Globale Flüchtlingsbewegungen – Lokale Antworten 

Schweriner berichten in den USA über die Erfahrungen und Herausforderungen der Flüchtlingsbewegungen seit 2015 in Schwerin.

 
„Viele Amerikaner ahnen nicht einmal, dass die aktuelle Politik auf eine Diktatur hinauslaufen kann“, sagt Leonore Baeumler besorgt. „Ich war 16 als der 2. Weltkrieg zu Ende ging und bin in einer schrecklichen Diktatur aufgewachsen. 1955 wanderte ich in die USA aus und erlebe hier jetzt, wie eine Gesellschaft gespalten wird. Da ist es gut, wenn uns die Gäste aus Schwerin und Växjö ein bisschen den Spiegel vorhalten.“ Baeumler, eine rüstige 89jährige, besucht gemeinsam mit ihrem Sohn, Robert und 35 weiteren Gästen einen Vortrag in der Folk School Duluth in Nord-Minnesota.
 

68 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht

 
Es geht um Flüchtlinge in der Welt. Rund 68 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Tendenz steigend.  „Das ist eine unglaubliche Zahl unvorstellbarer Schicksale und zerstörter Familien. Dem dürfen wir uns US-Amerikaner nicht verschließen.“, so Lynn Ammerman- Goerdt. Sie gehört zur League of Women Voters Duluth – LWV – und hat nun die dritte Veranstaltung in Folge zum Thema „Flucht in der Welt und regionale Antworten“ in diesem Jahr auf die Beine gestellt. Gegründet 1920, setzte sich die LWV für das Wahlrecht von Frauen in den USA ein, die im selben Jahr erstmals an den Präsidentschaftswahlen teilnehmen durften. „Heute sind Aufklärung und Information über die Dinge, die in unserem Land und in der Welt geschehen unsere Hauptanliegen. Und natürlich auch, unsere Mitmenschen zum Handeln anzuregen“, so Lief Taylor, eine der Sprecherinnen der parteipolitisch unabhängigen LWV.
 
„Schwerin hat unsere Veranstaltungen zum Thema „Flucht“ bereits zweimal unterstützt. Im April 2018 sprachen wir per Video mit Syrern, die wir im Mai 2017 bei unserem Besuch in Schwerin kennengelernt haben. Sie haben uns die bewegende Geschichte ihrer Flucht erzählt. 2017 und 2018 waren wir mit 20 Studierenden in Schwerin. Die angehenden Sozialarbeiter informierten sich über das ehrenamtliche Engagement der Schweriner für die Geflüchteten und deren Lebenssituation. Wir waren sehr beeindruckt von dem, was wir gesehen haben“, so Ammerman-Goerdt, die als Professorin an der Universität von Wisconsin lehrt.
 

Niemand kann sagen alle Probleme seien gelöst

 
An diesem Abend sind es Gäste aus Växjö in Schweden – einer Partnerstadt von Duluth – und aus Schwerin, die über ihre Erfahrungen und die Herausforderungen in ihren Städten seit Sommer 2015 sprechen. Marie-Louise Gustafson, Lokalpolitikerin aus Växjö, stellt klar, dass niemand sagen könne, alle Probleme seien gelöst. Der Kampf gegen die Segregation, die Spaltung der Stadtgesellschaft, ist für sie das Wichtigste. Ein Schritt dazu sind u.a. veränderte Vorgaben bei der Errichtung neuer Wohngebiete in Växjö. Dort müssen Wohnungen geschaffen werden, für kleine und große Familien, für Eigentümer und Mieter mit hohen und niedrigen Einkommen. Auch im Bereich der beruflichen Qualifizierung von Neubürgern beschreitet Växjö interessante Wege. Wenn die schwedischen, formalen Anforderungen nicht erfüllt werden, gilt es, ausgehend von den tatsächlichen Kompetenzen der Einzelnen, zu prüfen, wie diese auch ohne „Zertifikat“ in den Arbeitsmarkt eingefädelt werden können.
 
 
„So schnell wie möglich die neue Sprache lernen und durch Ausbildung und Arbeit raus aus dem Bezug sozialer Leistungen und vom Rand der Gesellschaft mitten hinein. Das sind auch Ziele, die in Schwerin verfolgt werden“, bestätigt Almut Lüpkes von dem Schweriner Verein Miteinander-Ma’an die Gemeinsamkeiten zwischen den Bemühungen der Partnerstädte Schwerin und Växjö.
 
Als Ehrenamtliche hat sie allerdings noch eine andere Perspektive. „Ein gutes, gelingende Miteinander kann eine Stadtverwaltung nicht mal eben machen. Dazu braucht es Offenheit,  viele Beteiligte im direkten Kontakt zu neuen und alten Mitbürgern und eine große Anzahl kleiner Schritte.“ Treffpunkte wie die Schweriner Welcome Cafés, Patenschaften, ehrenamtlicher Deutschunterricht, Veranstaltungen wie der „Tanz der Kulturen“ oder das „Lesen International“ sind nur einige Beispiele der zahlreichen Aktivitäten der Flüchtlingshilfe Schwerin und anderer, die Lüpkes nennt.

 

„Das ist nicht Ausdruck des wirtschaftlich starken, freien und demokratischen Amerikas“

 
Und die amerikanischen Zuhörer fragen nach. Sie wollen wissen, woher die Ehrenamtlichen in Deutschland die Energie für all das nehmen und welche Auswirkungen die letzten Wahlen in Schweden und in Deutschland auf die Stimmung in den Ländern haben. Und in der anschließenden Diskussion wird deutlich, dass im Publikum wohl keine Wähler des amtierenden US-Präsidenten sitzen. Ein klare Absage an die restriktive Einwanderungspolitik erteilt Ammermamn-Goerdt: „Hier im Norden Minnesotas erleben wir fast täglich, wie Menschen, die in den USA um Asyl gebeten haben, nach Kanada fliehen, weil sie Angst haben, abgeschoben zu werden. Einige von ihnen lebten und arbeiteten bereits jahrelang in der Vereinigten Staaten. Und nun beschränkt Trump die Zugangsmöglichkeiten für Schutzsuchende weiter. Das ist nicht Ausdruck des wirtschaftlich starken, freien und demokratischen Amerikas. Das ist unanständig.“
Damit es nicht so bleibt engagieren sich auch die rund 200 Mitglieder der LVW. Seit Mitte September gibt es das erste Welcome-Café nach Schweriner Vorbild in Duluth und die Idee an 10 Orten der Stadt aus 10 Büchern in 10 Sprachen zu lesen gefällt besonders Maria Isley: „Das werden wir uns für 2019 mal vornehmen. Im Einwandererland USA sollten wir es auch schaffen, die Vielfalt unserer Bürger im besten Sinne für eine gute Gemeinschaft zu nutzen“.
 
Ob Leonore Baeumler vor dem Hintergrund der Situation in den USA nach Deutschland zurückkehren möchte? „Nein“, sagt sie, „mit fast 90 fühle ich mich dafür zu alt und ausserdem gibt es hier ja noch genug zu tun“. 
 

Carl Otte

Carl Otte ist freier Mitarbeiter der Digitalzeitung Schwerin-Lokal.de

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