Auf welches Grundrecht würden Sie verzichten?

Sie sind am vergangenen Donnerstag auf den Schweriner Marktplatz gekommen, um Geburtstag zu feiern. Einen runden Geburtstag, den 70. Das Geburtstagskind lag auf dem Tisch, frisch gedruckt im Taschenformat und bereit mit jedem zu gehen, der es haben wollte. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Im Vergleich zum Alter des Geburtstagskindes waren die Gäste recht jung. Ein paar sind vielleicht Mitte 40, viele erst Anfang und Mitte 20. Unter ist ihnen Lennart Grube (26) angehender Gymnasiallehrer. „Ich werde Sozialkundelehrer. Es ist mir ein Anliegen, dass junge Leute Bescheid wissen, dass wir ein Grundgesetz haben und welche Rechte wir haben, welche Privilegien das sind. Das ist ja nicht selbstverständlich.“, sagt er. Besonders wichtig ist ihm der Artikel 1 des Grundgesetzes. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Auch die verbriefte Meinungsfreiheit und die Gleichbehandlung haben für Lennart Grube einen besonderen Wert. Während eines Jahres im Ausland hat er unter anderem in Argentinien in einem Kindergarten gearbeitet und ist auf dem Kontinent herumgereist. „Nicht alle Länder haben das, wie man jetzt in Brasilien unter dem neuen Präsidenten sehen kann.“

 

Das Grundgesetz muss gelebt werden

 

„Auf welches Grundrecht würden Sie verzichten, wenn Sie dazu gezwungen wären?“ In zwei Gruppen diskutieren Studierende der Fachbereiche „Good Governance“ und „Lehramt Soziologie“ der Universität Rostock vor dem Schweriner Rathaus diese Frage. Die Antwort fällt ihnen schwer. Und sie entscheiden sich auf das „Petitionsrecht“ und die „Religionsfreiheit“. Warum ausgerechnet diese? „Das kann man doch mit einem Gesetz auch regeln.“, so eine der Studentinnen und eine andere „Ich bin nicht wirklich religiös. Mit ist das nicht so wichtig.“ Ohne Widerspruch bleibt das nicht: „Bereits nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde 1648 im „Westfälischen Friedensvertrag“ aus gutem Grund die Religionsfreiheit zugesichert“, entgegnet jemand. „Gerade heute ist das doch ein unglaublich wichtiges persönliche Recht.“ – Auf die Idee, sich gegen den Verzicht auf ein der Grundrechte kräftig  zu wehren und vielleicht dafür zu sorgen, dass weitere Grundrechte – soziale, kulturelle, wirtschaftliche – hinzugefügt werden könnten, kommt niemand.

Lennart Grube: „Wir können schon schätzen, was wir am Grundgesetz haben. Man muss es aber auch leben.“

„Wir können schon schätzen, was wir am Grundgesetz haben. Man muss es aber auch leben.“, sagt Lennart Grube. „In den Austausch gehen, auch Meinungen anhören, die einem unliebsam sind und mit den Leuten darüber sprechen, mit Fakten und nicht nur mit Gefühlen dann Überzeugungsarbeit leisten.“

Genau das tun die Geburtstagsgäste zur Feier des Tages auch. Der Schweriner Heiko Lietz und Vertreter der Bewegung „aufstehen“, Mitglieder der „Evangelischen Akademie Rostock“ und die Studierenden der Uni Rostock sprechen mit Passanten, fragen sie nach ihren Ansichten, spielen mit Schülern ein Quiz zu den Grundrechten und verschenken Grundgesetze an die Besucher.

Eine große „70“ malen sie mit Kreide auf den Markt und eine Europafahne dazu. Einer der Sterne fällt ein wenig aus dem Rahmen. In Großbritannien laufen die Europawahlen bereits und die Brexit-Befürworter liegen vorn.

Carl Otte

Carl Otte ist freier Mitarbeiter der Digitalzeitung Schwerin-Lokal.de

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