Do, 11. Dezember 2025
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Wohnungsbau in Schwerin:
Zwischen Baustellen, Bürokratie und sozialer Verantwortung

In Schwerin fehlen hunderte Wohnungen – vor allem günstige. 2024 wurden nur 268 gebaut. IG BAU und Mieterbund fordern: weniger Bürokratie, mehr Sozialwohnungen, schnelleres Bauen.

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  • Veröffentlicht Juni 17, 2025
bezahlbarer Wohnraum in Schwerin
Die Nach­frage nach bezahlbarem Wohn­raum wächst. Der erforder­liche Neubau fehlt. Foto: Annette auf Pix­abay

Der Woh­nungs­markt in Schw­erin ste­ht unter Druck. Während die Nach­frage nach bezahlbarem Wohn­raum stetig wächst, bleibt der Neubau hin­ter den Erfordernissen zurück. Im ver­gan­genen Jahr wur­den in der Lan­deshaupt­stadt lediglich 268 neue Woh­nun­gen fer­tiggestellt – ein Wert, der aus Sicht von Experten und Inter­essen­ver­bän­den deut­lich zu niedrig ist, um die Wohn­raum­si­t­u­a­tion nach­haltig zu entspan­nen.

Beson­ders auf­fäl­lig: Nur 51 der neuen Woh­nun­gen ent­standen in Ein- und Zweifam­i­lien­häusern. Die restlichen Neubaut­en verteilen sich auf Mehrfam­i­lien­häuser – allerd­ings über­wiegend im gehobe­nen Preis­seg­ment. Sozial­woh­nun­gen? Fehlanzeige – zumin­d­est weit­ge­hend. Dabei seien es ger­ade diese, die derzeit am drin­gend­sten gebraucht wür­den, kri­tisiert die Indus­triegew­erkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) Meck­len­burg.

Wohnungsbau-Turbo für Schwerin gefordert

„Es muss jet­zt einen ‚Auf­schwung Wohnen‘ geben. Und davon müssen auch Schw­erin und Meck­len­burg-Vor­pom­mern prof­i­tieren“, sagt Jörg Rep­pin, Bezirksvor­sitzen­der der IG BAU Meck­len­burg. Die Gew­erkschaft fordert von Bund, Land und Kom­mune eine echte Neubau-Offen­sive. Und zwar eine, die vor allem auch die Men­schen im Blick hat, die nicht zu den Gutver­di­enern gehören. „Bezahlbare Woh­nun­gen und Sozial­woh­nun­gen – das ist das, was jet­zt gebraucht wird“, so Rep­pin.

Um das zu erre­ichen, müsse der soge­nan­nte „Woh­nungs­bau-Tur­bo“ der Bun­desregierung schnell auch auf lokaler Ebene gezün­det wer­den. Das bedeute: schnelleres Pla­nen, ein­facheres Bauen, gerin­gere Kosten. Eine aktuelle Studie des staatlichen Bau­forschungsin­sti­tuts ARGE belegt, dass sich die reinen Baukosten um ein Vier­tel bis ein Drit­tel senken ließen – wenn man auf weniger kom­plizierte Bauweisen set­ze.

Einfach bauen – effizient bauen

Stich­wort: „Gebäude-Typ E“. Das „E“ ste­ht für „ein­fach, erle­ichtert und effizient“. Gemeint ist eine neue, prag­ma­tis­che Herange­hensweise an den Woh­nungs­bau. Weniger Nor­men, weniger tech­nis­che Spiel­ereien, weniger Tief­gara­gen – dafür funk­tionale, solide Wohnge­bäude, die bezahlbar sind.

„Entschei­dend ist, dass wir wegkom­men von über­zo­ge­nen Stan­dards und kos­ten­treiben­den DIN-Nor­men“, fordert Rep­pin. „Wenn wir diese Hür­den abbauen, wird mehr gebaut – und zwar auch für Men­schen mit kleinen Einkom­men.“ Gerin­gere Wand- und Deck­en­stärken, ein­fachere Heizungs- und Lüf­tungssys­teme, gün­stigere Baustoffe – all das spare nicht nur Geld, son­dern auch CO₂ und Ressourcen.

Auch der Verzicht auf Tief­gara­gen­plätze könne erhe­bliche Einspar­poten­ziale freiset­zen. Und: Hoch­preisige Tech­nik und Ein­baut­en wie Designer­bäder oder lux­u­riöse Küchen seien in bezahlbaren Miet­woh­nun­gen schlicht nicht nötig. „Wohnen darf kein Luxus sein – und muss es auch nicht sein“, fasst Rep­pin zusam­men.

Mieterbund: Sozialer Wohnungsbau kaum noch existent

Doch nicht nur die Baugew­erkschaft schlägt Alarm. Auch der Mieter­bund Schw­erin sieht die Entwick­lung mit Sorge. Geschäfts­führerin Catha­ri­na Möller-Fed­er­au beschreibt die Lage des Woh­nungs­mark­ts als „anges­pan­nt bis kri­tisch“. Beson­ders in der Innen­stadt sei gün­stiger Wohn­raum in der Neu­ver­mi­etung kaum noch zu find­en. Und auch in den äußeren Stadt­teilen werde es zunehmend schw­er­er, preiswerte Woh­nun­gen zu bekom­men.

„In den ver­gan­genen Jahren sind zwar einige neue Wohnge­gen­den ent­standen – etwa am Ziegelsee oder in den Waisen­gärten. Doch keine dieser Woh­nun­gen kann als bezahlbar­er Wohn­raum beze­ich­net wer­den“, sagt Möller-Fed­er­au. Auch Sozial­woh­nun­gen seien kaum ent­standen. Im Gegen­teil: Viele beste­hende Sozial­woh­nun­gen seien aus der Bindung gefall­en und somit dem Markt ent­zo­gen wor­den.

Ein weit­eres Prob­lem: Nicht sanierte Woh­nun­gen und langjähriger Leer­stand. Laut Mieter­bund verz­er­ren ins­beson­dere unver­mi­etete und unbe­wohn­bare Woh­nun­gen die Sta­tis­tik. Sie fließen in die Leer­stand­squote ein – ste­hen aber real gar nicht zur Ver­fü­gung. Das Pes­tel-Insti­tut bestätigt diese Ein­schätzung: Von den rund 3.650 leer­ste­hen­den Woh­nun­gen in Schw­erin seien knapp 2.000 seit mehr als einem Jahr ungenutzt. Viele davon seien stark sanierungs­bedürftig – mit unsicher­er Per­spek­tive.

320 neue Wohnungen pro Jahr nötig

Die Studie des Pes­tel-Insti­tuts „Bauen und Wohnen in der Krise“, die im Auf­trag des Ver­bän­de­bünd­niss­es „Soziales Wohnen“ erstellt wurde zeigt: Um die Lage zu sta­bil­isieren, müssten in Schw­erin jedes Jahr min­destens 320 neue Woh­nun­gen gebaut wer­den. Diese Ziel­marke nen­nt auch das Inte­gri­erte Stad­ten­twick­lungskonzept Schw­erins bis 2030. Doch die Real­ität liegt aktuell noch deut­lich darunter.

„Ohne mas­sive Investi­tio­nen in den Neubau – und ins­beson­dere in Sozial- und preis­gün­stige Woh­nun­gen – wird sich die Lage weit­er zus­pitzen“, warnt Matthias Gün­ther, Woh­nungs­mark­t­ex­perte des Pes­tel-Insti­tuts. Der hohe Anteil nicht aktivier­bar­er Leer­stände dürfe nicht dazu führen, dass notwendi­ger Neubau ver­schleppt werde.

Auf kom­mu­naler Ebene fordert der Mieter­bund ein Umdenken. Ins­beson­dere die kom­mu­nalen Woh­nung­sun­ternehmen müssten wieder stärk­er in den sozialen Woh­nungs­bau investieren – auch wenn das wirtschaftlich weniger attrak­tiv sei. Zudem dürften keine Grund­stücke oder Bestandswoh­nun­gen mehr an ren­di­te­ori­en­tierte Inve­storen oder Briefkas­ten­fir­men verkauft wer­den.

„Diese Strate­gie hat viele der Prob­leme, mit denen Mieter heute zu kämpfen haben, über­haupt erst geschaf­fen“, betont Möller-Fed­er­au. Und: Auch die Sanierung beste­hen­der Woh­nun­gen müsse stärk­er gefördert wer­den – beson­ders im unteren Preis­seg­ment. Nur so kön­nten auch einkom­menss­chwächere Haushalte würdig wohnen.

Wohnraummangel in Schwerin Realität

Der Wohn­raum­man­gel in Schw­erin ist längst kein Zukun­ft­s­the­ma mehr – er ist Real­ität. Die aktuellen Zahlen machen deut­lich: Der Bedarf ist groß, die Lück­en sind erhe­blich. Gle­ichzeit­ig liegen viele Lösun­gen bere­its auf dem Tisch – vom ein­fachen Bauen über den geziel­ten Ein­satz von För­der­mit­teln bis hin zur Reform kom­mu­naler Woh­nungs­baupoli­tik.

Was es jet­zt braucht, ist poli­tis­ch­er Wille – auf allen Ebe­nen. Denn wie IG BAU-Bezirkschef Jörg Rep­pin es auf den Punkt bringt: „Es ist immer noch bess­er, ein­fach zu bauen – als gar nicht zu bauen.“