Ab heute im Buchhandel: Helga Schubert „Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten“

Heute erscheint Helga Schuberts Buch „Vom Aufstehen“, das 2020 mit einem renommierten Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Schon vergangene Woche konnten Leserinnen und Leser von Schwerin-lokal die Autorin in einem Interview kennenlernen. Lesen Sie nun dazu unseren aktuellen Literaturtipp…

Helga Schubert: „Vom Aufstehen“. | dtv-Verlag

 

Als im Juni des vergangenen Jahres der 44. Ingeborg-Bachmann-Preis an Helga Schubert verliehen wurde, gab es einige Premieren zu feiern: Erstmals wurde eine 80-jährige ausgezeichnet, erstmals fand wegen der Corona-Pandemie der gesamte Wettbewerb von den Lesungen bis zur Preisvergabe komplett digital statt. Und erstmals gab es diesen angesehenen Literaturpreis für eine Autorin, die ganz in der Nähe von Schwerin lebt.
Nun ist endlich die prämierte Erzählung „Vom Aufstehen“ zusammen mit 28 weiteren Texten im dtv-Verlag erschienen, und wie der Untertitel „Ein Leben in Geschichten“ schon verrät, setzt sich hier eine Biografie aus ganz vielen, sehr unterschiedlichen Puzzlestücken zusammen.

 

Eine Biografie aus unterschiedlichsten Puzzlestücken

Und eine 1940 Geborene hat wirklich viel zu erzählen. In Berlin kommt sie zur Welt, wächst die ersten Lebensjahre in Hinterpommern auf und muss als Fünfjährige die Flucht erleben. Zusammen mit der Mutter kommt sie nahe Greifswald bei den Eltern des früh gefallenen Vaters unter. Dann geht es wieder zurück nach Ostberlin, wo sie später studiert und Psychologin wird. Seit den 1960er Jahren schreibt sie und lässt sich in der DDR nicht ihren kritischen Geist nehmen, ist politisch aktiv über die Wende hinaus. Aus erster Ehe hat sie einen Sohn – Enkel und Urenkel gibt es zahlreich. Schon lange lebt sie mit ihrem zweiten Mann, einem Maler und Psychologen, in Mecklenburg-Vorpommern.

 

„Ich bin ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, ein Kind der deutschen Teilung.“

Das sind die Koordinaten, zwischen denen Helga Schubert agiert. Sie lässt uns an ihren Gedanken und Erlebnissen teilhaben, das Einordnen in eine Chronologie überlässt sie aber den Lesern. Naturbe­schrei­bungen gelingen ihr außerordentlich gut, und plötzlich versteht man den „Altweibersommer“ auf eine ganz neue Art. Mal sind es die Jahreszeiten, die sie auf eine Erinnerungsreise schicken. Mal ist es einfach ein Zeitungsartikel oder aber ganz konkrete Beobachtungen der Menschen um sie herum, die sie inspirieren. Fragen zum Leben in einer Diktatur oder dem Umgang mit politischen Umbrüchen bleiben einfach mal dahingestellt, aber dadurch besonders eindrücklich. Dass Helga Schubert als DDR-Autorin gewisse Privilegien wie zeitweilige Reisefreiheit genoss, kam ihr selbst fast ungerecht vor. Die Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1980 wurde ihr allerdings verwehrt.

 

Ausgeprägter Lebenswitz ist spürbar

Häufig blitzt Helga Schuberts ausgeprägter Lebenswitz hervor, oft lakonisch, aber niemals herab­lassend. Sie kann sich oft nur staunend wundern über Menschen und deren Handlungsweisen. Ihre Methode ist nicht die distanzhaltende Ironie, sondern das regelrechte Hineintauchen in Situationen, das Sich-Einlassen auf Unbekanntes und auch das Aushalten-Können. „Geschichten als Mikroskop.“, wie sie es selber nennt.

 

Verhältnis zur Mutter als roter Faden

Ein dicker roter Faden in diesem Buch ist das äußerst schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter. Diese Frau ist ohne Liebe für ihre Tochter, hart und grausam, in dem was sie sagt. Erst als die Mutter 101-jährig stirbt, kann es eine Loslösung geben. Zunächst tauchen die Hinweise auf dieses Lebensthema eher beiläufig in verschiedenen Kapiteln auf. Oft als Einbruch in eigentlich idyllische Erlebnisse. Zum Ende hin verdichtet sich das Herkunftsthema. Das verhältnismäßig lange Kapitel „Eine Wahlver­wandtschaft“, in dem Helga Schubert völlig distanziert von sich als der ‚Tochter meiner Mutter‘ eine überaus diffizile Familienkonstellation samt Charakterstudie ihrer Mutter darlegt, ist mindestens genauso beeindruckend wie das Schlusskapitel „Vom Aufstehen“ als titelgebender Höhepunkt des Buches. Hier hat man „Wiedersehens­erlebnisse“ mit Details aus den vorhergehenden Stücken und das gesamte Mutter-Tochter-Drama breitet sich in voller Größe und Wucht aus. 

Doch nicht nur mit Hilfe einer Pastorin kann schließlich eine neue Perspektive gefunden werden, sondern die Ich-Erzählerin kann auch einfach aufstehen und sagen „Es ist alles gut.“

Lesen Sie hier einen Artikel unseres Redakteurs Peter Scherrer, der gemeinsam mit seiner Frau Helga Schubert in ihrem Haus nahe Schwerin besuchte. (mit Interview)

Helga Schubert

 

„Vom Aufstehen“

„Vom Aufstehen“ kann als ein sehr persönliches Buch gelesen werden, aber ebenso als ein Generationen-Porträt. Spannend und poetisch, lustig und anrührend zugleich. Fabelhafte, eindrucksvolle Literatur.

Hinweis: Heute 18.03.21, 19.00, Uhr stellt das Berliner Literaturhaus in einer online-Veranstaltung, die frei verfügbar ist, den Roman im Gespräch mit dem Literaturkritiker Gerrit Bartels vor (später noch in der Mediathek verfügbar)

https://literaturhaus-berlin.de/programm/helga-schubert-vom-aufstehen-ein-leben-in-geschichten


Helga Schubert
Vom Aufstehen
Ein Leben in Geschichten.

dtv Verlagsgesellschaft
224 S., 22.€    
Auch als ebook und Hörbuch erhältlich                               

Über den Autor

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