Zunahme häuslicher und nachbarschaftlicher Spannungen durch Corona

Inzwischen steuern wir auch in Deutschland auf das Jahr drei der Corona-Pandemie zu. Die Belastungen im wirtschaftlichen wie auch sozialen Bereich sind unverkennbar. Eine Umfrage unter norddeutschen Wohnungsunternehmen ergab nun, dass auch der häusliche und nachbarschaftliche Bereich von dieser Situation nicht unberührt bleibt. Unzufriedenheiten und Konflikte nehmen vielfach zu. Für die Unternehmen durchaus eine Herausforderung. Wenngleich es offenbar nicht alle gleichermaßen trifft.

Geraten verschiedene Mietparteien oder Mieter einer Wohnung in Streit, bekommen das oft auch Verwaltung und Vermieter zu spüren. | Foto: Afif Kusuma

Die anhaltende Corona-Pandemie und die mit ihr verbundenen Maßnahmen haben nicht nur wirtschaftliche Folgen. Auch im sozialen Bereich zeichnen sich bereits seit Längerem immer deutlichere Auswirkungen der Abstandsregeln, Quarantäneverfügungen und Kontaktbeschränkungen ab. Wiederholt wiesen verschiedenste Quellen dabei vor allem auch auf die Folgen für Kinder und Jugendliche hin. Aber auch die Zahl der häuslicher und nachbarschaftlicher Konflikte scheint zugenommen zu haben.

Dies zumindest ergab eine Umfrage unter norddeutschen Wohnungsunternehmen, deren Ergebnis der Verband Norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) in diesen Tagen veröffentlichte. Demnach berichten zahlreiche der im Verband organisierten Unternehmen von einer gestiegenen Anzahl an Mieterbeschwerden. Die Verantwortlichen in den Unternehmen führen diese Entwicklung dabei durchaus auf die Corona-Pandemie und das damit „häufigere Zuhausesein“ zurück.

 

Menschen scheint die Decke auf den Kopf zu fallen

Den an der Umfrage beteiligten Unternehmen zufolge habe sich dabei die „Qualität der Beschwerden“ verändert. So sei zunehmend eine „gewisse Grundanspannung“ wahrnehmbar. Beispielsweise meldeten Mieterinnen und Mieter vermehrt kleine Alltagsprobleme. Zudem beschwerten sie sich früher als sonst üblich über kleinere Störungen. Lärmbelästigungen spielten dabei inzwischen eine zunehmend größere Rolle. Nicht wirklich überraschend ist letztlich die Analyse von VNW-Direktor Andreas Breitner: „Die Menschen haben genug von Lockdown, Quarantäne und Einschränkungen.“ Sie fühlten sich frustriert. „Ihnen scheint die Decke auf den Kopf zu fallen. Zu spüren bekommen diese Unzufriedenheit und den Frust oftmals zuallererst die Nachbarn.“ Und dann in der Folge offenbar auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Wohnungsunternehmen.

Dabei berichten der Umfrage zufolge einige Unternehmen auch von „zunehmend verhärteten Fronten“ zwischen den Haushalten. Die Pandemie verschärfe vielerorts bestehende Konflikte, steigere die Unzufriedenheit von Mieterinnen und Mietern sowie deren Ungeduld. Ein nicht zu vernachlässigendes Problem stellt für die Vermieter und Verwalter dabei die Situation schwer realisierbarer, direkter Schlichtungsgespräche vor Ort dar. Denn geltende gesetzliche wie teilweise auch unternehmensinterne Coronaregelungen mit dem Ziel des gegenseitigen Gesundheitsschutzes erschweren derzeit auch in dieser Branche den realen Kontakt. Dieser aber ist gerade im Konfliktfall oftmals elementar. Dennoch ziehen sich die Unternehmen laut VNW nicht zurück, sondern suchen Wege der bestmöglichen Ansprache der Konfliktparteien. Das Ziel muss dabei sein, aufziehende oder ausgebrochene Auseinandersetzungen zu schlichten und letztlich die Situation zu entspannen. Auch das habe die Umfrage ergeben: Die direkte und sofortige Ansprache war und ist der erfolgversprechendste Weg, Streit aufzulösen.

 

WGS beobachtet bislang keine zunehmende Konfliktsituation

Dass die Ergebnisse der VNW-Befragung allerdings nicht allgemeingültig und pauschal auf jedes Mitgliedsunternehmen übertragbar sind, zeigt ein Blick nach Schwerin. Denn bei der Wohnungsgesellschaft Schwerin (WGS), die zwar Mitglied im VNW ist, sich nach Angaben ihrer Sprecherin aber nicht an der Umfrage beteiligte, zeigten sich bislang keine deutlichen Konfliktzuwächse. Würde es aber dennoch in Einzelfällen zu größeren Problemen kommen, wäre die WGS vorbereitet. Bereits seit dem vergangenen Jahr hält sie für Notfälle jeder Art möblierte Wohnungen vor, die – so nicht gerade belegt – unmittelbar zur Verfügung stünden. Auf diese Weise konnte das kommunale Wohnungsunternehmen beispielsweise bereits Personen helfen, die nach einem Feuer nicht direkt in ihre Wohnungen zurückkehren konnten.

Unterstützung durch Notfall-Wohnungen möglich

Dabei steht diese Art der Hilfe auch nicht nur WGS-Mieterinnen und Mietern zur Verfügung. Als beispielsweise im vergangenen Jahr in einem Mehrgeschosser eines durchaus zwielichtigen Immobilienunternehmens über längere Zeit der Fahrstuhl ausfiel und zahlreiche Mieter fest saßen, bot WGS-Geschäftsführer Thomas Köchig im Gespräch mit unserer Redaktion ebenfalls direkt Unterstützung durch die Bereitstellung der „Notfall-Wohnungen“ an. Diese Möglichkeit, so die WGS-Unternehmenssprecherin gäbe es selbstverständlich auch, wenn im Falle wohnungsbezogener Konflikte oder auch in Quarantänefällen eine vorübergehende räumliche Trennung notwendig wäre.

Redaktionelle Anmerkung: Wir fragten auch bei der Schweriner Wohnungsbaugenossenschaft eG (SWG), ebenfalls VW-Mitglied, nach, erhielten aber bis zur Fertigstellung des Artikels keine Rückmeldung.

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