Schwerin: Auf dem schmalen Grad zwischen Vorsicht, Vernunft und Öffnungsforderungen

Immer lauter werden die Rufe nach schnelle(re)n Öffnungen in MV. Aus den Reihen der IHK in Schwerin kommen ebenso entsprechende Forderungen wie auch von Vertretern der CDU im Land. Dabei geht der Blick gern ins deutlich inzidenzschwächere Schleswig-Holstein. Und niemand erwähnt, dass die Öffnungsschritte deutlich engmaschiger und breiter ausfallen, als einst angekündigt.

Ab Sonntag wird die Terrasse des Kabana in Schwerin bestimmt wieder gut besucht sein. | Foto: schwerin-lokal

Es dürfte wohl inzwischen für niemanden mehr ein Geheimnis sein: Die Inzidenzzahlen in Mecklenburg-Vorpommern sinken auf breiter Linie. Gestern erfolgte daher der erste große Öffnungsschritt. Kitas und Schulen gehen ohne die Umwege der vorherigen Male direkt aus dem Not- in den Öffnungsmodus. Während für die Jüngsten der Normalbetrieb wieder startet, stehen Wechselunterrichte in den Schulen an. Wie sinnvoll es ist, so knapp vor Pfingsten alles aufzureißen, obwohl man mit ehrlichem Bewusstsein eingestehen muss, dass vor dem Lockdown gerade Schulen und Kitas zumindest äußerst „neuralgische Punkte“ waren – um nicht Infektionstreiber zu sagen – dürften die kommenden Tage und Wochen zeigen. Statt aber zu warten – ursprünglich hatte die Landesregierung jeweils 14 Tage zwischen den Öffnungsschritten vorgesehen – kommt nun aus allen Richtungen ein unüberhörbarer Öffnungsdruck. 

 

„Jeder Tag zählt“

So reagierte Kristin Just von der IHK zu Schwerin am vergangenen Freitag auf einen Beitrag der Ostsee Zeitung zu den Einzelhandelsöffnungen im Landkreis Vorpommern-Rügen auf Facebook mit dem Post: „“Folgt Schwerin ab Mitte kommender Woche […]? Jeder Tag zählt!“ Und ihr Hauptgeschäftsführer Siegbert Eisenach antwortete am Samstag: „Jeder Tag zählt! Einzelhandel in Schwerin öffnen!“ Bleibt allerdings die Frage, welcher „jeder Tag“ nun zählt. Jeder, man dem um jeden Preis nicht mehr geschlossen ist? Oder doch jeder, der zukünftig nicht wieder geschlossen werden muss?

 

OB Badenschier könnte heute Entscheidung treffen

Aus dem Stadthaus in Schwerin war bereits zu hören, dass Öffnungsszenarien durchaus im Blick sind. Oberbürgermeister Dr. Rico Badenschier aber wollte keine Harakiri-Öffnungen. Mit Blick auf die Situation, dass die aktuellen Inzidenzzahlen durchaus durch den Feiertag und das anschließende Wochenende beeinflusst sein könnten, nutzt er nicht die erstbeste Gelegenheit. Dennoch könnte heute eine Entscheidung fallen. Dann könnten am Donnerstag die Geschäfte in Schwerin wieder öffnen. Badenschier zählte in der Pandemie eher zu der vorsichtig-verantwortungsvollen Fraktion, was vermutlich auch auf seinen medizinischen Background zurückzuführen ist. So gelang es ihm, Schwerin bislang – abgesehen von einigen überschaubaren Inzidenzspitzen – doch recht gut durch die Pandemie zu führen. 

 

Öffnungsforderungen aus Reihen der CDU

Wie aber die Stimmen aus der IHK – nicht erst seit Freitag und nicht nur auf Facebook – zeigen, gibt es auch durchaus massiven Druck von außen, lieber gestern als heute zu öffnen. Druck, der auch aus der Politik zunimmt. So fordern Tom Brüggert, stellvertretender Vorsitzender der CDU Nordwestmecklenburg, Jascha Dopp, Vorsitzender der CDU Schwerin, sowie Daniel Peters, Vorsitzender der CDU Rostock, in einer gemeinsamen Erklärung schnelle Öffnungsschritte. Nicht zuletzt auch mit Blick auf Schleswig-Holstein (Inzidenzwert am Samstag: 36,5) heißt es: „Es spricht viel für ein schnelleres Voranschreiten auf dem hiesigen Weg aus dem Lockdown“.

 

„Schnelleres Voranschreiten […] aus dem Lockdown“

Die Öffnungen in Mecklenburg-Vorpommern – übrigens mit einem Inzidenzwert von 58 – gehen den drei CDU-Politikern nicht schnell genug. „Ich halte es nicht für sinnvoll und übrigens auch nicht für fair, dass in Boltenhagen, Zierow und Wismar noch vier Wochen lang Eiszeit herrschen soll, während ein paar Kilometer weiter schon alles wieder im Normalmodus läuft“, so Tom Brüggert. Er verweist auf „gut funktionierende Hygienekonzepte“ der Hotels und Testzentren allerorten. 

 

Spekulation über Wirksamkeit der „Aussperrungen“

Sein Parteifreund aus Schwerin ergänzt: „Nach wie vor und schon seit Monaten dürfen Auswärtige Mecklenburg-Vorpommern nicht betreten, ohne dass es sich bei uns auf die Inzidenz im norddeutschen Vergleich besonders günstig ausgewirkt hätte. Schwerin ist eine weltoffene Stadt in einem vielfältigen Land. Ich halte das Absperren und Aussperren für nicht sachgerecht, vor allem ist es rufschädigend“, so Jascha Dopp. „Ein wenig“ Spekulation steckt allerdings letzten Endes schon in dieser Analyse. Natürlich lässt sich im norddeutschen Vergleich die Behauptung aufstellen, dass die sehr restriktiven Auflagen gerade gegenüber Touristen und Zweitwohnungsbesitzern nicht zu geringeren Inzidenzwerten als beispielsweise in Schleswig-Holstein geführt haben. Dopp übersieht dabei allerdings, dass sie umgekehrt wohlmöglich eine noch dramatischere Entwicklung verhindert haben können. Auch Spekulation – aber nicht mehr als die andere.

 

Forderung nach schnelleren Gastro-Öffnungen

Aus der Rostocker CDU kommen von Daniel Peters Blicke in Richtung Gastronomie, die in voraussichtlich ganz MV am Sonntag öffnet. „Wir müssen nicht bis Pfingsten warten, um der Gastronomie wieder etwas Luft zu verschaffen. Es geht nicht darum, die Gastronomen dazu zu zwingen, vor Pfingsten zu öffnen. Es geht darum, es denjenigen zu erlauben, die es möchten. Und sei es auch mit frühzeitiger Sperrstunde. Inzwischen hat in Rostock ohnehin schon eine weitreichende Selbstversorger-und-Picknick-Kultur Einzug gehalten. Diese hat, wenn es um Hygienestandards, Abstandsregelungen und Abfallbeseitigung geht, nicht nur positive Begleiterscheinungen“. Ein nachvollziehbares Problem, das allerdings die Frage nach dem Agieren oder nicht Agieren der Rostocker Stadtverwaltung aufmacht.

 

Es zählt jeder Tag – an dem nicht wieder geschlossen werden muss!

Wie auch immer: Gewiss ist, dass MV vor weitreichenden Öffnungen steht. Bleibt gerade vor dem Hintergrund des doch noch recht mäßigen Wetters zu hoffen, dass die Menschen in Schwerin, Rostock, Greifswald, Neubrandenburg, Parchim, Grabow und jedem anderen Ort im Land mit Vernunft und Vorsicht die wichtigen wieder zurückerhaltenden Freiheiten nutzen. Denn der Satz „Jeder Tag zählt“ ist absolut richtig. Jeder Tag nämlich, an dem nicht wieder geschlossen werden muss. 

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