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Meinung / Kommentar:
Erst bauen, dann zählen – Schwerins Wette auf neue Bewohner

Schwerin plant Tausende neue Wohnungen. Doch wie viele braucht die Stadt wirklich? Eine Kolumne über Leerstand, Bauflächen und den Bau-Turbo.

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  • Veröffentlicht September 12, 2026
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Schw­erin Lokal-Chefredak­teur Ste­fan Rochow am Püsserkrug: „Platz für 138 Woh­nun­gen wäre hier. Gebaut wird trotz­dem erst ein­mal woan­ders.“ Foto: Dario Rochow

 

Schw­erin braucht Woh­nun­gen. Woher weiß ich das so genau? Nun, Schw­erin plant Woh­nun­gen. Und zwar nicht zu knapp.  Rund 1.000 sollen im War­nitzer Feld entste­hen, bis zu 600 auf dem Gelände der ehe­ma­li­gen Möbel­w­erke in Lewen­berg. Dazu kom­men Pro­jek­te am Lankow­er See und an anderen Stellen. Auch die Paulshöhe soll Wohn­stan­dort wer­den, am Püsserkrug waren weit­ere 138 Woh­nun­gen vorge­se­hen. Und dann gibt es noch das riesige Are­al zwis­chen ehe­ma­ligem Güter­bahn­hof und KIW „Vor­wärts“.  Man kön­nte meinen, an den Stadt­gren­zen stün­den bere­its die Umzugswa­gen Schlange. Das tun sie nicht.

Ende 2025 gab es in Schw­erin 59.086 Woh­nun­gen. 3.404 davon wur­den als leer­ste­hend geführt. Gle­ichzeit­ig ist keineswegs sich­er, wie viele Men­schen in 15 Jahren über­haupt in der Stadt leben wer­den. Die Bevölkerung­sprog­nosen reichen von Wach­s­tum bis Rück­gang. Immer­hin sind sich die Experten darin einig, dass die Zukun­ft nach 2026 stat­tfind­en wird.

Das ist kein Argu­ment gegen neue Woh­nun­gen. Die Rech­nung „3.404 ste­hen leer, also brauchen wir keine neuen“ wäre unge­fähr so schlüs­sig wie die Behaup­tung, ein leer­er Park­platz am Großen Dreesch löse die Park­platz­suche in der Alt­stadt. Eine Woh­nung kann zu klein, zu groß, unsaniert, unbezahlbar oder schlicht am falschen Ort sein. Es wäre nur ganz hil­fre­ich zu wis­sen, was Schw­erin tat­säch­lich fehlt, bevor man einen neuen Stadt­teil plant.

Eine ziemlich große Wette

Im War­nitzer Feld sollen auf bis­lang land­wirtschaftlich genutzter Fläche rund 1.000 Woh­nun­gen entste­hen. Die Verkehrsun­ter­suchung rech­net mit etwa 5.900 zusät­zlichen Aut­o­fahrten pro Werk­tag. Hinzu kom­men Straßen, Wege, Leitun­gen, eine Kita und alles andere, was Men­schen benöti­gen, nach­dem man ihnen Woh­nun­gen hingestellt hat.

Vielle­icht ist das genau richtig. Vielle­icht wächst Schw­erin kräftig und das Quarti­er wird ein Erfolg.

Stadt­pla­nung hat allerd­ings den Nachteil, dass man sich bei einem Irrtum nicht ein­fach für eine andere Prog­nose entschei­den kann. Eine Sta­tis­tik lässt sich kor­rigieren. Eine bebaute Wiese zeigt sich da weniger flex­i­bel. Inter­es­sant wird deshalb der Blick auf die vorhan­dene Stadt.

In Lewen­berg sollen auf dem Gelände der ehe­ma­li­gen Möbel­w­erke 500 bis 600 Woh­nun­gen entste­hen. Keine neue Fläche am Stad­trand, son­dern eine alte Gewer­be­fläche, die ein­er neuen Nutzung zuge­führt wird. Stadt­plan­er nen­nen so etwas Innenen­twick­lung. Nor­mal­sterbliche wür­den ver­mut­lich sagen: Man baut dort, wo schon Stadt ist.

Das Pro­jekt kommt inzwis­chen voran. Im März wur­den die Pla­nun­gen öffentlich vorgestellt, anschließend fol­gte die öffentliche Ausle­gung. Stel­lung­nah­men wer­den derzeit geprüft.

Begonnen hat die Geschichte allerd­ings 2013. Damals wurde die Auf­stel­lung des Bebau­ungs­plans beschlossen. Dreizehn Jahre später ist das Ver­fahren weit fort­geschrit­ten. Gebaut wird noch nicht. Das muss nicht heißen, dass dreizehn Jahre lang geschlafen wurde. Es gibt Gutacht­en, Umwelt­be­lange, Behör­den, Eigen­tümer, Beteili­gungsver­fahren und poli­tis­che Entschei­dun­gen. Für jeden einzel­nen Schritt gibt es einen guten Grund. Am Ende sind trotz­dem dreizehn Jahre ver­gan­gen.

Lewen­berg ist allerd­ings längst nicht die einzige Reserve inner­halb der beste­hen­den Stadt. Zwis­chen dem ehe­ma­li­gen Güter­bahn­hof und dem KIW „Vor­wärts“ liegen rund 39 Hek­tar, die ein­mal für Wohnen, Arbeit­en und Freizeit entwick­elt wer­den sollen. Das Gelände ist mit Alt­las­ten belastet, seine Her­rich­tung entsprechend teuer. Aus­gerech­net die geplante Lan­des­garten­schau soll nun dabei helfen, die Fläche zu sanieren und zu erschließen. Die Blüm­chen­schau als Boden­sanierung­spro­gramm – warum nicht, wenn es funk­tion­iert.

Und dann wäre da noch der Püsserkrug. Dort waren 138 Woh­nun­gen vorge­se­hen. Inzwis­chen führt die WGS das Are­al als Vor­rats­fläche; konkrete Entwick­lungsziele wer­den derzeit nicht ver­fol­gt. Auch auf der Paulshöhe ist Wohn­be­bau­ung vorge­se­hen. Schw­erins Prob­lem scheint also nicht darin zu beste­hen, keine Flächen für Woh­nun­gen zu find­en. Es gibt davon einige – manche wer­den entwick­elt, manche geplant und manche warten auf bessere Zeit­en.

Ein Turbo für Schwerin

Nun gibt es seit einiger Zeit den „Bau-Tur­bo“. Allein der Name ist großar­tig. Ein Land, in dem ein Woh­nungs­baupro­jekt länger brauchen kann als ein Kind bis zur Pubertät, ent­deckt plöt­zlich die Beschle­u­ni­gung.

Die Idee dahin­ter ist vernün­ftig. Kom­munen sollen geeignete Woh­nungs­bau­vorhaben unter bes­timmten Voraus­set­zun­gen schneller ermöglichen kön­nen, ohne jedes Mal den gesamten bish­eri­gen pla­nungsrechtlichen Weg gehen zu müssen. Auch Schw­erin möchte den Tur­bo nutzen, aber selb­stver­ständlich geregelt. Der Haup­tauss­chuss soll bei entsprechen­den Vorhaben entschei­den, außer­dem gibt es Kri­te­rien und Anforderun­gen an den sozialen Woh­nungs­bau. Gegen poli­tis­che Kon­trolle ist wenig einzuwen­den, gegen Sozial­woh­nun­gen eben­falls nichts. Das Schöne an Bürokratie ist ohne­hin, dass jede einzelne Bremse vernün­ftig klingt. Erst wenn man alle zusam­men betätigt, wun­dert man sich über die langsame Geschwindigkeit, mit der man vorankommt.

Ob Schw­erin seinen Bau-Tur­bo damit tat­säch­lich aus­bremst, wis­sen wir noch nicht. Dafür ist das Instru­ment zu neu. Ein Tur­bo, dessen Ein­satz zunächst poli­tisch geprüft wird, passt trotz­dem her­vor­ra­gend in eine deutsche Kom­mu­nalver­wal­tung.

Nicht mehr, sondern richtig

Vielle­icht dreht sich die Debat­te ohne­hin zu sehr um die Frage, wo noch Woh­nun­gen entste­hen kön­nen. War­nitz, Lewen­berg, Güter­bahn­hof und KIW „Vor­wärts“, Paulshöhe, Püsserkrug – an möglichen Stan­dorten herrscht jeden­falls kein erkennbar­er Man­gel. Umso inter­es­san­ter ist die Frage, wie viel davon Schw­erin tat­säch­lich braucht.

Schw­erin wird neue Woh­nun­gen brauchen: bezahlbaren Wohn­raum, Ange­bote für Fam­i­lien, bar­ri­ere­freie Woh­nun­gen für eine älter wer­dende Bevölkerung und attrak­tive Woh­nun­gen für Men­schen, die neu in die Stadt ziehen. Daraus fol­gt aber nicht, dass jede zusät­zliche Woh­nung automa­tisch gute Woh­nungspoli­tik ist.

Vielle­icht sollte die Rei­hen­folge deshalb eine andere sein: Erst fest­stellen, welch­er Wohn­raum tat­säch­lich fehlt. Dann schauen, was sich in der vorhan­de­nen Stadt entwick­eln lässt. Dort Ver­fahren beschle­u­ni­gen, Brachen nutzen, Baulück­en schließen, nachverdicht­en und Leer­stand aktivieren, soweit das möglich ist. Und wenn das nicht reicht, kann man immer noch weit­er nach außen wach­sen.

Das War­nitzer Feld kann sich am Ende als vol­lkom­men richtige Entschei­dung erweisen. Aber bei rund 1.000 Woh­nun­gen, 5.900 zusät­zlichen Aut­o­fahrten am Tag, mehreren weit­eren großen Woh­nungs­baupoten­zialen und ein­er Bevölkerungsen­twick­lung, über die ver­schiedene Prog­nosen ver­schiedene Geschicht­en erzählen, darf die Begrün­dung etwas aus­führlich­er aus­fall­en als: Schw­erin braucht Woh­nun­gen.

Welche Woh­nun­gen? Für wen? Und warum ger­ade dort? Das sind keine Fra­gen von Leuten, die das Bauen ver­hin­dern wollen. Es sind Fra­gen, die man beant­worten sollte, bevor aus ein­er Prog­nose Beton wird.


Dieser Beitrag stellt auss­chließlich die Mei­n­ung des Ver­fassers dar. Er muss nicht zwangsläu­fig die Sichtweise von Schw­erin Lokal wiedergeben.