Etwa 30 Personen auf engstem Raum im Corona-Testzentrum Schwerin

Gerade dort, wo die Menschen in Schwerin aufeinandertreffen, die nicht genau wissen, ob sie mit dem Corona-Virus infiziert sind oder nicht, stellen sich nun Fragen nach der Einhaltung der geltenden Corona-Regeln. Vor einer Woche erlebte Simone L. eine Situation im Corona-Testzentrum bei den Helios Kliniken Schwerin, die deutliche Fragen aufwirft.

Ein konkretes Erlebnis wirft drängende Fragen zum Corona-Testzentrum bei den Helios Kliniken Schwerin auf.| Foto: Helios

Inzwischen kennt wohl jeder die derzeitigen Regeln und einzuhaltenden Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Elementar wichtig sind dabei die Einhaltung von Abständen sowie eine maximale Kontaktreduzierung. Auf dieser Grundlage bauen nahezu alle weiteren Maßnahmen auf. Beispielsweise musste die Gastronomie bereits vor knapp einem Jahr nicht nur umfangreiche Hygienekonzepte erarbeiten und in Anwendung bringen. Als es in Richtung Herbst ging, kamen auch Belüftungskonzepte hinzu. Es galt, dort, wo mehr Menschen zusammenkommen, stets eine Frischluftzufuhr sicherzustellen, um die Gefahr der zu starken Ansammlung von Aerosolen so gering wie möglich zu halten.

 

Corona-Regeln gelten nicht zuletzt, um Risikogruppen zu schützen

Auch in Schwerin gelten all diese Regeln und Maßnahmen – an jedem Ort. Und man sollte annehmen, dass sie gerade dort gelten, wo verschiedenste Risikogruppen zusammentreffen. Risikogruppen aus vielerlei Sicht. Aufgrund der größeren Gefahr, bei Ansteckung mit dem Coronavirus schwer zu erkranken und an der Erkrankung eventuell sogar zu versterben. An dieser Stelle seien die stetig Zweifelnden und die Situation auch Leugnenden darauf hingewiesen, dass gerade aktuell eine Studie des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf ergab, dass in den mit großem Abstand meisten Fällen das Coronavirus todesursächlich war. Unter anderem berichtete der NDR am Donnerstag darüber. Aber zurück zu den Risikogruppen. Neben denen also, die besonders gefährdet sind, gibt es auch diejenigen Gruppen, die aufgrund ihrer Tätigkeit  bestmöglich von Infektionsrisiken ferngehalten werden sollten. Hier stehen Pflege- und Klinikpersonal mit an oberster Stelle.

 

Im Corona-Testzentrum gelten Regeln offenbar nicht zu jeder Zeit

Diese Betrachtungen zusammengerechnet, müsste also gerade in Klinikbereichen die Einhaltung der geltenden Vorsichts- und Hygienemaßnahmen peinlichst genau gelebt und kontrolliert werden. Innerhalb der Helios Kliniken Schwerin gibt es diesbezüglich auch keine Beschwerden. Was das ebenfalls auf dem Gelände befindliche Testzentrum angeht, da scheint die Situation sich zumindest zeitweise anders zu gestalten. Denn als Simone L. (Name geändert) heute vor einer Woche mit ihrer 70-jährigen, seit Weihnachten schwer erkrankten, Mutter zum Testzentrum kam, erlebte sie eine Szenerie, die sie sich in den kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Sie war übrigens, die sei erwähnt, mit ihrer Mutter dort, da die 70-jährige unter anderem nach einem Herzinfarkt in dieser Woche einen Herzschrittmacher bekommen sollte. Bevor man in die Klinik aber aufgenommen wird, muss ein PCR-Test her.

 

So entstehen Superspreader: Über lange Zeit 25 bis 30 Personen auf engem Raum ohne Frischluftzufuhr

Statt eines corona-conformen Ablaufs stellte sich Simone L. folgende Situation dar: Vor dem Aufnahmefenster standen bereits fünf Personen. Hier musste sich jeder einreihen. Auch alle Hochrisikopatienten. Nach circa 20 Minuten Wartezeit bei -9°C, durfte die Mutter dann in den im Container befindlichen Wartebereich. „Und was wir dort vorfanden, hat uns die Sprache verschlagen! Die geschätzte Größe des Containers liegt bei ca. 50 qm – mit ca. 25-30 anwesenden Personen, davon mindestens eine Person ohne Maske. Bis auf einen Sitzplatz ganz am Ende, waren alle Plätze besetzt. Es standen noch weitere Personen ohne Sicherheitsabstand im vorderen Bereich. Alle Hochrisikopatienten mussten dort zwischen Corona-Verdachtsfällen mit und ohne Maske, 1 Stunde und 15 Minuten ausharren. Die Patienten, Verdachtsfälle und Angehörigen saßen dicht gedrängt, sich durch kleine Plastikscheiben in Sicherheit wiegend, diese lange Zeit ohne Frischluftzufuhr und warten auf ihren Test.“

Das ist zweifelsfrei das Gegenteil der aktuell geltenden Situation und dürfte manch Gastronomen, der sich strikt an Hygiene- und Lüftungskonzepte sowie Sitzplatzreduzierung und Mindestabstände hielt und derzeit dennoch nicht arbeiten darf, nicht nur Verwunderung sondern Zornesfalten ins Gesicht treiben.

 

„Ich möchte, dass diese Situation behoben wird.“

Simone L. wandte sich an Oberbürgermeister Rico Badenschier, an die Helios Kliniken Schwerin und auch an die Medien. „Ich möchte mit meinem Gang auch an die Öffentlichkeit niemanden unmittelbar anklagen. Mir geht es auch nicht darum, nun irgendetwas für uns heraus zu handeln. Ich möchte einfach, dass das, was wir erleben mussten, nicht wieder vorkommen kann. Da reichen aber nicht beschwichtigende Worte. Dafür müssen alle Beteiligten an einen Tisch, und Lösungen suchen. Klinik, Stadt, ich als diejenige, die es erlebt hat, und eventuell auch weitere Personen. So etwas darf nicht vorkommen. Und so etwas muss zukünftig verhindert werden.“

 

Helios Kliniken Schwerin bieten Gesprächstermin an

Die Klinik selbst wandte sich per Mail an die junge Frau und bot ihr einen Termin mit dem Pflegedirektor, einer Assistentin des Geschäftsführers sowie dem Beschwerdemanagement an. Nun könnte man sich fragen, weshalb Klinikgeschäftsführer Daniel Dellmann nicht persönlich bei diesem Termin dabei sein soll. Denn es geht um vielmehr als eine Beschwerde. Es geht um eine Risikosituation, die sowohl die Klinik als auch die Stadt und das Umland direkt betreffen kann. Simone L. sagte nicht sofort zu. Sie hatte auch die Befürchtung, „allein gegen drei, da werde ich in Grund und Boden geredet“. Nur wenige Stunden später klingelte allerdings ihr Handy, wie sie unserer Redaktion berichtete.  Es waren die Helios Kliniken und fragen nach, ob sie den Termin wahrnehmen möchte.

 

Plötzlicher Telefonanruf wirft Fragen nach Datenherkunft auf

„Das wäre an sich zwar etwas schnell nach der Mail, aber ja freundlich. Wenn da nicht der Umstand wäre, dass ich in meiner Mail weder den Namen meiner Mutter noch meine Handynumer angegeben hatte. Woher wusste die ansonsten freundliche Dame der Helios Kliniken meine Telefonnummer?“ Man hatte wohl Rückschlüsse aus ihrer Mail gezogen, um welche Patientin es sich wohl handeln könnte, und anhand derer Unterlagen, „und eventuell noch weiterer, meine Nummer herausbekommen. Das dürfte doch mit dem Datenschutz kaum vereinbar sein“, so Simone L.

 

Stadt und Klinik antworten und sprechen von „Unnannehmlichkeiten“

Das allerdings erregte die Schwerinerin weniger als ein Begriff, den sowohl die Helios Kliniken als auch die Pressesprecherin der Stadt Schwerin – nicht das Büro des Oberbürgermeisters, sondern die Pressestelle antwortete ihr auf ihre Darstellung der gefährlichen Situation im Testzentrum – in ihren Antworten erwähnten. Denn die beschriebene Situation, die für alle Anwesenden ein massives Ansteckungs- und damit Gesundheitsrisiko darstellten, bezeichnen Klinik und Stadt lapidar als „Unannehmlichkeiten.“ „Das kann doch nicht deren Ernsts ein. Seit Monaten halten wir uns in unserer Familie strikt an die Regeln. Ich arbeiten im Home-Office, meine 15-jährige Tochter vermeidet so gut es geht soziale Kontakte, und mein Mann hat sich nach einem dienstlichen Auslandsaufenthalt in freiwillige Selbstisolation begeben. Und dann erlebt man im Testzentrum, an dem wohl sensibelsten Ort  des Corona-Geschehens, so etwas. Und das bezeichnen Stadt und Klinik lediglich als Unannehmlichkeiten.“

 

Gesundheitsamt Schwerin fordert Stellungnahme der Klinik – Vor-Ort-Termin vereinbart

Sowohl unserer Redaktion gegenüber als auch gegenüber Simone L. sagte Stadtsprecherin Michaela Christen aber zu, dass das Gesundheitsamt der Sache nachginge. Man habe die Klinik um eine Stellungnahme gebeten, und auch sei ein Vor-Ort-Termin vereinbart. Darüber hinaus gehe man im Gesundheitsamt derzeit davon aus, „dass es sich bei dem kurzfristig erhöhten Patientenaufkommen um eine Ausnahmesituation gehandelt hat, die künftig vermieden werden sollte.“ Ähnlich beschreiben es auch die Helios Kliniken. Allerdings ist, anders als bei der Stadt, dabei schon nicht von nur einer solchen Situation die Rede. Aus der dortigen Unternehmenskommunikation hieß es: Uns sind bisher nur wenige Ausnahmesituationen bekannt, in denen es zu vermehrten Patientenaufkommen und Wartezeiten kam. […] Aus den festgelegten Zeiten für stationäre Aufnahmen und Mitarbeitertestungen ergeben sich normalerweise nur sehr geringe Wartezeiten. […] Grundsätzlich sind keine wartenden Patientenmengen zu beobachten.“

 

Reicht das Einhalten von Mindestanforderungen, oder geht es nicht um etwas anderes?

Also zumindest doch kein Einzelfall. Und damit durchaus eine zu hinterfragende Situation. Denn schon eine einzelne Situation wie die beschriebene, kann, wie Mediziner und Wissenschaftler immer wieder warnend unterstreichen, ein „Superspreader-Moment“ sein. Gerade jetzt, da die offenbar noch ansteckenderen Virusmutationen längst auch Schwerin erreicht haben, muss ein so sensibler Ort wie dieser, an dem die Gefahr, dass infizierte Personen anwesend sind, so sicher wie möglich sein. Dass das Testzentrum „konzeptionell und baulich mit den Aufsichtsbehörden abgestimmt und von Seiten des LAGUS genehmigt“ wurde, wie es die Helios Kliniken Schwerin darstellen, heißt doch – ganz augenscheinlich – nicht, dass die Sicherheit der Testpersonen vor Ort gewährleistet ist. Und darum muss es doch gehen, und nicht um die Erfüllung von Mindestanforderungen.

Stephan Haring

Stephan Haring ist freier Mitarbeiter unserer digitalen Tageszeitung. Er hat ein Bachelor-Studium der Kommunikationswissenschaften an der Universität Erfurt mit den Nebenfächern Sozialwissenschaften & Politik absolviert. Im Nachhinein arbeitete er in leitenden Funktionen der Presse- & Öffentlichkeitsarbeit, im Leitungsbereich eines Unternehmens sowie als Rektor einer privat geführten Hochschule. Zudem entwickelte, organisierte und realisierte er mit der durch ihn entwickelten LOOK ein Fashionevent in Schwerin. Heute arbeitet er freiberuflich als Texter, Pressesprecher, Textkorrektor und Ghostwriter sowie als Berater in verschiedenen Projekten. Im größten Schweriner Ortsbeirat ist er als Vorsitzender kommunalpolitisch aktiv.

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