Die Autonomie der Kunst ist ohne ökonomische Autonomie eine Lachnummer

Wer nach der Mail von Lars Tietje über "Maulkörbe" und Beschneidung von Meinungsfreiheit am Mecklenburgischen Staatstheater schimpft, sollte einen Gesamtblick auf den Kulturbetrieb werfen.

Mecklenburgisches Staatstheater Foto: Rita Gerlach-March

Eine E-Mail des Generalintendant des Mecklenburgischen Staatstheaters Lars Tietje kurz vor dem Theaterball sorgte für Wirbel. Tietje, so die langläufige Meinung, hätte seinen Mitarbeitern einen „Maulkorb“ verpassen wollen. Von künstlerischer Freiheit und Meinungsfreiheit ist die Rede, die durch Herrn Tietje nun angegriffen worden sei.

Die Stadtfraktion der LINKEN möchte das Thema zu einem Tagesordnungspunkt der kommenden Sitzung der Stadtvertretung machen. „Die Untersagung ‚unabgesprochener politischer Meinungsäußerungen’ für Beschäftigte des Mecklenburgischen Staatstheaters ist vollkommen inakzeptabel. Dies erinnert an längst überwunden geglaubte Zeiten.“, sagt Henning Foerster. 

Nicht umsonst seien künstlerische Ausdrucksformen vom Grundgesetz besonders geschützt. Kritische Wortbeiträge unter Verweis auf „erhebliche Schwierigkeiten“ und den „teilweise großen Unmut“ bei Trägern, Partnern und Sponsoren in dieser Form zu untersagen und bei Zuwiderhandlung auf arbeitsrechtliche Konsequenzen abzustellen, hält die LINKE für völlig unangemessen. 

Die Aktion Stadt- und Kulturschutz (ASK) ergeht sich in diesem Zusammenhang gleich in Spekulationen. Bei dem Sponsor würde es sich um das Unternehmen Nestlé handeln, berichtet man gleich auf dem Blog der Bürgerinitiative. Zwar rudert man wenig später zurück und stellt fest, dass man aus der Mail des Generalintendanten nun doch keine Rückschlüsse darauf findet, dass es sich bei dem verärgerten Sponsor aus dem Jahr 2017 um das Unternehmen Nestlé handelt – trotzdem ist die Reaktion wahrscheinlich exemplarisch für die Aufregung, die in der Stadt herrscht. Höchste Zeit, die Sache mal wieder etwas runterzukochen und die Gesamtlage in den Blick zu nehmen. 

 

Spenden und Subventionen sind keine Selbstverständlichkeit 

 

Diejenigen, die sich nun in ihrer künstlerischen Freiheit beschnitten fühlen, haben sich eigentlich ganz gut in den aus öffentlicher Hand subventionierten Kulturbetrieb eingerichtet. Das sauer verdiente Geld, dass ihnen die öffentliche Hand rüberschubst, betrachten sie als selbstverständlich. Oft sind es genau diese Menschen, die am Kapitalismus, der BRD, dem Spießer kein gutes Haar lassen, die all das verachten, was sie ermöglicht. Für diese Verachtung, so leider die weitverbreitete Meinung, werden sie bezahlt. 

Hier schreibt keiner, der kein Verständnis für Kultur-Wellness hätte. Ich liebe Theater, Oper und Museen. Ich lese viel und gerne, und habe vermutlich eine starke Verankerung im Bildungsbürgertum. Ich beschwere mich daher auch nicht, dass der Staat, der mir Unsummen von Geld bei der Steuer abnimmt, damit unter anderem auch mein Kulturverlangen bezahlt. Das Bürgerlichsein der Bürger, muss ja jemand bezahlen und das ist am Ende zu einem großen Teil er selber. Das kann man mögen und feiern, die Subvention der repräsentativen Kultur ist in der Regel die Subvention von Bürgern. 

Trotzdem kann ich die innere Logik, die nun auch wieder aus der Kritik an der Mail des  Generalintendant spricht, nicht verstehen. Spendenbereitschaft und Subvention sind so zur Selbstverständlichkeit geworden, dass man glaubt, diese einfach mit Respektlosigkeit begegnen zu können. Man spuckt  auf die öffentliche Hand und die Spender, die zahlen. Die Freiheit der Kunst und die Meinungsfreiheit gäbe ihnen das Recht, so das Dogma, das nicht in Frage gestellt werden darf.

 

Private politische Meinungsäußerungen waren nie beschnitten

 

Lars Tietje steht nach seiner Mail unter Beschuss

In seiner Mail hatte Generalintendant Lars Tietje nun das Sakrileg begangen, darauf hinzuweisen, dass es beim Theaterbetrieb um ein Mannschaftsspiel geht, und nicht jeder in seiner Rolle als Moderator oder Darsteller eigenmächtige politische Äußerungen von sich geben kann. Er hat, entgegen des weitverbreiteten Irrglaubens, nicht gesagt, die Mitarbeiter des Mecklenburgischen Staatstheaters dürfen sich am Theaterball  nicht politisch äußern. Das wäre tatsächlich eine Anweisung gewesen, die es zu hinterfragen gäben und die auf die Barrikaden hätte führen müssen. Tietje hat als Arbeitgeber nur darauf hingewiesen, dass private Äußerung und Meinung des Arbeitgebers unterscheidbar sein muss. Wer also Darsteller oder Moderator auf dem Theaterball ist, ist in dieser Funktion Repräsentant des Theaters und keine Privatperson. Persönliche Statements sind in diesen Auftrittsmomenten unangebracht. Nicht mehr und nicht weniger ist aus der Mail herauszulesen. Bei einem anderen Arbeitgeber, würde die Mail sicherlich auch nicht für so viel Aufregung sorgen.

Anders aber im Kulturbetrieb. Vermutlich, weil man sich dort als kulturelle Avantgarde fühlt, für die genau das nicht gilt, was in allen anderen Unternehmen eine Selbstverständlichkeit wäre. Allerdings gehören zu einer Wahrnehmung der Welt immer auch zwei Seiten. 

 

Unabhängigkeit des Kulturbetriebs ist eine Fiktion 

 

Die Bürgerlichen leben seit vielen Jahren damit, dass ein Teil der Moralelite ihnen ständig erklärt, wie scheiße sie sind. Was sie aus bürgerlicher Selbstironie ein wenig masochistisch genießen. Dieses „it hurts so good“ ist Teil der Distinktion.  Die Freundeskreise besonders avantgardistischer, vermeintlich dem Zeitgeist entgegenstehender Kulturinstitutionen sind bourgeoiser als jeder Rotary Club. So geht bürgerliche Kultur, und deswegen ist die Lobby für ihre Subventionierung so groß. Diese Lobby hat nun Lars Tietje unter Beschuss genommen. Die bürgerlichen Kreise in der Stadt, springen dem Generalintendanten öffentlich nicht zur Seite. Man möchte offenbar nicht als „Maulkorb-Unterstützer“ wahrgenommen werden. 

Dabei gerät allerdings völlig aus dem Blickfeld, dass es schon lange keine Unabhängigkeit im Kulturbetrieb mehr gibt. Wer nun auf die Freiheit pocht, der soll dann auch darüber sprechen, wie der Kulturbetrieb diese Freiheit zurückgewinnen kann? Es wäre vielleicht eine Option dazu, Kultursubventionen  einzustellen. Folgt man der Hegel’schen Idee der Kultur als Fortschritt im Geiste der Freiheit, dann gibt es kaum etwas, das sinnvollerweise zu fördern wäre. Wer etwas sagen muss, weil es für ihn keine andere Option gibt, als Kunst zu machen, wird dies immer auch ohne finanzielle Unterstützung tun. 

Die Autonomie der Kunst ist ohne ökonomische Autonomie eine Lachnummer. Wie unabhängig Kultur am Ende wirklich ist, das wäre eine spannendere Diskussion als das öffentliche Losgehen auf einen Generalintendanten. Wer Monat für Monat die Hand aufhält und sein Brot aus Subventionen verdient, darf sich nicht wundern, dass man von ihm erwartet, dass er auch das Lied von denjenigen singt, dessen Brot er isst.  Freiheit setzt immer auch Unabhängigkeit voraus. Künstler müssen sich endlich entscheiden, ob sie Subventionsflittchen sein oder Kunst hervorbringen wollen. Beides, das sieht man gerade erst, ist schwierig.

 

 
 

Stefan Rochow

Journalist, Unternehmer und Gründer der digitalen Tageszeitung Schwerin-Lokal.de. Sie erreichen mich per E-Mail unter redaktion@schwerinlokal.de

Ein Kommentar "Die Autonomie der Kunst ist ohne ökonomische Autonomie eine Lachnummer"

  1. Michi Skott   26. Januar 2018 at 16:05

    Subventionsflittchen, die monatlich die Hand aufhalten? Darf ich das als kalkulierten Aufreger werten? Ja, die Autonomie der Kunst ist ohne ökonomische Autonomie eine Lachnummer, völlig richtig. Der Schluss, dass eine staatliche Subventionierung aus Steuermitteln deshalb einzustellen sei, weil Kunst ja auch entsteht, weil sie muss, nicht weil sie soll und nur dann auch frei sein kann, ist jedoch völlig absurd. Und nicht nur das: Wer die Tarifverträge im Schauspiel kennt, ist sich sicher, dass schon sehr viel Leidensfähigkeit zu einem Beruf auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gehört. Aber noch viel mehr, ist dieser Vorschlag so wahnwitzig, irre und kackfrech weil er den Artikel 5 Absatz 3 unseres Grundgesetzes völlig außer Acht lässt. Nun ist ja bekannt, dass der Autor dieser Zeilen zumindest zeitweilig eine sehr … distanzierte… Einstellung zu unserer Verfassung hat(te)..Deshalb an dieser Stelle gerne noch einmal ein Zitat:
    „(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur
    Verfassung.“
    Die Freiheit der Kunst hat Verfassungsrang. Das mag für den Autor eine erschütternde Erkenntnis sein. Aber als solche ist sie vom Staat zu schützen – mit Steuermitteln. Dass die in der Kultur nicht wie Milch und Honig im Schlaraffenland fließen, dürfte jedem, der mit halbwegs offenen Augen durch das Leben geht schon aufgefallen sein. Was wirklich schlimm ist, ist, ähnlich wie in der Forschung, dass es noch zusätzlicher Drittmittel bedarf um diese Freiheit umzusetzen.

    Und nun noch zum Sachverhalt selbst: In diesem Stück spielt jeder seine Rolle. Mal mehr mal weniger gut. Was man tun darf, ist nicht immer gleich das, was man tun muss. Das gilt durchaus für beide Seiten. Wenn die Schere im Kopf aus Sorge um einen kompletten Betrieb mit über 250 Beschäftigten so groß ist, dass die Mittel drastisch werden, dann läuft nicht zwangsläufig in der Intendanz etwas schief, sondern in der Politik. Wundert sich nach den Ereignissen um das Rostocker Volkstheater wirklich noch jemand, dass es Angst vor finanziellen Repressalien gibt? Angst vor der auch hier geforderten Einstellung von Subventionen? Vor Auswirkungen für alle – und deren Familien? Kann man noch erwarten, dass ein Intendant, der nicht am Ende seines beruflichen Werdegangs steht, sich vor seine Mannschaft stellt, wenn er der nächst ist, der „geköpft“ wird? Macht es das, was geschehen ist besser? Ganz sicher nicht. Wenn auch arbeitsrechtlich möglich so war (ist) die Wahl der Mittel weder klug noch angemessen. Macht es das verständlicher? Ich finde schon. Ich wünsche mir ein ausdrückliches lautes Votum der Verantwortlichen in der Politik für die Freiheit der Kunst, auch wenn diese Freiheit einen hin und wieder persönlich trifft. Und ich wünsche mir für diese Stadt, dass der Intendant die Tradition dieses Hauses wahrt. Das eine wird ohne das andere nicht gehen.
    Ein kritisches Schauspiel hatte hier immer seinen Platz und muss diesen auch behalten. Ich wünsche mir neben der Unterhaltung auch Freiräume für die Künstler*innen. Abseits von Skript und „wachsamen“ Augen. Diese Räume zu schaffen und zu schützen sollte einer Intendanz ohne Sorge um das große Ganze möglich sein.
    Mag sein, dass wir Ossis da besonders empfindlich sind #ausGruenden

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