Lob und Anspruch: 20 Jahre Schuldnerberatung

Von links nach rechts: Siegfried Jürgensen, Matthias Dresow, Jörn Dietrich, Antje Karsch und Thomas Justin.
Von links nach rechts: Siegfried Jürgensen, Matthias Dresow, Jörn Dietrich, Antje Karsch und Thomas Justin.

(am). Die Kehrseite der „Schönen, Neuen Werbewelt“ sind oft private Tragödien, die sich dann allerdings meist im Stillen abspielen. Heute kaufen, in drei Monaten bezahlen – das kann schnell ins Auge gehen. Denn auch drei Monaten später ist in der Regel nicht mehr Geld da als zum Zeitpunkt des Kaufwunsches. Im Gegenteil: Manchmal schlagen Schicksalsschläge ein. Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Scheidung oder Trennung können einen gerade noch bezahlbaren Kredit ganz schnell zum echten Problem werden lassen. Und wenn man erst einmal in die Schuldenspirale geraten ist, dann wird es schwer, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Damit dies dennoch geschehen kann, dafür gibt es in Schwerin seit zwanzig Jahren die Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle „Lichtblick“ im Diakoniewerk „Neues Ufer“. Diese schönen Namen sind Programm, denn nichts anderes als einen Lichtblick und ein neues Ufer wünscht sich jemand, der Probleme mit seinen Zahlungsverpflichtungen hat.

Für die erfolgreiche Arbeit bekam die Schuldnerberatung deshalb auch von der Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow ein dickes Lob. Menschen eine neue Perspektive zu geben, so Gramkow, sei gelebte Solidarität. Wenn Siegfried Jürgensen, Leiter von Lichtblick, zurückblickt, dann erkennt man schnell, wie notwendig diese Solidarität ist: „In den letzten zwanzig Jahren wurden allein in der Schuldnerberatungsstelle Lichtblick über 12.000 Bürgerinnen und Bürger in Schwerin beraten und unterstützt. Der Bedarf hat in dieser Zeit trotz sinkender Einwohnerzahlen nicht etwa abgenommen, sondern wuchs kontinuierlich. Mittlerweile sind es rund 1.100 Ratsuchende jährlich, die unsere Beratungsstelle kontaktieren. Die Überschuldungsrisiken für die Haushalte sind nicht geringer geworden, im Gegenteil. Kreditschulden stellen etwa die Hälfte der Verbindlichkeiten dar und sind Ausdruck unserer Kreditgesellschaft, in der bargeldloser Zahlungsverkehr und kreditfinanzierter Konsum zur Normalität geworden sind.“

Niemand, so Jürgensen gegenüber Schwerin-Lokal, könne sich eine Entwicklung wünschen, in der immer mehr Menschen ohne konkrete Hoffnung auf eine Teilhabe an wirtschaftlicher Entwicklung und am gesellschaftlichen Leben dauerhaft ausgegrenzt blieben. Überschuldung sei deshalb als ein gesamtgesellschaftliches Problem zu begreifen. Die guten Wünsche von Seiten der Politik mögen den unermüdlich arbeitenden Kräften der Diakonie gut tun. Allerdings bedürfe es dazu auch der wirklichen Unterstützung, so Jürgensen: „Zwanzig Jahre Schuldnerberatung heißt rückblickend aber auch zwanzig Jahre Kampf um Weiterfinanzierung. Seit dem Jahr 2000 sind in M-V knapp 20% der Beratungskapazitäten in der Schuldner- und Insolvenzberatung verloren gegangen. Und schon im nächsten Jahr drohen weitere Kürzungen, die mit rückläufigen Einwohnerzahlen begründet werden.“

Die Politik, und insbesondere das Sozialministerium sei deshalb gefordert, ihr Versprechen aus dem Jahre 2008, die Beratungskapazitäten bei mindestens 70 Vollzeitkräften zu erhalten, in die Tat umzusetzen.

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