000 Wohnungen entstehen. Die Verkehrsuntersuchung rechnet mit etwa 5.900 zusätzlichen Autofahrten pro Werktag. Hinzu kommen Straßen, Wege, Leitungen, eine Kita und alles andere, was Menschen benötigen, nachdem man ihnen Wohnungen hingestellt hat.
Vielleicht ist das genau richtig. Vielleicht wächst Schwerin kräftig und das Quartier wird ein Erfolg.
Stadtplanung hat allerdings den Nachteil, dass man sich bei einem Irrtum nicht einfach für eine andere Prognose entscheiden kann. Eine Statistik lässt sich korrigieren. Eine bebaute Wiese zeigt sich da weniger flexibel. Interessant wird deshalb der Blick auf die vorhandene Stadt.
In Lewenberg sollen auf dem Gelände der ehemaligen Möbelwerke 500 bis 600 Wohnungen entstehen. Keine neue Fläche am Stadtrand, sondern eine alte Gewerbefläche, die einer neuen Nutzung zugeführt wird. Stadtplaner nennen so etwas Innenentwicklung. Normalsterbliche würden vermutlich sagen: Man baut dort, wo schon Stadt ist.
Das Projekt kommt inzwischen voran. Im März wurden die Planungen öffentlich vorgestellt, anschließend folgte die öffentliche Auslegung. Stellungnahmen werden derzeit geprüft.
Begonnen hat die Geschichte allerdings 2013. Damals wurde die Aufstellung des Bebauungsplans beschlossen. Dreizehn Jahre später ist das Verfahren weit fortgeschritten. Gebaut wird noch nicht. Das muss nicht heißen, dass dreizehn Jahre lang geschlafen wurde. Es gibt Gutachten, Umweltbelange, Behörden, Eigentümer, Beteiligungsverfahren und politische Entscheidungen. Für jeden einzelnen Schritt gibt es einen guten Grund. Am Ende sind trotzdem dreizehn Jahre vergangen.
Lewenberg ist allerdings längst nicht die einzige Reserve innerhalb der bestehenden Stadt. Zwischen dem ehemaligen Güterbahnhof und dem KIW „Vorwärts“ liegen rund 39 Hektar, die einmal für Wohnen, Arbeiten und Freizeit entwickelt werden sollen. Das Gelände ist mit Altlasten belastet, seine Herrichtung entsprechend teuer. Ausgerechnet die geplante Landesgartenschau soll nun dabei helfen, die Fläche zu sanieren und zu erschließen. Die Blümchenschau als Bodensanierungsprogramm – warum nicht, wenn es funktioniert.
Und dann wäre da noch der Püsserkrug. Dort waren 138 Wohnungen vorgesehen. Inzwischen führt die WGS das Areal als Vorratsfläche; konkrete Entwicklungsziele werden derzeit nicht verfolgt. Auch auf der Paulshöhe ist Wohnbebauung vorgesehen. Schwerins Problem scheint also nicht darin zu bestehen, keine Flächen für Wohnungen zu finden. Es gibt davon einige – manche werden entwickelt, manche geplant und manche warten auf bessere Zeiten.
Ein Turbo für Schwerin
Nun gibt es seit einiger Zeit den „Bau-Turbo“. Allein der Name ist großartig. Ein Land, in dem ein Wohnungsbauprojekt länger brauchen kann als ein Kind bis zur Pubertät, entdeckt plötzlich die Beschleunigung.
Die Idee dahinter ist vernünftig. Kommunen sollen geeignete Wohnungsbauvorhaben unter bestimmten Voraussetzungen schneller ermöglichen können, ohne jedes Mal den gesamten bisherigen planungsrechtlichen Weg gehen zu müssen. Auch Schwerin möchte den Turbo nutzen, aber selbstverständlich geregelt. Der Hauptausschuss soll bei entsprechenden Vorhaben entscheiden, außerdem gibt es Kriterien und Anforderungen an den sozialen Wohnungsbau. Gegen politische Kontrolle ist wenig einzuwenden, gegen Sozialwohnungen ebenfalls nichts. Das Schöne an Bürokratie ist ohnehin, dass jede einzelne Bremse vernünftig klingt. Erst wenn man alle zusammen betätigt, wundert man sich über die langsame Geschwindigkeit, mit der man vorankommt.
Ob Schwerin seinen Bau-Turbo damit tatsächlich ausbremst, wissen wir noch nicht. Dafür ist das Instrument zu neu. Ein Turbo, dessen Einsatz zunächst politisch geprüft wird, passt trotzdem hervorragend in eine deutsche Kommunalverwaltung.
Nicht mehr, sondern richtig
Vielleicht dreht sich die Debatte ohnehin zu sehr um die Frage, wo noch Wohnungen entstehen können. Warnitz, Lewenberg, Güterbahnhof und KIW „Vorwärts“, Paulshöhe, Püsserkrug – an möglichen Standorten herrscht jedenfalls kein erkennbarer Mangel. Umso interessanter ist die Frage, wie viel davon Schwerin tatsächlich braucht.
Schwerin wird neue Wohnungen brauchen: bezahlbaren Wohnraum, Angebote für Familien, barrierefreie Wohnungen für eine älter werdende Bevölkerung und attraktive Wohnungen für Menschen, die neu in die Stadt ziehen. Daraus folgt aber nicht, dass jede zusätzliche Wohnung automatisch gute Wohnungspolitik ist.
Vielleicht sollte die Reihenfolge deshalb eine andere sein: Erst feststellen, welcher Wohnraum tatsächlich fehlt. Dann schauen, was sich in der vorhandenen Stadt entwickeln lässt. Dort Verfahren beschleunigen, Brachen nutzen, Baulücken schließen, nachverdichten und Leerstand aktivieren, soweit das möglich ist. Und wenn das nicht reicht, kann man immer noch weiter nach außen wachsen.
Das Warnitzer Feld kann sich am Ende als vollkommen richtige Entscheidung erweisen. Aber bei rund 1.000 Wohnungen, 5.900 zusätzlichen Autofahrten am Tag, mehreren weiteren großen Wohnungsbaupotenzialen und einer Bevölkerungsentwicklung, über die verschiedene Prognosen verschiedene Geschichten erzählen, darf die Begründung etwas ausführlicher ausfallen als: Schwerin braucht Wohnungen.
Welche Wohnungen? Für wen? Und warum gerade dort? Das sind keine Fragen von Leuten, die das Bauen verhindern wollen. Es sind Fragen, die man beantworten sollte, bevor aus einer Prognose Beton wird.
Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise von Schwerin Lokal wiedergeben.





