Schwerin: Ein rundum gelungener Sommerabend mit dem Schriftsteller Gregor Sander

Gleichermaßen bestens gelaunt trafen sich die Gäste und der Romanautor Gregor Sander zu seiner anregenden Lesung in der Schweriner Puschkinstraße 12. Neben einem Interview unseres Redakteurs Peter Scherrer mit dem Autor, ermöglicht Manja Wittmann in ihrem schwerin-lokal-Literaturtipp einen Einblick in das Werk der Lesung: "Alles richtig gemacht".

Susann Schulz von der Heinrich-Böll-Stiftung MV und Autor Gregor Sander | Foto: schwerin-lokal / Peter Scherrer

Wer in der vergangenen Woche im Schleswig-Holstein-Haus bei der Lesung des gebürtigen Schweriner Autors Gregor Sander dabei war, dem wird der heutige Buchtipp bekannt vorkommen. Alles richtig gemacht hatten in der vergangen Woche die Organisatoren der Freiluftveranstaltung im Garten des Kulturforums in der Puschkinstraße. Der in Berlin lebende Sander las vor sehr aufmerksam-interessiertem Publikum aus seinem 2019 erschienen Buch „Alles richtig gemacht“. Deutlich über 60 Zuhörerinnen und Zuhörer waren bei bestem Sommerwetter der gemeinsamen Einladung der Stiftung Mecklenburg, dem Kulturforum Schleswig-Holstein-Haus und der Heinrich-Böll-Stiftung MV in Schwerin gefolgt.

 

Gregor Sander in seiner Heimatstadt Schwerin

„Ich bin sehr stolz hier in meiner Heimatstadt als erster nach den Coronabeschränkungen lesen zu dürfen“, eröffnete der Roman- und Drehbuchautor den kurzweiligen Leseabend. Unter den Zuhörerinnen und Zuhörern waren auch die in Schwerin lebenden Eltern des Autors. Das gemeinsame Erlebnis eines anregenden Sommerabends, den der Autor gekonnt sowohl mit Nachdenklichkeit wie Heiterkeit füllte, sorgte für reichlich Applaus der Fans von Gregor Sander. In bester Erzähllaune, unterstützt durch eine kenntnisreiche Moderation von Susann Schulz (Heinrich-Böll-Stiftung MV), markierte der Schriftsteller Eckpunkte auch seiner eigenen Geschichte in Schwerin und Rostock.

Endlich wieder mit kulturinteressierten Menschen zusammentreffen zu können, das war das deutlich spürbare Gefühl am gelungen Leseabend mit Gregor Sander. | Foto: schwerin-lokal / Peter Scherrer

Am Ende verabschiedete sich Gregor Sander, der selbst über Jahre aktiv in der deutschen Autoren-Nationalelf kickte, mit einem Tipp für das EM Spiel Frankreich – Deutschland. Er tippte auf einen knappen 2:1 Sieg der deutschen Balltreter. Das wäre sicherlich der Mehrheit des Publikums recht gewesen. Aber da haben dann die deutschen Kicker eben nicht alles richtig gemacht!

 

Wer mehr über Gregor Sanders Buch und seine Pläne wissen will, klickt hier zum schwerin-lokal Interview mit unserem Redakteur Peter Scherrer

 

„Alles richtig gemacht“ – Unser schwerin-lokal-Buchtipp von Manja Wittmann

„Alles richtig gemacht“ ist eine stolze Aussage, wenn man auf ein knapp 50-jähriges Leben zurückschaut. Aber es könnte auch ein beruhigendes Mantra sein, das sich der Ich-Erzähler im Stillen immer wieder aufsagt, während ihm sein bisheriges Leben zu entgleiten droht. Dr. Thomas Piepenburg, Anwalt in Berlin mit eigener Kanzlei, versteht nicht so ganz, warum seine Frau Stephanie mitsamt den Teenie-Zwillingstöchtern ausgezogen ist. Seit einer Woche hört und sieht er nichts von ihnen und kann sie nicht erreichen. Sehr unangenehm ist zudem ein Mandant, für den er einen Wohnblock „entmieten“ muss. Und dann taucht nach zehn Jahren Abwesenheit völlig überraschend sein alter Kumpel und früherer bester Freund Daniel wieder auf.

 

Eine besondere Männerfreundschaft in 15 Kapiteln

Die beiden Jungs kennen sich seit den 1980er-Jahren als sie zusammen in ihrer Geburtsstadt Rostock zur Schule gingen. Dass ihre familiären Hintergründe kaum konträrer sein konnten, war ihnen total egal, schnell wurden sie beste Freunde. Sie brauchen nicht viele Worte, um zu verstehen, was im anderen vorgeht. Selbst als Thomas Daniel nicht retten kann, während rechte Skinheads ihn verprügeln, wird darüber nie wieder gesprochen. Bald nach der Wende landet erst Daniel, dann Thomas in Berlin. Daniel, der politisch im linken Spektrum aktiv ist, hat seine Kochlehre abgeschlossen und macht eine grenzwertig legale Kneipe auf. Thomas beginnt nach kleinen Umwegen schließlich ein Jurastudium. Er hat mittlerweile eine feste Freundin. Kerstin ist eine unternehmungslustige Kunststudentin und hat oft ihre Kommilitonin Stephanie im Schlepptau. Zu viert feiern sie schräge, ausgelassene Künstlerfeste an der Ostsee wie auch das wilde und freie Berlin der 1990er Jahre.

Daniel trifft seine Entscheidungen spontan und unter dem Einfluss seiner häufig wechselnden Lebensgefährtinnen. So bleibt er nach einem Zelt-Urlaub in Irland, weil eine Irin ihn vollends begeistert. Thomas hat sich in diesem Urlaub nach und nach in Stephanie verliebt und trennt sich von Kerstin. Er ist der Sesshaftere mit funktionierender Karriere, auch Stephanie findet eine sehr gut passende Anstellung in einer Galerie. Bald heiraten sie und gründen eine Familie.

 

Eine Verschränkung aus Rückblicken und Jetztzeit

In fünfzehn Kapiteln, die zwischen Gegenwart und besonderen Momenten der gemeinsamen Vergangenheit hin und her springen, erzählt Gregor Sander aus der Perspektive von Thomas den Werdegang dieser außerordentlichen Männerfreundschaft. Auch mit seinen weiblichen Protagonistinnen gelingen ihm sehr glaubwürdige und vielschichtige Frauenporträts. Das besondere an dieser Verschränkung aus Rückblicken und Jetztzeit ist, dass man wirklich erstaunliche Wendungen erlebt, die ein ganz neues Licht auf das bisher Geschehene werfen. Die vermeintlich verwöhnte Ehefrau des Anwalts lernt man so auf ganz andere Weise in ihren Zwanzigern und Dreißigern kennen. Selbst bei Thomas, der nicht von vornherein ein Sympathieträger ist, kommen ganz andere Facetten zutage. Ebenso wird die Beschreibung der jeweiligen Städte vor und nach der Wende durch diese Methode sehr lebendig und plastisch. Manchmal geht man beim Lesen in Gedanken mit durch die sich verändernden Viertel in Rostock und Berlin.

 

Die Vergangenheit beeinflusst das Jetzt

Immer wenn Daniel plötzlich wieder auf der Bildfläche erscheint, hat es eine wichtige Veränderung in Thomas‘ Leben gegeben. So wie jetzt mitten in der Ehekrise. Daniel hat gerade ein Restaurant in der Bretagne zugemacht und kehrt zurück, ohne eine feste Bleibe zu haben. Auch wenn Thomas zunehmend von Daniels Art genervt ist, kann er ihm in den wirklich wichtigen Momenten seine Hilfe nicht verweigern. Selbst dann nicht, wenn ihn das in große Schwierigkeiten bringt.

Welche Brocken die gemeinsame Vergangenheit den beiden noch in den Weg legt, sei hier nicht verraten. Aber auf das witzige Ende dieses sehr kurzweiligen Romans darf man sich freuen. Hier kommen nochmal alle Wahrheiten auf den Tisch, und Gregor Sanders besonderes Können in Bezug auf knappe, lakonische Dialoge kann glänzen. Wer Lust hat auf intelligente Beziehungs-Beobachtung verwoben mit der deutsch-deutschen Geschichte der letzten 40 Jahre, dem wird diese Geschichte gefallen.

Und wie Gregor Sander im Interview mit Peter Scherrer verrät, steckt er schon mitten im Schreibprozess für sein nächstes Buch. Wir sind gespannt.

 

Gregor Sander

„Alles richtig gemacht“

Penguin Verlag

240 S., 20,- €

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