Mo, 19. Januar 2026
Close

Ein Markt voller Gegensätze:
Steht Schwerin trotz Leerstand wirklich vor einer Wohnungsnot?

Wohnungsdefizit, Sanierungsstaus und widersprüchliche Signale: Eine neue Studie zum Schweriner Markt zeigt Handlungsdruck – doch vor Ort fällt die Bewertung deutlich differenzierter aus.

Avatar-Foto
  • Veröffentlicht November 20, 2025
Wohnungsmarkt Schwerin
Ein Bau­plan als Sym­bol für einen Markt zwis­chen Eng­pässen, Leer­stand und kom­plex­en Rah­menbe­din­gun­gen:
Schw­erins Wohn­si­t­u­a­tion bleibt vielschichtig.

 

Schw­erin ste­ht nach ein­er neuen Studie des Pes­tel-Insti­tuts vor ein­er woh­nungspoli­tis­chen Kraft­probe. 2.300 Woh­nun­gen fehlen aktuell in der Lan­deshaupt­stadt, eine Lücke, die sich nach Ein­schätzung der Forsch­er weit­er öff­nen kön­nte, wenn nicht rasch gegenges­teuert wird. Gle­ichzeit­ig ste­hen 1.960 Woh­nun­gen seit min­destens zwölf Monat­en leer. Für Matthias Gün­ther, Chef-Ökonom des Pes­tel-Insti­tuts, ist das kein Wider­spruch, son­dern Aus­druck eines tief­greifend­en Struk­tur­prob­lems: „Langzeitleer­stände kehren so gut wie nie in die Ver­mi­etung zurück – sie sind fak­tisch vom Markt abgekop­pelt.“

Die Unter­suchung, erstellt im Auf­trag des Bun­desver­bands Deutsch­er Baustoff-Fach­han­del (BDB), bezieht demografis­che Trends, Erwerb­stäti­gen­zahlen und Woh­nungs­bestände ein. Das Ergeb­nis fällt deut­lich aus: Schw­erin benötigt – allein um den Bedarf der kom­menden Jahre zu deck­en – 470 neue Woh­nun­gen pro Jahr. Eine Zahl, die aufhorchen lässt: Denn im ersten Hal­b­jahr dieses Jahres wur­den lediglich 62 neue Woh­nun­gen genehmigt.

„Mit angezogener Handbremse“ und ohne politischen Antrieb

Für Gün­ther ist klar, woraus der Man­gel resul­tiert: zu hohe Baukosten, zu hohe Zin­sen, zu viele Vorschriften. „Der Neubau läuft mit ange­zo­gen­er Hand­bremse. Was wir brauchen, ist ein Zin­spro­gramm des Bun­des, das Bauen für max­i­mal zwei Prozent Zin­sen ermöglicht.“ Das sei der sich­er­ste Weg, pri­vate wie insti­tu­tionelle Inve­storen wieder in die Lage zu ver­set­zen, neue Pro­jek­te zu starten.

Die BDB-Präsi­dentin Katha­ri­na Met­zger unter­stützt diese Forderung und kri­tisiert die Bun­desregierung scharf. Der vielfach angekündigte „Woh­nungs­bau-Tur­bo“ existiere nur als poli­tis­ches Sig­nal, nicht als konkrete Maß­nahme. „Die Effek­te bleiben aus, Unternehmen ver­lieren Kapaz­itäten, Bauar­beit­er ihre Jobs.“ Ger­ade der Woh­nungs­bau sei ein zen­traler Pfeil­er der Bin­nenkon­junk­tur, der ohne rasche Impulse weit­er ein­breche.

BDB-Präsi­dentin Katha­ri­na Met­zger sieht im Woh­nungs­bau einen „zen­tralen Pfeil­er der Bin­nenkon­junk­tur”. Foto: BDB

 

Ein weit­er­er Kri­tikpunkt: Über Jahrzehnte gewach­sene Reg­ulierung, die Bauen teuer und kom­pliziert macht. Die Forsch­er des Pes­tel-Insti­tuts fordern die Rück­nahme sämtlich­er Bauau­fla­gen der let­zten zehn Jahre. Der Effekt: schnellere Genehmi­gun­gen, gün­stigere Baukosten, real­is­tis­chere Mieten.

Die Redak­tion hat die größeren Schw­er­iner Woh­nung­sun­ternehmen um Einord­nung der Stu­di­energeb­nisse gebeten. Die Antworten zeich­nen ein deut­lich dif­feren­ziert­eres Bild als die düsteren Prog­nosen des Pes­tel-Insti­tuts.

WGS: „Wohnungsnot muss differenziert betrachtet werden“

Die WGS, größter Ver­mi­eter der Stadt mit mehreren Tausend Woh­nun­gen, wider­spricht auf SNO-Anfrage der These eines mas­siv­en struk­turellen Leer­stands. Die Zahl der länger als zwölf Monate leer­ste­hen­den Woh­nun­gen sei lediglich ein „geringer Teil des Gesamtleer­stands“. Häu­fig han­dele es sich um Woh­nun­gen, die gezielt freige­zo­gen wur­den – etwa für umfassende Mod­ernisierun­gen oder Einzel­her­rich­tun­gen.

Zur Frage, wie viele dieser Woh­nun­gen inner­halb der kom­menden zwei Jahre real­is­tisch wieder in den Markt zurück­kehren, erk­lärt die WGS: „Grund­sät­zlich sind wir daran inter­essiert, Leer­stand zurück­zuführen.“ Maßge­blich seien Pla­nungszeit­en und Mod­ernisierungszyklen.

Die von der Studie ange­sproch­ene Knap­pheit bei kleinen Woh­nun­gen unter 50 Quadrat­metern bestätigt die WGS teil­weise. Man ver­füge bere­its über viele solch­er Ein­heit­en, geplante Neubaut­en wür­den dieses Seg­ment ver­stärkt berück­sichti­gen.

Auf die Frage, welche Rah­menbe­din­gun­gen nötig wären, um den Neubau deut­lich auszuweit­en, bleibt die Antwort klar: mehr staatliche Unter­stützung, schnellere Ver­gabev­er­fahren, weniger Bau­vorschriften. Zusät­zlich kri­tisiert die WGS die stren­gen Vor­gaben viel­er Kap­i­tal­ge­ber, die Neubaut­en wirtschaftlich aus­brem­sen: „Die Bew­er­tungs­maßstäbe bei fremd­fi­nanzierten Bau­vorhaben müssen über­ar­beit­et wer­den.“

Zur grund­sät­zlichen Bew­er­tung der Studie heißt es schließlich: „Wohnen ist von Fak­toren abhängig, die Woh­nung­sun­ternehmen nicht bee­in­flussen kön­nen – Rohstoff­preise, geset­zliche Rah­menbe­din­gun­gen, Finanzierungskosten. Daher bleibt unsere Ein­schätzung beste­hen: Die Woh­nungsnot in Schw­erin muss dif­feren­ziert betra­chtet wer­den.“

WOGELA Lankow: „Schwerin ist kein Ballungsgebiet“

Die WOGELA Lankow ord­net die Lage deut­lich anders ein und bestätigt die Studie nur „teil­weise“. Die Stadt sei kein Bal­lungsraum – daher könne man nicht von ein­er Woh­nungskrise sprechen. Zwar sei die Nach­frage vorhan­den, doch viele Inter­essen­ten schreck­ten aus Bequem­lichkeit vor Woh­nun­gen in oberen Geschossen ohne Fahrstuhl zurück. Das Unternehmen verze­ich­net einen Leer­stand von 5,9 Prozent, von denen rund 63 Prozent in höher gele­ge­nen Eta­gen ohne Aufzug liegen.

Mod­ernisierungs­be­d­ingte Leer­stände seien üblich, so das Unternehmen, Rück­bau­pläne gebe es derzeit nicht. Die größte Her­aus­forderung sei nicht der Man­gel an Woh­nun­gen, son­dern die wirtschaftliche Tragfähigkeit von Neubaut­en: gestiegene Baukosten, behördliche Vor­gaben und eine preis­sensi­ble Mieter­schaft.

Das Unternehmen beobachtet zudem, dass sich immer weniger Erwerb­stätige bewer­ben. Viele Inter­essen­ten sucht­en par­al­lel bei mehreren Ver­mi­etern. Wenn sie absprin­gen, erfahre man das oft erst auf Nach­frage.

Die Grund­mi­ete der WOGELA liegt, nach eige­nen Angaben,  im Schnitt bei 5,80 Euro pro Quadrat­meter.

Jobcenter: „Keine grundlegenden Veränderungen“

Auch das Job­cen­ter Schw­erin wurde auf SNO-Anfrage um eine Ein­schätzung gebeten und liefert eine nüchterne Antwort. Man ver­füge über keine sta­tis­tis­chen Dat­en zu Dauer oder Inten­sität der Woh­nungssuche von Leis­tungs­beziehern. Eben­so lägen keine Angaben darüber vor, ob bes­timmte Woh­nungstypen beson­ders knapp seien.

Grund­sät­zlich jedoch bestätige die Behörde, dass die Richtwerte für die Kosten der Unterkun­ft in den meis­ten Fällen aus­re­ichen, um passende Woh­nun­gen zu find­en. Es gebe keine Hin­weise auf eine struk­turelle Ver­schlechterung. Schwierigkeit­en entstün­den vor allem bei sub­jek­tiv­en Präferen­zen hin­sichtlich Lage oder Ausstat­tung – Phänomene, die sich sta­tis­tisch kaum abbilden lassen.

Immoscout24: Nachfrage und Angebot weitgehend im Gleichgewicht

Eine ger­ade erst veröf­fentlichte Analyse der Online­plat­tform „ImmoScout24” bestätigt diese Ein­schätzung in großen Teilen: Der Online­mark­t­platz stuft Schw­erin in sein­er bun­desweit­en Auswer­tung der Kon­tak­tan­fra­gen pro Miet­woh­nungsange­bot als Region mit „aus­ge­wo­gen­er“ Miet­nach­frage ein.

 

Quelle: Immo Scout24

 

Damit gehört die Lan­deshaupt­stadt wed­er zu den anges­pan­nten Märk­ten noch zu den Städten mit Ange­bot­süber­hän­gen. Wie aus der alpha­betis­chen Über­sicht im Report her­vorge­ht, liegt Schw­erin im Mit­telfeld zwis­chen über­hitzten Metropolen wie Berlin oder Ham­burg und struk­turschwachen Regio­nen mit deut­lichen Leer­stän­den.

Die Dat­en zeigen: Für viele Mietange­bote beste­ht aus­re­ichend Nach­frage, ohne die extremen Auss­chläge ander­er Städte. Schw­erin bewegt sich damit in einem Mark­t­seg­ment, in dem Ange­bot und Nach­frage derzeit weit­ge­hend im Gle­ichgewicht ste­hen – ein Befund, der die Bew­er­tung des Job­cen­ters stützt, wonach keine grundle­gende Ver­schlechterung der Ver­sorgungslage erkennbar ist.

Die Unter­suchung von ImmoScout24 stützt sich auf eine Auswer­tung des Medi­ans der dig­i­tal­en Kon­tak­tan­fra­gen je Miet­woh­nungsange­bot in 418 Städten und Land­kreisen für den Zeitraum August bis Okto­ber 2025. Auf dieser Grund­lage ord­net ImmoScout24 die Regio­nen fünf Nach­fragekat­e­gorien zu, die von einem deut­lichen Ange­bot­süber­hang bis hin zu ein­er sehr anges­pan­nten Mark­t­lage reichen.