Schwerin: Majorel Servicecenter – bleibt es beim Aus zum Jahresende?

Sie leisten engagierte und professionelle Beratungstätigkeit: Die 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Majorel Servicecenter in MV. Alle drei, auch das in Schwerin, stehen vor der Schließung. Während die Betroffenen, darunter auch etwa 160 Menschen mit Handicaps, die Hoffnung nicht aufgeben, zeigt sich das Unternehmen lediglich zu Gesprächen über die Schließungs-Konditionen bereit.

Auch in Schwerin steht das Majorel-Servicecenter vor der Schließung. | Foto: Symbolbild

Die Hoffnung auf den Erhalt von Arbeitsplätzen an den drei MV Standorten der Majorel Servicecenter will Betriebsratsvorsitzende Olaf Schlicht noch längst nicht aufgeben. „Für Ende Januar und Anfang Februar sind weitere Gespräche mit der Geschäftsführung geplant“ so der Arbeitnehmervertreter in einem Interview mit schwerin-lokal-Redakteur Peter Scherrer. „Gespräche mit der Politik und auch  mit dem Wirtschaftsministerium gab es schon im November und Dezember“, so Olaf Schlicht . Auf allen Ebenen wollen er und seine Kollegen daher um Unterstützung für den Verbleib der Call- und Servicecenter kämpfen.

 

Vollkommen überraschend kündigte Majorel Schließung des Servicecenters auch in Schwerin an

Ohne Vorwarnung traf die Beschäftigten der heimischen Majorel Callcenter am 3. November 2020 der Schließungsbeschluss für die Standorte in Schwerin, Stralsund und Neubrandenburg. In der Landeshauptstadt, wo das Unternehmen in der Marienplatz Galerie seinen Sitz hat, fallen dabei ca. 200 Stellen weg. In Stralsund sind ca. 370, in Neubrandenburg etwa 440 Beschäftigte vom geplanten Ende  betroffen. Neben den 1.000 Arbeitsplätzen, die in Mecklenburg-Vorpommern gestrichen werden, findet sich auch der Standort im sächsischen Chemnitz mit 400 Stellen auf der Streichliste wieder. Gemeinsam fordern die Betriebsräte der drei Standorte in MV in einer Petition die Geschäftsleitung und den Bertelsmann Konzern auf, die Callcenter zu erhalten. Der anfänglichen Verweigerung zu Verhandlungen über den Fortbestand der Dienstleistungscenter ist dabei nun die Gesprächsbereitschaft der Geschäftsführung gewichen. Allerdings soll dabei offenbar lediglich über die Konditionen und über einen Sozialplan mit den Betriebsräten gesprochen werden. 

 

Olaf Schlicht, Betriebsratsvorsitzender Majorel Servicecenter. | Foto: schwerin-lokal / Peter Scherrer

Geschäftsführung inzwischen gesprächsbereit – aber nur über Konditionen der Schließung nebst Sozialplan

In Schwerin, Stralsund und Neubrandenburg arbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kundenbetreuung von Telefonanbietern und das Telebanking ebenso wie für Auskünfte bei Versicherungen oder Onlinehändlern. Sie sind im Kundenkontakt am Telefon, im Internet oder auch klassisch per Mail oder Brief für viele deutsche und internationale Unternehmen engagiert tätig. Bei den deutschen Standorten der Majorel Gruppe handelt es sich zum Teil um ehemalige Niederlassungen der Deutschen Telekom AG. Diese zählt auch heute noch zu den Kunden.

Wer ist eigentlich Majorel? Majorel entstand im Januar 2019 als Bertelsmann und das marokkanische Unternehmen Saham eine strategische Partnerschaft eingingen. Beide Partner halten 50% der Anteile des Dienstleistungsunternehmens. Majorel vereint die Customer Experience-Sparten von Bertelsmann und der Saham Group, darunter Arvato CRM Solutions, Phone Group, ECCO Outsourcing und Pioneers Outsourcing. Ziel sei es, einen jährlichen Umsatz von rund 1,2 Milliarden Euro aufzubauen. Dazu beschäftigt Majorel 54.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 29 Ländern Europas, im mittleren Osten, in Afrika, Amerika und Asien. Der Konzern bietet dabei weltweit Serviceleistungen in 36 Sprachen. 

 

Bertelsmann als Beteiligtes Unternehmen an Majorel ist vertraut mit Standortschließungen

Die Trennung von Standorten durch Schließung, ist in der Bertelsmann Geschichte nicht wirklich etwas Neues. Die Niederlassungen in Leipzig, Gera, Suhl und Dresden wurden bereits geschlossen. Die Standorte Magdeburg, Cottbus und Halle zudem an Capital Europe verkauft. Die nun von der Schließung bedrohten Standorte erlebten bereits im November vergangenen Jahres eine Ausgliederung aus der Majorel Gruppe. Die Schließungskosten erscheinen damit nicht in der Majorel Bilanz. Zudem sind die Betriebsräte der Standorte in Mecklenburg-Vorpommern damit nicht Teil der Betriebsratsstrukturen des Bertelsmann Konzerns. Betriebsverfassungsrechtlich haben es die gewählten Vertreter der Beschäftigten damit nun deutlich schwerer, ihre Interessen gegenüber dem Konzern geltend zu machen.

 

ver.di: Auftragslage absolut ausreichend

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di sieht die geplante Aufgabe der Standorte als Teil einer Konzernstrategie. Bertelsmann plane, die „Arbeiten künftig im Ausland erledigen zu lassen“ hieß es in einer Stellungnahme von ver.di Nord. „Jetzt soll weiteren 1.400 Kolleginnen und Kollegen im Osten Deutschlands die Existenzgrundlage genommen werden, obwohl es die Auftragslage nicht hergibt. Von der Telekom hören wir, dass diese an Majorel ein jährliches Auftragsvolumen vergibt, das ausreicht, die ehemaligen Telekombeschäftigten dort auszulasten, auch für die Zukunft“, so Annett Enter, zuständige Gewerkschaftssekretärin in Schwerin.

 

160 Menschen mit Handicaps direkt betroffen

Die drei Betriebsräte in MV fordern ein besonderes sozial verantwortliches Verhalten vom Konzern. Auch, da „mehr als 160 Menschen mit Handicap“ in den drei Städten Arbeit finden. Sie wären mit besonderer Härte von einer Schließung betroffen. Ebenso weisen die Vertreter der Beschäftigten darauf hin, dass Majorel vielen Quereinsteigern und Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung einen Arbeitsplatz bietet. Diese Beschäftigtengruppen dürften es schwer haben, in unserer Region im Arbeitsleben Fuß zu fassen. Gerade auch während bzw. nach der Corona-Krise.

 

Was bleibt, ist die Hoffnung

Auf Anfrage von Schwerin-Lokal äußerte sich der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD Landtagsfraktion Jochen Schulte optimistisch. Weil es weiterhin Stellenausschreibungen gibt, wenn auch befristet, „…sehen wir durchaus gute Möglichkeiten, für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Schwerin, Neubrandenburg, Chemnitz und Stralsund tragfähige Zukunftsperspektiven mit Majorel zu verhandeln“, so Schulte. „Wir werden seitens der Landtagsfraktion verstärkt Gespräche mit der Gewerkschaft und der SPD-Bundestagsfraktion führen und auch an die Bundeskanzlerin herantreten. Vielleicht finden sich noch Chancen einer Rettung“. Während viele Wirtschaftsbereiche unter der Corona Pandemie leiden, gäbe es es für die Geschäftsfelder der Majorel-Gruppe vielfältige Chancen, so der SPD Politiker, der den Konzern aber auch deutlich kritisiert. „Wir halten es […] für ein fatales Signal an die Menschen in Ostdeutschland; da nur Standorte im Osten geschlossen werden“.  
Der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses des Landtages, Dietmar Eifler (CDU) hat auf die telefonische und schriftliche Anfrage unseres Redakteurs leider nicht geantwortet.

„Integrität und ethisches Verhalten sind das Herzstück unseres Code of Conduct“, so heißt es auf der Homepage des Majorel Konzerns. Für den Betriebsrat Olaf Schlicht gilt hier wohl der lateinische Spruch: „Quo erat demonstrandum“ – zu deutsch: „Was zu beweisen war“.

Schwerin-Lokal wird weiter berichten. Denn wer weiß, vielleicht findet sich ja doch noch ein Weg, die Arbeitsplätze in Schwerin und an den anderen Standorten zu erhalten. Ganz ohne jeden Blick der Öffentlichkeit zumindest wird es Majorel nicht gelingen, stillklammheimlich Menschen in die Arbeitslosigkeit zu schicken. 

 

Tipp:
Lesen Sie auch: Im Interview – Betriebsratsvorsitzender Majorel Schwerin Olaf Schlicht

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