Vor abendlichem Fastenbrechen sollte man tatsächlich gefastet haben

Das Fastenbrechen ist das Mahl am Abend, das während des Fastenmonats Ramadan von Muslimen nach Sonnenuntergang eingenommen wird. Seit 2018 organisiert der Verein Miteinander – Ma‘an eine Begegnung, wo zehn Gäste in zehn Familien am Fastenbrechen teilnehmen.

Almut Lüpkes und Birger Radsack waren Gäste beim Fastenbrechen. Seit 2018 organisiert der Verein Miteinander – Ma‘an diese Begegnungsmöglichkeit.

„Warnung! Vor einer Einladung zum abendlichen Fastenbrechen sollte man tatsächlich gefastet haben.“, meint Andreas Katz. Er war zu Gast bei einer der zehn Familien in Schwerin, die zehn Mal Gäste zum Iftār (arabisch إفطار) eingeladen hatten. Das Fastenbrechen ist das Mahl am Abend, das während des Fastenmonats Ramadan von Muslimen nach Sonnenuntergang eingenommen wird. Und etwas Hunger mussten die Gäste schon mitbringen, denn es standen viele Leckereien auf den Tischen.

Der Verein „Miteinander – Ma‘an e.V. hatte bereits 2018 diese Begegnungen organisiert. „Das hat letztes Jahr gut geklappt. Es sind Freundschaften entstanden zwischen Menschen, die sich bisher nicht kannten.“, so Asem Alsayjare, der Vorsitzende des Vereins. „Wir teilen bei dieser Gelegenheit gerne etwas, das zu unseren Sitten und Gebräuchen gehört, und lernen dabei unsere Nachbarn besser kennen.“

 

Fasten mit Datteln und einem Glas Wasser gebrochen

 

Um kurz vor 21 Uhr klingeln Birger Radsack und Almut Lüpkes an der Tür von Rahaf Tabboush und ihrem Mann Youseff Alnajjar. Es duftet schon aus der Küche. Alnajjar und sein Freund Saleh Zahra richten den Tisch im Wohnzimmer und schauen dabei immer mal wieder auf die Uhr. „Noch 20 Minuten.“, sagt Youssef Alnajjar, „Dann fangen wir an und können dann bis 03:30 am nächsten Morgen etwas essen. Danach fasten wir wieder. Das ist zwar eine lange Zeit, in der wir nicht essen oder trinken, aber nach einem Tag hat man sich daran gewöhnt.“ Doch nicht alle Muslime fasten. „Menschen, die zum Beispiel auf Reisen oder krank sind oder Frauen in der Schwangerschaft müssen nicht fasten.“, so Leqaa Alnajjar, die auch bei ihrem Bruder zu Gast ist. „In der Zeit des Ramadan besuchen wir uns oft und essen mit Familien und Freunden gemeinsam.“

Inzwischen steht alles auf dem Tisch: Champion-Suppe, bunter Salat, Auberginen-Creme, Hühnchen mit Kartoffeln, Hackbällchen mit Gemüse, gefüllte Teigtaschen und manches mehr. Es ist 21:20 Uhr. Gemeinsam hören alle ein Gebet vor dem Hintergrund eines Bildes der Umayyaden- Moschee in Damaskus. In der Tradition des Propheten Mohammed wird das Fasten mit Datteln und einem Glas Wasser gebrochen. Beiden sagt man eine reinigende Wirkung nach.

 

Sie haben Pläne und packen das Leben an

 

Es wird gegessen und gelacht. Die Gäste erfahren, dass es beim Fasten nicht nur um den Verzicht auf Essen, Rauchen oder Sexualität geht. Es ist auch eine Zeit der inneren Einkehr und des Gebets. „Als ich nach Deutschland kam, war ich mehr ein Atheist.“, meint Sami Alnajjar, der Bruder des Gastgebers. „Wenn hier manche Menschen den Islam mit Terrorismus gleichsetzten, ist das völlig falsch. Solche Behauptungen haben mich näher an die Religion gebracht.“

Youseff Alnajjar erklärt: „Diese Trennung nach Religionen kannte ich nicht. Für uns war es völlig normal, mit Menschen aller Glaubensrichtungen in dieselbe Schule zugehen. Da gab es nie Probleme. Meine Mutter ist immer zu dem jüdischen Schneider gegangen. Der sei immer ehrlich, sagte sie.“

Rahaf Tabboush hat Bauingenieurwesen studiert und an der Universität in Damaskus ihren Mann, Youseff Alnajjar, kennengelernt. Abgeschlossen haben beide das Studium nicht. Am 19.12.2015 haben die Zwei geheiratet. 5 Tage später sind sie aufgebrochen. Sie zeigen den Gästen Fotos von der Hochzeit und dann von der Flucht aus Syrien und von ihrem Weg nach Deutschland. Sie erzählen von ihren Erlebnissen und ihren Familienangehörigen. „Eine Hochzeitsreise war das sicher nicht!“, so Almut Lüpkes, sichtlich bewegt von den Schilderungen des jungen Paares. Der Weg führte sie nach Barth und später nach Schwerin. Hier beginnen sie nun einen Ausbildung. Rahaf Tabboush wird Medizinisch-technische Laboratoriumsassistentin und Youseff Alnajjar wird Bauzeichner.

„Es sind beeindruckende junge Leute mit einer berührenden Lebensgeschichte. Sie haben Pläne und packen das Leben an. Hauptsache sie werden nicht von irgendwelchen bürokratischen Hürden gebremst“, meint Birger Radsack, als er mit Almut Lüpkes um 00:30 Uhr aufbricht.

Carl Otte

Carl Otte ist freier Mitarbeiter der Digitalzeitung Schwerin-Lokal.de

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