Wohnungsbau in Schwerin:
Zwischen Baustellen, Bürokratie und sozialer Verantwortung
In Schwerin fehlen hunderte Wohnungen – vor allem günstige. 2024 wurden nur 268 gebaut. IG BAU und Mieterbund fordern: weniger Bürokratie, mehr Sozialwohnungen, schnelleres Bauen.

Der Wohnungsmarkt in Schwerin steht unter Druck. Während die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum stetig wächst, bleibt der Neubau hinter den Erfordernissen zurück. Im vergangenen Jahr wurden in der Landeshauptstadt lediglich 268 neue Wohnungen fertiggestellt – ein Wert, der aus Sicht von Experten und Interessenverbänden deutlich zu niedrig ist, um die Wohnraumsituation nachhaltig zu entspannen.
Besonders auffällig: Nur 51 der neuen Wohnungen entstanden in Ein- und Zweifamilienhäusern. Die restlichen Neubauten verteilen sich auf Mehrfamilienhäuser – allerdings überwiegend im gehobenen Preissegment. Sozialwohnungen? Fehlanzeige – zumindest weitgehend. Dabei seien es gerade diese, die derzeit am dringendsten gebraucht würden, kritisiert die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) Mecklenburg.
Wohnungsbau-Turbo für Schwerin gefordert
„Es muss jetzt einen ‚Aufschwung Wohnen‘ geben. Und davon müssen auch Schwerin und Mecklenburg-Vorpommern profitieren“, sagt Jörg Reppin, Bezirksvorsitzender der IG BAU Mecklenburg. Die Gewerkschaft fordert von Bund, Land und Kommune eine echte Neubau-Offensive. Und zwar eine, die vor allem auch die Menschen im Blick hat, die nicht zu den Gutverdienern gehören. „Bezahlbare Wohnungen und Sozialwohnungen – das ist das, was jetzt gebraucht wird“, so Reppin.
Um das zu erreichen, müsse der sogenannte „Wohnungsbau-Turbo“ der Bundesregierung schnell auch auf lokaler Ebene gezündet werden. Das bedeute: schnelleres Planen, einfacheres Bauen, geringere Kosten. Eine aktuelle Studie des staatlichen Bauforschungsinstituts ARGE belegt, dass sich die reinen Baukosten um ein Viertel bis ein Drittel senken ließen – wenn man auf weniger komplizierte Bauweisen setze.
Einfach bauen – effizient bauen
Stichwort: „Gebäude-Typ E“. Das „E“ steht für „einfach, erleichtert und effizient“. Gemeint ist eine neue, pragmatische Herangehensweise an den Wohnungsbau. Weniger Normen, weniger technische Spielereien, weniger Tiefgaragen – dafür funktionale, solide Wohngebäude, die bezahlbar sind.
„Entscheidend ist, dass wir wegkommen von überzogenen Standards und kostentreibenden DIN-Normen“, fordert Reppin. „Wenn wir diese Hürden abbauen, wird mehr gebaut – und zwar auch für Menschen mit kleinen Einkommen.“ Geringere Wand- und Deckenstärken, einfachere Heizungs- und Lüftungssysteme, günstigere Baustoffe – all das spare nicht nur Geld, sondern auch CO₂ und Ressourcen.
Auch der Verzicht auf Tiefgaragenplätze könne erhebliche Einsparpotenziale freisetzen. Und: Hochpreisige Technik und Einbauten wie Designerbäder oder luxuriöse Küchen seien in bezahlbaren Mietwohnungen schlicht nicht nötig. „Wohnen darf kein Luxus sein – und muss es auch nicht sein“, fasst Reppin zusammen.
Mieterbund: Sozialer Wohnungsbau kaum noch existent
Doch nicht nur die Baugewerkschaft schlägt Alarm. Auch der Mieterbund Schwerin sieht die Entwicklung mit Sorge. Geschäftsführerin Catharina Möller-Federau beschreibt die Lage des Wohnungsmarkts als „angespannt bis kritisch“. Besonders in der Innenstadt sei günstiger Wohnraum in der Neuvermietung kaum noch zu finden. Und auch in den äußeren Stadtteilen werde es zunehmend schwerer, preiswerte Wohnungen zu bekommen.
„In den vergangenen Jahren sind zwar einige neue Wohngegenden entstanden – etwa am Ziegelsee oder in den Waisengärten. Doch keine dieser Wohnungen kann als bezahlbarer Wohnraum bezeichnet werden“, sagt Möller-Federau. Auch Sozialwohnungen seien kaum entstanden. Im Gegenteil: Viele bestehende Sozialwohnungen seien aus der Bindung gefallen und somit dem Markt entzogen worden.
Ein weiteres Problem: Nicht sanierte Wohnungen und langjähriger Leerstand. Laut Mieterbund verzerren insbesondere unvermietete und unbewohnbare Wohnungen die Statistik. Sie fließen in die Leerstandsquote ein – stehen aber real gar nicht zur Verfügung. Das Pestel-Institut bestätigt diese Einschätzung: Von den rund 3.650 leerstehenden Wohnungen in Schwerin seien knapp 2.000 seit mehr als einem Jahr ungenutzt. Viele davon seien stark sanierungsbedürftig – mit unsicherer Perspektive.
320 neue Wohnungen pro Jahr nötig
Die Studie des Pestel-Instituts „Bauen und Wohnen in der Krise“, die im Auftrag des Verbändebündnisses „Soziales Wohnen“ erstellt wurde zeigt: Um die Lage zu stabilisieren, müssten in Schwerin jedes Jahr mindestens 320 neue Wohnungen gebaut werden. Diese Zielmarke nennt auch das Integrierte Stadtentwicklungskonzept Schwerins bis 2030. Doch die Realität liegt aktuell noch deutlich darunter.
„Ohne massive Investitionen in den Neubau – und insbesondere in Sozial- und preisgünstige Wohnungen – wird sich die Lage weiter zuspitzen“, warnt Matthias Günther, Wohnungsmarktexperte des Pestel-Instituts. Der hohe Anteil nicht aktivierbarer Leerstände dürfe nicht dazu führen, dass notwendiger Neubau verschleppt werde.
Auf kommunaler Ebene fordert der Mieterbund ein Umdenken. Insbesondere die kommunalen Wohnungsunternehmen müssten wieder stärker in den sozialen Wohnungsbau investieren – auch wenn das wirtschaftlich weniger attraktiv sei. Zudem dürften keine Grundstücke oder Bestandswohnungen mehr an renditeorientierte Investoren oder Briefkastenfirmen verkauft werden.
„Diese Strategie hat viele der Probleme, mit denen Mieter heute zu kämpfen haben, überhaupt erst geschaffen“, betont Möller-Federau. Und: Auch die Sanierung bestehender Wohnungen müsse stärker gefördert werden – besonders im unteren Preissegment. Nur so könnten auch einkommensschwächere Haushalte würdig wohnen.
Wohnraummangel in Schwerin Realität
Der Wohnraummangel in Schwerin ist längst kein Zukunftsthema mehr – er ist Realität. Die aktuellen Zahlen machen deutlich: Der Bedarf ist groß, die Lücken sind erheblich. Gleichzeitig liegen viele Lösungen bereits auf dem Tisch – vom einfachen Bauen über den gezielten Einsatz von Fördermitteln bis hin zur Reform kommunaler Wohnungsbaupolitik.
Was es jetzt braucht, ist politischer Wille – auf allen Ebenen. Denn wie IG BAU-Bezirkschef Jörg Reppin es auf den Punkt bringt: „Es ist immer noch besser, einfach zu bauen – als gar nicht zu bauen.“



