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Ab heute im Buchhandel: Helga Schubert „Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten”

  Als im Juni des ver­gan­genen Jahres der 44. Inge­borg-Bach­mann-Preis an Hel­ga Schu­bert ver­liehen wurde, gab es einige Pre­mieren zu feiern: Erst­mals wurde eine 80-jährige aus­geze­ich­net, erst­mals fand wegen der

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  • Veröffentlicht März 18, 2021
Hel­ga Schu­bert: „Vom Auf­ste­hen”. | dtv-Ver­lag

 

Als im Juni des ver­gan­genen Jahres der 44. Inge­borg-Bach­mann-Preis an Hel­ga Schu­bert ver­liehen wurde, gab es einige Pre­mieren zu feiern: Erst­mals wurde eine 80-jährige aus­geze­ich­net, erst­mals fand wegen der Coro­na-Pan­demie der gesamte Wet­tbe­werb von den Lesun­gen bis zur Preisver­gabe kom­plett dig­i­tal statt. Und erst­mals gab es diesen ange­se­henen Lit­er­atur­preis für eine Autorin, die ganz in der Nähe von Schw­erin lebt.
Nun ist endlich die prämierte Erzäh­lung „Vom Auf­ste­hen“ zusam­men mit 28 weit­eren Tex­ten im dtv-Ver­lag erschienen, und wie der Unter­ti­tel „Ein Leben in Geschicht­en“ schon ver­rät, set­zt sich hier eine Biografie aus ganz vie­len, sehr unter­schiedlichen Puz­zlestück­en zusam­men.

 

Eine Biografie aus unterschiedlichsten Puzzlestücken

Und eine 1940 Geborene hat wirk­lich viel zu erzählen. In Berlin kommt sie zur Welt, wächst die ersten Leben­s­jahre in Hin­ter­pom­mern auf und muss als Fün­fjährige die Flucht erleben. Zusam­men mit der Mut­ter kommt sie nahe Greif­swald bei den Eltern des früh gefal­l­enen Vaters unter. Dann geht es wieder zurück nach Ost­ber­lin, wo sie später studiert und Psy­cholo­gin wird. Seit den 1960er Jahren schreibt sie und lässt sich in der DDR nicht ihren kri­tis­chen Geist nehmen, ist poli­tisch aktiv über die Wende hin­aus. Aus erster Ehe hat sie einen Sohn – Enkel und Urenkel gibt es zahlre­ich. Schon lange lebt sie mit ihrem zweit­en Mann, einem Maler und Psy­cholo­gen, in Meck­len­burg-Vor­pom­mern.

 

„Ich bin ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, ein Kind der deutschen Teilung.“

Das sind die Koor­di­nat­en, zwis­chen denen Hel­ga Schu­bert agiert. Sie lässt uns an ihren Gedanken und Erleb­nis­sen teil­haben, das Einord­nen in eine Chronolo­gie über­lässt sie aber den Lesern. Naturbe­schrei­bungen gelin­gen ihr außeror­dentlich gut, und plöt­zlich ver­ste­ht man den „Altweiber­som­mer“ auf eine ganz neue Art. Mal sind es die Jahreszeit­en, die sie auf eine Erin­nerungsreise schick­en. Mal ist es ein­fach ein Zeitungsar­tikel oder aber ganz konkrete Beobach­tun­gen der Men­schen um sie herum, die sie inspiri­eren. Fra­gen zum Leben in ein­er Dik­tatur oder dem Umgang mit poli­tis­chen Umbrüchen bleiben ein­fach mal dahingestellt, aber dadurch beson­ders ein­drück­lich. Dass Hel­ga Schu­bert als DDR-Autorin gewisse Priv­i­legien wie zeitweilige Reise­frei­heit genoss, kam ihr selb­st fast ungerecht vor. Die Teil­nahme am Inge­borg-Bach­mann-Wet­tbe­werb 1980 wurde ihr allerd­ings ver­wehrt.

 

Ausgeprägter Lebenswitz ist spürbar

Häu­fig blitzt Hel­ga Schu­berts aus­geprägter Lebenswitz her­vor, oft lakonisch, aber niemals herab­lassend. Sie kann sich oft nur staunend wun­dern über Men­schen und deren Hand­lungsweisen. Ihre Meth­ode ist nicht die dis­tanzhal­tende Ironie, son­dern das regel­rechte Hinein­tauchen in Sit­u­a­tio­nen, das Sich-Ein­lassen auf Unbekan­ntes und auch das Aushal­ten-Kön­nen. „Geschicht­en als Mikroskop.“, wie sie es sel­ber nen­nt.

 

Verhältnis zur Mutter als roter Faden

Ein dick­er rot­er Faden in diesem Buch ist das äußerst schwierige Ver­hält­nis zu ihrer Mut­ter. Diese Frau ist ohne Liebe für ihre Tochter, hart und grausam, in dem was sie sagt. Erst als die Mut­ter 101-jährig stirbt, kann es eine Loslö­sung geben. Zunächst tauchen die Hin­weise auf dieses Leben­s­the­ma eher beiläu­fig in ver­schiede­nen Kapiteln auf. Oft als Ein­bruch in eigentlich idyl­lis­che Erleb­nisse. Zum Ende hin verdichtet sich das Herkun­ft­s­the­ma. Das ver­hält­nis­mäßig lange Kapi­tel „Eine Wahlver­wandtschaft“, in dem Hel­ga Schu­bert völ­lig dis­tanziert von sich als der ‚Tochter mein­er Mut­ter‘ eine über­aus dif­fizile Fam­i­lienkon­stel­la­tion samt Charak­ter­studie ihrer Mut­ter dar­legt, ist min­destens genau­so beein­druck­end wie das Schlusskapi­tel „Vom Auf­ste­hen“ als titel­geben­der Höhep­unkt des Buch­es. Hier hat man „Wiedersehens­erlebnisse“ mit Details aus den vorherge­hen­den Stück­en und das gesamte Mut­ter-Tochter-Dra­ma bre­it­et sich in voller Größe und Wucht aus. 

Doch nicht nur mit Hil­fe ein­er Pas­torin kann schließlich eine neue Per­spek­tive gefun­den wer­den, son­dern die Ich-Erzäh­lerin kann auch ein­fach auf­ste­hen und sagen „Es ist alles gut.“

Lesen Sie hier einen Artikel unseres Redak­teurs Peter Scher­rer, der gemein­sam mit sein­er Frau Hel­ga Schu­bert in ihrem Haus nahe Schw­erin besuchte. (mit Inter­view)

Hel­ga Schu­bert

 

„Vom Aufstehen”

„Vom Auf­ste­hen“ kann als ein sehr per­sön­lich­es Buch gele­sen wer­den, aber eben­so als ein Gen­er­a­tio­nen-Porträt. Span­nend und poet­isch, lustig und anrührend zugle­ich. Fabel­hafte, ein­drucksvolle Lit­er­atur.

Hin­weis: Heute 18.03.21, 19.00, Uhr stellt das Berlin­er Lit­er­aturhaus in ein­er online-Ver­anstal­tung, die frei ver­füg­bar ist, den Roman im Gespräch mit dem Lit­er­aturkri­tik­er Ger­rit Bar­tels vor (später noch in der Mediathek ver­füg­bar)

https://literaturhaus-berlin.de/programm/helga-schubert-vom-aufstehen-ein-leben-in-geschichten


Hel­ga Schu­bert
Vom Auf­ste­hen
Ein Leben in Geschicht­en.

dtv Ver­lags­ge­sellschaft
224 S., 22.€    
Auch als ebook und Hör­buch erhältlich