Schwerin: „Dialogforum Paulshöhe“ anders bewertet

Während die Stadt nach den Sitzungen des "Dialogforums Paulshöhe" von einem Erfolg sprach und Konsensergebnisse vorstellte, übt das Forumsmitglied Stephan Martini deutliche Kritik. Eine Gruppierung mit konkreten Eigeninteressen habe die Runde bestimmt.

Der Sportplatz Paulshöhe in Schwerin soll entwickelt werden. | Foto: Christian Berghammer

Nach einem jahrelangen Ringen um die Zukunft des traditionsreichen Sportplatzes „Paulshöhe“ im Schloßgartenbereich von Schwerin hatte man sich auf die Einrichtung eines möglichst breit besetzten „Dialogforums“ verständigt. Dieses sollte sich aus insgesamt 12 Teilnehmern wichtiger gesellschaftlicher Gruppen zusammensetzen. Konkret bedeutete dies Vertreter der Sportvereine und der Schulen im Stadtteil sowie der Wohnungswirtschaft der Stadt (drei Personen) sowie der Belange der Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Schlossgartenviertel (drei Personen). Sechs weitere Personen sollten die Interessen der Gesamtstadt vertreten. Eben so kam es auch.

 

Waldorfschule mit deutlichen Eigeninteressen mit am Tisch

Für manch einen war dabei von Anfang an etwas schleierhaft, weshalb konkret ein Vertreter schulischer Interessen mit am Tisch sitzen sollte. Ein genauerer Blick aber sollte Aufschluss geben. Denn die einzige Schule im Bereich ist die privat geführte Waldorfschule, die derzeit ihren Sitz am Ende der Schlossgartenallee hat. Und genau diese saß von vorn herein mit einem geplanten Sitz am Tisch. Und dies nicht ohne Grund und nicht ohne ganz konkretes Eigeninteresse. Schon lange bevor das Thema „Dialogforum“ aktuell wurde, hieß es nämlich aus Kreisen der Schule, dass man im Bereich der Paulshöhe Grundstücke erwerben und bebauen möchte.

Und so kam es dann auch. Die Stadt vereinbarte, unter Einbeziehung der kommunalpolitischen Gremien aber mit vergleichsweise wenig Öffentlichkeit, entsprechende Grundstücksverträge für Flächen, auf denen zwei Sporthallen stehen. Und auch im Dialogforum war dies Thema. „Im Vorfeld des Dialogforums gab es nach Aussagen der Waldorfschule bereits seit 3, 4 Jahren eine intensive „nicht öffentliche“  Zusammenarbeit mit Vertretern aus Politik und Verwaltung“, so Stephan Martini.

 

„Wir möchten, dass die Schwerinerinnen und Schweriner mitbestimmen, in welcher Form die Nutzung der Paulshöhe als Wohnstandort umgesetzt werden soll. Da ist vieles denkbar – von der Stadtvilla bis zum sozialen Wohnungsbau.“
(Dr. Rico Badenschier, Oberbürgermeister Schwerin)

Und eben diese Schule findet sich nun auch im Konsens-Teil wieder, der als Ergebnis der sechs Sitzungen des „Dialog-Forums“ veröffentlicht wurde. Und sie findet sich letztlich nicht nur „irgendwie“ dort wieder, sondern deutlich stärker, als manch einer wohl vermutet hatte. Denn war im Vorfeld noch von der Entwicklung eines modernen Wohnstandorts die Rede, sprechen die Zahlen, die als Konsens-Ergebnis des Dialog-Forums stehen, eine etwas andere Sprache. Denn dort ist von etwa 10.000 Quadratmetern für Wohnflächen – inklusive sozial-inklusiven Wohnens und eines Gemeinschaftstreffpunktes – die Rede. Demgegenüber steht ein „offener Schul-Campus, z.B. für die Waldorf-Schule“ mit etwa 13.000 Quadratmetern. Und, dazu im Fortgang dieses Abschnitts, die Waldorf-Schule soll offenbar noch eine viel größere Rolle spielen.

 

Stephan Martini saß ebenfalls am Tisch und kritisiert Dialogforum

Stephan Martini | Foto: privat

Einer der ausgelosten Vertreter für die Stadtbevölkerung war Stephan Martini. Er kämpft schon seit Jahren um den Erhalt der Paulshöhe als Sportplatz. Bekannt ist Martini auch als Geschäftsführer der Aktionsgruppe Stadt und Kulturschutz sowie Gründungsmitglied des Vereins „Kulturstadion Paulshöhe“. Der Verein hat das Ziel, den Kernsportplatz zu pachten und für eine breite Öffentlichkeit entwickeln.

Martini, der unabhängig von seinen Engagements als Privatperson im Dialogforum saß, ermöglichte im Nachhinein einen Blick aus seiner persönlichen Perspektive auf die Zusammensetzung und Arbeit des Gremiums – und vermittelt dabei den Eindruck, dass der breite Konsens aller Teilnehmer, von dem u.a. die Stadt im Nachgang der sechs Treffen sprach, zumindest aus seiner Sicht nicht wirklich ein „Konsens“ war bzw. ist. Denn aus seiner Sicht war das Dialogforum „von Beginn an zum Scheitern verurteilt“.

Während eben Befürworter, gar vorgesehene zukünftige Flächennutzer, von vornherein mit am Tisch saßen, war es letztlich nur Losglück, dass mit Martini auch ein Befürworter des Erhalts des traditionellen Sportplatzes mit am Tisch saß. Dass eben diese Personengruppe „ursprünglich nicht zur Teilnahme vorgesehen“ war, „wurde während der sechs Treffen auch immer wieder deutlich gemacht“.

 

Plant Waldorfschule Bauträgermodell und Wohnungsverkauf?

Anders sah es mit den Vertretern einer einzelnen Interessensgruppe aus. Der der Waldorfschule nämlich. Sie saß eigentlich mit einem festen Vertreter im Dialogforum. Dies aber schien den Verantwortlichen der Einrichtung offenbar nicht ausreichend und nicht sicher genug. Wollte man doch konkrete Interessen in das Ergebnis des Dialog-Forums bekommen. Anders zumindest lässt sich nicht wirklich begründen, dass, so berichtet Stephan Martini, die Schule ihre Eltern- und Lehrerschaft offensiv aufgerufen hatte, sich um die frei verteilten Plätze im Dialogforum zu bewerben. So etwas tut man letztlich nur dann, wenn man eben konkrete eigene Interessen entsprechend deutlich vertreten sehen möchte. Das eigentliche Ansinnen des Dialog-Forums hingegen wurde damit eigentlich unterwandert. Aber sei es, wie es sei. Letztlich saßen, so Stephan Martini, fünf Personen für die Waldorfschule im Gremium.

Und „immer wenn ein „mehrheitliches Stimmungsbild“ eingeholt wurde, hatten bei 11 Teilnehmern (ein Teilnehmer ist bereits nach dem ersten Treffen des Dialogforums ausgestiegen) diejenigen, die das Waldorfkonzept durchsetzen wollten, praktisch automatisch eine Mehrheit“, so Stephan Martini, der der Waldorfpädagogik an sich absolut offen gegenübersteht. Das Agieren der Waldorfschule Schwerin rund um das Thema Paulshöhe und im Dialogforum allerdings stößt ihm übel auf.

Minderheitsmeinungen innerhalb des Dialogforums galten, forciert durch die Waldorf-Vertreter, als „Dissens oder nicht mehrheitsfähig“. Damit aber noch nicht genug. Martini beschreibt nämlich eine Situation, die durchaus Fragen aufwirft. So könne, so Martini, die Waldorfschule „ihren geplanten Schulneubau nicht aus eigener Kraft finanzieren“. Daher sei geplant, unter Federführung der Schule eine Betreibergesellschaft zu gründen. Durch den Bau und Verkauf von Wohnimmobilien möchte man dann den Schulneubau finanzieren. Ein Bauträgermodell also, das letztlich den überwiegenden Teil der zukünftigen Flächennutzung finanzieren würde.

 

Kritische Stimmen auch aus der Immobilienwirtschaft

Dass dies nach Bekanntwerden nicht nur bei Befürwortern des Erhalts der Paulshöhe auf Erstaunen und Skepsis stößt, dürfte nicht verwundern. So meldete sich beispielsweise der Landesdirektor der Immobilienwirtschaft M.-V., Carsten C. Rönndahl, auf Facebook zu Wort:  „Als Sahne auf der Torte soll die Waldorf-Schule als Immobilienmakler tätig werden dürfen. Da bin ich aber gespannt auf die Umsetzung der zahlreichen behördlichen Voraussetzungen (Bund) und werde als Kollege […] genauer hinsehen.“ Auch Martini wirft in diesem Zusammenhang Fragen auf. „Nicht nur als Erhalt Befürworter muss man hier unmissverständlich die Frage stellen ob Immobiliengeschäfte (und damit zu erwartende Gewinnerwirtschaftung) zur Aufgabe einer Waldorfschule gehören. Zumal die Waldorfschule das Gelände pachten möchte.“

 

„Demzufolge kann das Dialogforum nur als gescheitert angesehen werden“.
(Stephan Martini, Mitglied im Dialogforum)

 

Vor dem Hintergrund dieser durchaus starken Eigeninteressen der Schule und damit auch aller mit der Schule verbundenen Personen sieht Martini durchaus auch Befangenheiten bei einzelnen Stadtvertretern. Denn mehrere Stadtvertreter sind mit der Waldorfschule verbunden, da sie ihre Kinder dort beschulen lassen. Auch weist Martini nochmals ausdrücklich darauf hin, dass aus seiner Perspektive ein wirklich ergebnisoffenes Dialogforum aufgrund der Übermacht an Vertretern der Waldorfschul-Interessen nicht möglich gewesen sei. „Die Waldorf-Vereinigung im Forum war so gut wie gar nicht kompromissbereit, was sie aufgrund der personellen Überzahl auch nicht sein musste.“

Martini weist zudem auf die Protokolle der sechs Sitzungen des Dialogforums hin, die unter www.schwerin.de/paulshoehe abrufbar sind.

 

 

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