Kreativwerkstatt stellte Exponate für barrierefreie Ausstellung im Schleswig-Holstein-Haus her

Foto: Michaela Christen/Landeshauptstadt Schwerin

 

Plastiken wie der „Junge mit Taube“ am Pfaffenteich, „Die Schwimmenden“ an der Schwimmhalle Lankow und jetzt am Großen Dreesch oder „Die Ruhende“ vor der Schelfkirche gehören für viele Schwerinerinnen und Schweriner wie selbstverständlich zum Stadtbild. Geschaffen hat sie der Bildhauer August-Martin Hoffmann, der 1985 durch einen Autounfall aus dem Leben und künstlerischen Schaffen gerissen wurde.

Kaum ein anderer regionaler Künstler hat im 20. Jahrhundert ein so umfangreiches Werk im öffentlichen Raum der Landeshauptstadt hinterlassen wie der gebürtige Baden-Württemberger, der seit 1967 in Schwerin tätig war. Und doch ist sein Name dem kollektiven Gedächtnis nahezu entfallen. Die aktuelle Ausstellung „Schweriner Schwergewichte. August-Martin Hoffmann 1967-1985“ will dies ändern. Sie ist noch bis 12. Februar 2023 im Schleswig-Holstein-Haus zu sehen. Sie wurde möglich dank einer großzügigen Schenkung des künstlerischen Nachlasses durch die Nachkommen August-Martin Hoffmanns an die Stadt Schwerin.

So war es Ausstellungskurator Dr. Jakob Schwichtenberg erstmals möglich, diese bisher wenig beachtete regionale Facette der DDR-Kunst vor dem Hintergrund der jüngeren Stadtgeschichte zu beleuchten. Bemerkenswert ist, dass die Ausstellung durch die Mitwirkung von kreativen Menschen mit Handicap barrierefrei gestaltet wurde und von ihnen auch wichtige Ausstellungstücke in der Kreativwerkstatt des Diakoniewerks gefertigt wurden. Mit einem Rundgang durch die Ausstellung bedankte sich Oberbürgermeister Rico Badenschier kurz nach der Eröffnung Anfang Dezember bei den Mitgestaltern dieser Ausstellung: „Die Tastmodelle aus der Kreativwerkstatt haben auch für Menschen mit voller Sehkraft etwas Unsichtbares wieder zum Vorschein gebracht. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Barrierefreiheit nicht allein Menschen mit Handicap zugutekommt, sondern uns alle bereichert“, sagte Oberbürgermeister Badenschier.

So wurden im Rahmen der Ausstellung z.B. die von August-Martin Hoffmann für den Stadtteil Lankow entworfenen Giebelstrukturplatten wieder sichtbar gemacht. Diese Fassadendetails gehörten seit der Mitte der 1960er Jahre zu den Merkmalen der architekturgebundenen Kunst der DDR. Sie fanden auch bei Wohnungsbaubetrieben außerhalb des Bezirks Schwerin Verwendung, verschwanden aber nach der Wiedervereinigung zumeist unter der modernen Wärmedämmung. So auch in Lankow.

Keine der Strukturplatten ist heute noch im Original sichtbar. Die Mitglieder der Kreativwerkstatt „Schön Irre Schön“ rekonstruierten die Reliefplatten als Tastmodelle anhand der erhaltenen Entwürfe und zeitgenössischer Fotos – als Kunst zum Anfassen. Doch auch viele der ausgestellten Plastiken dürfen im Schleswig-Holstein-Haus ertastet werden.

 

Foto: Michaela Christen/Landeshauptstadt Schwerin

Bis heute erhalten sind die von Hoffmann entworfenen Beton-Strukturwände, die zur Abschirmung von Innenhöfen in Lankow gedacht waren. In der Ausstellung ist eine von der Kreativwerkstatt aus Yton nachgestaltete Formsteinmauer des Modells „Wabe“ zu sehen. Eine solche Mauer wurde als Begrenzung auch am Nordufer des Pfaffenteichs errichtet. Dort stand übrigens bis zu seinem Umzug auch der „Junge mit Taube“. Dem Kind mit der Friedenstaube hat es sichtlich gutgetan, dass es vom hohen Sockel gehoben und heute auf Augenhöhe mit dem Betrachter steht. So konnte der Junge zum beliebten Fotomotiv von Schwerin-Besuchern werden – und zum Liebling der Kinder.

Das Schleswig- Holstein Haus ist für Menschen mit Gehbehinderungen barrierefrei über einen Aufzug zugänglich. „Ende Januar 2023 wird es in der Hoffmann-Ausstellung spezielle Führungen für Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung geben“, berichtet Schwerins Beauftragte für Senioren und Menschen mit Behinderungen Ines Hennings. Auch außerhalb dieser speziellen Führungen können Audio-Erklärungen über QR-Codes abgerufen werden. Und nicht nur im „Schaudepot Hoffmann-Atelier“ sind die Exponate auf den knallroten Sockeln so platziert, dass sie für Menschen im Rollstuhl bequem umrundet werden können.

Wer ein kleines Souvenir aus der Ausstellung mitnehmen möchte, kann kleine Gipsmodelle von Tierplastiken für 2 Euro an der Kasse erwerben. Außerdem lohnt es sich, auch die Ausstellung der Koreanerin Iden Sungyoung Kim in der kleinen Galerie im Erdgeschoss zu besichtigen: Die Arbeiten der Preisträgerin des Young Artist Förderpreises für Bildende Kunst der Schweriner Jazznacht decken anhand einer persönlichen Geschichte aus dem familiären Umfeld der Künstlerin auf, was in Bezug auf Körper und Geist in unserer Gesellschaft als normal definiert wird – und was nicht. Mit ihren fotografischen und filmischen Arbeiten möchte die Künstlerin helfen, gesellschaftliche Diskurse über körperliche und geistige Beeinträchtigung besser zu verstehen. Wer darüber mit Iden Sungyoung Kim selbst ins Gespräch kommen möchte, ist schon jetzt herzlich eingeladen zum Künstlerinnen-Gespräch am 18. Februar 2023 um 14.00 Uhr im Schleswig-Holstein-Haus.

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