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Die Autonomie der Kunst ist ohne ökonomische Autonomie eine Lachnummer

Eine E‑Mail des Gen­er­al­in­ten­dant des Meck­len­bur­gis­chen Staat­sthe­aters Lars Tiet­je kurz vor dem The­ater­ball sorgte für Wirbel. Tiet­je, so die lan­gläu­fige Mei­n­ung, hätte seinen Mitar­beit­ern einen „Maulko­rb“ ver­passen wollen. Von kün­st­lerisch­er

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  • Veröffentlicht Januar 25, 2018
Meck­len­bur­gis­ches Staat­sthe­ater Foto: Rita Ger­lach-March

Eine E‑Mail des Gen­er­al­in­ten­dant des Meck­len­bur­gis­chen Staat­sthe­aters Lars Tiet­je kurz vor dem The­ater­ball sorgte für Wirbel. Tiet­je, so die lan­gläu­fige Mei­n­ung, hätte seinen Mitar­beit­ern einen „Maulko­rb“ ver­passen wollen. Von kün­st­lerisch­er Frei­heit und Mei­n­ungs­frei­heit ist die Rede, die durch Her­rn Tiet­je nun ange­grif­f­en wor­den sei.

Die Stadt­frak­tion der LINKEN möchte das The­ma zu einem Tage­sor­d­nungspunkt der kom­menden Sitzung der Stadtvertre­tung machen. „Die Unter­sa­gung ‚unabge­sproch­en­er poli­tis­ch­er Mei­n­ungsäußerun­gen’ für Beschäftigte des Meck­len­bur­gis­chen Staat­sthe­aters ist vol­lkom­men inakzept­abel. Dies erin­nert an längst über­wun­den geglaubte Zeit­en.“, sagt Hen­ning Foer­ster. 

Nicht umson­st seien kün­st­lerische Aus­drucks­for­men vom Grundge­setz beson­ders geschützt. Kri­tis­che Wort­beiträge unter Ver­weis auf „erhe­bliche Schwierigkeit­en“ und den „teil­weise großen Unmut“ bei Trägern, Part­nern und Spon­soren in dieser Form zu unter­sagen und bei Zuwider­hand­lung auf arbeit­srechtliche Kon­se­quen­zen abzustellen, hält die LINKE für völ­lig unangemessen. 

Die Aktion Stadt- und Kul­turschutz (ASK) erge­ht sich in diesem Zusam­men­hang gle­ich in Speku­la­tio­nen. Bei dem Spon­sor würde es sich um das Unternehmen Nestlé han­deln, berichtet man gle­ich auf dem Blog der Bürg­erini­tia­tive. Zwar rud­ert man wenig später zurück und stellt fest, dass man aus der Mail des Gen­er­al­in­ten­dan­ten nun doch keine Rückschlüsse darauf find­et, dass es sich bei dem verärg­erten Spon­sor aus dem Jahr 2017 um das Unternehmen Nestlé han­delt – trotz­dem ist die Reak­tion wahrschein­lich exem­plar­isch für die Aufre­gung, die in der Stadt herrscht. Höch­ste Zeit, die Sache mal wieder etwas run­terzukochen und die Gesamt­lage in den Blick zu nehmen. 

 

Spenden und Subventionen sind keine Selbstverständlichkeit 

 

Diejeni­gen, die sich nun in ihrer kün­st­lerischen Frei­heit beschnit­ten fühlen, haben sich eigentlich ganz gut in den aus öffentlich­er Hand sub­ven­tion­ierten Kul­turbe­trieb ein­gerichtet. Das sauer ver­di­ente Geld, dass ihnen die öffentliche Hand rüber­schub­st, betra­cht­en sie als selb­stver­ständlich. Oft sind es genau diese Men­schen, die am Kap­i­tal­is­mus, der BRD, dem Spießer kein gutes Haar lassen, die all das ver­acht­en, was sie ermöglicht. Für diese Ver­ach­tung, so lei­der die weitver­bre­it­ete Mei­n­ung, wer­den sie bezahlt. 

Hier schreibt kein­er, der kein Ver­ständ­nis für Kul­tur-Well­ness hätte. Ich liebe The­ater, Oper und Museen. Ich lese viel und gerne, und habe ver­mut­lich eine starke Ver­ankerung im Bil­dungs­bürg­er­tum. Ich beschwere mich daher auch nicht, dass der Staat, der mir Unsum­men von Geld bei der Steuer abn­immt, damit unter anderem auch mein Kul­turver­lan­gen bezahlt. Das Bürg­er­lich­sein der Bürg­er, muss ja jemand bezahlen und das ist am Ende zu einem großen Teil er sel­ber. Das kann man mögen und feiern, die Sub­ven­tion der repräsen­ta­tiv­en Kul­tur ist in der Regel die Sub­ven­tion von Bürg­ern. 

Trotz­dem kann ich die innere Logik, die nun auch wieder aus der Kri­tik an der Mail des  Gen­er­al­in­ten­dant spricht, nicht ver­ste­hen. Spenden­bere­itschaft und Sub­ven­tion sind so zur Selb­stver­ständlichkeit gewor­den, dass man glaubt, diese ein­fach mit Respek­t­losigkeit begeg­nen zu kön­nen. Man spuckt  auf die öffentliche Hand und die Spender, die zahlen. Die Frei­heit der Kun­st und die Mei­n­ungs­frei­heit gäbe ihnen das Recht, so das Dog­ma, das nicht in Frage gestellt wer­den darf.

 

Private politische Meinungsäußerungen waren nie beschnitten

 

Lars Tiet­je ste­ht nach sein­er Mail unter Beschuss

In sein­er Mail hat­te Gen­er­al­in­ten­dant Lars Tiet­je nun das Sakri­leg began­gen, darauf hinzuweisen, dass es beim The­ater­be­trieb um ein Mannschaftsspiel geht, und nicht jed­er in sein­er Rolle als Mod­er­a­tor oder Darsteller eigen­mächtige poli­tis­che Äußerun­gen von sich geben kann. Er hat, ent­ge­gen des weitver­bre­it­eten Irrglaubens, nicht gesagt, die Mitar­beit­er des Meck­len­bur­gis­chen Staat­sthe­aters dür­fen sich am The­ater­ball  nicht poli­tisch äußern. Das wäre tat­säch­lich eine Anweisung gewe­sen, die es zu hin­ter­fra­gen gäben und die auf die Bar­rikaden hätte führen müssen. Tiet­je hat als Arbeit­ge­ber nur darauf hingewiesen, dass pri­vate Äußerung und Mei­n­ung des Arbeit­ge­bers unter­schei­d­bar sein muss. Wer also Darsteller oder Mod­er­a­tor auf dem The­ater­ball ist, ist in dieser Funk­tion Repräsen­tant des The­aters und keine Pri­vat­per­son. Per­sön­liche State­ments sind in diesen Auftrittsmo­menten unange­bracht. Nicht mehr und nicht weniger ist aus der Mail her­auszule­sen. Bei einem anderen Arbeit­ge­ber, würde die Mail sicher­lich auch nicht für so viel Aufre­gung sor­gen.

Anders aber im Kul­turbe­trieb. Ver­mut­lich, weil man sich dort als kul­turelle Avant­garde fühlt, für die genau das nicht gilt, was in allen anderen Unternehmen eine Selb­stver­ständlichkeit wäre. Allerd­ings gehören zu ein­er Wahrnehmung der Welt immer auch zwei Seit­en. 

 

Unabhängigkeit des Kulturbetriebs ist eine Fiktion 

 

Die Bürg­er­lichen leben seit vie­len Jahren damit, dass ein Teil der Moralelite ihnen ständig erk­lärt, wie scheiße sie sind. Was sie aus bürg­er­lich­er Selb­stironie ein wenig masochis­tisch genießen. Dieses „it hurts so good“ ist Teil der Dis­tink­tion.  Die Fre­un­deskreise beson­ders avant­gardis­tis­ch­er, ver­meintlich dem Zeit­geist ent­ge­gen­ste­hen­der Kul­turin­sti­tu­tio­nen sind bour­geois­er als jed­er Rotary Club. So geht bürg­er­liche Kul­tur, und deswe­gen ist die Lob­by für ihre Sub­ven­tion­ierung so groß. Diese Lob­by hat nun Lars Tiet­je unter Beschuss genom­men. Die bürg­er­lichen Kreise in der Stadt, sprin­gen dem Gen­er­al­in­ten­dan­ten öffentlich nicht zur Seite. Man möchte offen­bar nicht als „Maulko­rb-Unter­stützer” wahrgenom­men wer­den. 

Dabei gerät allerd­ings völ­lig aus dem Blick­feld, dass es schon lange keine Unab­hängigkeit im Kul­turbe­trieb mehr gibt. Wer nun auf die Frei­heit pocht, der soll dann auch darüber sprechen, wie der Kul­turbe­trieb diese Frei­heit zurück­gewin­nen kann? Es wäre vielle­icht eine Option dazu, Kul­tur­sub­ven­tio­nen  einzustellen. Fol­gt man der Hegel’schen Idee der Kul­tur als Fortschritt im Geiste der Frei­heit, dann gibt es kaum etwas, das sin­nvoller­weise zu fördern wäre. Wer etwas sagen muss, weil es für ihn keine andere Option gibt, als Kun­st zu machen, wird dies immer auch ohne finanzielle Unter­stützung tun. 

Die Autonomie der Kun­st ist ohne ökonomis­che Autonomie eine Lach­num­mer. Wie unab­hängig Kul­tur am Ende wirk­lich ist, das wäre eine span­nen­dere Diskus­sion als das öffentliche Los­ge­hen auf einen Gen­er­al­in­ten­dan­ten. Wer Monat für Monat die Hand aufhält und sein Brot aus Sub­ven­tio­nen ver­di­ent, darf sich nicht wun­dern, dass man von ihm erwartet, dass er auch das Lied von den­jeni­gen singt, dessen Brot er isst.  Frei­heit set­zt immer auch Unab­hängigkeit voraus. Kün­stler müssen sich endlich entschei­den, ob sie Sub­ven­tions­flittchen sein oder Kun­st her­vor­brin­gen wollen. Bei­des, das sieht man ger­ade erst, ist schwierig.