Im Juli fließt zeitweise kein Gas durch Nord Stream 1

Ist es schon ein erster Vorgeschmack auf das, was eigentlich keiner will? Auf das plötzliche Ende russischer Erdgaslieferungen nach Deutschland? Im Juli dreht der Betreiber von Nord Steram 1 für einige Tage den Hahn mit Ansage zu.

Gas und Öl kommen unter anderem in Pipelines nach Deutschland. | Foto: Robson Machado

Zum Glück nur Wartungsarbeiten stoppen den Gasfluss durch Nord Stream 1 im Juli. Dieser Gedanke dürfte so einigen durch den Kopf gegangen sein, als vor einigen Wochen eine entsprechende Nachricht die Runde machte. Aber die Diskussionen um die zukünftige Energieversorgung Deutschlands und ganz Europas laufen weiter auf Hochtouren. Der menschenverachtende Angriffskrieg Russlands gegen die souveräne Ukraine hat die Europäische Union lange Zeit enger denn je zusammenrücken lassen. Wenn derzeit auch mit Ungarn ein einzelnes Land punktuell den Aufstand probte, und durch erpressungsähnliche Aktionen Entgegenkommen seitens der anderen EU-Staaten herbeizuführen versuchte, ist doch klar: Die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen soll so weit wie möglich schwinden.

 

EU ringt um einheitliche Energie-Sanktionen gegen Russland

Hinzu kommen wiederkehrende Diskussionen darum, ob die EU auch im Energiesektor wirklich schmerzhafte Sanktionen gegen Russland verhängen sollte. Durch ungarischen Druck ist ein komplettes Öl-Embargo zuletzt einem weichen Kompromiss gewichen. Demnach kommt wohl ein Embargo für auf dem Seeweg aus Russland importiertes Rohöl. Nicht sanktioniert wird vorerst der Landweg. Damit sichert sich unter anderem Ungarn weiter die russische Ölversorgung. Deutschland und Polen hingegen kündigten bereits an, mit Beginn des „See-Embargos“ auch kein russisches Öl mehr auf dem Landweg zu importieren. Damit dürfte Russland im kommenden Jahr nur noch ein Zehntel der bislang üblichen Ölmenge nach Europa verkaufen.

 

Vermutlich sind erneut Mineralölkonzerne die Gewinner

Wie sich das Embargo letzten Endes auf die Energiepreise in Deutschland auswirkt, ist noch offen. Schon derzeit, da eigentlich eine Steuersenkung auf Benzin und Diesel die Spritpreise drücken sollte, blicken Autofahrer täglich verwunderter auf die Preistafeln an den Tankstellen. Bislang sind und bleiben die Mineralölkonzerne die großen Krisengewinner. Und es ist kaum zu erwarten, dass sie sich diese Pole Position nehmen lassen. Vor allem dann nicht, wenn der Preisdruck durch das Embargo wohl weiter steigen dürfte. Schon jetzt ist erkennbar, wie offenbar macht- und hilflos die deutsche Politik den Öl-Multis zuschaut.

 

Auch Gas-Embargo immer wieder im Gespräch

Aber ein Ölembargo war nicht die einzige Sanktionsmöglichkeit Europas im Energiesektor. Immer wieder kam auch ein Gas-Import-Stopp auf den Tisch. Diesen Schritt aber wollten die EU-Staaten bislang dann doch nicht gehen. Ein Blick auf Deutschland lässt die Hintergründe erahnen. Schon jetzt sind die Gaspreise in schwindelerregende Höhen gestiegen. Die brutale Realität dürfte in vielen Haushalten dabei erst 2023 oder 2024 ankommen, wenn die Heizkostenabrechnungen für das laufende Jahr den Weg in die Postkästen finden. Dann nämlich drohen massive Probleme vielerorts. Noch höhere Gaspreise dürfte ein nicht unwesentlicher Teil der Bevölkerung nicht mehr verkraften können. Und auch die Industrie warnt vor irreparablen Folgen, wenn das Gas ausbliebe.

 

Laute Warnungen aus der deutschen Industrie – Auch Haushalte sind an der Grenze

Nicht ganz außer Acht zu lassen ist zudem die Gefahr, dass es nicht europäische Sanktionen sein müssen, die die Energieimporte stoppen. Vielmehr kann auch der russische Präsident selbst, den Gashahn für Europa zudrehen. Polen, Bulgarien und auch Finnland haben dies bereits am eigenen Leib erfahren müssen. Nun meinen verschiedene Experten, das dürfte für ganz Europa eher keine reale Gefahr sein. Wladimir Putin würde sich damit selbst einen wichtigen Finanzhahn schließen. Aber in den vergangenen Wochen und Monaten hat der russische Präsident wiederholt gezeigt, dass er offenbar einer sehr eigenen Logik folgt – wenn es überhaupt eine solche gibt.

 

Betreiber legt Nord-Stream 1 still – Für Wartungsarbeiten

Wie das Gefühl ist, wenn plötzlich kein Gas mehr kommt, das kann man im kommenden Monat an der Gaspipeline Nord Stream 1 testen. Denn der Betreiber schaltet in diesem Monat beide Leitungen des Doppelstrangs für einige Tage komplett ab. Dann fließt kein Gas mehr durch die 1224 Kilometer lange durch die Ostsee ins Mecklenburg-Vorpommersche Lubbmin führende Pipeline, die die wichtigste Verbindung für russisches Erdgas nach Deutschland ist. Ein Vorgeschmack auf später mit Ansage? Nicht ganz. Denn es handelt sich um einen frühzeitig angekündigten, planmäßigen Wartungszeitraum. Derartige Stilllegungen fanden auch schon in der Vergangenheit statt. Und doch dürfte so mancher mit Sorge auf den Wartungszeitraum, der für den 11. bis 21. Juli angekündigt ist, schauen. Denn nachdem inzwischen seit mehreren Wocen schon deutlich weniger als 50 Prozent der üblichen Gasmenge unter zumindest teilweise fadenscheinigen Gründen flossen, ist nicht auszuschließen, dass auch nach dem 21. Juli 22 Nord Stream 2 gasfrei bleibt.

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