Schwerin: Mit Spitze an die Spitze – Xenia Wiest hat viel vor mit dem Ballett

Sie ist derzeit noch selbst Tänzerin und Choreografin. Sie kennt die Tanzwelt. Ab der neuen Spielzeit übernimmt Xenia Wiest die Position der Ballett-Direktorin am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin. Mit großen Ambitionen tritt sie die neue Stelle an. Zuerst aber musste sie auch für sich selbst harte und schwere Entscheidungen treffen.

Xenia Wiest ist die neue Ballett-Direktorin am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin. | Foto: Kathrin Dinkel

Sie ist 37 Jahre. Jung, sympathisch, engagiert und ambitioniert. Eine Kämpferin in vielerlei Hinsicht. Ihr Mann zog für sie von Madrid nach Berlin, um mit ihr ein gemeinsames Leben aufzubauen. Wissend darum, dass sie als Tänzerin einen Job hat, der nie die abschließende Standortsicherheit bietet. Er stand an ihrer Seite, als sie es noch einmal wissen wollte. Als sie am Ende ihrer Karriere noch einmal die tänzerische Herausforderung suchte, und nach Hannover ging. Und nun werden beide schon bald in das beschauliche, künstlerisch allerdings derzeit durchaus aufgewühlte und etwas unruhige Schwerin kommen. Denn sie hat ein spannendes Angebot bekommen und damit eine große Aufgabe übernommen, die schon vor dem wirklichen Beginn auch ihr viel abverlangt. Die Rede ist von Xenia Wiest, der neuen Choreografin und Ballett-Direktorin am Mecklenburgischen Staatstheater.

 

Kunst und Musik spielten von Geburt an eine Rolle

Die neue Ballett-Direktorin in Schwerin stammt aus einer Moskauer Musikerfamilie. Ihre Mutter ist Geigenlehrerin, der Vater Jazzdrummer. 1993 wanderte die Familie nach Deutschland aus, wo Xenia ihr neues zu Hause fand. Schon seit jüngster Kindheit brachten ihr ihre Eltern Kunst und Kultur nahe. Unzählige Besuche in Theatern, Opernhäusern und Museen taten dabei das Ihrige, so dass sich Xenia immer mehr zu Kunst und Musik hingezogen fühlte. Sie lernte Klavier und Konzertflöte und sang im Chor. Und sie nahm an Jazztanz- und Ballettkursen teil. Für Tänzerinnen und Tänzer fand Xenias Einstieg in die Welt des Tanzes dabei durchaus spät statt. Daran hatte ihr familiäres Umfeld durchaus einen nicht unbedeutenden Anteil. Denn Xenia fing gegen den erklärten Willen ihrer Eltern mit dem Tanz an. „Ich musste schon früh viel kämpfen“, erinnert sich die heute 37-jährige im Gespräch mit unserem Leitenden Redakteur, Stephan Haring.

 

Mit 14 stand Xenias Berufswunsch fest: Balletttänzerin

Xenia Wiest, neue Ballett-Direktorin in Schwerin. | Foto: Svetlana Avvakum

Mit 14 Jahren stand für Xenia aber definitiv fest, dass sie Balletttänzerin werden wollte. Ein Alter, in dem viele Jugendlichen sich eigentlich erst so richtig auszuleben beginnen, noch gar nicht an berufliche Ziele denken. Unterrichtet von Marie-Francoise Gery, heute eine enge Freundin, machte sie ihre ersten Schritte auf diesem Weg an der „Academie de Danse“ in Braunschweig. Mit 16 Jahren wechselte sie dann an die „John Cranko School“ in Stuttgart, an der sie 2003 ihren Abschluss machte. Sie hatte das große Glück, noch im selben Jahr ein erstes Engagement an der Deutschen Oper in Berlin antreten zu können und im Anschluss als Solistin im Theater Görlitz zu tanzen.

 

15 erfolgreiche Jahre am Staatsballett Berlin

Es folgten erfolgreiche 15 Jahre am Berliner Staatsballett unter Vladimir Malakhov und Nacho Duato. Zeiten, die auch für Xenia Wiest natürlich mit Unsicherheiten verbunden waren. „Gerade in den ersten Jahren habe ich, wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen, immer zum Saisonende gebangt“. Denn wie in der Tanzszene üblich, hatte auch sie nur Jahresverträge. „Das Gefühl der Sorge, die Einladung zu einem Nicht-Verlängerungsgespräch zu bekommen, war natürlich da“, erinnert sie sich. Am Staatsballett in Berlin begann parallel auch ihre erfolgreiche Arbeit als Choreographin. Diese führte sie zu zahlreichen Auftragsproduktionen weltweit mit renommierten Künstlern und Kompanien. Seit der Saison 2019/20 ist Xenia Wiest Teil der Kompanie des Staatsballett Hannover, wo sie in Prélude (Medhi Walerski) und Nijinski (Marco Goecke) zu sehen war. Sie hätte ihre Tanzkarriere auch in Berlin fortsetzen und dann beenden können. „Aber ich wollte noch einmal etwas anderes erleben. Mich noch einmal selbst zusätzlich fordern und neue Eindrücke gewinnen.“

 

Anfrage des neuen Intendanten kam unerwartet

Xenia Wiest, neue Ballett-Direktorin in Schwerin. | Foto: Kathrin Dinkel

Und dann – ja dann kam alles ganz anders als gedacht. Denn plötzlich erhielt sie das Angebot, die Direktorin des Ballett-Ensembles am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin unter dem neuen Intendanten Hans-Georg Wegner zu werden. „Ich hatte an eine solche Entwicklung meines beruflichen Weges gar nicht gedacht. Sicherlich war mir bewusst, dass meine Karriere als aktive Tänzerin mit inzwischen 37 Jahren bald enden würde. Und ich hatte in verschiedensten Produktionen und Engagements das große Vertrauen bekommen, auch Leitungsfunktionen übernehmen zu dürfen. Aber an sich hatte ich mich innerlich eher auf einen Weg als Choreografin eingestellt“, so Xenia Wiest. Dennoch sah sie die besondere Perspektive, die sich mit dem Angebot eröffnete. „Hans-Georg Wegner hat mir seine Zukunftsideen für das Mecklenburgische Staatstheater skizziert. Und dabei ein Teil einer so offenen aber doch klaren Idee einer künstlerischen Entwicklung und auch Neuaufstellung sein zu können, das hat mich sofort gecatcht“.

Dass ihr privates wie auch berufliches Umfeld von dem Schritt ebenso überrascht wie erfreut war, und Xenia augenscheinlich den Erfolg in dieser verantwortungsvollen Position zutraute, zeigen die Reaktionen, als die Neuigkeit bekannt wurde. Da nämlich sei ihr Telefon beinahe „explodiert“, verriet die leidenschaftliche Tänzerin und Choreografin kürzlich der Zeitschrift „tanz“.

 

„Ich möchte in Schwerin eine künstlerische Neuorientierung“

Für Xenia Wiest war aber mit der Entscheidung auch ganz klar Aufgabe und Ziel verbunden, das Ballett in Schwerin inhaltlich und fachlich spürbar weiter zu entwickeln. „Ich möchte eine künstlerische Neuorientierung. Es ist mein Ziel, mit höchster Qualität, Innovation und einer unverkennbaren Tanzsprache das Schweriner Publikum zu begeistern. Und langfristig möchte ich an einer internationalen Wahrnehmung unserer Compagnie arbeiten“. Für sie damit untrennbar verbundenen: die Wiedereinführung des Spitzenschuhs. „Er ist das klassischste und bedeutendste ‚Werkzeug‘, das wir im Tanz haben. Darauf können und dürfen wir nicht verzichten“.

Für Xenia Wiest bedeutet dies aber nicht, ab sofort nur noch klassische Stücke auf die Bühne zu bringen, und den modernen Tanz zu verbannen. Ganz im Gegenteil. „Ich möchte Elemente aus dem klassischen Ballett, das ich gern stärken möchte, in die Moderne des 21. Jahrhunderts holen, und so mit unseren Tänzerinnen und Tänzern und dem Publikum einen spannenden Schritt in der Entwicklung des Tanzes gehen. Damit ist eine enorme Verantwortung vor allem auch für mich selbst verbunden. Und ich stelle daher auch die höchsten Ansprüche zuerst an mich selbst“.

 

Harte Entscheidungen und schmerzhafte Erfahrungen

Xenia Wiest, neue Ballettdirektorin in Schwerin | Foto: Markus Rack

Hochgesteckte Ziele, für die die Kämpferin schon jetzt hart arbeitet. Die ihr aber auch schon deutlich vor Antritt ihres Jobs harte Entscheidungen abverlangten und erste schmerzhafte Erfahrungen brachten. Denn noch gar nicht in Schwerin komplett angekommen, hagelte es schon harsche Kritik. Schon sieht sich die neue Ballett-Direktorin massiven „teilweise unfairen und ungerechten, weil falschen“ Vorwürfen ausgesetzt. Denn sie musste sie die auch für sie schwere Entscheidung treffen, wer von den bisherigen Tänzerinnen und Tänzern in das neue Konzept der Ballett-Compagnie des Mecklenburgischen Staatstheaters passt, und wer leider nicht. Im Ergebnis war eine Verlängerung der auslaufenden Jahresverträge fast aller Tänzerinnen und Tänzer nicht möglich (wir berichteten).

 

Enttäuschung und auch Unverständnis sind für Xenia Wiest nachvollziehbar

Die darauf folgenden Reaktionen kann Xenia Wiest insofern verstehen, wenn sie von Enttäuschung geprägt sind. „Natürlich haben alle abgeliefert. Wenn es dann trotzdem nicht passt, dann ist Enttäuschung die nachvollziehbarste aller Reaktionen“. Und auch wenn sich zur Enttäuschung noch Unverständnis gesellt, ist dies für Xenia Wiest in der konkreten Situation ebenso nachvollziehbar. „Alle, die vorgetanzt haben, sind schließlich ohne Frage Tänzerinnen und Tänzer mit vielen Qualitäten und Vorzügen. Da ist es doch absolut menschlich, dass man, wenn man alles zeigt, was man kann, und wenn es dann doch nicht passt, dass man die Gründe dafür wissen möchte. Aber in diesem konkreten Fall hatte das Juristische leider Vorrang vor der Transparenz“.

 

„Auch mir geht die Situation sehr nahe“

Was Xenia Wiest hier beschreibt, ist für Außenstehende kaum vorstellbar. Denn der deutschlandweit geltende Tarifvertrag NV Bühne, den zuletzt unter anderem der Schweriner Stadtvertreter Daniel Trepsdorf (DIE LINKE) scharf kritisierte, schreibt vor, dass im Falle von Nichtverlängerungen der befristeten Verträge kein Feedback gegenüber den Tänzerinnen und Tänzern erfolgen darf. Und zwar konkret im Falle eines Intendanzwechsels. „Wenn ich als Tänzerin spreche, dann kann ich bestätigen, dass man das oft gar nicht weiß. Daher ist das Unverständnis für die Entscheidung an sich, aber auch für die fehlende Begründung, besonders groß und die Situation so besonders irritierend“, so Xenia Wiest, in der derzeit praktisch zwei Herzen schlagen. Das der Tänzerin und das der designierten Direktorin. „Letztlich aber ist es doch ein Herz. Mein Herz für den Tanz, mein Herz für die gemeinsame Arbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern auf der Bühne. Und mein Herz für das Publikum. Daher geht mir die gesamte Situation auch sehr nahe.“

 

Bewusst viel Zeit für das Ansehen der Tänzerinnen und Tänzer genommen

Xenia Wiest, neue Ballettdirektorin in Schwerin | Foto: Maria-Helena Buckley

Nicht verstehen allerdings kann die zukünftige Ballett-Direktorin in Schwerin, „wenn von einigen wenigen bewusst falsche Darstellungen über den gesamten Ablauf gemacht werden“. Denn wiederholt wurde der Vorwurf laut, die neue Direktorin habe den aktuellen Tänzerinnen und Tänzern praktisch keine Möglichkeit der Vorstellung gegeben.

„Das ist schlichtweg falsch. Ich habe mir bewusst viel Zeit genommen, um die Kompanie in Schwerin zu sehen. Ich habe eine Gala-Vorstellung gesehen, ein ausführliches Vortanzen geplant, und hatte das große Glück, die Tänzerinnen und Tänzer nicht alle zusammen, sondern in kleinen Gruppen sehen zu können. Denn am Ende muss alles passen – die choreografische Ästhetik, das Repertoire und einiges mehr. Gerade auch bei einer so kleinen Kompanie aus nur 14 Personen wie in Schwerin. Um dann nicht alles von meinem Momentempfinden abhängig zu machen und eine für alle gleiche, faire Einschätzung treffen zu können, habe ich mir alles im Nachhinein teilweise mehrfach auf Video angeschaut und umfangreiche Listen mit verschiedensten Kriterien entwickelt. Wenn also jemand behauptet, wir hätten Tänzer nicht einmal angesehen, dann stimmt das einfach nicht“.

 

„Es ging nicht um gut oder schlecht“

Dass die zu treffenden Entscheidungen Xenia Wiest letzten Endes alles andere als leicht fielen, merkt man, sobald man intensiver mit ihr über diese Phase spricht. Sie ist selbst Tänzerin. Sie hat in ihrer Karriere viele Augenblicke gehabt, in denen sie selbst bangte. Oder aber, in denen ihr vertraute Kolleginnen und Kollegen von einer Nicht-Verlängerung erfuhren.

„Da fällt es wirklich schwer, nun selbst solche Entscheidungen treffen zu müssen. Vor allem eben auch, weil es absolut nicht um gut oder schlecht ging. Alle, die ich gesehen habe, sind tolle Menschen und tolle Tänzerinnen und Tänzer, die wirklich etwas drauf haben. Aber ich muss zu 100 Prozent davon überzeugt sein, dass sie zukünftig den Stil wiedergeben, den ich auf der Bühne sprechen möchte. Ich wurde ja auch aus einem bestimmten Grund nach Schwerin eingeladen, habe eine Verantwortung gegenüber der Intendanz, der künstlerischen Ausrichtung, der Stilistik, dem Publikum und mir selbst. Und auch gegenüber unseren Tänzerinnen und Tänzern. Denn letztendlich tue ich niemandem einen Gefallen damit, ihn oder sie hier zu behalten, wenn ich sehe, dass deren zweifelsfrei vorhandene, tänzerische Stärken in anderen Bereichen liegen als in denen, die wir ab der neuen Spielzeit in Schwerin benötigen. Wäre die Kompanie etwas größer – mindestens 20 Personen – dann hätte ich vermutlich ein paar Kompromisse machen können. Aber so wie es ist, war es leider nicht möglich“.

 

Auch Neuaufstellung wird intensiv vorbereitet

Diesem Verantwortungsbewusstsein entsprechend organisiert Xenia Wiest folgerichtig auch die Entscheidungen zur zukünftigen personellen Aufstellung des Balletts in Schwerin. Dabei geht es eben nicht nur um das Vortanzen sondern auch um ein gegenseitiges Kennenlernen im Rahmen von Interviews. „Wir müssen zusammenpassen, um das wirklich ambitionierte Projekt erfolgreich zu machen. Dafür braucht es natürlich die tänzerischen aber eben auch entsprechende menschliche Qualitäten. Beide Seiten müssen dabei wirklich miteinander arbeiten wollen.“ Und Xenia möchte – nicht allein aus den ganz aktuellen Erfahrungen sondern auch aus ihrem eigenen Erleben heraus – mehr Sicherheit für alle. Daher strebt sie nicht die überwiegend üblichen Jahresverträge an sondern setzt auf 2 oder gar 3 Jahre.

 

Radikaler Kulturumbruch bietet Chancen 

Xenia Wiest, neue Ballett-Direktorin in Schwerin. | Foto: Enrico Nawrath

Festverträge, wie es im Orchesterbereich üblich ist, gibt es im Ballett grundsätzlich nicht. Ein zweischneidiges Schwert, das sieht auch Xenia Wiest. „Auf den ersten Blick bedeuten Festverträge natürlich Sicherheit für die Tänzerinnen und Tänzer. Aber was bedeuten sie in der Folge für das Theater und die Kunst? Und was für die Entwicklung der Künstlerinnen und Künstler? Ganz abgesehen davon, dass eine Ballett-Karriere sehr früh auch an physische Grenzen kommt. All dies muss man natürlich auch im Blick haben. Allerdings, und das steht für mich außer Frage, wäre es an der Zeit, den Tarifvertrag NV Bühne in die Aktualität zu holen. Er ist in vielen Punkten unglaublich vage. Da muss mehr Klarheit hinein. Für alle“.

Xenia Wiest baut hier durchaus auf den derzeit stattfindenden radikalen Kulturumbruch. „Das Genderthema, Black lives matter, Me-too – das sind nur einige Entwicklungen, die die Kultur förmlich zu einer kompletten Neuaufstellung zwingen. Da sind systemische Entwicklungen fast unumgänglich. Entwicklungen, die eben die Rolle von Gewerkschaften, den Tarifvertrag und vieles andere erneuern. Und die vor allem das künstlerische und menschliche besser zusammenbringen, als es uns bisher möglich ist.“

Seien wir gespannt, wie sich das Ballett in Schwerin auch im Kontext dieses Kulturumbruchs entwickelt. Mit Xenia Wiest hat Schwerin auf jeden Fall eine engagierte, kämpferische und in jeder Hinsicht menschliche Ballett-Direktorin, von der das Publikum ganz sicher viel erwarten kann.

Stephan Haring

Stephan Haring ist freier Mitarbeiter unserer digitalen Tageszeitung. Er hat ein Bachelor-Studium der Kommunikationswissenschaften an der Universität Erfurt mit den Nebenfächern Sozialwissenschaften & Politik absolviert. Im Nachhinein arbeitete er in leitenden Funktionen der Presse- & Öffentlichkeitsarbeit, im Leitungsbereich eines Unternehmens sowie als Rektor einer privat geführten Hochschule. Zudem entwickelte, organisierte und realisierte er mit der durch ihn entwickelten LOOK ein Fashionevent in Schwerin. Heute arbeitet er freiberuflich als Texter, Pressesprecher, Textkorrektor und Ghostwriter sowie als Berater in verschiedenen Projekten. Im größten Schweriner Ortsbeirat ist er als Vorsitzender kommunalpolitisch aktiv.

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